Die Geschichte meines ersten PCs, Teil 3: Happy End und Lieblingsprogramme
Special
Autor Sebastian Göttling erzählt von nostalgischen Erinnerungen an seinen ersten Spiele-PC. In Teil 3 berichtet er von seinen absoluten Lieblingsspielen.
Platz 6
Ein datenschutzrechtlicher Zankapfel, der heute so nicht mehr erscheinen könnte, war Topwares D-Info. Auf einer CD-ROM waren sämtliche Telefonbücher von ganz Deutschland hintergelegt in einer einfach zu navigierenden Datenbank, die sowohl die Vorwärts-, als auch die Rückwärtssuche erlaubte. Telekom und Topware lieferten sich in den Folgejahren den einen oder anderen Rechtsstreit, deren Ergebnisse bis heute als Präzedenzfälle gelten. Nicht ganz zu Unrecht kann man die D-Info bedenklich finden, denn einer unserer damaligen Klassenkameraden betätigte sich als Stalker und bohrte bei denjenigen Leuten nach, von denen er wusste, dass sie die digitale Telefonbuchsammlung besaßen. Doch für uns Normalo-Nerds war es einfach faszinierend, diese unfassbar große Datenbank im schnöden ASCII-Gewand verfügbar zu haben, anstatt die Gelben Seiten wälzen zu müssen. Zugegeben, wir waren Teenager und haben uns unverhältnismäßig heftig darüber amüsieren können, wie viele anno 1994 im Telefonbuch eingetragene Menschen den klangvollen Nachnamen "Ficker" trugen.
Platz 5
Auf dem 1971er-Mainframe-Programm "Star Trek", benannt nach der gleichnamigen Fernsehserie, basierte "Wintrek". Ein kästchenbasiertes Strategiespiel, bei dem man die Enterprise des James T. Kirk von Sektor zu Sektor steuerte, bis sie schließlich, ganz un-Star-Trek-haft, alle gegnerischen Raumschiffe aus der Galaxie geballert hatte - rein über ein taktisches Interface, versteht sich, ganz ohne jegliche Action.
Die Darstellung der Enterprise, klingonischer Schiffe oder der Borg ebenso wie die verwendeten Original-Soundsamples aus der Serie dürften lizenztechnisch nicht mit den Rechteinhabern bei Paramount geklärt worden sein, aber in den Neunzigern war vieles noch Wildwest, wenn es um Freeware ging.
Quelle: Sebastian Göttling
Wintrek
Ganz wie "Formula One Grand Prix" war auch "Wintrek" eines dieser Programme, dank deren wunderbar automatischen Ablaufs ich meditativ meinen Kopf wieder frei bekommen konnte.
Platz 4
Apropos Star Trek! Auf dem Höhepunkt der Beliebtheit von "Star Trek: The Next Generation", kurz nach dem Serienende und in etwa zur gleichen Zeit, zu der auch der erste Kinofilm mit Captain Jean-Luc Picard herauskam, erschien mit dem "Star Trek: The Next Generation Interactive Technical Manual" ein Programm, welches die Fähigkeiten der CD-ROM unter Zuhilfenahme von Apples damals brandneuer Quicktime-VR-Engine voll ausnutzte.
Denn noch bevor in Hollywood die Kulissen der Enterprise-D abgerissen wurden, um Platz zu schaffen für Captain Janeways Voyager, schickte man ein Fototeam auf die leer stehenden Sets, um aus diversen Positionen auf der Brücke, Ten Forward, der Krankenstation, diversen Quartieren und anderen Räumlichkeiten an Bord des stolzen Flaggschiffs 360-Grad-Fotografien anzufertigen.
Quelle: Simon and Schuster Interactive
Star Trek Interactive Technical Manual
Auf Basis dieser "räumlichen Bilder" konnte man ausgesuchte Locations auf dem Schiff begehen und sich in aller Ruhe das anschauen, was in einer 45-minütigen Serienepisode bestenfalls flüchtig zu sehen war. Toll für uns Trek-Nerds - aber auch eine Idee, die dem gar nicht unähnlichen Google Street View um Lichtjahre voraus war.
Platz 3
Als ich Ende 2015 das Freeware-Programm Audacity herunterlud, um damit meinen ersten Podcast aufzunehmen, ereilten mich ungeahnt warme Retro-Feels. "Menschenskinder, das sieht ja aus wie der gute alte Wave-Editor, den ich unter Windows 3.1 hatte!" Ja, als sprachaudiophiler Mensch vergisst man niemals den Moment, in dem man seine erste Wellenform-Kurve sah.
Aufgrund des arg begrenzten Festplattenplatzes anno 1994 mussten wir uns zwar darauf beschränken, nur ultrakurze Digitalsamples auf Basis von Film, Fernsehen und eigenen Sprachaufnahmen anzufertigen, aber die verfügbaren Effekttools, das Einfügen von Echos, das Rückwärtsabspielen, das Reinzoomen und das Schneiden, all das ging mir bereits Mitte der Neunziger mit dem wunderbar intuitiv bedienbaren Wave-Editor ins Blut über und ist heute, wo ich meine eigene kleine Podcast-Firma betreibe, wichtiger Bestandteil meiner alltäglichen Postproduction-Arbeit.
Platz 2
Eigentlich wollte ich im Februar 1994 nur eine CD-ROM kaufen, welche die Multimedia-Fähigkeiten meines jungen Rechners ausreizte. Filmkunst interessierte mich damals, wenn es nicht gerade um Star Trek ging, bestenfalls nebensächlich. Trotzdem sprach mich die "Cinemania 94" von Microsoft fast schon magisch an und ich kaufte sie auf einer Computermesse in Dortmund. Von da an war es um mich geschehen.
Es sollten noch Jahrzehnte vergehen, bis man mich auch nachts um drei Uhr wecken konnte, damit ich spontan die exakten Unterschiede zwischen den kargen Filmen des schwedischen Meisterregisseurs Ingmar Bergman und dem Genre des italienischen Neorealismus aufsage, doch diese unfassbare Filmdatenbank lenkte mein Leben unaufhaltsam in cineastische Bahnen.
Angereichert mit den kompletten Rezensionssammlungen der Kritikerlegenden Leonard Maltin, Pauline Kael und allen voran meines Leib-und-Magen-Filmjournalisten Roger Ebert, dazu eine Wikipedia-ähnliche Datenbankstruktur, die es erlaubte, anhand von Schauspielenden, Regie, Entstehungsjahr und anderen Kriterien per Hyperlink kreuz und quer durch alle Filme zu springen, lud die "Cinemania 94" einfach nur zum Stöbern ein.
Meine Neugierde war geweckt!
Erstmal begab ich mich an jüngere und gefühlt zugänglichere Filme, um dann über die nächsten Jahrzehnte zunehmend abenteuerlicher zu werden und festzustellen, dass selbst sperrig erscheinende, womöglich sogar in schwarz-weiß gedrehte Filme im Kern immer als Unterhaltung gemeint sind und mich nicht bloß intellektuell stimulieren, sondern einfach rundum glücklich machen. Ich liebe gute Filme, bedingungslos. Kaum auszudenken, was passiert wäre, hätte ich damals nicht die "Cinemania 94" auf der Hobbytronic gekauft. Hinterher wäre ich noch Fußballfan geworden, auweia. Also: Danke für die all die Filme, Bill Gates.
