Guardians of the Galaxy angespielt: Gibt es davon nicht auch Filme?

Special Christian Fussy
Guardians of the Galaxy angespielt: Gibt es davon nicht auch Filme?
Quelle: Square Enix

Publisher Square Enix und Eidos Montreal lassen euch in Guardians of the Galaxy in die Raketenschuhe von Marvel-Held Star-Lord schlüpfen. Dabei haben sich die Entwickler in einigen Punkten bewusst von den populären Filmumsetzungen der Marvel Studios entfernt, im Großen und Ganzen erwartet uns zum Release am 26. Oktober 2021 aber ein Produkt, das zweifelsohne von Grund auf von diesen inspiriert wurde. Wir konnten bereits eine Mission anspielen und ein erstes Zwischenfazit ziehen.

Als die Guardians of the Galaxy 2014 zu Marvel Studios' Cinematic Universe stießen, hatten die wenigsten Kinozuschauer wohl Vorwissen darüber, wer Star-Lord, Gamora oder Drax the Destroyer sind. Und auch wenn die Guardians in den Comics bereits seit mehreren Dekaden in verschiedensten Formen existieren, hatte der Film so viele neue kreative Elemente, dass wahrscheinlich selbst eingefleischte Fans der Charaktere das Gefühl hatten, etwas gänzlich Eigenständiges zu sehen.

Wo die Hintergrundgeschichten von Gamora, Drax und Rocket größtenteils recht identisch zu ihren Comic-Vorlagen sind, wurden Herkunft und Familie von Hauptfigur Star-Lord/Peter Quill (Chris Pratt) für den Film abgeändert, um diesem einen stärkeren emotionalen Kern und in Quills Liebe zur Musik der 70er und frühen 80er-Jahre ein Leitmotiv zu geben.

Die Videospielumsetzung von Eidos Montreal verfügt zwar nicht über die Originalschauspieler aus den Filmen oder über deren Aussehen, enthält aber sonst viele Elemente, die durch die Kinoversion von Autor und Regisseur James Gunn populär gemacht wurden. Seien es Peter Quills Liebe zur Musik, Drax' mangelndes Verständnis für Metaphern und Sprachbilder, oder der Name von Quills Raumschiff, der von 80er-Jahre-Kinderstar Alyssa Milano (Wer ist hier der Boss, Phantom Kommando) abgeleitet ist: Eidos' Guardians ist unbestreitbar an die Marvel-Studios-Interpretation angelehnt und bedient sich ordentlich bei deren Tonfall und Style. Aber reichen Wortwitz, Kuriositäten und Classic Rock Songs aus, um einen ähnlichen Überraschungshit zu landen?

Alles beim Alten?

Wir durften bei einem Preview-Event erstmals selbst den Controller in die Hand nehmen und das fünfte Kapitel des Spiels ausprobieren. Das startet im Cockpit der Milano, wo die Guardians eine Diskussion darüber führen, ob sie eine kürzlich erbeutete Geldsumme dafür verwenden sollen, eine von den Nova Corps verhängte Strafe zu bezahlen und damit ein Problem weniger am Hals zu haben. Während Rocket der Meinung ist, der Kauf von neuen Teilen für die Reparatur des Schiffes sollte priorisiert werden, argumentiert Star-Lord dafür, stattdessen zuerst die Schulden zu begleichen. Die Spannungen zwischen den beiden Helden stehen im Verlauf des Kapitels noch häufiger im Mittelpunkt, aber vorerst kann Peter Quill seinen Freund und Mechaniker von seinem Standpunkt überzeugen.

Danach können wir die Milano auf eigene Faust erkunden. Jede Hauptfigur hat ein eigenes Zimmer, in dem wir mit verschiedenen Objekten interagieren und so Dialoge mit den Teammitgliedern starten können. Das erinnert ein wenig an die Gespräche in der Mass-Effect-Reihe, anders als in den Abenteuern um Commander Shepard haben wir als Star-Lord aber nicht wirklich eine Möglichkeit, den Verlauf der Gespräche zu beeinflussen. Wir erfahren lediglich mehr über die Figuren, ihre Herkunft und Beweggründe.
Guardians of the Galaxy angespielt: Gibt es davon nicht auch Filme? (3) Quelle: Square Enix Guardians of the Galaxy angespielt: Gibt es davon nicht auch Filme? (3) Wirkliche Entscheidungen gibt es in der Story nur an bestimmten Stellen zu treffen, und auch da halten sich die Auswirkungen - zumindest in dem Kapitel, das wir spielen durften - bisher noch in Grenzen. Aber dazu gleich mehr.

Ausflug zum Polizeiplaneten

Im Laufe des Spiels sollen neben den Guardians auch noch weitere Figuren zur Besatzung der Milano dazustoßen, mit denen wir uns zwischen den Missionen unterhalten können. Darüber hinaus können wir die Werkbank benutzen, wo mit Ressourcen neue Kampftaktiken freigeschaltet werden, und die Musikbox betätigen. Auf dieser befindet sich eine Auswahl an Rocksongs der späten 70er- und der 80er-Jahre, darunter Hits von Joan Jett, Kiss, Iron Maiden, Rick Astley und New Kids on the Block.

Haben wir unsere Vorbereitungen getroffen und mit unseren Kameraden geredet, beginnen wir den Landeanflug auf die Nova-Corps-Basis. Dort angekommen, merken die Guardians sofort, dass etwas nicht stimmen kann: Der komplette Stützpunkt ist wie leergefegt und Peters Kontakt Ko-Rel nirgends auffindbar.

Die Mission setzt sich aus zwei Teilen zusammen. In der ersten Hälfte streifen wir durch die verlassene Basis und suchen nach Anhaltspunkten, was dort passiert sein könnte. Mit R3 schalten wir dabei in eine Ansicht, die Objekte, mit denen interagiert werden kann, hervorhebt. Stoßen wir auf eine verschlossene Tür, können wir Rocket bitten, diese zu öffnen. Manchmal müssen wir aber auch Energie umleiten oder einen Öffnungsmechanismus finden. Während wir das Gebiet erkunden, diskutieren die Guardians auch untereinander. An einigen Stellen können wir uns dann auf Knopfdruck in das Gespräch einmischen und einen Kommentar zum Gesagten abgeben. In der Demo hatte dies keinen direkten Einfluss auf die Geschehnisse, sondern führte höchstens zu leicht unterschiedlichen Antworten der beteiligten Teammitglieder. Wer alle Räume gründlich durchsucht, findet in der Station einen zurückgelassenen Gefangenen, der auf Wunsch befreit werden und dann später im Spiel erneut angetroffen werden kann.

In einer Kommandozentrale finden die Guardians schließlich einen Helm, der mit dem Kommunikationsnetzwerk der Nova Corps verbunden ist. Star-Lord kann entweder in das Gerät sprechen und eine Patrouille zu sich rufen, um endlich zu erfahren, warum sonst niemand mehr auf der Station zu sein scheint, oder der Situation misstrauen und den Helm liegenlassen, wo er ist.
Guardians of the Galaxy angespielt: Gibt es davon nicht auch Filme? (2) Quelle: Square Enix Guardians of the Galaxy angespielt: Gibt es davon nicht auch Filme? (2) Die offensichtlich richtige Entscheidung erspart uns einen Kampf und verhilft uns im weiteren Verlauf zu einem kleinen Vorteil durch einen uns gelegen kommenden Überraschungsmoment. Weitreichende Konsequenzen für die Geschichte hat die Entscheidung jedoch nicht. Ebenso wie eigentlich auch alle anderen, kleinen Entscheidungen, die wir im Lauf des Levels getroffen haben. So oder so müssen wir uns also in den Kampf stürzen.

Kontrolliertes Chaos

Dort stehen uns mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, unsere Gegner auszuschalten. Halten wir die rechte Schultertaste gedrückt. feuert Star-Lord seine Pistolen, auf R1 liegt hingegen ein Elemantarschuss, der einen Statuseffekt auslöst, in unserem Fall Frost. Mit L2 können wir einen bestimmten Gegner anvisieren, mit der Kreistaste/B ausweichen und mit Viereck/X eine Nahkampfattacke ausführen. Da die Zielerfassung essenziell ist, um Gegner zu treffen, nervt es, dass diese nicht nur durch Treffer von Gegnern, sondern auch durch eigene Ausweichmanöver abgebrochen werden kann. Einen Feind plötzlich nicht mehr im Visier zu haben und ins Leere zu ballern, geht einem bereits nach wenigen Kämpfen auf den Keks.

Mit Star-Lords Angriffen können die meisten Gegner trotzdem recht problemlos ausgeschaltet werden, für gepanzerte Feinde müssen wir allerdings auf die Hilfe der restlichen Guardians setzen. Diese kontrollieren wir mit Druck auf L1 über ein Rad, mit dem wir erst unser Teammitglied und dann die gewünschte Attacke auswählen. Wurde diese ausgeführt, müssen wir eine Abklingzeit abwarten, bevor der Mitstreiter wieder angriffsbereit ist.

Verschiedene Attacken haben unterschiedliche Effekte. Manche bringen beispielsweise Gegner zum Straucheln, andere halten sie an Ort und Stelle fest. Oftmals können solche Gegner dann mit einem eingeblendeten Button-Prompt schnell ausgeschaltet werden.

Gewonnene Erfahrung fließt dann in die Verstärkung der einzelnen Attacken. Da sich alle Guardians aus demselben Pool an Erfahrungspunkten speisen, sollte man diese also halbwegs fair verteilen, um starke Kombos schnell hintereinander ausführen zu können.

Jeder Guardian kann die gleichen Arten von Attacken ausführen und damit die gleichen Effekte bei Gegnern auslösen. Allerdings ist eine bestimmte Schadensart immer stärker als bei den anderen Guardians. Die Entwickler verrieten uns, dass es aufgrund von Multiplikatoreffekten dennoch ratsam sein kann, auch bei Guardians, die nicht auf die gewünschte Schadensart spezialisiert sind, einen Punkt zu investieren, um etwaige Kombos zu verstärken. Guardians of the Galaxy angespielt: Gibt es davon nicht auch Filme? (4) Quelle: Square Enix Guardians of the Galaxy angespielt: Gibt es davon nicht auch Filme? (4) Während des Kampfes füllt sich zudem eine Leiste. Ist diese auf Maximum, können wir mit L1 und R1 einen Huddle bilden. Die Guardians stellen sich also Schulter an Schulter nebeneinander auf und beratschlagen wie beim Football ihre weitere taktische Vorgehensweise. Hier gilt es, als Star-Lord schnell und angemessen auf die Bedenken der Kameraden zu reagieren. Die verschiedenen Probleme und Antwortmöglichkeiten sind von Rock- und Popsongs inspiriert und müssen jeweils so ausgewählt werden, dass sie zueinander passen. Schafft es Star-Lord, die Zweifel der restlichen Guardians auszuräumen, erhält die gesamte Truppe einen Bonus und die Abklingzeit der Attacken fällt aus. Geht man hingegen nicht richtig auf die Beschwerden ein, erhält lediglich Star-Lord einen Bonus. Ausgeknockte Guardians werden durch einen Huddle so oder so wieder geheilt. Nach dem Huddle spielt Star-Lord einen zufälligen Song aus der Playlist seines Walkmans, der dann für die Dauer des Verstärkungseffektes läuft.

Im Schatten des großen Vorbilds

Auf rein mechanischer Ebene funktioniert dieses System ziemlich gut. Es macht Spaß, die verschiedenen Angriffe miteinander zu kombinieren und auch, wenn Steuerung und UI anfangs ein bisschen überladen wirken, schlugen wir uns schon nach kurzer Zeit recht gut in den Kämpfen. Viele Areale sind allerdings ziemlich eng und zusätzlich zugestellt mit Objekten, die die Sicht auf Gegner versperren. Kombiniert mit dem unzuverlässigen Lock-on-System führte das häufig zu chaotischen Momenten, im negativen Sinne.

Die Huddle-Funktion ist im Ansatz eine super Idee, allerdings kommt dabei auch eine der größten Schwächen des Spiels deutlich zum Vorschein: Die Dialoge zwischen den Guardians sind teilweise arg kindisch und lassen das Team oft wirken wie eine Gruppe aufgedrehter Teenager, und nicht wie Veteranen der Weltraum-Piraterie. Die Tatsache, dass der Huddle ein zufälliges Lied abspielt, führt dazu, dass ein Song häufig unpassend und manchmal sogar störend wirkt. So gerne man Bonnie Tylers Powerballade Holding Out For A Hero auch leiden mag, wenn ein Ausschnitt davon plötzlich auf voller Lautstärke über einen beliebigen Kampf läuft, motiviert das nicht schlagartig zu neuen Höchstleistungen, sondern lenkt vom eigentlichen Geschehen ab.
Guardians of the Galaxy angespielt: Gibt es davon nicht auch Filme? (5) Quelle: Square Enix Guardians of the Galaxy angespielt: Gibt es davon nicht auch Filme? (5) Allgemein lässt sich sagen, dass die Musik mit wesentlich weniger Feingefühl in das Spiel eingebaut wurde, als das in den Filmen der Fall ist. Auch die Auswahl wirkt um einiges beliebiger. Dennoch muss man Studio Eidos Montreal zumindest in einer Sache einen Fleißstern an die Brust heften: Für die Band Star-Lord, deren Namen Peter Quill in dieser Version für sich beansprucht hat, wurde ein eigenes Album komponiert, das auf Heavy Metal und Glam Rock setzt, was zwar auch nicht immer passt, aber zumindest für ein bisschen Abwechslung zwischen den vielen altbekannten Classic-Rock- und Pop-Songs sorgt.

Dass auch tonal nicht die Genialität erreicht wird, mit der Regisseur James Gunn zwischen ergreifenden und komischen Szenen in seinen Filmen hin- und herspringt, war schon im Vorfeld anzunehmen, unterm Strich ist das aber verkraftbar. Immerhin merkt man, dass das Autorenteam zumindest versucht hat, dieselbe Balance aus ehrlichem Drama und Albernheit einzufangen, die die Kino-Interpretation der Figuren so charmant macht. Auch die englischen Sprecher und Sprecherinnen liefern durch die Bank gute Arbeit ab, besonders Rocket und Drax profitieren von ihren markanten Stimmen. Einzig Star-Lord wirkt mit seiner dumpfbackigen Art und seinem häufig arrogantem Auftreten wie ein echter Unsympath.

Womöglich wird sich dies im Lauf der Handlung noch ändern, bisher wirkt der Anführer der Guardians aber eher wie ein selbstverliebter College-Bro, der sich für den lustigsten Typen der Welt hält, denn wie der sympathische Lebemann und Maulheld, den Chris Pratt in den Filmen verkörpert. Die emotionale Distanz zur Hauptfigur hat zumindest bei uns dafür gesorgt, dass uns viele von Star-Lords schnippischen oder verdutzten Kommentaren dann auch kein Lachen abringen konnten. Dass es sich hier um eine extrem subjektive Einschätzung handelt, sollte aber jedem klar sein. Womöglich wächst uns der Kindskopf bei einer längeren Spielesession ja auch noch ans Herz. In den knapp drei Stunden, die wir mit dem Spiel verbringen konnten, war er aber der klare Schwachpunkt im Ensemble.

Guardians of the Galaxy erscheint am 26. Oktober 2021 für PC, PS5, PS4, Xbox Series X/S, Xbox One sowie als Cloud-Version für die Nintendo Switch.

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