Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne

Kolumne Lukas Schmid
Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne
Quelle: Bioware

Die aktuelle und auch die letzte Hardware-Generation wurde unter anderem von einem Trend stark bestimmt: Kaum eine Woche verging, in der nicht ein Remake, ein Remaster oder eine sonstige Neuauflage eines Spiels veröffentlicht wurde. Redakteur Lukas Schmid kann sich mit diesen Wiedergeburten nur schwer anfreunden, aber nicht aufgrund fehlender Kreativität.

Aus aktuellem Anlass, da Diablo 2: Resurrected angekündigt wurde, haben wir den Artikel aus dem Archiv geholt.

Original: Liest man sich das Interview von Kollege Matthias Dammes mit den Machern der Mass Effect: Legendary Edition durch, fällt auf, wie wichtig es den Entwicklern ist, ständig zu betonen, dass man mit dem neuen Spiel den Geist des Originals einfangen würde und dass man ja keine zu großen Veränderungen vornehmen wolle.

Nicht zuletzt dieser Umstand hat mich in den letzten Tagen zu Nachdenken gebracht, und mit Blick auf die unzähligen Remaster, Remakes und anderweitigen Neuauflagen, die da in den letzten Jahren erschienen sind, ist mir bewusst geworden, dass ich mit dem Konzept dieser Wiedergeburten teilweise jahrzehntealter Titel generell ein Problem habe.

Nicht wegen der oft gescholtenen fehlenden Kreativität, die viele Spieler den Entwicklern und Publishern angesichts dieses Schwalls an Neuauflagen vorwerfen. Nein, das tangiert mich nicht, meine Meinung zum Thema Kreativität in Videospielen habe ich kürzlich in einer Kolumne verarbeitet und sehe sie in diesem Fall, zumindest aus dieser Perspektive, nur als einen Nebenaspekt.

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Was mich stört, ist das Prinzip des Herumdokterns an fix und fertigen Spielen an sich. Wenn es schon ums Thema Kreativität geht, dann finde ich viel schlimmer, wie die Vision der einstigen Macher hier teilweise mit Füßen getreten wird.

Brillanz durch Probleme

Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne (2) Quelle: Bioware Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne (2) Jede Spieleentwicklung ist ein Produkt ihrer Zeit, geformt von dem, was damals en vogue und von dem, was technisch möglich war. Guckt man dann zehn, zwanzig, dreißig Jahre später drauf, verstehe ich den Gedanken, dass man hier Hand anlegen will, um den alten Schinken "besser", "moderner" zu machen.

Den Umstand, dass die meisten Neuauflagen eh nur entstehen, weil mit vergleichsweise wenig Entwicklungsaufwand und einer etablierten Marke Geld gemacht werden kann, klammere ich hier bewusst aus, darum geht es mir nicht.

Warum sind aber manche Spiele großartig? Gerade WEIL sie unter Bedingungen entstanden sind, welche erforderten, um die Ecke zu denken, um die zahlreichen vor allem technischen Einschränkungen zu umgehen, die sich einem als Entwickler in den Weg stellten. Den ikonischen Nebel eines Silent Hill hätte es nicht gegeben, hätte die PS1 nicht massiv mit der Darstellung von Objekten in der Ferne zu kämpfen gehabt.

Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne (6) Quelle: Mobygames Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne (6) Silent Hill, ein gutes Beispiel. Sehen wir uns die Neuauflagen von Silent Hill 2 und 3 an, die dereinst für die PS3 erschienen sind. Was wurde gemacht? Die Grafik war viel zu scharf, der Nebel viel zu ausgedünnt, offenbar, weil die Macher den Wert dieser Einschränkungen nicht verstanden hatten und einfach das ablieferten, was ihnen nun wesentlich einfacher technisch möglich war.

Wie damals, nur anders

Das ist ein Extremfall, aber ich finde diesen "Wir machen es besser"-Gedanken generell respektlos gegenüber dem Team, welches das Urspiel hinter einer Neuauflage entwickelt hat. Oft genug, ja meistens, sind es ja nicht die Männer und Frauen von einst, die auch das Remake oder Remaster zu verantworten haben. Da wird angepasst, rumgeschraubt, verändert, oft genug auch einfach nur, weil man denkt, dass das von einem verlangt wird.

Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne (5) Quelle: Lucasfilm Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne (5) Der andere Fall ist eben jener wie bei der Mass Effect: Legendary Edition (jetzt kaufen ), wo nach wie vor ein großer Teil der früheren Entwickler dransitzt. Aber auch hier frage ich mich, ob man den Entwicklern wirklich Lob aussprechen muss, weil sie an ihrem eigenen Baby herumwerkeln. Und so subtil wie behauptet, sind die Veränderungen keineswegs: Teil 1 soll sich spielerisch mehr wie Teil 3 anfühlen, die Steuerung wurde verändert, die Lichtstimmung in manchen Szenen ist völlig anders und, und, und.

In anderen Medienformen würde das zu Kritik führen, beziehungsweise FÜHRT das regelmäßig zu Kritik. Bestes Beispiel ist hier natürlich Star Wars, wo George Lucas vor dem Verkauf der Marke an Disney fast zwanghaft ständig den Look und einzelne Aspekte der Originaltrilogie "verbesserte". Han shot first, "Noooooo!" feiernde Gungans und Hayden Christensen als Machtgeist sind inzwischen Memes und zeigen beeindruckend, warum man manche Dinge einfach so lassen sollte, wie sie sind.

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Noch einmal bezogen auf Überarbeitungen durch Leute, die gar nicht am ursprünglichen Projekt beteiligt waren: Legen wir das mal auf Bücher um und stellen uns vor, der Roman eines gefeierten Autors würde Jahre später neu aufgelegt und der zuständige Neuschreiber würde Adjektive löschen, Sätze ergänzen, Kapitel umstellen und sonstwie eingreifen, damit sich das Werk seiner Meinung nach "runder" anfühlt. Würde wohl kaum jemand so toll finden, oder?

Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne (3) Quelle: PC Games Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne (3) In diesem Zusammenhang: Ja, die Diskussion um die Anpassung vor allem von Kinderbüchern wegen heutzutage inakzeptablen Begriffen ist mir freilich bewusst und ich vertrete die Auffassung, dass man, von besonders krassen Fällen mal abgesehen, lieber mit kritischen, einordnenden Fußnoten arbeiten sollte. Aber diese Diskussion ist ja wieder eine andere, und der Fall, dass einem zum Beispiel kontextlos das N-Wort in einem Videospiel vor die Füße geworfen wird, dürfte doch eher selten sein.

Bin ich also generell dagegen, alte Spiele einer neuen Generation zugänglich zu machen? Nein, natürlich nicht. Mir ist bewusst, dass auch unter jüngeren Spielern teilweise noch großes Interesse an älteren Titel besteht, die auf modernen PCs nicht laufen oder den Besitz einer uralten Konsole voraussetzen. Gerne können Spiele wiederkommen, aber halt dann nicht zum Selbstzweck, ihnen einen eh nur scheinbaren modernen Anstrich zu verpassen. Emulierte oder entsprechend an neue Hardware angepasste Ports können freilich auch nicht genau den Geist des Originals umsetzen, sind aber wenigstens nahe dran und drücken den Originalen nicht einen ungefragten "Jetzt überholt!"-Stempel auf.

Teil des Problems

Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne (4) Quelle: Medienagentur plassma Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler - Kolumne (4) Ich bin natürlich auch nicht gefeilt davor, mit einem Remake oder Remaster der Machart, wie ich sie an dieser Stelle kritisiere, Spaß zu haben, The Legend of Zelda: Link's Awakening für Switch etwa finde ich klasse! Aber dass ich dieses und andere Spiele genieße, spricht nicht gegen das Problem an sich, und das neue Link's Awakening ist ein gutes Beispiel dafür, welche Gefahren sich durch die Neuauflagen-Welle ergeben: Der Game-Boy-Klassiker dürfte durch die Neuauflage de facto ersetzt worden sein. Dabei ist er ein beeindruckendes Zeitzeugnis dafür, wie man unter widrigsten Umständen auf einem schon damals, zum Release 1992, veralteten Gerät etwas Großartiges erschaffen kann. So schön das Remake ist, die Leistung, etwas Besonderes im Kontext seiner Entwicklung zu sein, wird man mit ihm niemals assoziieren.

Damit sind wir wohl beim Kern des Problems angekommen, so, wie ich es sehe: Spiele sind, zumindest aus der Sicht derer, die damit Geld verdienen wollen, nach wie vor primär Ware, da kann die Diskussion um die Frage, ob sie nun als Kunst zu betrachten sind oder nicht (sind sie), noch so toben. Wo in anderen Medienformen deutlich behutsamer vorgegangen wird, wenn man Klassiker neu belebt und bei schlechter oder zu offensiver Arbeit die Kritik schnell entsprechend laut wird, hängen sich Videospieler zu oft an der Tatsache auf, dass es generell zu viele Neuauflagen gibt. Stimmt, ist aber nicht deswegen ein Problem, sondern wegen der Implikationen, welche dieser Umstand mit sich bringt.

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Fördere ich durch diese Sichtweise die Faulheit der Studios, die dann noch weniger Mühe in Neuauflagen stecken müssten, als sie es teilweise ohnehin schon tun? Ja, irgendwie schon. Darum ist es wohl am besten, eine Balance aus modernem Zugang und Original zu finden, wie es etwa die Remastered-Fassungen der Monkey-Island-Point&Click-Adventures es tun. Wer will, findet eine deutlich überarbeitete, moderne Version, dadurch, dass man jederzeit auf das Urspiel umschalten kann, gerät es aber niemals in Gefahr, bezüglich seiner Bedeutung unter die Remake-Räder zu gelangen.

Das ist nicht für jedes Spiel einfach so machbar. Aber ich finde, zumindest den Versuch, dem Spiel, welchem man den potenziellen Erfolg der Neuauflage verdankt, den gebührenden Respekt zukommen zu lassen, ist man als Entwickler schuldig.

Wie seht ihr das? Verratet es mir in den Kommentaren!

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