Gibbous: A Cthulhu Adventure im Test: Charmantes Adventure rund um Katzen und Kulte
Test
Durch die Adern des oft totgesagten Point&Click-Adventure-Genres fließt frisches Herzblut mit Mystery-Einschlag: Gibbous: A Cthulhu Adventure greift die klassische Point&Click-Formel auf und nutzt sie für eine verspielte Hommage an H.P. Lovecraft und Co. Ob Gibbous eine eigene Identität aufweist oder im Schatten seiner Vorbilder zurückbleibt, das erfahrt ihr bei uns im Test.
Buzz Kerwan steht vor einem ungewöhnlichen Problem: Seine Katze spricht, und sie ist nicht sonderlich erfreut darüber. Schuld an dem Debakel ist das Necronomicon, ein berüchtigtes Buch voller okkulten Magie und dunkler Geheimnisse, das dem jungen Teilzeit-Bibliothekar wortwörtlich in die Hände gefallen ist. Buzz, seine sprechende Katze Kitteh - Buzz hat sich anscheinend bei der Namensgebung richtig viel Mühe gegeben - und ein abgebrühter Privatdetektiv namens Don R. Ketype müssen jetzt einen Weg finden, die Mieze zu "entmenschlichen" und ganz nebenbei eine verworrene Verschwörung um das Necronomicom aufdecken, inklusive wahnsinniger Kulte und viel Fisch.
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Zurück zu den Wurzeln
Im Gegensatz zu moderner gestalteten Ablegern des Adventure-Genres, wie Telltale's Walking Dead, orientiert sich Gibbous bewussten an klassischen Point&Click-Adventures. Mit der Maus navigiert und interagiert ihr wie gewohnt mit den verschiedenen Räumen respektive Bildschirmen. Dabei hat man wie bei alten Lucasarts-Abenteuern beinahe das Gefühl, durch ein Gemälde zu laufen; auch, wenn sich hier dank liebevoll gestalteter Animationen wesentlich mehr bewegt. Seinen Vorbildern zollt Gibbous durch allerlei Anspielungen Respekt, also etwa Day of the Tentacle. aber auch dem Film Noir und Transsylvanien, der Heimat der Vampire und auch der Entwickler des Abenteuers. Trotz der teils makabren Inspirationen präsentiert sich Gibbous in einem fröhlichen Cartoon-Look und bleibt auch bezüglich des Humors jugendfreundlich, ohne dabei aber kindisch zu wirken.
Dem Bezug auf die Adventure-Genre-Anfänge zum Trotz erwarten euch moderne Komfortfunktionen: Drückt man die Leertaste, so wird jeder Interaktionspunkt samt Name hervorgehoben. Per Doppelklick auf Pfeile am Bildschirmrand kann man zum nächsten Raum springen, ohne sich eine Laufanimation ansehen zu müssen. Sollte man gerade keine Lust auf einen längeren Monolog der Spielfigur haben, kann man diesen per Mausklick unterbrechen. Das ist nützlich, man sollte aber trotzdem nicht zu viel Gebrauch davon machen. Schließlich haben sich die Entwickler sichtlich Mühe gegeben, zu jedem interagierbaren Objekt zumindest ein paar interessante oder witzige Zeilen zu schreiben. Wie für das Genre üblich, müsst ihr auch Rätsel lösen. Furchtbar anspruchsvoll sind die meisten davon nicht, was aber immerhin verhindert, dass wir wie anno dazumal in absolute Logik-Sackgassen laufen. Scheinbar willkürliche, aber für eine Knobelei korrekte Item-Kombinationen gibt es in Gibbous kaum. Obendrauf gibt das Spiel elegant Tipps, etwa in Form des Notizblocks des Detektivs oder in den Dialogoptionen mit Kitteh.
Drei Freunde müsst ihr sein
Quelle: PC Games
Wie jeder gute Noir-Detektiv grübelt auch Ketype gerne über seine schmerzhafte Vergangenheit
Für Abwechslung sorgt Gibbous auch, indem es euch gleich drei Hauptcharaktere an die Hand gibt. In den verschiedenen Teilen der Story steuert ihr meist entweder Don, der wie aus einem Film Noir herausgerissen scheint, oder Buzz samt Kitteh. Unsere Mieze ist dabei, wie man es vielleicht von der eigenen Katze kennt, nicht immer kooperativ. Meist hilft sie Buzz bloß wiederwillig dabei, Rätsel zu lösen. Hin und wieder dürft ihr sie aber eben auch direkt steuern. Ihre sarkastischen Kommentare unterhalten auf jeden Fall immer. Lovecraft war übrigens selbst ein großer Fan von Katzen, mehr als von Menschen. Kitteh hätte ihm also wohl gefallen.
Vor allem im ersten Viertel des Spiels scheint Don sich etwas besser in die Spielwelt einzufügen als Buzz. Don wirkt gerade wegen seiner bewusst klischeehaften Gestaltung charmant. Statt beim Betrachten von Objekten mit sich selbst zu reden, wie es Buzz tut, bekommt man in Gestalt des Detektivs einen inneren Monolog im typischen Noir-Stil serviert, selbstverständlich mit rauer Stimme und im Präteritum. Als Hommage an eine Ära, die man fast nur noch durch solche Referenzen kennt, passt Don gut in eine Spielwelt, die selbst Hommage an alte Horrorgeschichten und Videospiele ist. Im Gegensatz dazu wirkt Buzz in der mysteriösen Spielwelt eher wie der Typ von Nebenan und fast fehl am Platz. Dieses Gefühl legt sich allerdings schnell. Vor allem beim Besuch in Transsylvanien, wo Buzz' Vorfahren herkommen, glänzt sein Charakter.
Auch in spielerischer Hinsicht unterscheiden sich Don und Buzz: Während Mister Ketype nach einer Begegnung mit dem Übernatürlichen wie ein Medium die Stimmen von Menschen hören kann, die bestimmte Objekte berührt haben, kann Kitteh Buzz Zugang zu abgelegenen Orten und schwer erreichbaren Gegenständen verschaffen.
Detailreiche Welt voller schräger Typen
Quelle: PC Games
Gibbous hält sich mit den Wortwitzen nicht zurück.
Die Suche nach einer Möglichkeit, Kitteh wieder ihre Sprache zu nehmen, führt euch durch eine Reihe verschiedener Schauplätze: Vom dunkel-düsteren Häusermeer Darkhams über Paris, Transsylvanien und Fishmouth samt seiner streng riechenden Einwohnern wird hier viel geboten. Bevölkert werden die liebevoll und detailreich gestalteten Kulissen von allerlei skurrilen Gestalten. Zu den Highlights unter diesen Neben-und Hintergrundcharakteren gehört sicherlich eine Kunstkritikerin, die euch bereitwillig über den angeblichen kunstgeschichtlichen Wert jedwelchen Krempels aufklärt, den ihr mit euch herumschleppt. Und Gastwirt Finman, der immer so, so hungrig ist und Fremde zum Fressen gern hat, wird uns auch noch lange in Erinnerung bleiben. Und die Handlung entwickelt sich auf ansprechende Art und Weise in interessante Richtungen, die man so zu Beginn der Reise definitiv nicht vorhergesehen hätte, und wird dabei immer abgefahrener. Ganz zu Ende hin wird die ganze Geschichte allerdings zu verworren und lässt einige Handlungsstränge unaufgelöst ins leere Laufen.
Der Humor des Spiels funktioniert meistens gut, von einigen flachen Wortwitzen und weltpolitischen Anspielungen mal abgesehen. Vor allem in den ersten zwei Stunden verlässt sich Gibbous auch viel auf Meta-Humor. Das ist an sich kein Problem, wirkt an manchen Stellen aber zu bemüht. An Liebe zum Detail mangelte es den Entwickler auf jeden Fall nicht, wie sich anhand unzähliger lustiger versteckter Easter Eggs zeigt. In einem Bücherregal stoßt ihr für jeden Buchstaben des Alphabets je einen Buchtitel, stets vom gleichen Autor. In Don R. Ketypes Akten findet ihr neben allerlei anderen Infos die Hintergrundgeschichte einer Person, nach der im Spiel eine Straße benannt wurde. Und ungewöhnlich für ein Adventure, gibt es sogar die ein oder andere optionale Aufgabe. So entdeckt man ein zwölfseitiges verschlüsseltes Tagebuch, dass man mit etwas Kopfarbeit übersetzen kann und dann allerlei coole Hintergrunddetails zur Geschichte erfährt.
Englischer O-Ton
Wie bereits anfangs erwähnt, erinnert die Präsentation des Spiels oft an ältere Lucasarts Titel, wenn auch stilistisch auf - sehr gut gelungene! - Eigenständigkeit gesetzt wird. Die Macher spielen viel mit unterschiedlichen Farben und detaillierten Animationen von Freund und Feind. Man will gar nicht glauben, dass das Team hinter dem Spiel nur zwei Mann und eine Frau stark ist. Nicht in dieser Rechnung enthalten sind die Synchronsprecher, die vereinzelt mittelmäßig, aber zum großen Teil recht gut sind. Oft verfügen die Figuren über interessante Akzente oder sprachliche Eigenheiten, welche sie auszeichnen. Leider war eine deutsche Sprachausgabe im Budget offenbar nicht drin. Die deutschen Texte sind aber großteils hochwertig geschrieben, wenn auch einige Wortwitze die Übersetzung logischerweise nicht überlebt haben. Und einige Übersetzungsfehler, wie etwa "Schild" für "Sign", obwohl offensichtlich "Symbol" gemeint ist, reißen einen manchmal aus der Immersion. Das sollte aber niemanden davon abhalten, in die trüben, aber schön gezeichneten, Wasser von Gibbous abzutauchen. Denn auch, wenn es das Adventure-Genre nicht neu erfindet, ist es doch ein würdiger Vertreter mit viel Charme und Herz.
