Publisher Jowood attackiert PC PowerPlay: Das Spielemagazin legt in seiner neuesten Ausgabe die Hintergründe offen. Über die Beweggründe für diesen Schritt spricht Chefredakteur Martin Deppe im Interview.
4Players: Ein verbuggtes Spiel, auf das sich ein ganzes Land freut; ein Entwickler, der massive Fehler eingesteht; ein Publisher, der der Presse droht. Wo liegen deiner Meinung nach die Uraschen in diesem Fall? Der Termin? Der Druck?
Martin Deppe: Druck und Termine gibt’s bei jedem einzelnen Spiel. Es immer nur die Frage, wie viel. Wenn, wie bei Gothic 3, die letzten Dateien mitten in der Nacht fertig geworden sind, wundere ich mich schon, wie da gearbeitet wird. Jahrelang an einem Spiel schrauben, und dann wird’s nachts fertig? Das klingt zwar cool, aber auch nach Flickschusterei.
Dass der Druck bei so einer langen Entwicklungszeit groß ist, ist ja kein Wunder. Schließlich müssen nicht nur die Kosten wieder reingeholt, sondern auch Aktionäre befriedigt werden. Und die schert es einen Kehricht, ob ein Spiel verbuggt ist oder nicht - da zählen ausschließlich Verkaufsdatum und -zahlen. Die aus Aktionärssicht ja stimmen: pünktlich im Laden, grandiose Verkäufe. Meinen Glückwunsch an die Jowood AG!
4Players: Kannst du nachvollziehen, warum so viele Print- und Online-Magazine Gothic 3 trotz der schweren und deutlichen Bugs gefeiert haben?
Martin Deppe: Da kann ich nur vermuten, und das will ich nicht.
4Players: Wir bekommen sehr viele Zuschriften von Lesern, die gerade nach Gothic 3 von einigen Teilen der Presse enttäuscht sind; viele erwähnen die Kündigung ihres Abos. Kannst du das verstehen? Hat diese Branche ein Glaubwürdigkeitsproblem?
Martin Deppe: Das verstehe ich absolut. Wenn ich gerade 40, 50 Euro für ein Spiel hingelegt habe, das mir jemand empfohlen hat, dem ich dafür ebenfalls Geld gegeben habe, bin ich natürlich sauer. Und frage mich, ob ich für solche Empfehlungen weiterhin Geld ausgeben will.
Die Branche hat meines Erachtens aber kein generelles Problem mit der Glaubwürdigkeit. Ich halte Gothic 3 für einen Extremfall - bisher gab es ja auch keine dermaßen großen Wertungs-Unterschiede bei wichtigen Spielen.
4Players: Unsere Kolumne “Spielebranche am Apparat. Bei Anruf Award?” ist auf reges Interesse gestoßen und hat unseren kritischen Herbst eingeleitet. Wir wollen in einer Artikelreihe auf die Missstände in der Branche aufmerksam machen – sowohl auf Publisher- als auch Presseseite. Einige Kollegen sprechen von Nestbeschmutzung. Was hältst du von diesem Vorhaben?
Martin Deppe: Das Problem eurer Serie ist natürlich, dass ihr keine Namen nennen dürft, weil ihr die „Zeugen“ schützen müsst - aber durch diese Anonymität Leser und Spieler verunsichert. Denn die wissen jetzt nicht mehr, wem sie künftig denn noch glauben dürfen.
Persönlich erlebt habe ich, wie oben schon gesagt, solche Vorkommnisse nur zweimal. Auch die kleineren „Vergehen“, die ihr beschreibt, sind mir oder meinen Mitarbeitern nicht untergekommen.
4Players: Wie sah das in den Anfangszeiten der Spielepresse aus? Hat sich die Situation, hat sich der Druck auf Wertungen und Magazine aus deiner Sicht verschärft?
Martin Deppe: Früher waren Spiele bei weitem nicht so teuer in der Entwicklung, und sie hatten nicht die wirtschaftliche Bedeutung wie heute. Dafür gab es aber auch weniger Zeitschriften, und noch keine Webseiten. Es war auch nicht üblich, dass TV-Zeitungen regelmäßig Spiele testen.
Der Druck, als erster und/oder exklusiv über ein Thema zu berichten, ist dadurch deutlich größer geworden. Was auch in Ordnung ist - solange man wegen des Drucks kein Spiel höher einschätzt oder gar höher bewertet, als es das verdient.
4Players: Was empfiehlst du einer Redaktion, wenn sie von einem Publisher am Telefon unter Druck gesetzt wird?
Martin Deppe: Sachlich, höflich, aber bestimmt bleiben. Wenn das nicht geht, weil der Anrufer unsachlich, unhöflich, aber umso bestimmter ist, besser das Gespräch beenden. Wenn’s extrem wird, wie bei uns und Gothic 3, den eigenen Anwalt informieren und auf ihn verweisen, wenn der Publisher wieder anruft.
Ach ja: bis Hundert zählen hilft auch.
4Players: Abschließend noch mal Gratulation zu eurem Artikel, der den Leser hinter die Kulissen der Spielebranche blicken lässt. Ist das eine einmalige Aktion oder wollt ihr das in Zukunft öfter machen?
Martin Deppe: Drohanrufe lassen sich leider nicht planen. Sonst wär’s ja auch langweilig ...
4Players: Vielen Dank für das Interview.
