Die Familien-Konsole Amico von Intellivision: Was sie kann und wen sie ansprechen soll
Special
Wir hatten auf der devcom in Köln die Gelegenheit, einem Vortrag von Hans Ippisch zu lauschen, President Intellivision Europe, der interessante Einblicke in die Gestaltwerdung des Amico-Projekts und die zugrundeliegenden Ansätze des Teams gab. In einem neuen Trailer gab es dann auch erstmals einen Ausblick auf die Spiele für Amico. Wir trafen uns zudem bereits im Vorfeld der Messe mit Hans Ippisch und sprachen über die Zukunftspläne, die Spiele und das Konzept hinter der Familienkonsole, die Groß und Klein zusammenbringen soll.
Die Amico von Intellivision wird eine Heimkonsole, die nicht mit Hardware, sondern mit einem stimmigen familienfreundlichen Konzept überzeugen will. Als die Ankündigung der Intellivision Amico im vergangenen Herbst über den Äther ging, sei das Team schnell in Schubladen gesteckt worden. Retro? Konkurrenz zur Switch? Angriff auf die Platzhirsche Microsoft und Sony? "Alles Quatsch", erklärt Hans Ippisch, President of Intellivision Europe während eines Termins im Vorfeld der devcom und gamescom 2019. Die öffentliche Wahrnehmung der Konsole sei vor allem ein Problem, wenn man Interessenten einfach nur Screenshots von Spielen präsentiere. Es geht dem Team von Intellivsion zunächst vornehmlich darum, ihr Konzept und den Spirit an die Leute zu bringen. Gerade von Letzterem scheint es jede Menge zu geben. CEO Tommy Tallarico (Komponist und bekannt durch Video Games Live) wirkt in den Erzählungen von Ippisch da gerade zu wie ein Guru, der es geschafft hat, das Team in Start-up-Mentalität auf eine besondere Mission einzuschwören: Der Zielgruppe die Amico-Botschaft zu vermitteln.
Bei weltweit mehr als drei Milliarden Casual-Gamern ist die potenzielle Käuferschaft riesig. Die Amico richtet sich an Familien mit jüngeren Kindern, die sich eine sichere und gewaltfreie Gaming-Plattform ins Wohnzimmer stellen möchten. Im Shop wird es zudem nur ein kuratiertes, das bedeutet sorgfältig ausgewähltes, Angebot an Spielen diverser Genres geben, welches in regelmäßigen Abständen erweitert werden soll. Es wird zwar Online-Leaderboards, jedoch kein Online-Gaming geben.
Den kompromisslosen Ansatz zu begreifen, ist nötig, um zu verstehen, warum die Amico erfolgreich einen Markt erobern könnte, der von den Großen der Branche seit den 80er-Jahren immer stärker vernachlässigt worden ist: Casual-Games für die ganze Familie, bei denen fünfjährige Kinder ohne Probleme mit ihren Eltern oder Großeltern gemeinsam Spaß haben können. Spiele, die ohne komplizierte Anleitungen, Tastenbelegungen oder aufgeblähte, offene Welten auskommen und alle Mitglieder einer Familie im Sinne eines elektronischen Brettspielabends vor dem Fernsehgerät versammelt: "Getting back to the core roots of gaming" lautet dann auch der dazu passende Slogan. (Zurück zu den Wurzeln des Spielens)
"Ich will Spiele, für die ich keine Anleitung brauche", Hans Ippisch
Zum Start werden fünf Titel auf der Konsole vorinstalliert sein - im Shop wird es weitere geben. Insgesamt befinden sich 40 Games in der Mache. Zum Start sollen dann auch um die 40 Titel erhältlich sein. Wer sich den Trailer aufmerksam ansieht, wird einige Klassiker erkennen. Titel wie Biplanes, Nightstalker, SNAFU, Asteroids, Astrosmash, Missile Command, Shark! Shark!, Break Out und Moon Patrol lassen die Herzen von älteren Spieleexperten höher schlagen. Nur sind diese Titel eben kein "Retro". Die Amico hebt sich durch Neuentwicklungen klar vom Trend der "Mini-Retro-Konsolen" ab, die oft nur eine Ansammlung mal mehr oder mal weniger guter Spiele aus früheren Zeiten sind. Neben modernen Varianten genannter Klassiker sind auch Neuentwicklungen geplant. Von den 40 in Entwicklung befindlichen Spielen entstehen 19 in Europa, viele Studios sind sogar in Deutschland tätig - etwa in Nürnberg, Berlin oder Düsseldorf. Die Auswahl der Studios sei vor allem nach pragmatischen Gesichtspunkten erfolgt. Wichtig sei vor allem Leidenschaft, Hingabe und ein Verständnis für die alten Marken. Die Titel zu modernisieren, erfordert schließlich eine Kenntnis der Mechaniken, die Spiele in den 80ern trotz ihres geringen Umfangs, zweckmäßiger Grafik und simplem Spielablauf so unterhaltsam machten.
"Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu Playstation, NSW oder Xbox," Hans Ippisch
Eine moderne Umsetzung bedeutet jedoch nicht, dass eine Bombastgrafik vonnöten ist. Im Kern geht es um die Wiederbelebung der Spielmechaniken, die Groß und Klein sofort verstehen - eben wie in den Anfangstagen der Heimkonsolen. Bezüglich Hardware und Technik der Amico schweigt sich das Team noch aus. Natürlich sind keine Monster-Specs zu erwarten, aber das sei im Hinblick auf die in Entwicklung befindlichen Titel auch nicht nötig. Optisch macht die Konsole auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Es wird unterschiedliche Designs geben. Auf den Bildern ist außerdem ein leuchtender Rand zu sehen, der nicht nur hübsch aussehen soll, sondern auch eine spielerische Funktion hat und etwa in gewissen Titeln ein optisches Feedback vermittelt. Die beiden mitgelieferten Controller verfügen über einen farbigen Touchscreen, Mikro, Lautsprecher sowie vier Knöpfe an den Seiten. Bis zu acht Spieler können sich mit der Amico verbinden - entweder über zusätzliche Controller oder via App auf dem Smartphone.
Der Erfolg der Amico steht und fällt natürlich mit der Qualität der Exklusiv-Titel. Auf der E3 zeigte das Team hinter verschlossenen Türen diverse spielbare Versionen, einige davon sind im Trailer zu sehen. Besonders begeistert seien die Journalisten von Moon Patrol gewesen. Wie im Original steuert der Spieler einen Mondbuggy durch Kraterlandschaften, weicht Minen und den Angriffen von Aliens aus, während gut getimte Sprünge über Abgründe gemeistert werden. Fair und häufig gesetzte Checkpoints auf der Strecke senken den Frustfaktor.
Der Prototyp von Moon Patrol ist laut Pressevertretern, die auf den Titel auf der E3 anspielen konnten, schon jetzt unterhaltsam, hat aber wohl auch gezeigt, warum das Konzept der Amico funktionieren kann. Intellivision sieht sich nicht als Konkurrenz zu den großen Playern im Konsolenmarkt, sondern eher als Ergänzung in der allabendlichen Familienunterhaltung und möchte mit diesem Ansatz zunächst Amerika und Europa erobern, andere Märkte sind jedoch bereits angepeilt. Um die Aufgabe zu bewältigen, hat Intellivision ein Allstar-Team aus erfahrenen Entwicklern an Bord.
Quelle: Intellivision
Das Team hinter der Amico
Von links nach rechts:
- Phil Adam, Gründer Spectrum Holobyte, Ex-CEO Interplay - er brachte Tetris auf den PC
- Sumeet Aggarwal, Managing Director MENA & South Asia,
- Jason Enos, Vice President Production - früher bei Konami u.a. Producer von Metal Gear Solid
- Paul Nurminen, Viceo President Games - Intellivision-Experte
- Tommy Tallarico
- Bill Fisher, Intellivision-Urgeistein
- David Perry, Shiny Entertainment, Gaiki
- Hans Ippisch
- Emily Reichbach Rosenthal, PR
Die Voraussetzungen sind da, der Markt für Casual Games ist groß. Wenn die Spiele rocken und die potenziellen Käufer das Konzept verstehen beziehungsweise annehmen, dann kann die Amico sehr erfolgreich werden und Menschen zum Spielen bewegen, die sonst niemals Controller in die Hand nehmen. Die Wii von Nintendo hat 2006 schon einmal etwas Ähnliches geschafft und die Fachwelt überrascht. Ob das auch der Amico gelingt, wird sich zeigen, wenn die Konsole am 10. Oktober 2020 in den Handel kommt.
