Retro-Special zu Enslaved: Odyssey to the West - Postapokalypse mal anders

Special Lukas Schmid 17,99 €
Retro-Special zu Enslaved: Odyssey to the West - Postapokalypse mal anders
Quelle: PC Games

Das Entwicklerstudio Ninja Theory hat sich vor allem mit stark erzählten Geschichten samt vielschichtigen, interessanten Figuren einen Namen gemacht. Auf kaum einen Titel aus der Spieleschmiede trifft dies mehr zu als auf Enslaved: Odyssey to the West, welches uns in einer überraschend farbenfrohen Postapokalyse auf eine emotionale Reise schickt. Wir blicken im Retro-Special samt Video zurück!

Was ist britisch und verdient kein Geld? Ninja Theory! Das Studio aus Cambride konnte sich lange Zeit nämlich auf zwei Konstanten verlassen: Die Spielepresse und auch die Spieler überschütteten ihre Werke mit Lob, während diese gleichzeitig wie Blei in den Regalen liegenblieben. Erst mit Hellblade: Senua's Sacrifice konnte dieser Fluch gebrochen werden.

Eines jener Spiele aus älteren Tagen, die nie die Aufmerksamkeit bekamen, welche sie verdient gehabt hätten, ist Enslaved: Odyssey to the West; nach Meinung vieler Fans der bisherige Höhepunkt im Portfolio des nun unter Microsoft arbeitenden Teams. In einer angenehm andersartigen, weil sehr farbenfrohen Postapokalypse begleiten wir hier das Protagonisten-Duo Monkey und Trip auf ihrem Weg, die versklavten Bürger der zerstörten Welt zu befreien.

Wieder in den Westen

Ganz neu ist die Erzählung nicht: Als Inspiration dient wie so oft das klassische chinesische Werk "Die Reise in den Westen" - zuletzt orientierte sich das vielversprechende Black Myth: Wukong daran. Klar, das Setting ist völlig anders, statt Magie gibt's Technologie und anstatt gegen Dämonen treten die Helden gegen teils riesige Mechs an.

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Auch bei der Handlung hat man sich viele Freiheiten genommen. Im Kern ist man der Vorlage aber überraschend treu. Der Hauptheld Monkey ist Gegenstück des buchstäblichen Affen der Erzählung, samt passender Körperhaltung und einer Art Tuch als Schwanz-Ersatz; Trip übernimmt die Rolle des Mönches aus dem Roman und sogar der schweinische Begleiter aus der Vorlage erhält im späteren Verlauf des Spiels ein Gegenstück. Auch die Fähigkeiten des spielbaren Protagonisten gleichen jenen aus dem Buch. So verfügt er über einen wandelbaren Stab, mit dem er kämpft, und sogar eine Art Wolke, auf der er sich rasant fortbewegen kann.

Hinter Monkeys stoischer Art steckt mehr, als es zudem den Anschein hat, er ist eine vielschichtige, sympathische Figur. Quelle: PC Games Hinter Monkeys stoischer Art steckt mehr, als es zudem den Anschein hat, er ist eine vielschichtige, sympathische Figur. Doch "Die Reise in den Westen" war nicht die einzige Inspiration der Entwickler. Gerade mit Blick auf die Feinde ist offensichtlich, dass die Werke von Studio Ghibli hier Pate standen. Man denke nur an die Roboter-Gesellen aus Das Schloss im Himmel oder an die den Mechs sehr ähnlichen, gigantischen Insektenwesen aus Nausicaä aus dem Tale der Winde.

Von der Leinwand auf den Bildschirm

Fast wäre diese Inspiration sogar noch weitergegangen, denn zu Beginn war Enslaved tatsächlich nicht als Spiel, sondern als CGI-Film geplant. Die Rechte am letzten Werk Ninja Theorys, Heavenly Sword (von dem übrigens tatsächlich eine CGI-Verfilmung existiert), lagen bei Sony, weshalb man, anstatt einen zweiten Teil zu entwickeln, basierend auf der Dynamik der Figuren aus diesem Titel die Welt und Figuren von Odyssey to the West ersann. Damit trat man an diverse Filmstudios heran, es hagelte aber Absage nach Absage. So entschied das Team sich, stattdessen doch auf ein spielbares Abenteuer zu setzen und fand in Bandai Namco schließlich einen Publishing-Partner.

Retro-Special zu Enslaved: Odyssey to the West - Postapokalypse mal anders (1) Quelle: PC Games Retro-Special zu Enslaved: Odyssey to the West - Postapokalypse mal anders (1) Das Film-Faible Ninja Theorys war dennoch offensichtlich, denn wie schon bei Heavenly Sword war Motion-Capture-Experte Andy Serkis, wohl am bekanntesten für seine Rolle als Gollum in der "Herr der Ringe"-Trilogie, wieder mit an Bord. Er leiht Held Monkey seine Stimme, seine Mimik und seine Bewegungen und dem finalen Widersacher der Erzählung sogar sein Gesicht.

So viel Mühe also für ein Projekt, welches beim Release im September 2010 deutlich hinter den erwarteten Verkaufszahlen zurückblieb. Warum, darüber kann man spekulieren. Eine eigentlich angedachte Fortsetzung erblickte deswegen auf jeden Fall niemals das Licht der Welt.

Das Ende der Welt, wie es sein sollte

Dabei kann man auch heutzutage die Geschichte, die Atmosphäre und die Figuren des Spiels kaum genug loben. Auch zehn Jahre nach der Veröffentlichung hat die glaubwürdige, wunderschöne Spielwelt nichts von ihrem Charme verloren. Man lehnt sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man vermutet, dass sich ein Horion: Zero Dawn für seine ebenfalls sehr farbenfrohe Postapokalypse hier eine Scheibe angeschnitten hat und dass es an Enslaved liegt, dass Spiele mit Endzeit-Setting nun generell seltener in Grau und Braun gehalten sind.

Das Spiel basiert auf der 'Reise in den Westen', einem klassischen chinesischen Werk. Das zeigt sich vor allem an den sich nahe am Original orientierenden Protagonisten. Quelle: PC Games Das Spiel basiert auf der "Reise in den Westen", einem klassischen chinesischen Werk. Das zeigt sich vor allem an den sich nahe am Original orientierenden Protagonisten. Ebenso ist es beeindruckend, wie es dem Spiel gelingt, so viel seiner Erzählung nicht über ausufernde Dialoge und Erklärungen zu vermitteln, sondern auch einfach mal Blicke, Bewegungen oder Stille diese Aufgabe erledigen zu lassen. Das liegt natürlich am brillanten Motion Capture, aber auch am fantastischen Skript, welches seine nachvollziehbaren, klischeebefreiten Figuren in den Mittelpunkt rückt.

Monkey, der nicht der stumpfe Muskelprotz ist, als der er im ersten Moment erscheint, sondern eine nachdenkliche, empathische Seele; und Trip, die weder Damsel in Distress noch knallharte Kämpferin ist, sondern eine taffe, hochintelligente Überlebenskünstlerin voller Widersprüche. Jeder Moment, in dem die beiden interagieren, stärkt ihre Bindung und bringt sie einem als Spieler näher.

Schwein gehabt

Die Postapokalypse muss nicht immer düster und depressiv sein, das beweist Enslaved eindrucksvoll. Quelle: PC Games Die Postapokalypse muss nicht immer düster und depressiv sein, das beweist Enslaved eindrucksvoll. Etwas weniger gut gezeichnet kommt lediglich Pigsy daher, der Dritte im Helden-Bunde. Er ist etwas plump geschrieben und seine spontane Wandlung hin zum selbstlosen Helden im Finale des Abenteuers nimmt man ihm nur bedingt ab. Es hilft auf jeden Fall, den Stealth-lastigen, einzigen DLC des Titels zu spielen, "Pigsy's Perfect 10". In dieser Vorgeschichte erhalten wir mehr Einblick in seinen Charakter, was ihn etwas nachvollziehbarer und sympathischer macht.

Seltsam: Anders als das voll eingedeutschte Hauptspiel ist der DLC nur in Englisch verfügbar. Wir raten aber so oder so dazu, das ganze Abenteuer in der Originalsprache zu erleben. Nicht nur hört man dann Andy Serkis' angenehmes Organ und die nicht minder talentierte Lindsey Shaw in der Rolle Trips, man entgeht auch der schon zum Launch wahrlich nicht gelungenen deutschen Synchro.

Gib dem Affen das Kommando

Nicht ganz so toll gealtert wie Atmosphäre und Geschichte ist Enslaveds Gameplay, aber schon anno 2010 war es lediglich gut. Im Grunde ist's ein Das Kampfsystem ist simpel, funktioniert aber ganz gut. Mit nur wenigen Angriffsarten sind schöne Manöver möglich. Quelle: PC Games Das Kampfsystem ist simpel, funktioniert aber ganz gut. Mit nur wenigen Angriffsarten sind schöne Manöver möglich. relativ simples und sehr lineares Action-Abenteuer. Monkey kämpft mit seinem Stab, verfügt über starke, schwache und aufladbare Angriffe und kann natürlich auch blocken und ausweichen. Hinzu kommen ein Stun- und ein Angriffs-Schuss und diverse Lebens- und Angriffs-Verbesserungen, die man in einem sehr einfach aufgebauten Skill Tree mit aufgesammelten Tech-Orbs freischalten kann. Zusätzlich haben wir über ein Kreismenü Zugriff auf verschiedene Befehle, die wir Trip geben können, manche davon kontextsensitiv. Dann folgt sie uns etwa, lenkt Feinde ab oder betätigt Schalter. Klingt nach einem strategischen Element, ist in der Praxis aber kaum der Rede wert.

Als zweites großes Spielelement erwarten uns Geschicklichkeitspassagen, bei denen wir an Wänden empor, an steilen Klippen entlang oder inmitten verfallener Ruinen klettern müssen. Sind diese Kraxeleien schon in vergleichbaren Abenteuern wie jenen der Uncharted-Reihe sehr simpel und einfach, kann einem hier noch einmal weniger passieren. Aus Versehen in den Abgrund zu springen ist nicht möglich, lediglich dann, wenn ein scheinbar sicherer Griff sich als brüchig erweist und man nicht schnell genug zum nächsten Halt springt, kann man hier theoretisch den Game-Over-Screen zu Gesicht bekommen.

Und zu guter Letzt erwarten uns Umgebungsrätsel, bei denen wir etwa eine Windmühle aktivieren oder Gerüste in einem alten Theater neu ausrichten müssen, um darüber zu gelangen. Diese Knobeleien sind aber meist völlig selbsterklärend und bieten zwar ein wenig Abwechslung, aber keinerlei Herausforderung.

Nicht alles toll in der Postapokalypse

Die Klettereinlagen sind wahrlich nicht anspruchsvoll, aber schön inszeniert. Quelle: PC Games Die Klettereinlagen sind wahrlich nicht anspruchsvoll, aber schön inszeniert. All das klappt gut, ist aber eben auch nicht sonderlich innovativ oder kreativ gestaltet. Auch die seltenen Bosskämpfe laufen meist nach Schema F ab, mal abgesehen vom wirklich famos inszenierten finalen Gefecht. Da ist es nett, dass Sequenzen wie jene, in denen wir auf Monkeys Ersatz-Wolke unterwegs sind, samt rasanten Verfolgungsjagden, das Geschehen angenehm auflockern. Enslaved ist heute noch ähnlich gut spielbar wie damals, sein rudimentärer Aufbau ist aber noch stärker spürbar.

Und einige Designentscheidungen hätten nicht sein müssen. So nervt es schnell, dass die Tech-Orbs offenbar aus Prinzip immer weit verteilt herumliegen, was unnötiges Gelaufe erfordert; dass oftmals durch aufgezwungene Passagen, in denen wir langsam gehen müssen, das Tempo rausgenommen wird und zu viele Mini-Zwischensequenzen das Geschehen unterbrechen; und dass Checkpoints gefühlt aus Absicht so gesetzt sind, dass man sich nach einem Game Over noch einmal diese - übrigens nicht abbrechbaren - Zwischensequenzen angucken muss. Man nehme die sehr störrische Kamera hinzu und die Tatsache, dass Monkey sich gerne an Gegenständen verhängt und bleibt nicht in Rage, in manchen Momenten aber etwas genervt zurück.

Zudem wurde technisch teilweise schlampig gearbeitet. Nachladende Texturen gibt es allenthalben, außerdem immer wieder richtige Bugs. Einmal etwa verfing sich Trip während unserer Wiederspiel-Session in einer Leiter, was einen Neustart des Spiels erforderte, einmal beschloss ein Boss, dass er sich einfach nicht mehr bewegen wollte, auch da mussten wir neu laden. Und einmal wurden wir fröhlich aus dem eigentlichen Level-Bereich katapultiert, das war aber vor allem unterhaltsam.

Ein neuer Trip für Monkey und Trip?

Von diesem nicht irrelevanten, aber dennoch verzeihbaren Makeln sollte sich aber niemand abhalten lassen, Enslaved auch heute noch eine Chance zu geben. In seiner Erzählung steckt mehr Herz und Talent, als in fünf anderen, schlechteren Spielen zusammen. Inzwischen hat sich Monkeys und Trips postapokalyptischer Ausflug einen gewissen Ruf als Kult-Klassiker erarbeitet, und das völlig zu Recht. Ob wir jemals eine Fortsetzung sehen werden? Mit Microsoft als finanzstarkem Neu-Eigentümer Ninja Theorys im Hintergrund ist zumindest sichergestellt, dass das Team nicht mehr bei jeder Entscheidung jeden Dollar zweimal umdrehen muss. Die Hoffnung stirbt zuletzt und verdient hätte sich das Protagonisten-Duo einen zweiten Auftritt ohne jede Frage.

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