Micky Maus auf dem Game Boy: Eine komplizierte Geschichte
Special
Dieser kleinen Micky Maus ziehn' wir jetzt die Hosen aus! Warum die Game-Boy-Spiele mit dem Disney-Helden so merkwürdig waren, welche Firma dahintersteckte und wieso Amerikaner einige der Titel unter ganz anderem Namen kennen, erfahrt ihr in diesem irrwitzigen Retro-Special.
Vor einigen Ausgaben druckten wir in unserem Nintendo-Magazin N-ZONE den Text eines Lesers zu einem Micky-Maus-Spiel auf dem Game Boy innerhalb der Community- und Leserbrief-Rubrik ab. Und es klingelte bei Katha: Dieses Spiel hatte sie auch besessen! Schon als Kind kam ihr das Spiel irgendwie seltsam vor, wenig Disney-haft, obschon die ikonische Maus ja offensichtlich Held des Abenteuers war. Jedenfalls folgte eine Notiz, dass man vielleicht einen größeren Artikel dazu machen könnte - und hier sind wir nun!
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Mickys verworrene Geschichte
Quelle: Moby Games
Kater Karlo verpestet die Luft in Mickey‘s Racing Adventure.
Das eingangs beschriebene Spiel heißt Mickey Mouse 2 - beziehungsweise Mickey Mouse, für den europäischen Release ließ man die Ziffer unter den Tisch fallen, da der Vorgänger nur in Japan erschienen war. In diesem Abenteuer aus der Seitenansicht erklimmt der Disney-Held einen Turm, beziehungsweise er kämpft sich Level um Level durch ein Schloss, um seine Geliebte Minnie zu befreien. Der Mäuserich kann nur auf speziellen Feldern springen und muss Schlüssel sammeln, um ein Areal abzuschließen. Ziemlich simpel. Heute ist leichter zu benennen, wieso das Spiel so seltsam wirkt:
Quelle: Moby Games
Rare durften auch mal ran: Sie entwickelten zwei Funracer für den Game Boy Color.
Statt bekannten Entenhausenern bekam man als Gegner die Kartensoldaten aus Alice im Wunderland zu Gesicht, oder den übellaunigen Stromboli aus Pinocchio. Oberfiesling und Minnie-Entführer war der gehörnte König aus Taran und der Zauberkessel. Ja, das sind Disney-Figuren, mit Micky haben sie aber nichts zu tun. Warum dieses merkwürdige Figurensammelsurium? Vermutlich, weil die Entwickler nicht unbedingt mit viel Liebe zum Ausgangsstoff am Werk, sondern auf Wirtschaftlichkeit bedacht waren: Ein Spiel mit Micky Maus in der Hauptrolle? Wird sich verkaufen, egal, wie viel Sinn die Gegnerzusammenstellung ergibt.
Marke, wechsel dich
Quelle: Moby Games
In Mickey’s Ultimate Challenge wird der Held in eine Traumwelt entführt.
Der Geschäftssinn von Kemco zeigte sich in Sachen Micky Maus auch an anderer Stelle. Die Japaner besaßen nämlich die Disney-Lizenz nur für Veröffentlichungen in Japan, in Nordamerika hingegen war das die Baustelle vom (ebenfalls japanischen) Unternehmen Capcom. Deshalb tauschte Kemco für den USA-Release des Spiels kurzerhand alle Disney-Figuren mit Charakteren aus Looney Tunes aus und taufte es um. Ergebnis: Mickey Maus (2) auf dem Game Boy und The Bugs Bunny Crazy Castle 2 auf dem Game Boy sind exakt das gleiche Spiel! Damit nicht genug, verwurstete Kemco den Titel für den Game Boy in Europa 1996 ein weiteres Mal mit dem damals vor allem aus der interaktiven Fernsehshow bekannten Charakter Hugo
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Der nächste Teil der Micky-Maus-Reihe von Kemco für den Game Boy wurde genauso durch den Lizenzfleischwolf gedreht. Während in Japan wieder der Disney-Held nach Schlüsseln suchte, übernahm dies in Europa der übergewichtige Kater Garfield. Und in den USA? Dort nutzten die Japaner den Ghostbusters-Cartoon als Marke. So ganz überzeugend war das Ergebnis logischerweise nicht. Garfield und Odie sind laut dem Ende von Garfield Labyrinth - so der Name der deutschen Fassung - ein Liebespaar, sie posieren vor einem Pixelherz.
Micky-Busters!
Quelle: Moby Games
Mickey’s Ultimate Challenge wurde von Way Forward (Shantae-Serie) entwickelt.
Man hatte einfach Micky und Minnie aus der Japano-Fassung mit Hund und Katze ersetzt. Und Geisterjäger Venkman hat zwar einen Protonenstrahler, mit diesem kann er Gegnern jedoch nicht schaden, sondern nur Blöcke am Boden zerstören. Wieso? Weil Micky im japanischen Original einen Presslufthammer und keine Schusswaffe besitzt und Feinde per se nur mit Bomben unschädlich gemacht werden können. Weshalb das Gameplay überhaupt vorsieht, dass man Steine am Boden entfernen muss und Micky mit einem Druckluftwerkzeug hantiert, hat einen besonders pikanten Grund: Kemcos ganzes Spiel ist eine dreiste Kopie eines zwei Jahre älteren C64-Titels namens P.P. Hammer and His Pneumatic Weapon. Das Leveldesign und die Rätsel haben die Japaner einfach nachgebaut, belangt wurden sie nie.
Und um die ganze Verwirrung noch konfuser abzuschließen: Auch beim allerersten Micky-Spiel von Kemco, das nur in Japan erschien, handelt es sich um eine Portierung und Zweitverwertung. Das Original kam 1989 für das Famicom heraus und die Hauptrolle übernahm Roger Rabbit. Für den US-Release griff man sich Bugs Bunny - naheliegend, schließlich handelt es dabei ebenfalls um ein Langohr.
Der Epos endet
Quelle: Moby Games
Mickey’s Ultimate Challenge bietet recht einfache Puzzles und Rätsel.
Mit dem fünften und letzten Teil der Mickey-Serie von Kemco trat eine Wende ein - es war das erste Disney-Spiel der Entwickler, das in den USA Namen und Charaktere behalten durfte! Bei uns hieß es Mickey Mouse: Zauberstäbe!, spielerisch ähnelte es den Vorgängern: Durchsucht ein Schloss, um eure entführten Freunde zu retten, dieses Mal sammelt der Mäuserich Einzelteile der Portraits von Goofy, Pluto und so weiter.
Quelle: Moby Games
In Japan hieß das Spiel nur Mickey’s Chase – das Wort dangerous fiel weg.
Zwar ist das Crazy-Castle-Kapitel damit abgeschlossen, aber Kemco hat ein weiteres Micky-Spiel für den Game Boy auf dem Kerbholz, wenn auch bloß als Publisher: Mickey's Dangerous Chase aus dem Jahr 1992 (in Japan kam der Titel ein Jahr früher auf den Markt). Entwickler war das Studio Now Production aus Osaka. Das gab sich offensichtlich etwas mehr Mühe mit dem Lizenzmaterial, das Abenteuer beginnt in Entenhausen, und Kater Karlo entwendet Micky oder Minnie, je nachdem, für welche Figur man sich entscheidet, ein Geschenk. In Sachen Gameplay ließ man sich von Urgestein Super Mario inspirieren, es handelt sich um einen simplen Platformer. Blöcke, an die man von unten heranspringen muss, um Items zu erhalten, inklusive. Dass Mickey's Dangerous Chase nicht von Kemco selbst entwickelt wurde, bewahrte es wohl vor Panscherei und zig internationalen Wiederveröffentlichungen.
Und sonst so?
Abseits der Kemco-Spiele gibt es ein paar weitere Micky-Spiele auf dem Game Boy, mit vergleichsweise öden, weil normalen Veröffentlichungsgeschichten: Mickey's Ultimate Challenge ist ein Puzzle-Spiel von Way Forward, das 1994 auf dem Game Boy erschien. Beim 1995 nur in Japan veröffentlichten Tokyo Disneyland: Mickey no Cinderella Shiro Mystery Tour handelt es sich um einen Platformer mit Micky in der Hauptrolle, der aber keinen Presslufthammer, sondern einen Ballon zum Schweben bei sich hat. Und auf dem Game Boy Color erwies nur das den Nintendo-Fans bekannte Studio Rare Micky die Ehre, indem es zwei Mario-Kart-ähnliche Rennspiele mit den Titeln Mickey's Racing Adventure (1999) und Mickey's Speedway USA (2001) aus der Wiege hob. Und was Kemco heute macht? Mobile Games.
