Frostpunk 2: Wie mich das Spiel zum Diktator machen wollte

Kolumne Carlo Siebenhüner
Frostpunk 2: Wie mich das Spiel zum Diktator machen wollte
Quelle: PC Games

Frostpunk 2 hat eine starke Demokratie-Simulation, die man als Spieler aber auch aushebeln kann. Für Carlo Siebenhüner ist das ein spannendes Lehrstück.

Als ich das Spiel getestet habe, musste ich eine Partie abbrechen. Nicht, weil ich es im Aufbaupart verbaselt habe. Im Gegenteil! Ressourcentechnisch war ich gut aufgestellt. Allerdings ist eine radikale Fraktion komplett ausgerastet und ich habe es nicht mehr geschafft, sie wieder einzufangen. Ich konnte also nur noch zuschauen, wie die Stadt langsam vor die Hunde geht.

Der dunkle Pfad zur Diktatur

Und hier wird es jetzt spannend, denn natürlich habe ich mich aufgeregt. Ich saß da mehrere Stunden dran und dann versauen mir die Idioten eine sauber laufende Stadt! Tja und dann habe ich mir den Regierungsreiter in meinem Gesetzesbaum angeschaut.

Der Regierungsreiter in Frostpunk 2 Quelle: PC Games Denn man hat durchaus Möglichkeiten, solche Proteste und Gegenwind wieder einzudämmen. Mit eiskalter Staatsgewalt. Der Reiter im Gesetzesmenü ist dort im Gegensatz zu den weißen Menüs dunkel und düster gestaltet. Ein passendes Design, wie ich finde.

Hier kann ich als Stellvertreter des Volkes aktiv daran arbeiten, die Demokratie aus ihren Angeln zu heben. Das fängt mit Wachtrupps an, die meine normale Polizei unterstützen und Aufstände niederschlagen können und geht bis zum Verhängen eines Ausnahmezustands mit Ausgangssperren und Kontrollpunkten.

Auf der anderen Seite dieses Gesetzesbaums wird es aber noch wilder. Ich kann mit "geleitetes Wählen" die Unschlüssigen im Rat dazu drängen, für mein Gesetz abzustimmen, und das ohne, dass ich ein Versprechen abgeben muss. Die Propagandabehörde und die Geheimpolizei muss ich dann wohl nicht weiter erklären.

Eine aktive Ratsabstimmung Quelle: PC Games Das mündet schlussendlich in der kompletten Abschaffung der Demokratie und der Wiederherstellung der vollen Autorität des Captains - also mir als Spieler. Oder anders gesagt: Das endet dann in der Diktatur.

Der Knackpunkt ist, dass diese Maßnahmen mir als Spieler das Leben ein gutes Stück leichter machen. Ich kann ungeliebte Fraktionen mit meiner Geheimpolizei infiltrieren. Die Propagandabehörde lügt für mich und stärkt das Vertrauen in den Captain und mit meiner Miliz schlage ich Aufstände blutig nieder.

Eine einzigartige Stellung

Das kann man als Verherrlichung der Diktatur kritisieren. Ich sehe das aber genau andersherum. Frostpunk 2 schafft es dadurch, mir als Spieler aufzuzeigen, wie verlockend autokratische Mittel sein können; und wie schnell man bereit ist, demokratische Grundsätze über Bord zu werfen.

Ja, Demokratie ist anstrengend. Demokratie ist langwierig. Demokratie kann auch unbefriedigend sein. Und ja, eine Demokratie kann auch im Desaster enden, wenn eine Seite aufhört zu reden und stattdessen lieber zur Gewalt aufruft.

Doch gerade heute gibt es aus der extremistischen Ecke der Politik immer mehr Bestrebungen, unsere Demokratie auszuhebeln. Leider schafft es diese Ecke auch, mit Lügen und Angstmacherei mehr und mehr Leute zu verleiten. Deswegen ist es aber umso wichtiger, sich zu verdeutlichen, was für eine Errungenschaft eine standhafte und wehrhafte Demokratie ist.

Die Errungenschaft, dass sich alle Gehör verschaffen und miteinander reden und diskutieren können. Das Recht für alle auf einen menschenwürdigen Umgang. Die Möglichkeit, auf dem Boden einer toleranten Verfassung als Einzelner aktiv zu werden und die Zukunft der Stadt, des Landes oder sogar des Kontinents mitzubestimmen. Das ist nicht selbstverständlich.

Frostpunk hat mir diesen enormen Wert, der gleichzeitig so fragil ist, mit dieser simplen Mechanik mal wieder sehr schön aufgezeigt. Denn Frostpunk und seine Entwickler sind sich eben bewusst, dass Spiele eine ganz besondere Eigenschaft haben, die sonst kein anderes Medium hat.

Sie machen mich und dich und jeden anderen Spieler zum Akteur und nicht nur zum Zuschauer. Ich entscheide, welchen Distrikt ich baue. Ich entscheide, welche Fraktion ich unterstütze. Ich entscheide mich für oder gegen demokratische Mittel. Das ist etwas, das mir kein Buch, keine Serie und kein anderes Medium geben kann, und ich würde mir wünschen, dass mehr Spiele sich dieser einzigartigen Stellung bewusst werden würden.

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