Horizon: Zero Dawn: Das Meisterwerk im Test

Test Andreas Szedlak
Metallfedern: Der Sturmvogel gehört zu den größten und bedrohlichsten Maschinen. Es ist toll, aus wie vielen detalliert gestalteten Teilen die Robo-Tiere zusammengebaut sind. (PS4)
Quelle: Games Aktuell

Mit Horizon: Zero Dawn haben sich die Killzone-Macher in unbekanntes Terrain gewagt. Führt Guerrillas RPG-Debüt in eine Sackgasse oder ist es auf Erfolgskurs?

Wer von der Rollenspiel-­Referenz The Witcher 3 schwärmt, hat gleich Held Geralt von Riva vor Augen - vielleicht, wie er gerade eine seiner Liebschaften vernascht. Im Vergleich zu Geralt wirkt Horizon-Heldin Aloy recht eindimensional. Dinge wie Romantik oder Charme sind ihr fremd. Dafür verfügt Aloy über diesen unermüdlichen Entdeckertrieb, der ihr schon als 6-Jährige dazu verhalf, mehr über diese geheimnisvolle Welt zu erfahren. Verstanden hat sie die Geschehnisse in der unterirdischen Station als kleines Mädchen freilich nicht, doch sie weckten ihre Neugierde auf all die Mysterien der futuristischen Steinzeitwelt - und davon gibt es eine Menge!
Keine Spoilergefahr: Was hat die Erde nur so zugrunde gerichtet? Wir haben in unserem Test bewusst auf Bilder verzichtet, die Details aus der fesselnden Hauptstory zeigen. (PS4) Quelle: Games Aktuell Keine Spoilergefahr: Was hat die Erde nur so zugrunde gerichtet? Wir haben in unserem Test bewusst auf Bilder verzichtet, die Details aus der fesselnden Hauptstory zeigen. (PS4) Discman: Ab und an liegen bei Bosskämpfen 'zufällig' schwere Waffen, wie dieser Scheibenwerfer, herum. Allerdings bewegt sich Aloy mit solch einer Wumme recht langsam. (PS4) Quelle: Games Aktuell Discman: Ab und an liegen bei Bosskämpfen "zufällig" schwere Waffen, wie dieser Scheibenwerfer, herum. Allerdings bewegt sich Aloy mit solch einer Wumme recht langsam. (PS4)

Ich kenn dich, Aloy!

Die Horizon-Macher tun alles dafür, dass ihr Aloy bestmöglich kennenlernen und ihre Charakterzüge entdecken könnt. Ihr erlebt die Rothaarige als Baby, als 6-Jährige und als junge Frau. Die Ausgestoßene musste viel durchmachen, wurde von Stammesmitgliedern verspottet und sogar geschlagen. Ihr Mentor Rost begann Aloy schon im Kindesalter im Kampf auszubilden. All das hat Aloy geprägt und macht ihr Verhalten im Spiel nachvollziehbar. Von Minute zu ­Minute ist uns die Horizon-Heldin mehr ans Herz gewachsen.

Dazu fesselt diese einzigartige Atmosphäre, die durch die allgegenwärtigen Maschinen erzeugt wird. In den meisten Haupt- und Neben­missionen kommt ihr früher oder später in Kontakt mit den Roboter-Dinos, -Bullen, -Vögeln, - Krokodilen, -Würmern und vielen weiteren tierähnlichen Maschinen.

In den Kämpfen mit den Hightech-­Geschöpfen lässt euch das Spiel weitgehend alleine und verlangt, dass ihr euch in Aloy hineinversetzt: Was wurde euch während der Ausbildung zu Spielbeginn beige­bracht? Wo liegen Stärken und Schwächen der zu bekämpfenden Maschine? Welche Waffe könnte die passendste sein? Vor welchen Angriffen müsst ihr euch besonders schützen - und wie?

Im Gegensatz zu vielen Spielen rät euch Horizon weder zu einer Taktik noch erhaltet ihr Waffenempfehlungen oder Hinweise auf neue Ausrüstung beim Händler. In welche Dinge ihr eure ­Metallscherben investiert und wie ihr Spezialpfeile, Widerstandstränke, Fallen oder Waffen- und Outfit-­Modifikationen am besten verwendet, müsst ihr selbst herausfinden. Das sorgt auch dafür, dass ihr euch besser mit Aloy identifizieren könnt, die genauso auf sich gestellt ist, wenn sie Donnerkiefer, Behe­moth, Verwüster oder Steinbrecher besiegen muss. Ihr sammelt so auch mehr befriedigende Erfolgserlebnisse, als wenn ihr alles vorgebetet bekommen würdet. Allerdings sterbt ihr in ­Horizon: Zero Dawn auch häufiger als in anderen Spielen. Zumindest ab dem zweiten von vier Schwierigkeitsgraden führt das Trial-and-­Error-Prinzip unweigerlich dazu.

Großmaul: Mit am meisten Nervenkitzel erzeugte der Kampf gegen den Steinbrecher. Der Riesenwurm kommt urplötzlich aus dem Boden und schnappt mit seinem Maul nach uns. (PS4) Quelle: Games Aktuell Großmaul: Mit am meisten Nervenkitzel erzeugte der Kampf gegen den Steinbrecher. Der Riesenwurm kommt urplötzlich aus dem Boden und schnappt mit seinem Maul nach uns. (PS4) Dialogsystem: Manchmal habt ihr mehrere Antwortoptionen. Meist arbeitet ihr aber einfach alle Themen ab. Nachhaltige Auswirkungen hat die Gesprächsführung nur ganz selten. (PS4) Quelle: Games Aktuell Dialogsystem: Manchmal habt ihr mehrere Antwortoptionen. Meist arbeitet ihr aber einfach alle Themen ab. Nachhaltige Auswirkungen hat die Gesprächsführung nur ganz selten. (PS4) Wir haben diese Eigenverantwortung genossen, die uns Guerrilla Games überlässt und mit der Zeit immer mehr Spaß daran gehabt, selbst übermächtige Maschinen mit einer ausgeklügelten Strategie zur ­Strecke zu bringen. Kleiner Tipp: Sucht euch Hügel zum Verschanzen, damit euch die gefährlichen Maschinen nicht zu nahe ­kommen können.

Kleine Maschinen - wie Wächter oder Graser - lassen sich aus dem hohen Gras per Pfiff anlocken und meist mit einem Schlag erledigen. So sammelt ihr nicht nur gefahrlos ­Erfahrungspunkte, sondern auch Beute zum Craften, Modifizieren und Handeln. Die Maschinen sind durchaus aufmerksam und verfügen über eine Vielzahl an Angriffsarten. So gräbt sich der Steinbrecher durch den Boden und taucht urplötzlich vor euch auf, während der Donnerkiefer mit seinen Kanonen auch aus der Entfernung zur Gefahr wird. Diese Abwechslung macht die Kämpfe so immens packend. Daher sind wir, nachdem wir einige Erfahrungen gesammelt haben, keiner noch so bedrohlich wirkenden Maschine mehr aus dem Weg gegangen - zumal die einwandreie Steuerung ein wunderbares Spielgefühl erzeugt.

Wir brauchen dich, Aloy!

Eine enorme Vielfalt zeigt sich auch bei den Haupt- und Nebenaufgaben, die oft sehr umfangreich und in viele Zwischenziele unterteilt sind. Ihr führt Dialoge, geht Spuren nach, löst kleine Rätsel, erklimmt Berge und ­kämpft, kämpft, kämpft. Im ersten Spieldrittel spaltet sich die Hauptquest in zwei Stränge, was reizvoll ist, da ihr die Story aus verschiedenen Blickwinkeln erlebt.

Die Multiple-Choice-Dialogführung erinnert an The Witcher3. Hier zeigt sich das Mitwirken der Ex-Mitarbeiter von CD Projekt Red. Für unseren Geschmack sind die Gespräche jedoch oft zu langatmig. Außerdem wäre es schön gewesen, in Dialogen häufiger nachhaltige Entscheidungen treffen zu können - dies ist nur selten möglich.
Stealth-Machine: Der Pirscher kann sich unsichtbar machen. Dagegen helfen eine Schockbombe oder ein Angriff aus dem hohen Gras. Pirscher lassen sich auch überbrücken. (PS4) Quelle: Games Aktuell Stealth-Machine: Der Pirscher kann sich unsichtbar machen. Dagegen helfen eine Schockbombe oder ein Angriff aus dem hohen Gras. Pirscher lassen sich auch überbrücken. (PS4) Banditenpack: Die menschlichen Gegner verhalten sich meist selbstmörderisch und laufen schnurstracks in Aloys tödliche Pfeile. (PS4) Quelle: Games Aktuell Banditenpack: Die menschlichen Gegner verhalten sich meist selbstmörderisch und laufen schnurstracks in Aloys tödliche Pfeile. (PS4)
Die Varianz an Nebenaufgaben ist immens: Ihr könnt zum Beispiel Brutstätten bestimmter Maschinen erkunden und dabei erleben, wie sie hergestellt werden. Seid ihr erfolgreich, dürft ihr die jeweilige Maschine fortan überbrücken, sprich für euch kämpfen lassen oder gar reiten. In Banditenlagern befreit ihr gefangene Stammesmitglieder, müsst zuvor aber ein bis zwei Dutzend Kämpfer ausschalten. Diese verhalten sich nicht wirklich clever und gehen sogar Anlockpfiffen nach, wenn sich schon ein Leichenberg vor dem hohen Gras türmt. Allerdings sind die Banditen oft gut ausgerüstet, was durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit ein vorsichtiges Vorgehen erfordert. Einige der Bösewichte machen euch mit ­Spezialwaffen, wie Feuerspucker oder Todbringer, den Hintern heiß. Habt ihr den Elite-Bandit ausgeschaltet, dürft ihr mit seiner schweren Wumme für ordentlich Rabatz sorgen, bis das ­Magazin leer ist.

Wer auf dicke Hose machen möchte, wagt sich in die verdorbenen Zonen vor. Hier trefft ihr auf manipulierte Maschinen, die noch stärker und aggressiver sind. Schafft ihr es, ein solches Gebiet zu räumen, werdet ihr mit jeder Menge Erfahrungspunkte und Beute belohnt. Umherwandernde Langhälse stellen dagegen eine Art Aussichtstürme dar. Wer die riesigen Dino-Roboter besteigt, deckt Bereiche der großen Karte auf. Dazu kommen Jagdgebiete, in denen ihr unter Zeitdruck Aufgaben erledigen müsst, diverse Zufallsmissionen sowie Sammelobjekte, die weitere Geheimnisse der Story enthüllen. Die Aufgabenvielfalt, aber auch das Design der Missionen ist herausragend!

Du hast was drauf, Aloy!

Wie es sich für ein Rollenspiel gehört, dürft ihr eure Fertigkeiten verbessern, indem ihr die durch Stufenaufstiege verdienten Punkte investiert. Auf jedem der drei Talentbäume Jäger, Krieger und Sammler gibt es nützliche Fertigkeiten, die man gerne allzu schnell freischalten würde. Zum Beispiel den Konzentrationsmodus, der beim Zielen für einige Sekunden die Zeit verlangsamt. Praktisch ist auch das Bastler-­Feature, mit dessen Hilfe eine Waffen- oder Outfit-Modifikation nicht verloren geht, wenn man sie durch eine andere ersetzt. 36 Fertigkeiten stehen zur Wahl..

Tränke, Fallen, Munition und Beutel lassen sich mit Rohstoffen herstellen beziehungsweise vergrößern. In den meisten Gebieten animieren alle paar Meter Holzäste oder Pflanzen zum Aufsammeln. Mit der Zeit ist der Vorrat aber so groß, dass man Sachen links liegen lassen kann - oder man verkauft sie beim Händler und schafft wieder Platz im Inventar. Außerdem erhaltet ihr aus erlegten Tieren und besiegten Maschinen jede Menge Rohstoffe - wir empfehlen, den Rohstoffbeutel als Erstes zu ­vergrößern.

Talentbaum: Die Menüs sind generell angenehm übersichtlich. Mit der Fertigkeit 'Kräuterkenner' verdoppelt ihr die Kapazität des Medizinbeutels - das kann Aloys Leben retten! (PS4) Quelle: Games Aktuell Talentbaum: Die Menüs sind generell angenehm übersichtlich. Mit der Fertigkeit "Kräuterkenner" verdoppelt ihr die Kapazität des Medizinbeutels - das kann Aloys Leben retten! (PS4) Große Spielwelt: Für einen Maschinenbullen-Ritt von Ost nach West braucht ihr rund 12 Minuten, von Süd nach Nord 8 Minuten. Zu Fuß braucht ihr natürlich ein Vielfaches der Zeit. (PS4) Quelle: Games Aktuell Große Spielwelt: Für einen Maschinenbullen-Ritt von Ost nach West braucht ihr rund 12 Minuten, von Süd nach Nord 8 Minuten. Zu Fuß braucht ihr natürlich ein Vielfaches der Zeit. (PS4)

Auf dem Niveau des Hexers

Keine Frage, Guerrilla Games erfindet das Rollenspiel-Genre nicht neu, bietet aber ein ähnlich hohes ­Niveau wie The Witcher3, was wir vom RPG-Debüt der Niederländer nicht erwartet hätten. Noch besser als beim Genre-König gefällt uns die Atmosphäre von Horizon. Wenn wir durch dichtes Gestrüpp dem Sonnenuntergang entgegenlaufen, zahlreiche Vogel- und Insektengeräusche in unsere Ohren dringen und dazu schwermütige Klänge des stimmigen Orchester-Soundtracks ertönen, lässt uns dies über bereits Erlebtes nachdenken und wir hegen den Wunsch, dass dieses herausragende Abenteuer nie enden werde. Allerdings nur so lang, bis sich ein Pirscher an uns heranschleicht und diese herrliche Idylle jäh unterbricht.

Die Spielwelt ist nicht nur ex­trem detailliert und abwechslungsreich, bietet Dschungel, Wüste, Schnee, Berge oder die stimmungsvolle Stadt ­Meridian. Horizon: Zero Dawn setzt auch technisch Maßstäbe, glänzt mit knackscharfen Texturen, zahlreichen Partikeleffekten und brillanter ­volumetrischer Beleuchtung. Sogar auf der Standard-PS4 läuft das Spiel nahezu immer mit 30 Bildern pro Sekunde, ist aber wie die Pro-Fassung nicht frei von Schatten- und Detail-Pop-ups.

Das herausragendste Merkmal von Horizon ist die Geschichte, von der wir aus Spoilergründen keine Details verraten. Die Hauptstory erweist sich als derart tiefgründig und spannend, dass wir während der mehr als 50 Spielstunden ­jeden Storyfetzen verschlungen und nach neuen Enthüllungen geradezu gelechzt haben. Selten hat uns eine Open World mehr in ihren Bann ­gezogen als die Zukunfts-Steinzeitwelt der ­Killzone-Macher. Mit der ­Ego-­Shooter-Reihe hat das neue Spiel von Guerrilla rein gar nichts gemein. Dafür stecken in dem RPG Bausteine von Far Cry: ­Primal, ­Assassin's Creed, Bioshock und The Witcher, die mit eigenen Ideen und viel Kreativität zu einem Meisterwerk geformt wurden.

Wir können die Macher nur zu dieser neuen Marke beglückwünschen und sehnen uns schon nach Teil 2 der Horizon-Reihe!

Entwickler: Guerrilla Games | Hersteller: Sony | Sprache: Deutsch | Altersfreigabe: Ab 12

Meinung

Wertung zu Horizon: Zero Dawn (PS4)

Wertung:

9.0 /10
Pro & Contra
Extrem spannende und wunderschöne Open World mit jeder Menge MysterienTiefgründige und ungemein packende HauptstoryHervorragend modellierte, nachvollziehbar agierende MaschinenEnormer Umfang, große Vielfalt
Dialoge meist ohne EntscheidungenSchwache KI bei Banditen
Fazit

Äußerst packendes Rollenspiel, mit faszinierendem Setting und hochspannender Story – ein Meisterwerk!

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