The 355 in der Filmkritik: Warum der ambitionierte Agenten-Thriller sauer macht

Test Maci Naeem Cheema
The 355 in der Filmkritik: Warum der ambitionierte Agenten-Thriller sauer macht
Quelle: Universal Pictures

Der Spionage-Actionfilm "The 355" gehört zu den ersten großen Kinofilmen des Jahres 2022. Der besonders für Blockbuster der Marvel-Marke "X-Men" bekannte Regisseur Simon Kinberg schickt gleich fünf Weltstars, angeführt von Jessica Chastain, auf eine gemeinsame Mission um die Welt. Dabei stehen neben dem eindrucksvollen Cast knallharte Action und eine ernste Tonalität im Zentrum. Warum der Spionage-Thriller trotz guter Momente sauer macht, klären wir in unserer Filmkritik.

Das Spionage-Abenteuer "The 355" wurde 2011 nach der Veröffentlichung des Dramas "The Help" als Idee von Schauspielerin Jessica Chastain geboren, die unbedingt einen "Female Lead"-Spionage-Blockbuster produzieren wollte, der sich an Genregrößen wie der "Bourne"-Reihe, "Mission Impossible" und "James Bond" orientiert.

Die Nummer im Titel war dabei große Inspiration und bezieht sich auf eine der ersten US-Agentinnen, die zur Zeit der amerikanischen Revolution tätig war. Ihre Identität bleibt bis heute ein Geheimnis, doch die Nummer konnte später durch das System ihres Netzwerkes als das Wort "Frau" entschlüsselt werden. Seitdem gilt die Zahl als ein stolzes Symbol für die weibliche Welt der Spionage.

Das klingt alles eigentlich recht vielversprechend, der knapp 120-minütige Film, von den "Bourne"-Produzenten und von Drehbuchautor und Regisseur Simon Kinberg ("X-Men: Dark Phoenix", "X-Men: Apocalypse", "Mr. And Mrs. Smith") hinterlässt jedoch vor allem eine pochende Emotion in uns: Wut.

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Wir klären in unserer Filmkritik, warum der Action-Thriller trotz Star-Power und guten Momenten ziemlich enttäuscht und aus politischer Sicht versagt

Zwei Schritte vor...

Die US-dominierte Filmindustrie hat ein gravierendes Problem, an dem sich die Traumfabrik Hollywood schon eine ganze Weile die Zähne ausbeißt. Die Zukunft der Kino-Blockbuster soll endlich abwechslungsreicher, diverser und repräsentativer für unsere heutige Zeit und Gesellschaft werden. Die Notwendigkeit dieses Unterfangens sollte nicht zur Debatte stehen, schließlich würden alle Cineasten und Kino-Fans von mehr Vielfalt und frischen Ideen auf der großen Leinwand profitieren.

Viel fragwürdiger ist da hingegen die Art und Weise, wie das immer mal wieder mit Brecheisen von berühmten und erfahrenen Filmschaffenden über die letzten Jahre versucht wurde. Damit meinen wir nicht Produktionen, die auf weibliche oder diverse Hauptfiguren setzen, sondern Filme, die ganz klar versuchen dieses anhaltende Stigma zu durchbrechen und sich dieses Unterfangen fett auf die Fahne pinseln. Beispiele dafür sind Filme wie das Spin-off-Sequel "Ocean's 8" oder das "Ghostbusters"-Soft-Reboot aus dem Jahr 2016 - meistens sind die leider ziemlich mies. Das liegt zum einen daran, dass man es nicht schafft, sich von Stereotypen oder 0815-Figuren zu distanzieren. Zum anderen fehlt es diesen Blockbuster-Filmen oft am nötigen Mut und Feingefühl.
The 355 in der Filmkritik: Warum der ambitionierte Agenten-Thriller sauer macht (2) Quelle: Universal Pictures The 355 in der Filmkritik: Warum der ambitionierte Agenten-Thriller sauer macht (2) Das soll sich nun mit "The 355" ändern, der einige der besten Schauspielerinnen unserer Zeit im Gepäck hat. Neben Jessica Chastain ("Interstellar", "It - Chapter Two", "Der Marsianer") darf man sich auf den deutschen Hollywood-Star Diane Kruger ("Inglourious Basterds", "Troja"), Lupita Nyong'o ("Black Panther", "Star Wars: Das Erwachen der Macht"), Penélope Cruz ("Fluch der Karibik", "Vicky Christina Barcelona") und Fan Bingbing ("Iron Man 3", "X-Men: Days of Future Past") freuen.

Wenn fünf Weltstars ein Ziel haben

Die Geschichte von "The 355" ist recht simpel: die CIA-Agentin Mason "Mace" Brown (Jessica Chastain) wird auf einen mächtigen Söldnerring angesetzt, der eine streng geheime Cyber-Waffe in die Finger bekommt und somit eine weltweite Bedrohung verkörpert. Als wäre das nicht schon genug Arbeit, muss sich Mace auch noch mit der deutschen Spionage-Konkurrentin Marie (Diane Kruger) herumschlagen, die auf die selbe Mission geschickt wurde. Um sich einen Vorteil zu verschaffen, kontaktiert Mace ihre alte Partnerin Khadijah (Lupita Nyong'o), eine alte Freundin, EX-MI6-Agentin und Computerspezialistin, die sie fortan tatkräftig unterstützen soll.
The 355 in der Filmkritik: Warum der ambitionierte Agenten-Thriller sauer macht (4) Quelle: Universal Pictures The 355 in der Filmkritik: Warum der ambitionierte Agenten-Thriller sauer macht (4) Darüber hinaus spielen die kolumbianische Therapeutin Graciela (Penélope Cruz), die sich zufällig im Zentrum des Chaos befindet, eine mysteriöse Frau namens Lin Mi Sheng (Fan Bingbing) und Mace Liebhaber und Ex-Partner Nick (Sebastian Stan) eine große Rolle im wirren Spionage-Zirkus.

Wirr ist hierbei ein bewusst gewähltes Wort. Es ist nicht unüblich, dass die Handlung von solch imposanten Agentenfilmen etwas abstrus ist, Jason Bourne und Bond inbegriffen. Doch was Simon Kinberg gemeinsam mit den Drehbuchautoren Therese Rebeck ("Catwoman") und Bek Smith als spannende und moderne Thriller-Geschichte verkaufen will, ist unnötig konfus und bedeutungslos. Wer Spannung oder gar eine intensive "Katz und Maus"-Jagd um den Globus erwartet, der sollte die Erwartungen deutlich herunterschrauben. Spannend ist "The 355" nämlich nur recht selten.

Wirrer Plot, harte Action und eine Palette voll Klischees

Bevor wir tiefer die Negativspirale herunterrutschen: was wir lobend hervorheben möchten ist die Action. Selten sieht man solch knallharte Kampfsequenzen, in denen Frauen beteiligt sind - selbst im hochskalierten Blockbuster-Genre. Ob es Mace oder Marie ist, beide Agentinnen zählen zu den angesehensten Mitgliedern ihrer Organisation. Man sollte also erwarten, dass die zwei ganz genau wissen, wie man draufhaut und einsteckt. Trifft Mace beispielsweise auf einen knallharten und einschüchternden Söldner in einer öffentlichen Toilette, dann gibt es kein arrogantes Schmunzeln oder gar einen abwertenden Spruch des Mannes zu hören. Die Gefahr ist echt, die Auseinandersetzung intensiv und die Schläge ziemlich heftig.

Doch im selben Atemzug muss die gesamte Inszenierung leider kritisiert werden. Die Abenteuer von James Bond oder Jason Bourne sind spektakulär und ein Fest für Action-Fans. Hierbei macht "The 355" meist nicht mehr als das Notwendige. Wer auf ausgefallen Kamera-Shots oder große Kulissen mit ambitionierten Stunts steht, der wird meist nur gelangweilt vorm Bildschirm sitzen. Ebenso enttäuschend sind die vielen Klischees, die sich weniger bei den Figuren und mehr bei der Handlung finden. "The 355" ist eine Aneinanderreihung von typischen Spionage-Momenten, die halbgar zusammengeflickt wurden. Das alles zusammengepackt könnte ein mittelmäßiger Actionfilm sein, doch die Probleme gehen weiter. Eines davon ist gar so gravierend, dass es sauer macht.

Wer braucht schon Persönlichkeit

Das größte Problem von "The 355" sind die Charaktere. Statt sich auf interessante Figuren und ein facettenreiches Team zu fokussieren - ein enorm wichtiger Faktor bei einem Ensemblefilm -, präsentiert man lieber fünf Menschen ohne jegliche Tiefe oder Persönlichkeit. Wenn sich diese fünf leeren Hüllen im Laufe der Handlung irgendwann zu einem Team zusammenschließen, dann spürt man nichts. Die Beziehungen zwischen den fünf Frauen sind leider öde und bieten überhaupt keine Dynamiken. Die ernste und "realistische" Inszenierung, die Kinberg und das Filmteam anpeilen, hilft da auch nicht wirklich weiter. Witz oder Charme gibt es nämlich kaum.
The 355 in der Filmkritik: Warum der ambitionierte Agenten-Thriller sauer macht (7) Quelle: Universal Pictures The 355 in der Filmkritik: Warum der ambitionierte Agenten-Thriller sauer macht (7) Wenn am Ende des Tages das auffälligste Merkmal von Jessica Chastains Charakter ihre Romanze und Beziehung zu Nick (einem Mann) ist und wie sie damit zu kämpfen hat, dann ist das weitaus weniger mutig oder gar revolutionär, wie "The 355" sich zu verkaufen versucht. Dieser Vorwurf hört aber bei Mace nicht auf. Diane Krugers Marie ist richtig tough. Das ist an sich natürlich kein Problem und wird durch das gute Schauspiel von Kruger passend transportiert. Doch die einzige wirkliche Tiefe, die der Figur spendiert wird, ist, dass sie unbedingt ihren schwierigen Job erledigen möchte und ihren Chef, der auch in gewisser Weise als "Vaterfigur" fungiert, beeindrucken will.

Wieder ist das emotionale und charakteristische Zentrum einer Hauptfigur schlicht ein Mann, sehr viel mehr gibt es nicht. Statt neue frische und spannende Figuren zu etablieren, gibt es lediglich eine Gruppierung von leeren Hüllen. Man kann dabei zugute führen, dass diese Charaktere ohne Stereotyp oder Klischee auskommen, wenn dabei aber komplett jegliche Persönlichkeit fehlt, dann läuft doch irgendwas ziemlich schief.

Was am Ende von "The 355" bleibt ist mehr Schaden als Hilfestellung für "Female Lead"-Filme in Hollywood. Schon jetzt gibt es die ersten Meldungen, dass "The 355" ein riesiger Flop an den Kinokassen ist. Wie man tatsächlich glauben kann, solch eine halbgare Produktion könne an dem Problem etwas ändern, ist uns ein Fragezeichen. Wenn das die Richtlinie für die nächsten kommenden Jahre sein soll, dann prophezeit uns das ziemlich wenig Weiterentwicklung. Das ist nicht nur schade, sondern auch ziemlich frustrierend. Wenn selbst einige der besten Schauspielerinnen unserer Zeit überzeugt und mit großen Budget keine positiven Wellen in die anhaltende Hollywood-Diskussion bringen können, wer denn dann?!

"The 355" läuft seit dem 06. Januar 2022 in den deutschen Kinos. Habt ihr den Spionage-Thriller schon gesehen oder sind Ensemblefilme des Action-Genres nicht euer Ding? Schreibt uns eure Meinung in die Kommentare.

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