Humankind: 150 Runden gespielt - Konkurrenz für Civilization?

Special Felix Schütz
Humankind: 150 Runden gespielt - Konkurrenz für Civilization?
Quelle: PC Games

Das neue 4X-Schwergewicht der Endless-Space-Macher will sich mit Civilization messen. Wir haben es ausführlich gespielt.

Und dann wäre da noch das Civics-System: Jedes Territorium besitzt einen Stabilitätswert, der dem Zufriedenheitswert aus den Endless-Spielen entspricht. Je weiter wir uns über die Map ausbreiten, desto mehr sinkt die Stabilität unseres Reiches. Dann bauen wir schnell ein paar spezielle Gebäude, etwa ein Aquädukt, um den Unmut der Bürger auszugleichen. Je stabiler das Reich, desto schneller erhalten wir sogenannte Civics-Punkte. Die brauchen wir, um von Zeit zu Zeit zentrale Gesellschaftsfragen zu klären: Ist unsere Herrschaft göttlich legitimiert oder berufen wir uns auf das Recht des Stärkeren? Sollen wir auf Berufssoldaten zählen oder lieber die Wehrpflicht einführen? Öffnen wir unsere Kultur oder schotten wir uns ab? Alles bringt Vor- und Nachteile mit sich, die sich auf die Werte unserer Gesellschaft auswirken. Im Spiel werden sie - nicht gerade intuitiv - über vier Achsen repräsentiert, die sogenannten Ideologien, die sich mit jeder Entscheidung leicht verschieben. Wie praktisch alles im Spiel sind auch die Ideologien mit verschiedensten kleinen Boni verknüpft.

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Mini-Events als Auflockerung

Kleine Zufallsereignisse bestimmen, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft bewegt. Quelle: PC Games Kleine Zufallsereignisse bestimmen, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft bewegt. Die mehrstufigen Story-Questreihen aus Endless Space 2 und Endless Legend gibt es hier zwar nicht, doch zumindest die kleinen Zufallsereignisse hat Amplitude übernommen. Diese Mini-Aufgaben bestehen aus einem kurzen Erzähltext und bis zu drei Entscheidungen. So legen wir etwa fest, wie wir der wachsenden Gefahr durch Aberglauben begegnen: Sichern wir allen das Recht auf religiöse Selbstbestimmung zu oder tolerieren wir keinen Glauben außer unserem? Erlassen wir Stadtbewohnern ihre Erbschulden oder beharren wir darauf, dass sie ihren Taler auf Kosten des Wachstums abdrücken? Und wie reagieren wir, als sich Gerüchte über eine Krankheitswelle verbreiten? Wir könnten die Wirtschaft am Laufen halten und damit einen folgenschweren Ausbruch riskieren - oder wir gehen auf Nummer sicher und verhängen einen Lockdown, wodurch sich die Produktivität unserer Städte für zehn Runden verschlechtert. Covid-19 lässt grüßen.

Glaubensfragen

Die Religionsübersicht ist zwar schick, erklärt aber kaum, wie sich unsere Glaubenslehre tatsächlich im Volk verbreitet. Quelle: PC Games Die Religionsübersicht ist zwar schick, erklärt aber kaum, wie sich unsere Glaubenslehre tatsächlich im Volk verbreitet. Erstmals konnten wir auch das Religionssystem testen, das sich auf den ersten Blick leider ziemlich undurchsichtig präsentiert. Zunächst entscheiden wir uns für eine Religionsform, wir haben anfangs die Wahl zwischen Polytheismus und Schamanismus. Anschließend errichten wir heilige Stätten in unseren Gebieten und erzeugen so Glaubenspunkte; wenn wir genug davon produzieren, konvertieren umliegende Territorien zu unserer Lehre. Wer die meisten heiligen Stätten besitzt, wird außerdem zum Religionsoberhaupt ernannt und darf Glaubensgrundsätze erlassen. Die verschaffen uns und allen anderen, die sich unserer Religion anschließen, weitere wertvolle Boni. Aus dem gleichen Grund kann es sich unter Umständen sogar lohnen, die Glaubenslehre eines Gegenspielers anzunehmen, nämlich wenn diese schon stärker entwickelt ist als unsere. Wie sich aber der Glaube in der Bevölkerung zusammensetzt und was man tun muss, um seine Schäfchen zusammenzuhalten, das bleibt trotz eines schicken Religionsmenüs schwer nachvollziehbar. Doch auch wenn solche Systeme noch Feinschliff und bessere Erklärungen brauchen, erfüllen sie schon jetzt ihren Zweck: Als Spieler hat man in jeder Runde ordentlich was zu tun, Leerlauf oder gar Langeweile kam in unseren Vorschau-Version niemals auf. Und dabei haben wir die Kämpfe noch gar nicht erwähnt!

So spielen sich die Rundengefechte

Das Kampfsystem präsentiert sich ein wenig taktischer als bei Civilization. Grundsätzlich können wir Auseinandersetzungen ähnlich wie in Endless Legend von der KI auswürfeln lassen - oder wir übernehmen selbst das Kommando. Jeder Kampf findet in einer eigenen kleinen Zone direkt auf der Weltkarte statt. Zwar lassen sich mehrere Einheiten zu Gruppen zusammenschließen, um sie bequemer zu bewegen, doch kommt es zum Duell, werden alle Einheiten einzeln dargestellt. Zusätzlich blendet das Spiel schon vor der Herausforderung eine praktische Vorschau ein, damit man weiß, worauf man sich einlässt. Hat man den Kampf eingeleitet, darf man seine Truppen zunächst in der Gefechtszone positionieren: Nahkämpfer und Reiter schicken wir nach vorn, Fernkämpfer wandern dagegen auf höhere Ebenen für einen Angriffsbonus. Anschließend kämpfen wir Runde um Runde um den Sieg, das geht schön flott und unkompliziert.
Die Rundenkämpfe finden direkt auf der Weltkarte statt. Hier belagern wir gerade eine feindliche Stadt. Quelle: PC Games Die Rundenkämpfe finden direkt auf der Weltkarte statt. Hier belagern wir gerade eine feindliche Stadt. Bei der Belagerung von Städten gelten zusätzliche Regeln. Als Angreifer können wir das Gefecht hinauszögern, dadurch verlieren die Milizen des Gegners jede Runde an Kraft. Zusätzlich können wir vor den Stadtmauern auch Belagerungswaffen aufbauen. Das dauert ein paar Runden und macht uns verwundbar für einen Gegenangriff, lohnt sich aber: Die Katapulte können über unsere eigenen Einheiten hinwegschießen und gegnerische Mauern einreißen. Anschließend preschen wir mit unseren Reitern durch die Lücke und erobern die feindliche Flagge, damit haben wir die Schlacht automatisch gewonnen.

In niedrigen Gewässern können sich Bodeneinheiten auch in kleinen Booten fortbewegen. Quelle: PC Games In niedrigen Gewässern können sich Bodeneinheiten auch in kleinen Booten fortbewegen. Auf hoher See funktionieren die Kämpfe ähnlich. Alle Bodeneinheiten können sich nämlich in kleinen Booten übers Wasser bewegen und sich Scharmützel liefern. Außerdem lassen sich so schon früh neue Ufer erreichen, solange man sich in Küstennähe bewegt. Sobald sich die Boote jedoch in tiefere Gewässer vorwagen, säuft uns die Einheit binnen zwei Runden ab. Um also die Meere zu kontrollieren und auch ferne Teile der Map zu erobern, benötigt es spezielle Marineeinheiten mit hoher Reichweite, die wir aber erst spät im Talentbaum freischalten.

Was noch zu tun bleibt

Obwohl die Open-Dev-Version bereits viel Spaß macht, sind einige Baustellen nicht zu übersehen. Etwa bei den Administratoren, die wir Städten zuweisen, um deren Produktivität zu steigern. Das Feature soll wohl als Ersatz für die Helden aus den Endless-Spielen herhalten, wirkt aber noch völlig unterrepräsentiert. Auch am Interface sollte sich was tun, angefangen beim umständlichen Baumenü und der unpraktischen Stadtübersicht bis hin zum Design der Handelsrouten und Einfluss-Overlays. Wie da so manches Feature funktioniert, lässt sich auch nach mehreren Stunden nur raten.
Weltwunder bringen viele Boni, sind aber teuer. Darum können sich mehrere Städte am Bau beteiligen. Quelle: PC Games Weltwunder bringen viele Boni, sind aber teuer. Darum können sich mehrere Städte am Bau beteiligen. Das Design der Benutzeroberfläche ist in praktisch allen Spielen von Amplitude Studios ein Streitpunkt: Manche Fans schätzen die Menüs für ihre Schlichtheit, andere wünschen sich mehr Farbe und Atmosphäre. Humankind geht hier einen Mittelweg: Es ist unverkennbar ein Amplitude-Spiel mit klaren Formen und wenig Schnörkeln, allerdings fallen die halbtransparenten Fenster mit ihren abgerundeten Ecken deutlich wärmer und einladender aus als beispielsweise im klinisch-grauen Endless Legend. Dazu passt auch der unaufgeregte, orchestrale Soundtrack, der sich stimmungsvoll im Hintergrund hält, aber nicht ganz mit den opulenten Klängen der Civ-Serie mithalten kann.

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Schöne Aussichten

Technisch zeigt die Schnupperversion noch einige Schwächen, die man schon aus früheren Amplitude-Spielen kennt, darunter lange Ladezeiten und eine durchwachsene Performance in späteren Spielphasen. Auch ein paar Bugs traten noch auf, doch bis zum Release bleibt den Entwicklern natürlich noch genug Zeit, um hier nachzubessern. Die hübsche Präsentation überzeugt dafür schon jetzt: Vor allem die farbenfrohe Weltkarte besticht mit einer guten Mischung aus Übersichtlichkeit und Liebe zum Detail. Wer nahe ranzoomt, erkennt sogar winzige Menschen und Tiere, die auf den Straßen umherwuseln und die Miniaturstädte mit Leben füllen. Einzig bei der Darstellung der Staatsoberhäupter hat Civilization 6 immer noch weit die Grafiknase vorn.
Mit Distrikten nutzen wir die Eigenschaftes unseres Territoriums optimal aus. Quelle: PC Games Mit Distrikten nutzen wir die Eigenschaftes unseres Territoriums optimal aus.

Das Wichtigste ist aber ohnehin der Spielfluss, und der macht bereits einen prima Eindruck. Schon nach wenigen Zügen stellt sich der typische Effekt ein, der gute 4X-Spiele auszeichnet: Jede Runde motiviert mit Entdeckungen, Bauprojekten, Fortschritten und Ereignissen, bis die Stunden wie im Flug vergehen. Ob Humankind damit auch ein Civilization 6 überflügeln wird? Mehr als unwahrscheinlich. Aber ein sehr gutes Strategiespiel steht uns in jedem Fall bevor.

Humankind erscheint am 22. April 2021 für PC und Stadia.

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