Final Fantasy 7 und die rosarote nostalgie-Brille ...eine Kolumne von Benjamin Kegel

Special Benjamin Kegel
Final Fantasy 7 und die rosarote nostalgie-Brille …
Quelle: Square Enix

Final Fantasy ist der perfekte Kandidat für nostalgische "Ach ja, damals"-Gefühle. Aber Vorsicht: Gerade wir Spieler lassen uns gerne von unseren eigenen Erinnerungen (ent)täuschen ...Eine Kolumne von Benjamin Kegel.

Ja, ich habe damals tatsächlich Final Fantasy VII im Original gespielt, Viktor - danke dir vielmals, dass du mich daran erinnerst, wie betagt ich mittlerweile bin. Ich muss seinerzeit so um die 16 Jahre alt gewesen sein, war also etwa zwei Jährchen von meinem Karrierestart als Videospielredakteur entfernt und ging noch auf die Realschule. Damals (und auch heute noch, satte 21 Jahre später) hatte ich einen fantastischen Freund namens Zeljko. Und Zeljko hatte eine Playstation und, jawoll,
Final Fantasy VII (jetzt kaufen 57,88 € ). So begab es sich dann mehrmals, dass euer bester Ben - etwa zwei Dekaden vor der Erfindung des Begriffs "Let's Play" - bei seinem Kumpel vorbeigeschaut hat, um ihm beim Spielen zuzugucken. Und was er mir alles so zu erzählen wusste! "Man soll da irgendwie mit einem Chocobo über Wasser laufen können, hab ich gehört." - "Das Ding da in der Wüste heißt Ruby Weapon. Das ist ein richtig brutaler Boss, den man kaum umhauen kann." - "Also, Materia benutzt du so ..."

Mein Freund, ein Drache & ich
Großer Bahamut, ich war sofort komplett angefixt - vor allem auch deshalb, weil es in dem Spiel offenbar ein paar wirklich heftige Herausforderungen gab. Ich hätte mir das gute Stück damals gerne gleich ausgeliehen, zumal mein Freund Final Fantasy VII bereits mehrfach durchgespielt hatte. Leider fehlte mir zu diesem Plan jedoch eine Play­station bei mir zu Hause. Nun, das Problem löste sich dann an Weihnachten desselben Jahres durch den großen Heiligabend-Tausch zwischen meinem Bruder und mir: Er bekam mein N64 mit Zelda (Gott, hat er das Spiel geliebt. Anders als ich. Sorry!), dafür griff ich mir seine Playstation mit Resident Evil 2 (Gott, hat er das Spiel öde gefunden. Anders als ich. Yay!). Wenige Tage später begab ich mich dann in mein allererstes Playstation-Rollenspiel überhaupt. Und ganz ehrlich: Mit dem Ding musste ich erst mal warm werden. Versteht mich nicht falsch, FF VII war damals quasi gottgleich, aber ich war halt ein RPGler der ganz alten Schule: Meine Abenteuer mussten im Fantasy-Mittelalter spielen, zumal ich erst kurze Zeit vorher von Final Fantasy VI (oder meinetwegen III) mitgerissen worden war. Und jetzt stand ich da, mitten in dieser hochtechnisierten Start-Stadt in Final Fantasy VII, fuhr mit Motorrädern durch die Gegend, kämpfte mit einem Typen, der eine Gatling Gun am Arm hatte und konnte noch nicht mal einfach so raus in die offene Welt marschieren. Ich war, wie wir Jungspunde so sagen, leicht angemifft. Aber das Spiel hatte einfach was. Es konnte mich nach und nach überzeugen. Die Story war toll. Die Charaktere waren gut. Irgendein Typ hatte da lange, weiße Haare, was immer cool ist. Und bei Ifrits Backenbart, diese unfassbar geile Musik! Als ich dann irgendwann endlich hinaus in die Natur durfte, war ich endgültig gefesselt - und hatte meinen Mittelalter-only-Standpunkt begraben. Was aber nicht heißt, dass ich freiwillig mit irgendwelchen Wasserball-Spielern in meinem Team in den Kampf ziehe - gell, Final Fantasy X? ... Ach, ich kann auch dir nicht böse sein, du hattest Auron ...

Angriff auf eure Emotionen
Wie ihr an meiner Geschichte sehen könnt, hat Final Fantasy VII für mich mehr Stellenwert als nur den eines hervorragenden und zu seiner Zeit technisch bahnbrechenden Rollenspiels. Ich verbinde damit einen guten Freund, meinen Bruder, einen großen Teil meiner Kindheit, meine Entdeckung der Playstation, die Öffnung meiner spielerischen Interessen über meinen damaligen Tellerrand hinaus und vielleicht auch meine ersten Schritte hin in Richtung einer Karriere als Gaming-Redakteur. FF VII ist für mich eine 10-Kilotonnen-­Bombe mit Nostalgie-Sprengladung. Und leider macht einen so viel eigenes Dynamit auch selbst ein wenig angreifbar. Wenn ihr diese Zeilen lest, gehört ihr der Statistik nach auch eher zu den älteren Gamern - wer zwischen Ende 20 und Ende 30 ist, hält noch eher den edlen Print­medien die Treue. Das bedeutet dann in der Regel auch, dass ihr entweder mit dem N64 und der Playstation oder vielleicht sogar noch mit dem NES und SNES aufgewachsen seid. Und gegen so ein bisschen Nostalgie ist ja auch sicher nichts einzuwenden - im Gegenteil, die Erinnerungen an die eigene Kindheit und die tollen Spiele aus unserer Zeit sind etwas sehr Positives. Fast so ein bisschen wie ein schöner, warmer, alter Pulli. Man muss nur genug Vorsicht walten lassen, damit der nicht von den Motten aufgefressen wird.

Waren diese Pixel immer da?!
Die größte Gefahr ist die rosarote Brille, die auf unserer eigenen Nasenspitze sitzt. Ich war seinerzeit zum Beispiel ein riesiger Fan von Silent Hill 1 auf der Play­station (nicht das Wii-Remake) und hatte mich gefreut wie doof, als ich die uralte CD eines Tages bei meinem Umzug wiedergefunden hatte. Ich werfe also die entstaubte Playstation an und ... großer Gott, das Ding sieht auf einem modernen Fernseher so als, als hätte jemand versucht, eine Briefmarke auf 42 Zoll aufzuziehen! Ich hätte jedem einzelnen Pixel einen Namen und eine eigene Postleitzahl geben können. Ein anderes Problem ist freilich, dass man als nostalgischer Kunde schnell mal über den Tisch gezogen wird. Ich möchte nicht sagen, dass das NES oder SNES Mini ihr Geld nicht wert wären, aber ich würde wetten, dass viele Spieler unserer Generation die Teile für reichlich Kohle gekauft haben, dann vielleicht zwei oder drei Stunden damit zockten und die guten Stücke seitdem unbenutzt (aber heiß geliebt und täglich abgestaubt) im Sammler-Regal stehen. Und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden - solange man sich als Käufer bereits vorher darüber im Klaren ist, dass die teuer eingekauften Erinnerungen an die eigene Kindheit selten so schön sind wie die selbst erworbenen Erinnerungen, die man bereits kostenlos in seinen Gedanken trägt.

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