Terry Gilliam - Zwischen Genie und Chaos
Special
Mit "The Man Who Killed Don Quixote" kommt diese Woche ein Film in die deutschen Kinos, welcher umstrittener nicht sein könnte. Selbst wenn man sich kaum mit Regisseur Terry Gilliam oder seinem jüngsten Werk beschäftigt hat, verbreitet sich doch recht schnell, dass der Film schon seit etlichen Jahren in Planung ist. Oh Schreck, denkt sich bestimmt manch einer - wie konnte das denn passieren? Da kann ja nichts bei rauskommen, oder?
Die Sorge ist durchaus berechtigt, deuten derart lange Produktionszeiten doch auf ungemeine Schwierigkeiten hin. Bei Videospielen ist dies kaum anders, wie das 2009 erschienene Spiel "Duke Nukem Forever" mit seinen 14 Jahren Entwicklungszeit bewiesen hat. Nur selten kann der Charme eines Werks über ständige Wechsel im Team und den Zahn der Zeit hinwegtäuschen. Selbst der beste und älteste Wein droht bei Öffnung zu kippen - der Wert bleibt ein sentimentaler.
Nun ist nicht jeder Film Gilliams so unglücklich in seiner Produktion wie Don Quixote, dennoch hat der Filmemacher eine Laufbahn hinter sich, an der so manch anderer gescheitert wäre. Auf Gedeih und Verderben setzt er seine künstlerischen Visionen durch und spaltet damit die Gemüter. Wer war er noch gleich? Hier einmal in gekürzter Fassung:
Auf dieser Seite
- 1 Vorgeschichte - Von Zeitreisen und Monty Python:
- 2 Brazil (1985) - Sieg von Hinten
- 3 Die Abenteuer des Baron Munchausen (1989) - Fantasie vs. Erfolg
- 4 The Man Who Killed Don Quixote (2018) - Eine Leidensgeschichte
- 5 Die Gebrüder Grimm (2005) - Interessenskonflikt
- 6 Das Kabinett des Dr. Parnassus (2009) - Tod und Kreativität
- 7 Was hätte sein können - aber nicht sein sollte
Vorgeschichte - Von Zeitreisen und Monty Python:
Der studierte Politikwissenschaftler stammt aus den Vereinigten Staaten und hat seit seinem Studium an diversen, abstrusen Projekten mitgewirkt. So begann er seine Karriere als Zeichner des New Yorker Satire-Magazin HELP! - Einem Ableger des berühmte MAD Magazin und lernte dort den britischen Komiker John Cleese kennen. Dieser vermittelte Gilliam eine Stelle beim britischen Sender BBC, wo er diverse gleichgesinnte Komiker getroffen hat, welche sich schlussendlich zu der Gruppe Monty Python zusammenschlossen.
Spätestens an dieser Stelle dürfte sich niemand mehr fragen, was wir mit "abstrus" meinen. Für Monty Python's Flying Circus entwarf Gilliam die auf der Lege-Trick-Technik beruhenden Animationseinlagen - welche zwar ikonisch sind, deren Humor heutzutage aber bei den wenigsten Anklang finden dürfte. (Wer Lust hat möge sich hier selbst überzeugen)
Zusammen mit dem legendären Kollektiv trat Terry Gilliam 1975 seine "erste" Regiearbeit an und schuf mit "Monty Python und die Ritter der Kokosnuss" einen wahren Kult-Film. Wir denken, dass darf unkommentiert so stehen bleiben.
In etwa zur gleichen Zeit wagte er mit "Jabberwocky" einen ersten Alleingang, welcher jedoch sowohl bei den Kritikern als auch an den Kinokassen versagte. Erst 1981 war ihm mit "Time Bandits" ein erster eigener Erfolg gegönnt. Der Zeitreise-Abenteuer-Film begleitet den geschichtsinteressierten, 11-jährigen Kevin auf seiner satirischen Reise durch verschiedene Zeitalter der Menschheitsgeschichte. Klingt erstmal so als wäre es schon unzählige Male dagewesen? Think again - wie oft trifft man auf Zwerge, die Gott eine Karte gestohlen haben, welche es ihnen gestattet durch die Zeit zu reisen? Wie oft stehlen die Zeitreisenden alles was nicht Niet- und Nagelfest ist aus den besuchten Epochen? Wie oft wird diese Karte vom personifizierten Bösen gestohlen, welches die Zwerge dann mit allem bekämpfen müssen, was sie erbeutet haben - Von Pfeil und Bogen bis hin zu Raumschiffen? Selten oder? - Terry Gilliam eben.
Gilliam ist seit je her für seine eigene Erzählweise bekannt, die nicht bei jedem gut ankommt. Punkte sammelt er in der Regel vor allem für seine visuell überschwänglichen wie beeindruckenden Bilder. Die episodische Struktur, die "Time Bandits" zugrunde liegt, kam den sonstigen erzählerischen Schwächen Gilliams zu Gute. Nachdem er dann 1983 seinen letzten Film zusammen mit Monty Python gedreht hatte, begann sowohl die erfolgreichste, als auch die konfliktreichste Zeit seines Schaffens.
Brazil (1985) - Sieg von Hinten
Brazil schleudert den Zuschauer in einen nahezu surrealistischen Albtraum einer futuristischen Bürokratie. In dieser Dystopie hat der Staat einfach alles überstrukturiert, bis hin zu völlig aberwitzigen Methoden, um Terroristen ausfindig zu machen. Als dabei dem Sekretär Sam Lowry ein kapitaler Fehler unterläuft, durch den ein Unschuldiger exekutiert wird, offenbart sich der Wahnsinn hinter dem System. Sam soll nun ermitteln, wie es dazu kommen konnte und versinkt immer tiefer im Sumpf des aufgeblasenen Staatsapparats.
Als Gilliam die finale Fassung seines Meisterwerks bei Universal vorlegte, zückten diese umgehend den Rotstift und wollten das 142-minütige Monster auf 94 Minuten eindampfen, um einen kommerziellen Erfolg zu garantieren. Aus dem gleichen Anlass verlangte man ein neues, fröhlicheres Ende für den Film, biss bei Terry Gilliam jedoch auf Granit. Dieser nahm seinen Film und führte ihn illegaler Weise vor Kritikern auf, welche ihn letztlich so sehr liebten, dass Universal eine "beinahe" ungekürzte Fassung gewährte. Viva la künstlerische Freiheit!
Die Abenteuer des Baron Munchausen (1989) - Fantasie vs. Erfolg
Auch der 89 erschienene "The Adventures of Baron Munchausen", basierend auf den Geschichten des deutschen Lügenbarons Hieronymus Carl Friedrich Münchhausen, quillt nur so über vor Kreativität, war an den Kinokassen aber ein Desaster. In Zuge dessen hat man Gilliam zu dieser Zeit als rücksichtlosen und unzuverlässigen Regisseur abstempelt, welcher nicht dazu imstande ist innerhalb eines vorgesehenen Budgets zu arbeiten. Bei Kosten von rund 46 Millionen US-Dollar, brachte er nur 8 Millionen wieder zurück in die Kassen. Wie so häufig wichen auch hier die Meinungen der Kritiker von dem des Publikums ab - Munchhausen war u.a. für vier Oscars nominiert.
Es folgten wieder Filme, die von den Kritikern geliebt wurden, die bis heute in keinem Regal fehlen dürfen - Außer vllt. "Fear an Loathing in Las Vegas", da sind sich die Menschen irgendwie uneinig:
- König der Fischer (1991)
- Twelve Monkeys (1995)
- Fear and Loathing in Las Vegas (1998)
The Man Who Killed Don Quixote (2018) - Eine Leidensgeschichte
Im Jahr 200 war es endlich so weit, Gilliam hatte die Finanzierung für sein lang ersehntes Projekt "The Man Who Killed Don Quixote" zusammen, immerhin spielte er da schon seit über 10 Jahren mit dem Gedanken. Doch als die Dreharbeiten endlich begannen, stellte sich recht schnell heraus, dass man sich geldlich etwas verkalkuliert hatte und als dann auch noch der Hauptdarsteller Jean Rochefort erkrankte - scheiterte die Produktion endgültig. Schweren Herzens musste Gilliam zusehen, wie die Rechte an dem Werk von einer deutschen Versicherungsgesellschaft einverleibt wurde. Zu diesem Debakel gibt es übrigens auch eine Dokumentation mit dem Namen "Lost in La Mancha" (La Mancha ist eine Region in Spanien, welche u.a. für seine vielen Windmühlen bekannt ist)
Was ihn bei "Die Abenteuer des Baron Munchausen" schon nicht brechen konnte, sorgte auch hier nicht für ein Ende seines Traums. Wenige Jahre später wagte er, nach Wiederbeschaffung der Rechte, einen neuen Anlauf mit den Darstellern Robert Duvall und Ewan McGregor. Dieses Mal war es unter anderem höhere Gewalt, die das Projekt hinfort spülen sollte. So störten nicht nur die laufenden Geräusche der nahen NATO-Basis beim Dreh, sondern auch ein Unwetter wütete über dem Set. Dabei wurden nicht nur Teile des Equipments weggespült, sondern auch die Landschaft eignete sich nicht mehr zum Filmen - schlussendlich ging auch hier das Budget zu Ende. Aber hey, das Leben muss weitergehen. Immer wieder gab es Meldungen, dass es nun doch bald voran gehen könnte. Erst 2008, dann 2010, 2013, 2014 nur um 2015 wieder alles zu zerschlagen, da John Hurt, welcher zu dieser Zeit den Quixote spielen sollte, Krebs diagnostiziert wurde. Erst im März 2017 verkündete Gilliam, dass man nun tatsächlich mit den Dreharbeiten begonnen habe - mit Adam Driver und Jonathan Pryce in den Hauptrollen. Wenngleich die Kritiken für das nun vollendete Werk verhalten ausfallen, so ist es für Terry Gilliam das Ende einer schier endlosen Odyssee.
Die Gebrüder Grimm (2005) - Interessenskonflikt
Die Gebrüder Grimm hat gezeigt, wie halbgar ein Werk veröffentlicht werden kann, wenn Regisseur und Geldgeber faule Kompromisse eingehen. Ursprünglich sollte dieser von MGM finanziert werden, aber auch diese sprangen letzten Endes ab. Als dann einige Wochen später Bob Weinstein seine Unterstützung anbot, war zwar die Produktion gerettet, Konflikte aber auch vorprogrammiert. Weinstein und Gilliam gerieten laufend aneinander, und wurden sich alleine schon bei Besetzung und Kameramann nicht einig. Ein derartiger Einfluss auf seine Arbeit regte Gilliam sogar so auf, dass die Produktion für zwei Wochen ganz pausiert werden musste. Am Ende hat keiner den Film bekommen, den er sich vorgestellt hatte. Trotzdem ist die Kritik auch hier sehr Gilliam-typisch ausgefallen. Warf man dem Streifen doch abermals vor, dass die Geschichte zugunsten des Designs leiden musste - da helfe auch das Aufbereiten deutscher Märchen nichts.
Das Kabinett des Dr. Parnassus (2009) - Tod und Kreativität
Auch dieser beliebte Film war von wenig Glück gekürt, verstarb doch der Darsteller einer zentralen Figur. Unter anderem berühmt geworden als Heath Ledgers letzter Film, hatte dessen Ableben vor Abschluss der Dreharbeiten doch eigentlich erneut das Ende eines Gilliam-Film eingeläutet. Als die Beteiligten sich dann aber dazu entschlossen das Drehbuch umzuschreiben, konnte man die fehlenden Szenen Ledgers mit drei neuen Besetzungen drehen. Manche Kritiker empfanden Ledgers Tod sogar als Glücksfall für den Film, da gerade diese Vielfalt für den schwer benötigten Kick gesorgt hätte - Makaber.
Was hätte sein können - aber nicht sein sollte
- A Scanner Darkly
Wieder einmal gaben Filmstudios kein grünes Licht für das Porjekt. Nach der Etablierung neuer Anti-Terror-Gesetze in den USA, schien der Stoff zu Heikel. Als der Film dann zehn Jahre später mit Keanu Reeves realisiert wurde, war Gilliams nicht mehr an Bord. - Watchmen
Zunächst musste der Film wegen mangelnder Finanzierung verschoben werden. Als dann Gilliam zu der Überzeugung gelangte, dass die Story zu komplex für einen Film sei und man lieber eine Miniserie drehen solle, lehnte die Produzenten ab. Unter Zack Snyder kam der Film letztlich auch nur zustande, weil Alan Moore-Comic-Verfilmungen ein Erfolgsgarant waren. - Harry Potter
- Der goldene Kompass
- Charlie und die Schokoladenfabrik
In den drei letzten Fällen war Terry Gilliam der Wunschkandidat der Autoren, in allen drei Fällen ignorierten die Studios den Wunsch.
Was ist Gilliam also? Ein Genie? Ein Störfaktor der modernen Filmmaschinerie? Ein Querdenker, bei dessen Filmen man häufig zur Hassliebe neigt? Ein Mann, der von Geld gehasst wird wie kein anderer? Wenn wir uns seine Historie zu Gemüte führen, seine Filme sehen und sich Kritiker bei seinem neusten Werk erneut nicht einig sind, dann können wir wohl getrost sagen - Ja - Alles - Ein bisschen. Das halten jedenfalls wir von "The Man Who Killed Don Quixote". Was haltet ihr von Gilliam?
