In 80 Tagen um die welt

Test

Wenn man einem gewöhnlichen Action-Adventure mehr Story und mehr Rätsel hinzufügt, dann verspricht das ein interessantes Ergebnis. Ein gutes und vor allem ausgereiftes Spiel ist damit aber noch nicht garantiert.

Die Geschichte klingt, als sei sie wie für ein klassisches Point&Click-Adventure gemacht: Der Ingenieur Mathew Lavisheart ist drauf und dran, aus dem »Reform Club« zu fliegen, wenn er nicht binnen 80 Tagen sein Können mit vier auf ihn ausgestellten Patenten zu genialen Erfindungen beweist. Dummerweise sind die über den gesamten Globus verstreut, und da Mathew zu alt für solche Abenteuer ist, muss Enkel Oliver die Weltreise von London über Kairo, Bombay und Yokohama bis nach San Francisco antreten.

An den gleichnamigen Roman von Jules Verne ist die Geschichte lediglich angelehnt, immer wieder finden Sie Querverweise auf Weltenbummler Phileas Fogg. Das Gleiche gilt übrigens für klassische Adventures: Auch an die ist In 80 Tagen um die Welt nur angelehnt, spielt sich aber tatsächlich wie ein Action-Adventure mit mehr Adventure als Action. Auch die Steuerung hat nichts mit kniffligen Abenteuern wie Ankh gemeinsam -- Oliver scheuchen Sie aus der Verfolgerperspektive mit der WASD-Steuerung über den Erdball.

Die Zeit drängt

In aller Seelenruhe an Rätseln herumtüfteln können Sie bei In 80 Tagen um die Welt nicht. Wenn Sie dem von Fogg vorgelegten Zeitplan zu weit hinterherhinken, dann heißt es »Game Over«. Jederzeit sichtbar läuft die Uhr unerbittlich mit, wenn Sie in Bombay auf Elefanten reiten oder sich während einer Zugfahrt mit einem Vampir herumschlagen. Eine Stunde im Spiel entspricht dabei knapp zwei Minuten Realzeit. Neben den Städten fungieren außerdem ein Zug, ein Zeppelin und ein Kreuzfahrtschiff als Schauplätze.

Allerdings schlagen wir uns nicht nur mit dem Zeitlimit herum, sondern sollen Oliver auch bei Kräften halten. In regelmäßigen Abständen muss er einen Snack zu sich nehmen oder ein paar Stunden im Hotel schlummern. Ansonsten verliert er das Bewusstsein und wir mehrere Stunden. Da allerdings auch das Geld knapp ist, müssen wir ständig die richtige Balance finden und abwägen, wann und wie wir Olivers Energie auffüllen. Das ist oftmals kniffliger als die gestellten Aufgaben.

Völlig abschalten lassen sich diese Zwänge zwar nicht, im einfachsten der drei Schwierigkeitsgrade haben wir aber zumindest unendlich Geld zur Verfügung. Das Zeitlimit bleibt allerdings bestehen.

Es geht auch ohne Rätsel

Der zeitkritische Spielablauf ist dann auch verantwortlich dafür, dass In 80 Tagen um die Welt ohne Kombinationsrätsel auskommt. Für Knobeln, Tüfteln und Ausprobieren fehlt schlichtweg die Zeit. Wenn Oliver für bestimmte Aufgaben einen Gegenstand braucht, dann findet er ihn meist wenige Meter entfernt. Eine Ölkanne etwa, mit deren Hilfe sich ein schwergängiger Hebel umlegen lässt. Nur selten wird es wirklich knifflig, und dann nach Myst-Manier: Da muss Oliver ein halbes Dutzend Schalter in der richtigen Reihenfolge betätigen, um eine Maschine in Gang zu bringen. Oder durch ein Labyrinth finden, indem er sich an kryptischen Symbolen orientiert.

Integrierte Komplettlösung

Sobald Oliver in einer Stadt ankommt, erhält er im örtlichen Hotel einen Hinweis von seinem Onkel Mathew, der ihm die Richtung zum jeweiligen Patent weist. Danach entspinnt sich eine kurzweilige Geschichte, die Oliver in ebenso amüsante und spannende Situationen manövriert. Der Weltenbummler entführt in Kairo Sheherazade aus dem königlichen Harem, schickt in Bombay einen Elefanten durch die Waschstraße oder hält an Bord eines Luftschiffes einen liebeskranken Offizier mit einer gepfefferten Rechten vom Freitod ab.

Was Sie tun müssen und wie Sie vorgehen sollen, das kaut Ihnen das Programm vor. Ein Logbuch zeigt auf Knopfdruck Ihren aktuellen Auftrag mit ein paar Hinweisen. Die jederzeit eingeblendete Minimap weist mit Pfeilen und Markierungen den Weg zum nächsten Zielpunkt. Wirklich hilfreich ist das allerdings nicht immer, denn gerade in verwinkelten Gassen oder in den mehrstöckigen Transportmitteln verlieren Sie trotzdem leicht die Übersicht.

Lara und Sam lassen grüßen

Wenn wir nicht gerade schwer unterfordert Markierungen und Pfeilen auf der Minimap nachjagen oder über Logikrätseln brüten, dann absolvieren wir allerlei Actioneinlagen -- vor allem Sprung- und kurze Schleichübungen haben es den Entwicklern angetan. Allerdings spielt die Technik dabei nicht ganz mit; Olivers reichlich staksige Bewegungsabläufe fallen bei Stadtrundgängen nicht negativ auf, sorgen mitunter aber für puren Frust, wenn wir Sprünge korrekt timen sollen. Da segelt der Knabe wie ein nasser Sack von Plattform zu Plattform, und wir können bestenfalls raten, wann wir abspringen müssen. Auch die Schleicheinlagen sind frustig statt unterhaltsam. Die Sichtlinienberechnung der Gegner ist kaum nachvollziehbar, und da die Ansicht immer auf Oliver fixiert ist, können wir uns nicht einmal einen Überblick über das Areal verschaffen. Also tasten wir uns nach dem Trial&Error-Verfahren mühsam durch diese Sequenzen.

Besonders nervig: Wenn wir scheitern, dürfen wir es in den meisten Fällen zwar noch einmal versuchen, allerdings vergehen dabei einige Stunden im Spiel. Schnell den letzten Spielstand laden ist übrigens keine Lösung -- freies Speichern ist nämlich nicht erlaubt. Der Spielstand wird an vorgegebenen Speicherpunkten automatisch gesichert, und diese liegen nicht immer direkt vor solch problematischen Stellen.

Sehen und hören

Von den bereits angesprochenen staksigen Animationen abgesehen, hat uns In 80 Tagen um die Welt technisch gefallen. Metropolen und Transportmittel sind detailverliebt gestaltet, die Texturen hoch aufgelöst und sehr schmuck. Auch die Charaktere sind gelungen, statt Farbbrei unter dem Haaransatz gibt's markante Gesichtszüge. Wie von dtp gewohnt, ist auch die deutsche Sprachausgabe auf hohem Niveau -- auch wenn die etwas weibische Stimme von Hauptdarsteller Oliver sicher nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Die dezent »warme« Titelfigur werden Sie aber ohnehin nur zu hören bekommen, wenn Ihnen das eigenwillige Spielkonzept von In 80 Tagen um die Welt gefällt. Wenn Sie nämlich ein klassisches und rätsellastiges Adventure erwarten, dann lassen Sie die Finger von dieser Weltreise.

David Bergmann

Fazit

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