Ein Wochenende ohne mobiles Internet: ein Erfahrungsbericht
Special
Ja, ich kann auch mal ohne Internet. Ganz sicher. Man muss ja nicht ständig online sein! Gerade am Wochenende gibt es doch so viele andere Dinge, die das wahre Leben ausmachen: Freunde treffen, Events besuchen, wandern gehen, die Natur genießen. Wer braucht da schon Internet? ICH!
Es ist Freitagmorgen, als mich auf dem Weg zur Arbeit eine SMS meines Mobilfunkproviders erreicht. "Lieber Kunde, Ihre Surfgeschwindigkeit wird tarifgemäß reduziert. Ab dem Beginn des nächsten Abrechnungsmonats surfen Sie wieder mit voller Geschwindigkeit." Hmmm... halbwegs zur Kenntnis genommen und weggewischt. "Sind ja nur noch drei Tage, dafür lohnt sich nun auch kein "Datensnack" mehr. Dann ist es halt etwas langsamer als sonst - früher ging's ja auch ohne LTE." Dachte ich, zuckte virtuell mit den Schultern und hatte die Sache kurz darauf schon wieder vergessen. Am Nachmittag verließ ich das Büro, stieg ins Auto und freute mich auf mein Wochenende in der Heimat. Alte Freunde treffen, coole Events besuchen, die Sonne genießen, Spaß haben und entspannen. Noch war ich guter Dinge und verschwendete nicht einen Gedanken an die SMS vom Vormittag...
Die Route wird neu berechnet
Nach gut einer Stunde auf der naturgemäß gut gefüllten Autobahn prangte plötzlich eine Unfall- und
Quelle: PC Games
Eine Kurznachricht seines Mobilfunkproviders, die man eigentlich gar nicht lesen möchte. #drosselung
Staumeldung auf meinem Navi auf. Kurz darauf bestätigte auch der Verkehrsfunk im Radio, dass es in der Baustelle einige Kilometer vor mir mächtig gescheppert hatte und es sinnvoller wäre, diesen Bereich kurz zu umfahren. Ich folgte also der Umleitungsempfehlung, verließ die Autobahn und fuhr parallel zu ihr einige Kilometer weiter, um an der nächsten Auffahrt wieder auf die "Freie Fahrt für freie Bürger"-Piste zurückzukehren. So sollte ich nur zehn statt fast 50 Minuten im Stau verlieren - bei lediglich 2 km Umweg. So weit, so gut. Dumm nur, dass genau diese Autobahnauffahrt in die von mir gewünschte Richtung gesperrt war - und ich lediglich in die Gegenrichtung wieder auffahren hätte können. Ich war in einer Sackgasse gefangen, aus der mich auch mein Navi nicht befreien konnte. Gemeinsam mit einem halben Dutzend anderer Fahrzeuge stand ich vor dem Schild und suchte eine Lösung. Wie alle anderen Fahrer zückte auch ich mein Handy und rief mit einem routinierten Fingertipp Google Maps auf. Leider tat sich nicht viel. Oh, stimmt. Da war ja was.
Sechzehn - eine schreckliche Zahl!
Quelle: PC Games
Google Maps funktioniert grundsätzlich auch ohne Internet und unterstützt Offline-Karten - aber aktuelle Verkehrsinformationen (Staus, Unfälle) fehlen dann.
Die mit der Drosselung greifende maximale (!) Datenrate von sagenhaften 16 Kilobyte pro Sekunde brachte nicht mehr als einen Timeout zustande, das wurde mir nach dem zweiten, dritten und vierten Reload-Versuch klar. Hmpf. So ein Mist! Dem hektischen (und erfolglosen) Hantieren am Navi, um diesem klar zu machen, dass die vor mir liegende Straße gesperrt ist, folgte die alternative Idee, den anderen Fahrzeugen zu folgen, die scheinbar inzwischen wussten, wo es lang gehen könnte. Ich folgte also voller Enthusiasmus einigen Autos, deren Kennzeichen meine Hoffnung nährten, irgendwie doch noch in Richtung Bamberg aus diesem Provinznest herauszukommen.
Nach mehreren wirren Ortsdurchquerungen, die von weiteren Baustellen, Straßensperrungen und chaotischen Beschilderungen innerorts verursacht wurden, machte mein Daumen immer und immer wieder unwillkürlich die Reload-Geste auf meinem Handydisplay, aber es tat sich nichts. Langsam keimte in mir die Befürchtung, ich könne mich in den mir Vorausfahrenden und ihren Navigationskenntnissen schwer geirrt haben und würde in diesem Ort jämmerlich zugrunde gehen. Ich sah schon die Schlagzeile vor mir: "Autofahrer nach elf Tagen Kreisverkehr in Hintertupfingen skelettiert am Steuer aufgefunden." Schließlich blieb nur noch eine Alternative. Den gleichen Weg zurück, dort wieder auffahren, wo ich ursprünglich abgefahren war und mich doch noch durch den Stau auf der Autobahn quälen, den ich eigentlich umfahren wollte. Ich schnaufte schwer. Rauchwölkchen stiegen aus meinen Ohren. Meine Smartwatch sprang an: "Ihr Blutdruck ist signifikant erhöht. Brauchen Sie medizinische Hilfe?" Nein, verdammt! Ich brauche INTERNET, damit ich aus diesem ver... Kaff wieder herausfinde! Denn sonst war das offenbar die einzige Lösung in diesem Dilemma! Den gleichen Weg wieder zurück und alles auf Anfang.
Doppelt hält besser. Aber nicht immer.
Quelle: PC Games
Bei Datendrosselung auf 16 kB/s kommen weder Sprachnachrichten noch Bilder durch. Mit Glück - und etwas Zeit - aber wenigsten Textnachrichten.
Nun, da mich diese Herumgurkerei nun ja auch nur eine Stunde und zwanzig Kilometer Rally und drölfzig Nervenzellen gekostet hatte, dämmerte mir, dass ich also auch mindestens eine Stunde später als angekündigt ankommen würde. "Hmm... vielleicht sollte ich dann mal Bescheid sagen." Da passt es doch super, dass ich eh kurz anhalten muss - der "Grande"-Kaffee vom großen gelben M drängte darauf, so langsam wieder auszusteigen zu wollen. Also fix eine WhatsApp rausgeschickt, dass es später wird. Hmm... geht nicht raus. Was ist denn jetzt schon wieder? Kein Empfang? Äh... doch. Aber da war doch was. Hashtag "16kB/s". Grrrr... Dann eben per SMS! Wer braucht schon dieses mobile Internet?! ICH jedenfalls NICHT!! Es fährt sich auch viel entspannter - ganz ohne Nachrichten, die reinkommen und das ständige Gepiepse. So!
Eine Stunde später war ich tatsächlich in der alten Heimat angekommen. Ich stelle den Wagen ab und mein Handy meldet sich. Ah, WhatsApp geht wieder! Es ist eine Nachricht von meiner Mutter, die sich wundert, warum ich zweimal schreibe, dass ich eine Stunde später komme - jeweils im Abstand von einer halben Stunde. Und warum einmal per SMS - und vorher noch bei WhatsApp. Und wann ich denn nun wirklich kommen würde. Die Nachricht ist ... ähm... eine halbe Stunde alt. Argh! 16kb reichen offenbar doch, um WhatsApp-Nachrichten zu verschicken - es dauert dann eben nur gefühlt ein Jahrzehnt, bis sie durchkommt - in beiden Richtungen. Aber egal, ich brauche kein mobiles Internet - der Tag ist sowieso schon fast rum. Und dann sind es nur noch zwei, bis ich wieder Vollgas geben kann - mobil. Das überstehe ich schon noch... Irgendwie. Ganz sicher.
Ihre Orientierung? Hetero - und Google Maps!
Quelle: Marc Brehme
Wanderung am Maria-Pawlowna-Promenadenweg zwischen Schloss Tiefurt und Schloss Kromsdorf
Der Samstag begrüßt mich mit einem Bombenwetter und ich entscheide mich spontan, einen hektargroßen Park zu besuchen und meine neue Handykamera auf Herz und Nieren zu testen. Also hingefahren, Auto abgestellt und auf Schusters Rappen ab in die Natur. Eine Stunde später und drei Kilometer weiter bin ich im nächsten Ort angekommen und überlege, ob mein gerade genutzter Wanderweg ein Rundweg sein könnte, der mich wieder zurück an meinen Ausgangspunkt bringt? Na, das herauszubekommen, sollte doch kein Problem sein! Ich zücke mein Handy, öffne Google Maps und... ach ja... da war ja was. Nichts geht. Zwar sehe ich einen blauen Standortpunkt (GPS, es lebe hoch!), aber die zugehörige Karte samt Wegenetz wird natürlich nicht geladen. Also gut. Dann eben traditionell. Nach dem erfolglosen "Entschuldigung. Könnte Sie mir vielleicht sagen..."-interviewen eines halben Dutzend Spaziergängers, die mir alle aber nicht weiterhelfen konnte, war mir das Experiment "So verlaufen Sie sich ohne Handy in drei Stunden" zu heiß und ich trat den Rückweg an - auf exakt dem gleichen Weg, wie ich gekommen war. Sicher ist sicher. Unterwegs schaute ich mir die Fotos an, die ich schon geschossen hatte - die Umgebung auf dieser Strecke kannte ich ja nun schon. Als ich die Zeit nutzen wollte, eine schöne Collage davon auf Facebook zu posten und den Statusbalken anstarrte, der sich gefühlt zehntelmillimeterweise bewegte, fiel mir ein, dass der Upload eines Bildes von 2 MB wohl länger dauern als ich bei einem Halbmarathon ins Ziel brauchen würde und der Timeout daher wieder unbarmherzig zuschlagen würde. Na, egal. Wer braucht schon Facebook? Oder Insta? Oder Datensacks? Pah!
Quelle: PC Games
Auch die Tank-App funktioniert nicht ohne mobile Daten.
Auf dem Rückweg im Auto fiel mir die Tankanzeige ins Auge, die sich langsam aber sicher dem roten Bereich näherte. Meine erfolglose Stauumfahrung forderte ihren Tribut - und die nächste Tankstelle auch. Zielsicher berührte mein Daumen auf dem Handydisplay das Icon für die Tankstellen-App. Die öffnete auch brav, aber das Aktualisierungs-Icon drehte so viele Kreise, dass mir schon vom Zusehen so schlecht wurde wie beim Gedanken daran, zwei Cent mehr für den Liter Super bezahlen zu müssen als wirklich nötig. (#geizkragen) Ich knirschte mit den Zähnen und verschob das Tanken auf später am Tag - irgendwann sollte ich schon mal wieder irgendwo WLAN haben und mit etwas Glück eine günstige Tankstelle in der Nähe auf dem Display erscheinen.
Zuhause angekommen, erreicht mich die Nachricht eines Kumpels, der mich kurz darauf abholen wollte. "Was? Du bist noch auf Schloss Kromsdorf??? Ich stehe in zehn Minuten vor deiner Tür, wir müssen dann sofort los! Was ist da los?!" Verwirrt denke ich kurz nach und checke dann Facebook. Mein (vor einer Stunde erstellter) Beitrag wurde vor zwei Minuten gepostet - vermutlich just, als ich die WLAN-Schwelle des elterlichen Hauses überschritt. Ah, WLAN! LEBEN!! ZIVILISATION!!! Ich melde mich also kurz per WhatsApp bei meinem Kumpel und kläre ihn auf. Also über meinen Facebook-Beitrag. Alles andere wäre auch zu spät gewesen.
Endlich wieder zuhause ge(W)LANdet
Nur kurz einen Kaffee. Couch. Wohnzimmer. Ach, ist das schön. WLAN. Alles geht wieder. Nachrichten, News, Wetterbericht, Sprachnachrichten, die vorher nicht heruntergeladen wurden. Selbst mickrige 80 kB waren unterwegs eine unüberwindbare Barriere - von Fotos via WhatsApp ganz zu schweigen. Kurz darauf steht mein Kumpel in der Tür, Abfahrt. Und Abschied vom WLAN. Fast wehmütig schaue ich auf den kleinen Viertelkreis, der auf dem Weg zum Auto verblasst. Das war's. Schon wieder von der Zivilisation abgeschnitten. Immerhin hatte ich vorher noch einigen Kontakten mein Datendilemma geschildert und aufmunternde Worte erhaschen dürfen. "Ist nur noch ein Tag!" "Hey, morgen um Mitternacht geht's wieder!" "Ach komm, so ein paar Stunden Ruhe ist doch auch mal ganz schön." "Wenn du keine Zeit zum posten hast, kannst du das Event eh viel besser genießen." "Nee, so könnte ich nicht leben - da würde ich aufbuchen oder am Wochenende zuhause bleiben. Ich würde STERBEN, wenn ich unterwegs kein Internet hätte. Geht ja gar nicht!" Danke für die aufbauenden Worte.
Quelle: PC Games
Gibt man via Tethering seine Internetverbindung für anderen Geräte frei, kann man auch sehen, wie viel diese "Gastgeräte" von der eigenen Datenflat verbraucht haben.
Tethering - das schönste Wort der Welt!
Auf dem Event konnte mein Kumpel mein Leiden dann übrigens nicht mehr ertragen und war so gnädig, mir via Tethering einige MB seines Datenvolumens zu spendieren, damit ich mich dort wenigsten wie ein Mensch fühlen konnte. Im 21. Jahrhundert. Online. Immer und überall. Ich zahlte in Bier. Es war ein guter Deal; endlich habe ich mich wieder lebendig gefühlt. Und nie war ich so froh wie heute Morgen, als ich auf der Fahrt zur Arbeit wieder Sprachnachrichten und witzigen Aprilscherz-Bilder abhören und verschicken, Staumeldungen und Verkehrshinweise lesen, Rants über die hohen Spritpreise auf Twitter absetzen und meinen Live-Standort mit Freunden teilen konnte.
Juhuuuu! Ich bin wieder da! Viva LTE-Datenflat! #nieder mit #16kB/s!
Geht es euch auch so? Seid ihr mittlerweile auch so abhängig vom mobilen Internet, weil es einfach zum Standard geworden ist, immer und überall auf Informationen zugreifen zu können? Hättet ihr noch mal 5 Euro für einen Datensnack investiert und nachgebucht - 3 Tage vor dem nächsten Monat? Oder lieber auf alles verzichtet und die Zeit genossen, auch mal (mobil) offline zu sein?
