Gris im Test: Warum das künstlerische Indie-Adventure für den PC und die Nintendo Switch ein Muss für alle Ästheten ist
In den meisten Spielen geht es heiß her: Es wird geschossen, gerangelt und auch mal gestorben. Das Indie-Adventure Gris, das am 13. Dezember 2018 für den PC und die Nintendo Switch erschienen ist, geht einen ganz anderen Weg. Warum dem spanischen Indie-Entwickler Nomada Studio ein ästhetisch wertvolles Debüt gelungen ist.
Quelle: PC Games
Auf eurer Reise sammelt ihr Lichter, die sich an bestimmten Stellen zu Sternbildern verbinden. (PC)
Unverhofft kommt wahrlich oft - diese schmerzliche Tatsache muss Gris (jetzt kaufen 30,10 € ) im gleichnamigen Indie-Spiel am eigenen Leibe erfahren. So verliert sie nicht nur urplötzlich ihre geliebte, kräftige Stimme, sondern muss zu allem Unglück auch noch tatenlos dabei zusehen, wie ihre schützende Heimat in tausend Stücke zerbirst und jegliche Farbe aus ihrer Welt weicht. In der Folge fällt sie sprichwörtlich aus allen Wolken und verliert ihren gesamten Lebensmut.
Verloren, vereinsamt und völlig verzweifelt schleppt sich die junge, gebrochene Frau zu einer verwilderten Ruine und blickt hoffnungsvoll ins verblasste Firmament. Fest entschlossen, Gris ihre Stimme zurückzugeben, macht ihr euch auf die Suche nach den verlorenen Sternen und setzt alles daran, die grau gewordene Spielwelt wieder mit neuer Hoffnung einzufärben.
Mit viel Fantasie und Interpretation
Gris' gefühlsbetonte Reise durch die berühmten fünf Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross wird euch nicht in Wort oder Schrift erklärt, sondern allenfalls mithilfe zahlreicher Symboliken vermittelt. Nach einer eindeutigen Handlung sucht man in Gris demnach vergeblich, das Geschehen liegt vielmehr im Auge des Betrachters. Diese Form des eigenständigen Storytellings kann man nun mögen oder auch nicht - so oder so hätte eine deutlichere Gestaltung von Gris' emotionaler Gratwanderung dem atmosphärischen Erlebnis sicherlich nicht geschadet.
Wo keine Gefahren lauern ...
Quelle: PC Games
Auf Perspektive und Bildausschnitt habt ihr keinen Einfluss. Selten seid ihr Gris ganz nah. (PC)
Eure Sternensuche führt euch durch sechs unterschiedlich gestaltete Abschnitte, in denen ihr hauptsächlich lauft und springt. Nach und nach erlernt Gris - oder besser gesagt ihr Kleid - hilfreiche Fähigkeiten. So kann sich die junge Frau etwa in einen klobigen Steinblock verwandeln, schnell schwimmen oder gar mit ihrem zurückgewonnenen Gesang ihre Umgebung aufblühen lassen. Mit den Fähigkeiten löst ihr die zahlreichen Rätselchen, denen ihr auf eurer Reise begegnet. Mit dem Steinblock-Skill bricht Gris zum Beispiel durch bröckelige Böden, um neue Orte zu erreichen, oder hält durch die Verwandlung orkanartigen Böen stand. Das sorgt für eine gute Portion Abwechslung im restlichen, doch recht überschaubaren Gameplay.
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Um die simplen Rätselchen zu lösen, muss Gris ihre nach und nach erlernten Fähigkeiten einsetzen. (PC)
Die kreativen Rätsel bleiben im gesamten Spielverlauf eher simpel und bringen euch kaum ins Schwitzen. Das ist einerseits bedauerlich, da man aus Gris' interessantem Fähigkeitenrepertoire sicherlich noch einiges mehr hätte rausholen können, andererseits erhebt Gris auch gar nicht den Anspruch, besonders herausfordernd oder gar schwierig zu sein. So ist es etwa überhaupt nicht möglich, zu kämpfen, zu sterben oder auch nur vom Weg abzukommen. Letzteres liegt vor allem an der strikten Linearität des Spiels, die euch unter anderem daran hindert, bereits erkundete Abschnitte erneut zu besuchen. Dank der weitläufigen Gebiete und des freien Spielgefühls fühlt man sich aber nie eingeschränkt. Dass man sich trotz fehlender Hinweise und Anleitungen immer zurechtfindet und weiß, wohin es als Nächstes geht, zeugt übrigens von einem wirklich vorbildlichen, unaufdringlichen Leveldesign.
Leider steht dieses Video für Smartphones nicht zur Verfügung.Ein atmosphärischer Knaller
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Die immer bunter werdende, atmosphärische Wasserfarbenwelt ist unglaublich schön anzusehen. (PC)
Dass ihr bis auf wenige Ausnahmen keiner Menschenseele begegnet, keiner ernsthaften Gefahr ausgesetzt seid und euch auch sonst nicht wirklich anstrengen müsst, ist stellenweise tatsächlich etwas ermüdend. Gris schafft es jedoch, eure Motivation mithilfe eines absolut fantastischen und äußerst ästhetischen Erlebnisses aufrechtzuerhalten. Nebst der reibungslosen Performance überzeugt das eindrucksvolle 2D-Abenteuer insbesondere auf der Bild- und Tonebene. Sowohl die künstlerische Wasserfarbenwelt als auch die orchestrale, musikalische Untermalung sind wirklich atemberaubend schön. Da verschlägt es nicht nur der lieben Gris die Sprache.
Wenig Spiel, trotzdem schön
Quelle: PC Games
Nur sehr selten begegnen euch andere, lebendige Wesen wie etwa dieser kubistische Apfelfresser. (PC)
Nur rund vier Stunden dauert die Suche nach den verlorenen Sternen. Wer Lust hat, macht sich danach auf die Jagd nach den wenigen verbleibenden Sammelobjekten und Errungenschaften. Das Enträtseln der Geheimnisse verlangt euch dabei tatsächlich noch ein wenig Spielzeit ab. Das liegt aber leider auch an der Tatsache, dass die Anforderungen für die eher kryptisch benannten Erfolge nicht einsehbar sind und meist darin bestehen, an bestimmten Stellen eine spezifische Fähigkeit einzusetzen. Besonders einleuchtend oder nachvollziehbar ist das nicht wirklich.
Beim zweiten Durchlauf könnt ihr die spielbaren Kapitel einzeln ansteuern. Gris' Fähigkeitenrepertoire wird dabei an den jeweiligen Handlungsfortschritt angepasst. Kehrt ihr also in den ersten Abschnitt zurück, ist die Welt wieder grau und eure starke Protagonistin hilf- und kraftlos. Die Zwischensequenzen könnt ihr überdies leider nicht überspringen. Nachdem man alles gesehen und gesammelt hat, gibt es leider kaum Gründe, erneut in die schöne Aquarellwelt einzutauchen. Wer sich an der überschaubaren Spieldauer jedoch nicht stört, findet in Gris ein äußerst ton- und bildstarkes Indie-Spiel, das zum Nachdenken anregt.