GTA 6: Warum die Leaks überhaupt keine Aussagekraft haben
Kolumne
Im Internet macht seit vergangenem Sonntag geleaktes Gameplay aus Grand Theft Auto 6 die Runde. Während Entwickler Rockstar verzweifelt versucht, das Material offline zu bekommen, diskutieren die Fans munter darüber, was sich aus den Ingame-Szenen für Schlüsse auf das finale Spiel ziehen lassen. Eine gewagte Aktion - erklärt Redakteur David Benke in seiner Kolumne. Schließlich kann man die Qualität von GTA schlecht auf der Basis einer Alpha bewerten.
Das Internet steht Kopf! Und das nicht ohne Grund: In der vergangenen Woche ging einer der vielleicht größten Leaks der Gaming-Geschichte über die Bühne: Ein bis dato unbekannter Hacker hat sich interne Infos zu Grand Theft Auto 6 sichern können und die dann brühwarm im Netz veröffentlicht. Und wir reden hier nicht von ein paar kleinen Details, hastig abfotografierten Powerpoint-Folien oder schlecht aufgelösten Screenshots. Wir reden von sage und schreibe 90 Videoclips aus einer frühen Alpha-Version des Spiels. Fast eine gesamte Stunde Gameplay-Material steht - oder besser stand -online zur freien Verfügung.
Darauf zu sehen: einige pikante Einblicke in die neue Open-World-Sandbox von Rockstar Games. Unter anderem wurden diverse, im Vorfeld bereits kursierende Gerüchte indirekt bestätigt. Ja, in GTA 6 wird es eine weibliche Spielfigur geben! Ja, es wird zurück nach Vice City gehen. Und ja, in Sachen Story hat man sich wohl so ein klein wenig an Bonny und Clyde orientiert. Es gibt also ein Protagonisten-Duo, zwischen dem ihr munter hin und her wechseln könnt.
In diesem Artikel
Das verraten die Leaks
Diese Nachrichten riefen natürlich entsprechende Reaktionen hervor: Die GTA-Community stürzte sich auf die Ingame-Szenen. Jeder Frame wurde bis in den letzten Pixel analysiert und interpretiert. In den sozialen Netzwerken, auf Youtube, Reddit und Co. gab gefühlt jeder ungefiltert seinen Senf dazu ab, wie das Gesehene denn einzuschätzen sei. Und der Tenor war dann doch oftmals ziemlich kritisch. "Zehn Jahre für die gleiche Qualität wie GTA 5?", liest man da zum Beispiel. "Die Animationen sind ja mal eins zu eins aus GTA 5, null Fortschritt." Oder: "Wenn das GTA 6 ist, dann könnt ihr es direkt behalten."
Ganz schön gewagte Aussagen! Denn GTA 6 auf der Basis von knapp 60 Minuten Alpha-Gameplay bewerten, das nicht mal für die Öffentlichkeit gedacht war, halte ich für eine ziemlich vorschnelle Einschätzung. Wir sehen hier schließlich ein unfertiges Spiel, nicht mehr als erste Konzepte und Ideen, die vollkommen aus dem Kontext gerissen wurden. Ich bin viel eher der Meinung: Auf die finale Qualität von GTA gibt der Leak so gut wie gar keine Schlüsse!
Reden wir zum Beispiel mal über die viel gescholtene Grafik voller Platzhalter. Hier erreichte vor allem ein mittlerweile gelöschter Community-Kommentar in Windeseile Legendenstatus: "Wer auch nur ansatzweise etwas von Videospielentwicklung versteht, der weiß, dass die Optik meistens als erstes gemacht wird", ließ ein User namens Average Guy auf Twitter verlauten. "Was ihr im Leak seht, ist also so ziemlich das, was ihr am Ende auch bekommt." Was für ein herrlicher Blödsinn! Denn der Entwicklungsprozess läuft so ziemlich genau andersherum ab.
Sieht GTA 6 schlecht aus?
Man schaut zuerst, dass die Spielmechaniken richtig funktionieren. Dass nichts herumbuggt und glitcht. Dass einem die Ingame-Physik keine Streiche spielt. Das stellten auch nochmal dutzende andere Studios unter Beweis, die Rockstar zur Seite sprangen und nicht ohne ein wenig Belustigung frühe Szenen aus ihren Spielen teilten: Egal ob Control, Uncharted 4 oder A Plague Tale: Innocence - irgendwann in ihrer Entstehung sehen selbst die schönsten Spiele der Welt noch ziemlich hässlich aus.
Die Ästhetik, der Feinschliff kommen erst zum Schluss, wenn alles andere passt. Sonst würde man sich ja andauernd unnötige Arbeit machen. Wozu irgendwelche Charaktere, Schauplätze und Umgebungsobjekte bis ins letzte Detail ausarbeiten, wenn sie es am Ende vielleicht gar nicht ins Spiel schaffen? Das wäre ja schön blöd. Über den Look von GTA 6 lässt sich, basierend auf den bisher gesehenen Bildern, also noch rein gar nicht sagen. Das wäre ja so, als ob man ein Haus danach bewertet, wie es im groben Rohbau aussieht. Da stellt sich ja auch keiner hin und sagt: Wie, keine Fenster? Kein Dach? Nicht verputzt? Sieht aber ganz schön hässlich aus!
