Lust from Beyond: Zu geil für die deutsche Spielerschaft?
Special 1,20 €
H.P. Lovecraft, H.R. Giger und dann auch noch ein Schuss Erotik? Für Valve war das Konzept von Lust from Beyond zu anzüglich, um es offen im deutschen Steam-Shop anbieten zu können. Davon lassen wir uns allerdings nicht aufhalten! Wir haben uns (für rein wissenschaftliche Zwecke natürlich) trotzdem einen Key besorgt und klären, ob beziehungsweise was euch hier eigentlich entgeht.
Beinahe hektisch lasse ich meine Blicke durch den Raum schweifen. Bloß keinen Lärm machen, bloß keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Bedacht, vorsichtig, beinahe schneckenhaft schleiche ich mich Stück für Stück vorwärts. Mein Herz pocht. Ich halte dem Atmen an. Nur noch ein paar Meter uuuuuuund... ich bin entdeckt worden.
"Was spielst du denn da, nen Porno?" Lautes Gelächter schallt durchs Großraumbüro. Ich versinke vor Scham im Boden. Wie habe ich denn bitte den neugierigen Kollegen nicht kommen sehen? "Ich, ich muss das für die Arbeit tun!", nuschele ich peinlich berührt in meinem Bart, während ich wie wild auf die Escape-Taste drücke, um mit dem Pausemenü die nackten Brüste auf dem Bildschirm zu überdecken. Fühlt sich irgendwie an wie damals, als Mutti mit hochgezogener Augenbraue wissen wollte, wie die illegal gebrannte DVD von "Pulp Fickschön" im Laufwerk des Familienrechners gelandet sei*. Spieleredakteur ist manchmal wirklich kein schöner Beruf.
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Zu geil für Deutschland
Besonders dann nicht, wenn man von der Chefetage dazu verdonnert wird, Titel wie Lust from Beyond zu testen - ein "Spiel", das so mies ist, dass es deutschen Steam -Nutzern direkt vorenthalten wurde. Oder so. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich Valve seit Dezember 2020 in den Kopf gesetzt hat, jeglichen "Adult-Only"-Content durch einen Region-Lock im hauseigenen Store zu sperren. Wenn die Entwickler von Movie Games wie auch schon im Vorgänger Lust for Darkness (jetzt kaufen 1,2 € ) versuchen, ein gruselig-geiles Spielerlebnis zu zaubern, das Elemente aus den Werken von H.P.Lovecraft und H.R. Giger mit einer ordentlichen Prise Erotik vermischt, dann findet man dazu hierzulande also nichts. Cthulhu in sexy - das kann man dem biederen Bratwurst-Bajuwaren natürlich nicht vorsetzen.
Quelle: PC Games
Nackte Haut und okkulte Rituale: Das ist das Verkaufsargument von Lust from Beyond.
Dabei hat einem das Spiel, so viel kann man wohl getrost vorwegnehmen, nicht mehr zu zeigen als ein Besuch in der städtischen Sauna: nackte, glänzende und unförmige Körper, die einen noch bis in seine Albträume verfolgen. Tote, regungslose Augen, die einem tief in die Seele starren und fragen: Warum tust du dir das hier eigentlich an? Bei alledem hat Lust from Beyond aber wenigstens noch den Anstand, euch eine optionale Zensur anzubieten. Dann müsst ihr euch Lovecraft-Lümmel oder Giger-G-Punkte wenigstens nicht mehr im Detail anschauen, sondern bekommt nur verschwommenen Pixel-Brei zu sehen. Welch ein Segen.
Warum hast du ne Maske auf?
Den ganzen Rest müsst ihr allerdings leider weiter ungefiltert ertragen: Lust from Beyond besteht schließlich nicht nur aus nackten Körpern, auch wenn die natürlich den Großteil der Spielerfahrung ausmachen. Nebenher will man euch auch noch ein wenig Geschichte bieten - wie es sich für einen richtig guten Porno eben gehört. Leider kommen die Macher auch hier nie über das Niveau von "Warum liegt hier eigentlich Stroh rum?" hinaus: Ihr Spielt Victor Holloway, einen verklemmten Antiquar, der beim Bondage-Sex mit seiner Freundin ein wenig zu grob wird und sich deshalb in psychologische Behandlung begeben muss. Das geht natürlich nur beim ältesten, dubiosesten Kopfklempner im abgetakeltesten Städtchen von ganz Amerika. Und natürlich wird unser armer Held dort in eine okkulte, maskentragende Geheimorganisation hineingezogen, die durch rituellen Rudelbums die Tore nach Lusst'ghaa öffnen will - dem Reich der ewigen Ekstase.
Moment mal, ewige Ekstase? Wird's jetzt vielleicht endlich geil? Nö, selbstverständlich nicht! Statt Pimper-Paradies ist Lusst'ghaa ein einziger Albtraum aus glitschiger Masse und entstellten dämonische Kreaturen, die direkt aus dem Abfalleimer der örtlichen Fischfabrik stammen könnten. Ein richtiger Ständer-Killer also, der die eigene Hand blitzschnell aus der Hose zurück an die Tastatur wandern lässt.
Quelle: PC Games
Beim Leveldesign haben sich die Macher von H.R. Giger inspirieren lassen. An manchen Stellen erinnert Lust from Beyond daher ein wenig an das Horror-Abenteuer Scorn.
In gewisser Weise kann man hier den Machern also schon ein Kompliment machen: Ja, Lust from Beyond kann mit seinem fleischig-faserigen Leveldesign sogar richtig eklig sein! Nur Grusel will leider nie so wirklich aufkommen, höchstens Frust und Verzweiflung. Spielerisch erwecken die Ausflüge nach Lusst'ghaa nämlich schnell traumatische Erinnerungen an den Totalausfall Agony. Ihr stiefelt durch unübersichtliche Höllen-Labyrinthe, drückt hier und da mal ein paar Schalter oder löst simpelste Rätsel. Warum? Keine Ahnung. Nach Sinn sucht man hier besser gar nicht erst, ebenso wenig wie nach spielerischer Abwechslung.
Quelle: PC Games
Im Spiel erwarten euch auch ein paar Rätsel. Achtet also darauf, dass nicht euer gesamtes Blut vom Hirn in die Lendenregion wandert.
Mal so allgemein gesprochen: Für ein selbsternanntes Horror-Spiel steckt ziemlich wenig Horror drin. Weder wenn ihr durch ein verlassenes Hotel schleicht, in dem irgendein Depp auf dem ganzen Flur zerbrochene Teller verteilt hat, noch wenn ihr über den Dächern der Stadt vor ein paar barbusigen Kultmitgliedern flüchten müsst. Eigentlich schade, denn Movie Games geben sich doch so viel Mühe! Das polnische Studio hat nur die allerbesten Gameplay- und Grusel-Mechaniken eingebaut: zum Beispiel Flucht-Sequenzen mit Trial&Error-Prinzip, die ihr immer und immer wieder spielen müsst. Oder eine Mechanik, die euer stetes Abrutschen in den Wahnsinn widerspiegelt, indem sie bei niedriger geistiger Gesundheit plötzlich eure Tastatureingaben umgedreht und den Bildschirm so stark wackeln und flimmern lässt, als hättet ihr drei Promille intus.
Bumsen als QTE
Es fällt eben schnell auf, dass das Gameplay hier mehr Alibi-Funktion hat. Entsprechend sind auch die gelegentlichen Sammelgegenstände, Gesundheitsboosts oder furchtbar hakeligen Schussgefechte nicht weiter der Rede wert. Die scheinen nur da, um Lust from Beyond auch wirklich als Spiel verkaufen zu können, um Interessenten zeigen zu können: Hey Jungs, hier gibt es Brüste zu sehen! Aber bei uns müsst ihr sie nicht durch eine Runde Poker oder Breakout freischalten, sondern bekommt sogar mal was "Richtiges" zu zocken.
Das zentrale Verkaufsargument ist und bleibt eben ganz klar: Nacktheit. Und von der gibt es in Lust from Beyond mehr als genug. Manchmal scheint es fast so, als wollten euch die Entwickler die virtuellen Genitalien geradezu ins Gesicht reiben. Wenn das euer Fetisch ist, okay. Ansonsten verliert die explizite Obszönität aber schnell ihren Reiz und nervt nur noch. Bereits innerhalb der ersten Spielminuten, die euch in ein altes Herrenhaus entführen, habt ihr euch eigentlich schon sattgesehen: Die Wände sind durchgängig mit Nacktbildern gesäumt, eure Mitbewohner treiben es ungeniert auf dem Esszimmertisch und im Nachtschränkchen liegt natürlich eine Taschenmuschi. Der Design-Prozess von Lust from Beyond muss wohl ungefähr so abgelaufen sein:
Level-Designer: "Wie viel Nacktheit wollt ihr?"
Chefetage: "Ja!"
Entsprechend dürft ihr euch im späteren Spielverlauf auch noch auf ein als Quick-Time-Event getarntes Schäferstündchen freuen (also ein Quickie-Time-Event?) und von einem faltigen alten Mann einen blasen lassen - in vielerlei Hinsicht ein ziemlich negativer Höhepunkt.
Quelle: PC Games
Sex als Quick-Time-Event: Die Entwickler von Movie Games Lunarium wissen, was Spielern Spaß macht!
The weirdest boner
Zumal Lust From Beyond dabei nicht mal schön anzuschauen ist. Animationen, Charaktermodelle und Texturen wirken allesamt total veraltet. Die schlechte Optimierung führt selbst auf guten PCs zu regelmäßigen Ladezeiten und Framedrops. Besonders wenn ihr die Kamera schnell dreht, wird der Titel gerne mal zum Daumenkino. Dazu kommt die englische Vertonung, die teilweise schlimmer klingt als meine ersten Gehversuche auf dem PCGames-YouTube-Kanal (hier eine kleine Kostprobe). Die doofen, lustlos vorgetragenen Cringe-Dialoge machen ausnahmslos alle Figuren vollkommen unsympathisch. Das könnte aber auch daran liegen, dass Movie Games bei deren Gestaltung kein einziges Klischee auslässt und vom notgeilen Nerd bis hin zur Femme Fatale einmal jeden Stereotyp durchs Bild zerrt.
Quelle: PC Games
Dieser linke Oberschenkel sieht nicht gesund aus! Die Charaktermodelle in Lust from Beyond sind ziemlich mies.
Was bleibt einem also nach elf Stunden Spielzeit? Das Gefühl ordentlich geschockt oder wenigstens ein bisschen erregt worden zu sein? Sicher nicht. Höchstens das unbestimmte Gefühl, jede Menge Lebenszeit verschwendet zu haben. Klar, im Genre der Adult-Only-Games gibt es weitaus dreistere Vertreter als Lust from Beyond, die einem für weitaus weniger Umfang weitaus mehr Geld aus der Tasche ziehen. Wer ein gut gemachtes Spiel mit erotischen Elementen sucht, der findet in den Untiefen des Internets aber bestimmt Besseres...
(* Anm. des Autors: Diese Szene ist natürlich frei erfunden und so nie vorgefallen)
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