Ender Lilies: Quietus of the Knights im Test - Abgekupfert, vergoldet und auf Hochglanz poliert!
Test
Nach einer verhältnismäßig kurzen Early-Access-Phase ist Ender Lilies, das erste Projekt der japanischen Studios Live Wire und Adglobe, in der Vollversion erschienen und hat mit seinem bildhübschen Artstyle bereits die Herzen unzähliger Dark-Fantasy-Fans im Sturm erobert. Ob sich der Souls-like-Metroidvania-Mix auch so toll spielt, wie er aussieht, verraten wir euch im Test.
Ghost of Tsushima, Overwatch, Dead Cells - erfolgreiche und enorm beliebte Spiele, die abseits ihrer völlig verschiedenen Genres eines gemeinsam haben: Sie alle sind aus Elementen zusammengebaut, die man zuvor schon zigfach in anderen Titeln gesehen hat. Sie fügen diese Elemente aber so gelungen und sinnvoll zusammen, dass das Endergebnis letztlich größer ist, als die Summe seiner Einzelteile.
Genau diesem Prinzip folgt auch Ender Lilies: Quietus of the Knights (jetzt kaufen 34,99 € ), denn das 2D-Action-RPG der japanischen Studios Live Wire und Adglobe bedient sich ausgiebig bei From Softwares Souls -Reihe, greift viele Elemente aus dem Metroidvania-Genre auf, und streut dann noch eine Prise verträumte Nier -Melancholie über die Mixtur.
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Das klingt wie "Alles nur geklaut", das hört sich an, als würden wir dem Spiel mit der ungeliebten Vergleichs-Keule eins überziehen wollen, das liest sich ja fast vorwurfsvoll! Aber ganz im Gegenteil: Wir waren im Test sehr angetan vom Indie-Genremix!
Tödlicher Regen (diesmal ohne Norman Reedus)
Quelle: PC Games
Da ihr selbst nur ein kleines Mädchen steuert, werden alle Angriffe und Fähigkeiten von euren Gefährten ausgeführt. Lily selbst ist sehr glaubwürdig und liebevoll animiert, und zuckt etwa bei jedem Schwerthieb ihres Ritterfreundes zusammen.
Ender Lilies befördert euch in eine postapokalyptische Fantasy-Welt, das Endland, in dem gerade sprichwörtlich alles den Bach heruntergeht. Denn ein unheilvolles, als Todesregen bezeichnetes Phänomen verwandelte die einst stolze Monarchie und ihre Anhänger in garstige, wahnsinnige Monster, die nun auf jeden losgehen, der vom Regen selbst verschont wurde. Um der Katastrophe Herr zu werden, setzt die örtliche Kirche auf die Weißpriesterinnen, also Mädchen, die die Seelen der Verwandelten läutern und die Verbreitung der Monsterplage aufhalten sollen. Und das letzte dieser Mädchen, ihr ahnt es schon, verkörpert ihr. Lily, eine stumme, fragile und schneeweiß gekleidete junge Frau.
Quelle: PC Games
Der schwarze Ritter erweckt euch aus dem Schlaf und steuert immer wieder Kommentare zur Spielwelt und ihrer Geschichte bei.
Da ihr in der Rolle natürlich wenig gegen die albtraumhaften Kreaturen ausrichten könnt, ruft ihr euch mächtige Freunde zu Hilfe: Sobald ihr euren Job als Priesterin erfüllt und eine verzweifelte Seele befreit habt, könnt ihr sie für eure Zwecke einsetzen. Einen schwarzen Ritter, zu dem ihr eine persönliche Bindung zu haben scheint, habt ihr von Anfang an dabei. Jede weitere Seele müsst ihr den entstellten Bewohnern des Königreichs erst im Kampf entreißen, und recht oft werdet ihr dabei eine kurze, tragische Zusammenfassung ihrer Lebensgeschichte zu lesen bekommen. Als Weißpriesterin seid ihr also nicht nur optisch der einzige Lichtblick im von düsterer Tristesse gekennzeichneten Endland.
So richtig schön ...
Weder das Souls-like-, noch das Metroidvania-Genre sind für ihre üppigen und ausführlich erzählten Stories bekannt, und auch in Ender Lilies müsst ihr euch vieles zusammenreimen oder in Notizen und Item-Beschreibungen nachlesen. Den Großteil der erzählerischen Last trägt hier jedoch ohnehin die phänomenale Präsentation, denn Ender Lilies ist trotz seiner finsteren Prämisse eins der schönsten und atmosphärischsten 2D-Spiele der letzten Jahre! Die liebevoll gestalteten, märchenhaften Hintergründe mit ihrer stimmungsvollen, wenn auch tristen Farbgestaltung wirken wie begehbare Artworks und viele Spezialeffekte sind geradezu verschwenderisch detailliert.
Quelle: PC Games
An den wunderschönen Effekten, Grafikfiltern und der tollen Farbgebung des Spiels kann man sich kaum sattsehen - ein gewisses Faible für Gothic-Horror-Kunst vorausgesetzt.
Quelle: PC Games
Der Irre Ritter Ulv hat uns einen halben Tag gekostet. Dass wir trotzdem nicht gefrustet waren, liegt am tollen, fairen Design der Kämpfe!
Was der opulenten Optik jedoch die Krone aufsetzt, sind die Charaktere und Feinde. Egal, ob verbündete Seelen oder groteske Monster: Die Figuren sind wahnsinnig filigran gezeichnet, in einem fantastischen Gothic-Horror-Stil gestaltet und so butterweich und dynamisch animiert, dass sie die Grenze zwischen 2D und 3D verschwimmen lassen. Ganz großes Kino! Der Soundtrack tut sein Übriges und untermalt die optische Pracht mit gefühlvoller, verträumter Musik. Wo ihr anderswo beim Bosskampf mit lautem Orchester-Tamtam und lateinischem Gejaule rechnen würdet, überrascht Ender Lilies etwa mit einem ruhigen Geigen-Stück. Und das ist vor allem dann überraschend, wenn man bedenkt, wie bockschwer, blitzschnell und intensiv das dazugehörige Gefecht verläuft.
... schwer!
Quelle: PC Games
Die meisten größeren Bosse verleihen euch nach ihrem Tod eine neue Movement-Fähigkeit. Dann heißt es: alle bisher unzugänglichen Bereiche abklappern!
Da es eure Aufgabe ist, durch das Endland zu ziehen und die Seelen vieler wahnsinniger Krieger zu läutern, könnt ihr euch vorstellen, dass eure etwa 20-stündige Reise von jeder Menge Gekämpfe durchzogen ist. Euer namenloser Ritter-Freund steht euch mit einer schnellen Schwertcombo zur Seite, der Irre Ulv (der, mit der Geigenmusik) schwingt seine Klauen, ein Bogenschütze verschießt etwa Pfeilfächer und eine Hexe zielsuchende Feuerbälle. In zwei wechselbaren Skillsets könnt ihr je drei dieser Begleiter ausrüsten und per Knopfdruck blitzschnell herbeirufen. Einige Nahkampf-Charaktere dürft ihr unbegrenzt oft rufen, die meisten Skills geben jedoch nur eine begrenzte Anzahl an Nutzungen her, bevor ihr sie an einem Rastpunkt wieder auffüllen müsst. Setzt ihr euch auf eine der sehr großzügig verteilten Bänke in der Spielwelt, wird alles aufgefüllt, aber auch sämtliche Standardgegner erwachen dann wieder zum Leben.
Quelle: PC Games
Die Rastplätze übernehmen die Rolle von Checkpoints (oder Leuchtfeuern): Hier verbessert ihr eure Gefährten, füllt Heiltränke wieder auf und lasst Gegner respawnen.
Quelle: PC Games
Immer wieder trefft ihr auf Miniboss-Versionen der Standardgegner, die euch teils mit neuen Angriffen beharken. Als Belohnung winkt die Seele des jeweiligen Gegners, die ihr dann in Form einer neuen Kampf-Fähigkeit benutzen dürft. Bloodstained lässt grüßen!
Der Schwierigkeitsgrad des Spiels ist fast durchweg angenehm fordernd und verlangt gutes Ausweichtiming, das Lernen gegnerischer Muster und den Einsatz der richtigen Attacke im richtigen Moment. Schon Standard-Feinde sind kein Kanonenfutter, und durch die Begrenzung auf zunächst nur drei Heil-Items könnt ihr euch nicht viele Fehler erlauben. Kombiniert mit der großzügigen Checkpoint-Verteilung ergeben sich kurze, aber intensive Spießrutenläufe. Mehr Ausdauer müsst ihr für die Bosskämpfe mitbringen: Die Attacken der Feinde sind stets nachvollziehbar, gefährlich und hervorragend animiert. Allerdings sind viele Bosse so widerstandsfähig, dass ihr minutenlang auf sie eindreschen müsst. Hier kommt euch eine motivierende Ausdauer-Mechanik zugute: Je mehr Treffer ihr einem Feind hintereinander zufügt, desto leerer wird seine Haltungs-Leiste, und ein vollständiges Aufbrauchen lässt euch ein paar saftige Treffer ohne Gegenwehr landen. Dieses System sorgt für einen spannenden Flow, da ihr nicht nur tödlichen Kombos ausweichen müsst, sondern auch die feindliche Ausdauer stets niedrig halten solltet.
Quelle: PC Games
Manche Gefährten, die ihr ruft, bleiben eine Zeit lang aktiv und verursachen dauerhaft Schaden. Währenddessen könnt ihr mit euren Nahkampf-Gefährten weiter angreifen.
Quelle: PC Games
Im Verlauf des Spiels sammelt ihr eine stattliche Anzahl an Relikten, die euch kleine Perks und Boni verschaffen.
Einziger Wermutstropfen in den Bosskämpfen: Sie spielen sich überwiegend sehr ähnlich. Meist konfrontiert ihr einen menschenähnlichen Gegner, hechtet euch unter seinen blitzschnellen Angriffen hindurch und schlagt ihm dann in den Rücken. Alternative Taktiken oder der strategische Einsatz eurer vielen Fähigkeiten werden hier, im Gegensatz zu den Kämpfen gegen die abwechslungsreichen Standardgegner, kaum verlangt. Klar, auch die Souls-Spiele funktionieren nun mal im Duell-Format besonders gut, und Ender Lilies macht mit seiner griffigen Steuerung, fairen Attacken und präzisen Hitboxen genau das richtig, was andere Genrevertreter gerne verpatzen. Gerade die 2D-Perspektive hätte jedoch etwas mehr Variation und Kreativität in den Bosskämpfen ermöglichen können.
Mehr Wege, ins Gras zu beißen?
Quelle: PC Games
Nach jedem Bosskampf wird euch in einer kurzen Sequenz die (Leidens-) Geschichte des Charakters gezeigt.
Auch als Metroidvania bringt Ender Lilies ein starkes Fundament mit: Die Karte ist riesig, sie ist trotz der stets vorherrschenden melancholischen Stimmung optisch abwechslungsreich, freischaltbare Abkürzungen sind zahlreich vorhanden und sorgen immer wieder für erleichterte Aha-Momente. Da ihr eure Angriffe und Lebenspunkte primär mit seltenen Ressourcen und ausrüstbaren Relikten aufmotzt, lohnt es sich zudem, jede Ecke in jedem Raum abzugrasen. Ihr bekommt gerade genug, um eure Lieblingsfähigkeiten hochzuleveln, nutzloser Loot existiert dadurch quasi nicht. Und wie es sich für ein Metroidvania gehört, könnt ihr jede Menge Orte erst dann erreichen, wenn ihr einem späteren Boss die entsprechende Movement-Fähigkeit abgeluchst habt. Durch die von Anfang an verfügbare Schnellreise geht die Rückkehr in alte Gebieten zudem angenehm flott.
Allerdings verlässt sich Ender Lilies beim Leveldesign etwas zu sehr auf seine gelungenen Kämpfe, um für Herausforderung zu sorgen: Es gibt keine Fallen, keine ausgeklügelten Sprungpassagen, kaum kreative Architektur in den Arealen, sondern fast nur langweilige, eckige Räume mit schwebenden Plattformen. Gegner sind zwar sinnvoll platziert und halten euch mit Projektilen und Flächenangriffen bei der Stange, das Leveldesign verkommt aber schnell zum Einheitsbrei. Hierbei hinkt Ender Lilies anderen Metroidvanias leider etwas hinterher.
Quelle: PC Games
Die Karte zeigt die teils riesigen Räume zwar nur als leere Vierecke, aber immerhin sind offene und (noch) verschlossene Ausgänge markiert. Außerdem erstrahlen die Räume in Orange, sobald ihr darin alles gesammelt und geöffnet habt. Cooles Feature!
Sucht ihr also vor allem nach einem 2D-Souls-like mit hervorragend designten Kämpfen, findet ihr bei Ender Lilies eines der besten und vor allem schönsten Spiele dieses Subgenres. Die Metroidvania-Komponente funktioniert gut, wenn sie auch recht generisch ist. Vor allem Freunde beider Genres in Kombination sollten sich Ender Lilies jedoch unbedingt anschauen, denn trotz seiner Patzer ist es ein sehr gelungener Mix geworden, der sich gerade als Überbrückung für die Wartezeit auf Hollow Knight: Silksong hervorragend eignet!
Ender Lilies: Quietus of the Knights ist für PC, Xbox One, Xbox Series S/X und Nintendo Switch erhältlich. Die PS4-Version soll im Herbst 2021 nachgereicht werden.
