Kathas Comic-Corner: Schönheit - Ein Märchen über Könige, Kriege, Feen und ein hässliches kleines Mädchen, das über Nacht zur sagenhaften Schönheit wird.
Morue ist hässlich: Segelohren, fliehendes Kinn, Glubschaugen. Kein Wunder, dass auf dem Dorffest niemand mit dem Mädchen tanzen will. Um ihr Inneres ist es durch das Dasein als armselige Magd und die ständigen Hänseleien nicht besser bestellt. Als Morue eines Nachts im Wald eine Fee rettet, darf sie einen Wunsch äußern.
Morue will keinen Reichtum, Ruhm oder Gesundheit, sondern Schönheit. Der Wunsch wird erfüllt. Doch das nun makellose Äußere von Morue lässt Männer jedes Standes die Manieren vergessen - was die junge Frau bald zu ihrem Vorteil einzusetzen lernt. Allerdings hat der Feenzauber einen Haken. Morues Aussehen hat sich gar nicht geändert, ihre Schönheit ist eine Illusion, die einige Menschen zu durchschauen vermögen. Und wenn man mit den Herzen von Königen spielt, wetzen Tod und Krieg bald die Klingen ...
Stift und Wort
Hinter dem Pseudonym Kerascoët verbergen sich die beiden französischen Künstler Marie Pommepuy und Sebastién Cosset. Geschrieben hat die tiefschwarze Fabel der Autor Hubert Boulard. Die märchenhaften Bilder, die an russische Folklore-Kunst erinnern, aber auch Elemente von Jugendstil enthalten und die etwas der Optik von The Banner Saga ähneln, wurden mit größter Sorgfalt in gedeckten Farben koloriert. Mit der facettenreichen Story gehen die Zeichnungen eine perfekte Symbiose ein. Man wird nicht von Textkästen erschlagen, der Lesefluss ist angenehm, Stimmung, Emotionen, Dialoge und Atmosphäre werden in den Panels trefflich in Szene gesetzt.
Quelle: Games Aktuell
Wunderbare Druck- und Papierqualität: Die Standardversion mit 150 Seiten, ist für 36 Euro erhältlich.
Schön und Eitel
Typisch für das Autoren-Illustratoren-Team geht es in Schönheit oft ziemlich düster, makaber und blutig zu. Eine Fabel für die jungen Leser und Disney-Fans ist Schönheit somit nicht. Es mag zudem dem einen oder anderen missfallen, dass gerade Protagonistin Morue alles andere als heldenhaft agiert. Zu ihrem Hintergrund als Charakter passt es aber durchaus, dass sie trunken von ihrer neugewonnenen Schönheit rücksichtlos mit Gefühlen spielt und gnadenlos ganze Königreiche ins Verderben stürzt. Zum Glück aber machen die meisten Figuren innerhalb der Erzählung eine Entwicklung durch.
Gerade der Epilog des Märchens zeigt wunderbar die Essenz der Moral der Geschichte - die kommt erfreulicherweise keinesfalls forciert daher. Die Aufmachung der beiden Editionen von Schönheit (beide beim auf Graphic Novels spezialisierten Verlag Reprodukt erschienen) im Großformat, mit Lettering per Hand und im Hardcover ist fabelhaft. In der Vorzugsausgabe mit alternativem Cover ist zudem ein kleinformatiger, nummerierter und auf 999 Stück limitierter Kunstdruck eines Motivs aus der Erzählung enthalten. Dafür wird ein Aufpreis von drei Euro fällig, die Standardversion (oben rechts abgebildet) kostet 36 Euro.
Das mag für ein Comic zunächst teuer erscheinen, angesichts der tollen Druck- und Papierqualität, der liebevollen Umsetzung und vor allem des stattlichen Umfanges von etwa 150 Seiten ist das mehr als angemessen. Wer sich nach mehr wunderschönen Zeichnungen in Kombination mit einer düsteren, aber flott erzählten Story sehnt, dem kann man die restlichen, ebenfalls bei Reprodukt erschienenen Werke von Kerascoët und Hubert ans Herz legen. Die Kriminalgeschichte Fräulein Rühr-mich-nichtan über eine Prostituierte im Pariser Rotlichtmilieu der 30er Jahre, die nach dem Mörder ihrer Schwester sucht, ist sehr zu empfehlen und ein Aushängeschild der kontemporären französischen Comic-Kunst.
