Erica im Test: Interaktiver Psychothriller mit wenig Experimenten
Test
Das Genre des Interaktiven Films erhält einen Neuzugang. Erica erscheint, nach dem es 2017 enthüllt wurde, nun endlich für die Playstation 4. Der interaktive Psycho-Thriller gibt sich dabei wesentlich konventioneller als andere Vertreter des Medien-Mashups. Kann sich Erica zwischen Bandersnatch und Her Story eine eigene Nische erkämpfen? Das erfahrt ihr hier bei uns im Test!
Erica ist einer dieser Grenzgänge zwischen Film und Spiel, die in letzter Zeit immer mehr Aufmerksamkeit genießen. Von PC und Konsole her kennen wir bisher experimentelle Spiele wie Her Story. Erica ähnelt jedoch mehr der Black-Mirror-Folge Bandersnatch, hat allerdings auf der Meta-Ebene wesentlich weniger zu bieten. Somit präsentiert Erica eine durchaus fesselnde Geschichte - die manchmal etwas mit ihrer Natur als Spiel hadert.
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Traumatische Wiederkehr
Erica verzichtet auf eine Rahmenhandlung und Spielereien auf der Meta-Ebene, wie wir sie zum Beispiel von Telling Lies kennen, bei dem man nicht nur vorm eigenen, sondern auch vor einem virtuellen Bildschirm sitzt. Stattdessen präsentiert Erica sich lieber geradeheraus wie ein linear erzählter Film. Man wird direkt und ohne Umwege mit der Story konfrontiert.
Quelle: PC Games
Wer hat Ericas Vater ermordet? Dieser Frage gehen wir im Laufe der Handlung auf den Grund.
In dieser geht es ziemlich dramatisch zu: Eines Tages findet die Waise Erica ein Päckchen vor ihrer Haustür. Der Inhalt: eine blutige, abgetrennte Hand, die ein Amulett mit einem griechischen Zeichen umklammert. Das gleiche Symbol verfolgt Erica schon seit ihrer Kindheit in ihren Albträumen; blutig eingeritzt auf der Brust ihres sterbenden Vaters. Immer wieder durchlebt sie die Ermordung ihres Papas und immer, wenn sie kurz davor ist, das Gesicht des Mörders auszumachen, wacht sie auf. Nun sucht sie - auf Rat der Polizei - Zuflucht im Delphi-Haus. Dabei handelt es sich um eine Psychiatrie, die von ihrem Vater gegründet wurde. In dieser traf er dereinst Ericas Mutter, die unter unklaren Umständen sehr früh starb. Im Delphi-Haus begibt Erica sich auf die Spuren ihrer Vergangenheit, um das Rätsel um das Zeichen und die Morde zu lösen.
Ursache und Wirkung
Quelle: PC Games
In der Psychiatrie gibt es für den Spieler viel zu tun. Diverse Entscheidungsmöglichkeiten prägen unseren Pfad.
Erica besteht zu großen Teilen aus Filmsequenzen, gemischt mit Optionen, die in die laufende Szene eingeblendet werden. Diese lösen sich nach kurzer Zeit auf, wenn man nichts tut, was oft unangenehmes Schweigen zur Folge hat. Da die Szenen somit auch ohne Input weiterlaufen, wirkt das Ganze geschmeidig und stört die Immersion nicht. Die Dialogoptionen scheinen zwar oft keine langfristigen Auswirkungen zu haben. Allerdings geben sie auch die Möglichkeit, Ericas Charakter nach eigenen Gutdünken zu spielen. Sehr früh im Spiel kann man so die sichtlich fertige Nachbarin bitten, ihre Lunge doch etwas leiser auszuhusten. Die Entscheidung ist zwar total egal, aber man freut sich trotzdem über die Option, so gemein sein zu können. Der Wiederspielwert leidet allerdings etwas unter diesen vielen konsequenzlosen Wahlen: Trotz vieler Interaktionsmöglichkeiten gibt es nur wenige Knotenpunkte, an denen sich drastisch unterschiedliche Pfade auftun.
Redundante Redundanz
Quelle: PC Games
Diesen Zweig durchtrennen wir, indem wir zwei Striche auf dem Touchscreen zeichnen.
Steuern kann man das Spiel entweder mit dem Touchpad des PS4-Controllers oder mittels der Play-Link App. So oder so wird ein Lichteffekt wie ein Cursor kontrolliert. Der Effekt wird zu einem kleinen hellen Punkt, wenn er über etwas Integrierbaren schwebt. Aufgrund der mangelnden Größe und der hohen Sensitivität des Cursors am Dualshock 4 ist das Erlebnis mit der App jedenfalls um einiges angenehmer. Zum Auswählen oder Untersuchen eignet sich dieses System ganz gut. Leider muss man auch immer wieder mal manuell Schlüssel drehen, Schubladen öffnen oder Staub wegwischen. Über den Bildschirm zu wischen, um in einen Flashback überzugehen, hat vielleicht noch einen minimalen symbolischen Wert. Bei vielen anderen dieser Mini-Interaktionen sucht man allerdings vergebens nach einem Existenzgrund. Das ist nicht tragisch, aber etwas nervig und repetitiv: Die Lust auf einem zweiten Durchspiel wird dadurch leider gedämpft. Hier hätte Erica ruhig weniger Spiel sein dürfen.
Besserer Film als Spiel
Quelle: PC Games
Die Patienten der Psychiatrie haben alle den gleichen Traum, in dem es Rosenblüten regnet.
Denn als (interaktiver) Film macht sich Erica eigentlich ganz gut. Das Spiel macht einen wirklich neugierig auf die Geheimnisse um Ericas Eltern und das Delphi-Haus. Die Psychiatrie ist nicht das originellste Setting, bewährt sich hier aber erneut als ein gelungener und bewährter Schauplatz für einen Psychothriller. Obendrein haben die drei Patientinnen, mit denen Erica sich anfreunden kann, alle eigene exklusive Pfade. Hier können durch mehrfaches Spielen die Charaktere wesentlich besser ausgefleischt werden als in einem herkömmlichen Film. Auch die Schauspieler, die der ein oder andere vielleicht aus kleineren britischen Produktionen kennt, machen, genau wie die deutschen Synchronsprecher, ihren Job sehr gut. Abgerundet wird das Ganze durch eine sehr spannende Inszenierung und starke farbliche Motive, die man heute in Thrillern manchmal vermisst.
