Life is Strange 2 im Test: Vom Erwachsenwerden und moralischen Herausforderungen
Test 5,99 €
Mit der fünften Episode hat Life is Strange 2 nun nach über einem Jahr seinen Abschluss gefunden. Die der Flucht von Sean und Daniel entlang der US-Westküste haben die Entwickler von Dontnod Entertainment eine gänzlich neue Geschichte erzählt. Was ihnen dabei gut und was weniger gut gelungen ist, klären wir im Test.
Nach über 14 Monaten ist Life is Strange 2 (jetzt kaufen 599,99 € / 5,99 € ) endlich komplett. Bereits im September 2018 starteten Sean und Daniel Diaz in ihr Abenteuer entlang der US-amerikanischen Westküste. Die Entwickler haben sich mit der zweiten Staffel also fast ein halbes Jahr mehr Zeit genommen, also noch für den Vorgänger, dessen fünf Episoden im Zeitraum von knapp neun Monaten erschienen sind. Das diese verlängerten Zeiträume zwischen den einzelnen Kapiteln ein Problem sind, hatten wir seinerzeit bereits bei unseren Eindrücken zu Episode 2 geschildert. Bei Wartezeiten von drei bis vier Monaten zwischen den einzelnen Abschnitten geht zwangsweise sehr viel Momentum und Spannung verloren. Wer bislang gewartet hat, kann das Adventure nun jedoch an einem Stück von rund 12-15 Stunden Spielzeit erleben.
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Ständig auf Achse
Noch einmal zur Erinnerung: Life is Strange 2 ist keine Fortsetzung der Geschichte rund um Max, Chloe und das Küstenstädtchen Arcadia Bay. Stattdessen folgen wir dem 16-jährigen Sean Diaz und seinem neunjährigen Bruder Daniel, die mit ihrem Vater in Seattle leben. Eines Tages kommt es jedoch zu einem tragischen Zwischenfall, der die beiden Jungen dazu treibt, sich auf eine waghalsige Flucht zu begeben. Ihr Ziel ist es, Mexiko zu erreichen, die Heimat ihres Vaters, wo sie sich in Sicherheit wähnen. Dieser unfreiwillige Roadtrip hat zur Folge, dass wir unsere Protagonisten in jeder Episode an anderen Schauplätzen erleben. Für abwechslungsreiche Spielumgebungen ist also gesorgt.
Quelle: PC Games
Immer wieder begegnen uns neue Figuren, die der Spieler im Gegensatz zu den Protagonisten jedoch kaum kennen lernt.
Diese Erzählstruktur führt jedoch auch dazu, dass wir abgesehen von den beiden Brüdern kaum eine Bindung zu anderen Charakteren aufbauen können. Mit den meisten Nebenfiguren haben wir nur in jeweils einer Episode etwas zu tun. Da gewinnen selbst wichtige Charaktere wie die Mutter von Sean und Daniel nur wenig Profil. Allerdings gilt das nur für den Spieler. Da es zwischen den Episoden immer wieder Zeitsprünge von mehreren Wochen oder gar Monaten gibt, haben die Brüder in der Zeit genügend Gelegenheit gehabt Beziehungen zu den Personen in ihrem Umfeld aufzubauen.
So tauchen die Protagonisten zwischen der vierten und fünften Episode zum Beispiel in einer Aussteiger-Community unter, in der auch ihre Mutter lebt. Als Spieler wird man dann damit konfrontiert, dass Sean und Daniel bereits ein enges Verhältnis mit den Leuten der Gemeinschaft haben, die für den Spieler aber fremde Charaktere sind. Als dann schließlich nach kurzer Zeit der Aufbruch naht, fällt es uns entsprechend schwer, die Abschiedsemotionen nachzuempfinden, die die Brüder in dem Moment zeigen.
Moralische Erziehung
Wie für die Serie und das Genre typisch haben wir im Spielverlauf unzählige kleinere und größere Entscheidungen zu treffen. Dabei steht vor allem unsere Vorbildfunktion, die wir als Sean gegenüber unserem kleinen Bruder haben, im Mittelpunkt. Da Sean aber selbst erst 16 Jahre alt ist,
Quelle: PC Games
Wichtige Entscheidungen fallen nicht nur in Dialogen, sondern auch während packender Sequenzen, in denen unsere Führung die Charakterentwicklung von Daniel beeinflusst.
überfordern ihn die Situationen auch häufig, was zu spannenden und harten Entscheidungen führen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass Daniel über eine übernatürliche Fähigkeit verfügt, die ihn Objekte telekinetisch bewegen lässt. Wie gehen wir als älterer Bruder damit um? Wie leiten wir den kleinen Daniel an, dass er die Tragweite seiner Fähigkeiten und die Konsequenzen für sein Handeln versteht? Wie verhindern wir, dass ihm diese Macht zu Kopfe steigt?
Über das gesamte Spiel hinweg nehmen wir so immer wieder Einfluss auf die Charakterentwicklung von Daniel. Wie wir uns dabei verhalten haben, entscheidet am Ende dann auch über den Ausgang der Geschichte. Zwar stehen wir am Ende ähnlich der ersten Staffel wieder vor einer alles bestimmenden Entscheidung, deren Ausgang jedoch anhand unserer moralischen Erziehung von Daniel abhängt. Insgesamt gibt es sieben verschiedene Enden, wovon vier sich grundsätzlich voneinander unterscheiden. Diese positive Verbesserung im Vergleich zur ersten Staffel wird lediglich durch einen ziemlich eindeutigen Logikfehler am Ende getrübt.
Make America Great Again
Als wären die Umstände ihrer Flucht und Daniels geheimnisvolle Kraft nicht schon genug, müssen sich die Brüder zudem mit alltäglichen Gesellschaftsproblemen herumschlagen.
Quelle: PC Games
Als Kinder eines mexikanischen Einwanderers bekommen es die Brüder auch mit Leuten wie diesem selbsternannten Milizionär zu tun, der Jagd auf illegale Einwanderer macht.
Als Kinder eines mexikanischen Einwanderers bekommen sie es dabei vor allem mit rassistischen Anfeindungen zu tun. Dabei greifen die Entwickler die aktuelle Stimmung der gespaltenen amerikanischen Gesellschaft auf, in der Ressentiments besonders gegen Latinos stark in den Vordergrund treten.
Abschottungsprojekte wie der Mauerbau von Präsident Trump werden genauso thematisiert wie die Vorurteile der weißen Landbevölkerung, dass mexikanische Einwanderer nur in die USA kommen würden, um Drogen zu verkaufen, zu stehlen und aus der Tasche der amerikanischen Sozialsysteme zu leben. Aber auch andere gesellschaftliche Themen wie christlicher Fundamentalismus und ausufernde Polizeigewalt werden aufgegriffen. Die Gesellschaftskritik verleiht der gesamten Handlung damit noch mehr Tiefe. An einigen Stellen hätten wir uns jedoch einen etwas subtileren Einsatz dieser Themen gewünscht.
Gewohntes Spiel
Im spielerischen Bereich bietet das Spiel die gewohnte Mischung aus Dialogen und der Erkundung der einzelnen Schauplätze. In den häufig großzügig angelegten Gebieten, in denen wir uns frei bewegen können, gibt es wieder zahlreiche Objekte, mit denen wir interagieren können. Gefühlt haben die
Quelle: PC Games
Hin und wieder kommt Daniels Kraft auch für kleinere Umgebungsspielereien zum Einsatz. Wirklich anspruchsvoll wird es dabei aber nie.
Entwickler dabei noch mehr Wert auf Vielfalt und vor allem wirklich interessante Details gelegt, die uns einen tieferen Einblick in die Personen und Geschichten um uns herum geben.
Hinzu kommt der Einsatz von Daniels Kraft, mit der wir immer wieder Gegenstände bewegen, oder beeinflussen können. In actionreichen Szenen kommt seine Fähigkeit dann auch gerne mal zur Verteidigung zum Einsatz. Hier gilt es wieder, häufig unter Zeitdruck, sich zu entscheiden, wie weit man bereit ist zu gehen. Soll Daniel seine Macht einsetzen, um anderen zu schaden? Insgesamt wird das Potential des übernatürlichen Elements von Life is Strange 2 aber nicht immer ausgenutzt. So hätten wir uns durchaus ein paar knifflige Umgebungsrätsel vorstellen können.
Optisch haben die Entwickler den Umstieg auf die Unreal Engine 4 genutzt, um einige schicke Lichteffekte und ein insgesamt schärferes Erscheinungsbild zu erzeugen. Im Großen und Ganzen bleibt das Spiel aber dem Aquarell-Stil der Serie treu. So reiht sich Life is Strange 2 hinter der ersten Staffel und dem Ableger Before the Storm ein, ohne je wirklich das gleiche Niveau oder die gleiche erzählerische Güte zu erreichen. Wie sehr einen die Thematik der beiden Brüder, ihrer Flucht und ihre Beziehung zueinander anspricht, wird eh jeder unterschiedlich beurteilen. Genauso wie nicht jeder etwas mit dem Highschool-Drama des ersten Teils anfangen konnten.
