Repräsentation von LGBT+ in Spielen und Filmen ist nach wie vor notwendig

Kolumne Lukas Schmid
Repräsentation von LGBT+ in Spielen und Filmen ist nach wie vor notwendig
Quelle: Marvel

Mit Loki ist nun also erstmals eine Figur aus dem Marvel Cinematic Universe ganz offiziell bisexuell. Die empörten Schreier sind wie immer schnell zur Stelle und beweisen eines, wie Redakteur Lukas Schmid in seiner Kolumne meint: Sichtbare Repräsentation von Sexualität ist weiterhin notwendig, obwohl sie es eigentlich nicht sein sollte.

Horchet auf, Loki mag auch Männer! Also, das mag für die eine oder andere keine große Überraschung sein, und damit meine ich nicht, dass man sich wahnsinnig gut mit dem realen nordischen Mythos auskennen muss. Nein, Kenntnisse der Comicvorlagen reichen auch schon, da ist der Gott des Chaos schon länger genderfluid und nicht nur bi-, sondern pansexuell.

Und jetzt zieht man also im erweiterten Marvel Cinematic Universe nach, und zwar in der derzeit auf Disney+ laufenden Serie Loki. Die knappe Bestätigung gab's in Folge 3, in der ersten Folge wurde bereits enthüllt, dass auch der Realfilm-Loki nicht auf ein Geschlecht beschränkt ist, sondern sich wandeln kann.

Nun, der Name der Serie verrät's vielleicht schon, Lokis Rolle darin ist eine ziemlich ausschlaggebende. Das macht diese Enthüllung so bedeutsam: In 13 Jahren Disney-Schirmherrschaft kam LGBT+-Repräsentation im MCU nicht über halbgare Andeutungen und eine gekünstelte Szene in Avengers: Endgame hinaus, und stets bezog sich die Darstellung lediglich auf absolute Nebenfiguren.
Mit Loki gibt's nun also den ersten Repräsentanten mit richtig Gewicht, und wie zu erwarten war, sind die Reaktionen sehr gespalten. Die einen freuen sich über das Outing, den meisten dürfte es ziemlich egal sein, eine keifende, dritte Gruppe regt sich furchtbar auf und sagt, dass das MCU und Disney und was weiß ich noch nicht alles jetzt endgültig für sie gestorben sind.


Über den Autor

Repräsentation von LBGT+ in Spielen und Filmen ist nach wie vor notwendig (6) Quelle: Lukas Schmid Repräsentation von LBGT+ in Spielen und Filmen ist nach wie vor notwendig (6) Lukas Schmid arbeitet seit 2010 in unterschiedlichen Funktionen bei Computec Media und damit bei PC Games, zuerst als Praktikant, anschließend als freier Mitarbeiter, dann als Volontär, Redakteur und inzwischen als Leitender Redakteur für pcgames.de, videogameszone.de, gamesaktuell.de und gamezone.de. Er liebt Action, Adventure, Action-Adventures, Shooter, Jump & Runs, Horror und Rollenspiele, mit Strategietiteln, den meisten Rogue-likes und Militärsimulationen kann man ihn jagen. Jeden Samstag um ca. 09:00 Uhr teilt er euch in seiner Kolumne mit, was ihn gerade wieder nervt oder freut. Hasskommentare und Liebesbriefe gerne in die Kommentare unter der Kolumne, an [email protected] oder auf Twitter an @Schmid_Luki.


Vor Loki nur low-key

Loki Quelle: Disney Repräsentation von LBGT+ in Spielen und Filmen ist nach wie vor notwendig (3) Es sei dazugesagt: wegen einer winzigen Szene, die schön subtil eingearbeitet ist und keinerlei direkte, und wahrscheinlich auch indirekte, Auswirkungen hat oder haben wird. Es ist eine Entscheidung der Filmschaffenden, die zeigt, dass viel zu spät, aber doch, Diversität bei einer der größten Medienmarken unserer Zeit Einzug hält. Ist das MCU ursprünglich sehr weiß und sehr männlich gestartet, haben wir in den letzten Jahren nun zahlreiche weibliche, schwarze, asiatische und anderweitige, teilweise nur mit sehr viel Kreativität als "Minderheiten" bezeichenbare, Heldinnen und Bösewichte spendiert bekommen. Lokis Bisexualität ist nun ein weiterer wichtiger Schritt.

Und dann eben das Geschrei! Anbiedernd sei das, es habe in einem Unterhaltungsmedium nichts verloren, und natürlich der Klassiker, man habe nichts gegen Homo-/Bisexualität, aber man wolle sie nicht ständig ins Gesicht gehalten bekommen.

Ich wiederhole: Ein kurzer Satz, keinerlei Implikationen, keinerlei Änderungen, die sich dadurch an der Figur Loki ergeben. Man möge mir erklären, wie das "In your face" ist oder wie das die Serie auf irgendeine Art und Weise beeinflusst.

Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber ...

Der legendäre Schild von Captain America. Quelle: Marvel Repräsentation von LBGT+ in Spielen und Filmen ist nach wie vor notwendig (4) Nein, das ist natürlich nichts weiter als eine dumme Ausrede für die eigene Schwulen- und Diversitätsfeindlichkeit derer, die sich in ihrer eigenen Sexualität verunsichert fühlen, wenn die Welt und die Medien, die sie konsumieren, sie nicht ständig darin bestätigen. War ja dasselbe bei The Falcon and the Winter Soldier: Das sehr direkte Ansprechen von Hass gegenüber Schwarzen, das sich durch die ganze Serie zog, ließ bei manchem ja auch die Hutschnur hochgehen.

Empört ausgespien wird dann, dass Sexualität und Politik nichts in Unterhaltungsmedien zu suchen hätten, ohne natürlich sich der Ironie bewusst zu sein, dass man gerade zutiefst politische Forderungen stellt. Oder im Falle Lokis, kein Problem damit hat, wenn Tony Stark und Pepper Potts eine Beziehung eingehen und ein Kind bekommen, oder ... nun, ich höre an dieser Stelle mit einer potenziellen Aufzählung auf. Es gibt so viele heteronormative Beziehungen im MCU, dass ich gar nicht weiß, mit wem ich da anfangen sollte.

Ist das keine "In your face"-Darstellung? Sind die zahlreichen Mann-Frau-Beziehungen inklusive inniger Küsse nicht unter Umständen etwas expliziter als ein kurzer Satz, dass man sowohl auf Männer als auch auf Frauen steht?

Wo ist da die Problematisierung, wo der Aufschrei? Was, es gibt keinen? So was aber auch!

Nicht besser in der Gaming-Welt

Repräsentation von LBGT+ in Spielen und Filmen ist nach wie vor notwendig (2) Quelle: Sony Repräsentation von LBGT+ in Spielen und Filmen ist nach wie vor notwendig (2) Nicht falsch verstehen, ich brauche keine großen Romanzen in meinen dümmlich-unterhaltsamen Comicfilmen, egal welcher sexuellen Orientierung. Ich finde die meistens eh nervig, Familien- und Freundesgeschichten reizen mich viel mehr und da gehen mir die Emotionen auch wesentlich näher. Das ist mein persönlicher Geschmack bei fast allen Filmen und auch Büchern.

Aber das einzige, was die nun verstärkt umgesetzte Diversität in Mainstreamprodukten macht, ist, unsere dankenswerterweise doch relativ offene Gesellschaft auch dort abzubilden, wo alle sie sehen können, auch die, die aus irgendwelchen Verunsicherungen heraus damit ein Problem haben. Es hat ja nun auch wirklich lange genug gedauert, dass die Anzugträger auf Managementebene erkannt haben, dass das etwaige Verprellen einer kleinen Gruppe Ewiggestriger nicht Grund genug ist, hier aus lauter Angst dauernd übervorsichtig auf die Bremse zu treten.

Bei Videospielen sind wir noch eine Spur weniger weit als bei Filmen. Ausgiebige Präsentation findet man vor allem in Indies und Spielen mit mittlerem Budget, siehe Tell Me Why. Blockbuster-Repräsentation, wie sie Last of Us 2 bietet, ist sehr selten. Aber immerhin, auch hier zeichnet sich langsam Besserung ab.

Das liebe Geld

Repräsentation von LBGT+ in Spielen und Filmen ist nach wie vor notwendig (5) Quelle: Marvel Repräsentation von LBGT+ in Spielen und Filmen ist nach wie vor notwendig (5) Ich bin natürlich nicht doof, ich weiß schon, dass hinter diesem Umschwenken keine altruistischen Motive stecken. Wie so oft, wie fast immer geht es ums Geld, sicher nicht der Regisseurin der entsprechenden Loki-Folge, der ich ihre geäußerte Freude, diesen Moment umsetzen zu dürfen, wirklich abnehme. Aber diejenigen, die das OK für diesen Schwenk geben müssen, tun das, weil als Strategie heutzutage eben besser funktioniert "seht her, wie woke wir sind".

Das ist nicht schön und darf und soll kritisiert werden, schlussendlich ist mir aber nicht von Herzen kommende Veränderung lieber als gar keine Veränderung. Weil diese Veränderung eben dafür sorgt, dass Leute sich mit Diversität beschäftigen, für die sie zuvor kein Thema war und im Idealfall erkennen, dass es noch andere Lebensrealitäten neben der eigenen gibt; weil Kinder mit coolen Vorbildern aufwachsen können, die dann eben schwul oder bi oder transgender sind und das irgendwann keine Schlagzeile mehr wert ist. Gut, über Lokis Vorbild-Potenzial kann man sich jetzt streiten. Aber auf Tessa Thompsons offiziell als lesbisch beschriebene Valkyrie, die im nächsten Thor-Film eine Partnerin finden wird, passt das auf jeden Fall.

Ein weiter Weg

Ja, ich erkenne den Widerspruch, dass ich hier in meiner entsprechend benannten Kolumne schreibe, dass ich hoffe, dass LGBT+-Helden irgendwann keine Überschrift mehr wert sind. Allein, wir sind halt noch nicht so weit. Noch braucht es diese Überschriften, und noch braucht es Unternehmen, die entsprechende Schritte setzen, aus welcher Motivation heraus auch immer.

Darum habe ich auch nichts gegen Symbolpolitik. Nein, natürlich ändert ein bisexueller Loki nichts an der realen Ungerechtigkeit, mit der sich Minderheiten jeden Tag konfrontiert sehen. Nein, natürlich ändert sich nichts an ihr, wenn das Münchner Stadion beim Spiel gegen Ungarn in den Regenbogenfarben beleuchtet wird - oder eben nicht.

Aber es wird ein Prozess angeregt. Wir brauchen Symbole, um zu zeigen, dass eine offene Gesellschaft Ungerechtigkeit nicht hinnehmen darf. Aus Symbolen entwachsen Überzeugungen, aus Überzeugungen entwachsen Taten, aus Taten entwächst eine Gesellschaft, die Hass und Ressentiments immer weniger zu akzeptieren bereit ist. Jeder darf leben, wie er mag, doch niemals darf das Unglück anderer zur Grundlage für die eigene Zufriedenheit erhoben werden.


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