Mit "Hardcore" schuf Timur Bekmambetov ("Wanted") ein brutales und kompromissloses Filmerlebnis der ganz neuen Art. Der Actionthriller startet am 14. April 2016 in den deutschen Kinos.
Komplett aus der Ego-Perspektive gedreht, erleben wir gnadenlose Action am laufenden Band, direkt gesehen durch die Augen des Protagonisten Henry. Während das Computer- und Videospielern durchaus bekannt ist, stellt sie für Kinogänger etwas völlig Neues dar. Die Idee zu "Hardcore" entsprang Bekmambetovs früherem Werk, dem Musikvideo "Bad Motherfucker" seiner Moskauer Punkband Biting Elbows, welches sich innerhalb kürzester Zeit viral im Netz verbreitete.
Quelle: Capelight Pictures
Estelle montiert Henry einen neuen Arm.
"Hardcore" ist kein Film für Cineasten, er transportiert keine tiefgründige Geschichte, sondern lebt von der schnellen Action und der einmaligen Kameraführung. Er ist ein ungehobeltes und brutales Erlebnis, das uns von einer abgefahrenen Situation in die nächste schleudert. "Hardcore" wurde eindeutig von jemandem geschaffen, der mit den modernen Medien aufgewachsen ist und genauso sieht auch die Zielgruppe aus. Er spricht direkt die Generation-Youtube an, die Ego-Shooter-Spieler und WhatsApp-Nutzer.
Er erklärt nichts, denn wir alle haben schon Dutzende Filme gesehen und Geschichten gelesen, in denen Menschen künstliche Elemente an- oder eingepflanzt wurden. Ebenso ist die Story die wahrscheinlich die älteste, die es überhaupt gibt, vom mutigen Ritter, der seine Prinzessin aus den Armen des Bösewichts befreien muss. Das, was "Hardcore"zu etwas Besonderem macht, ist die Präsentation der Geschichte, die wir nicht erzählt bekommen, sondern durch die Augen von Henry erleben. Wie in einem Videospiel schlüpfen wir richtig in seine Rolle, statt nur am Schauspiel teilzuhaben. Darin liegt auch begründet, weshalb er selbst nicht spricht, weil das diese Illusion zerstören würde. Im Film lapidar damit erklärt, dass man keine Zeit mehr hatte, ihm das Sprachmodul einzubauen.Freilich erregt Hardcore auch wegen der übertriebenen Gewaltdarstellung Aufmerksamkeit, wobei Bekmambetov ein goldenes Händchen bei der Abwägung zwischen der inszenierten Brutalität und der Verzerrung ins Extreme bewies, so dass der Zuschauer nicht geschockt, sondern amüsiert wird. Immer wenn man denkt, es geht nicht noch obskurer, beweist uns der Film das Gegenteil. Denn Henry, der Protagonist ohne Erinnerung, muss jede Sekunde seiner Existenz ums Überleben kämpfen. Dazu wurde er zu einer kybernetisch aufgerüstete Kampfmaschine umgebaut, einzig mit dem Ziel, seine entführte Frau Estelle zu retten. Im futuristischen Moskau trifft er auf das Verwandlungsgenie Jimmy, der immer im richtigen Moment auftaucht und ihm gegen die biotechnisch aufgerüsteten Soldaten des psychopathischen Akan zur Seite steht. Dabei scheinen beide mehr über Henry zu wissen, als er selbst.
Quelle: Capelight Pictures
Henrys Körper als Waffe.
Neben der hektischen Ego-Perspektive setzt Bekmambetov weitere Stilmittel ein, um den Zuschauer maximal zu stressen, wie abrupte Tempowechsel im Verbund mit aberwitzigen Verrenkungen bei der Musikbegleitung. Eben noch fliegen Henry die Kugeln um die Ohren und die Knochen brechen reihenweise, schon eine Sekunde später umspült uns beruhigende Fahrstuhlmusik und jegliche Gefahr ist gebannt. Zumindest für die wenigen Sekunden bis der Trip wieder weitergeht.
Dabei kann man den Machern nur dankbar sein, das Ganze nicht in 3D gefilmt zu haben, sonst müsste man den Kinobesuchern Papiertüten mitgeben. Trotzdem bewegt sich Bekmambetov auch in 2D schon auf einem schmalen Grad des gerade noch Erträglichen. Deutlich merkt man, wie er sich bemühte, immer wieder für genügend Bewegung vorwärts zu sorgen, um keine Schwindelgefühle auszulösen, doch zum Ende des Films hin gelingt ihm das nicht mehr durchgehend. Trotzdem muss man anmerken, dass er diesbezüglich deutlich bessere Arbeit leistet als die Produzenten manch anderer Wackelkamerafilme.
