Eastward im Test: Eine Reise quer durch die Popkultur - aber setzt das Action-Adventure auch eigene Akzente?

Test Katharina Pache
Eastward im Test: Eine Reise quer durch die Popkultur - aber setzt das Action-Adventure auch eigene Akzente?
Quelle: Pixpil

Das Indie-Abenteuer Eastward machte schon vor seinem Release im September durch seinen ultradetailierten Pixel-Style auf sich aufmerksam. Aber was bietet das Indie-Spiel abseits der tollen Optik? Wir haben beinahe 30 Stunden auf unserer Reise gen Osten verbracht und verraten, was euch erwartet.

Die Reise geht in Richtung Osten! Und zwar nicht nur innerhalb der Handlung von Eastward, sondern auch thematisch. Das Indie-Abenteuer orientiert sich an großen, japanischen Spieleklassikern, aber schöpft auch allgemein aus der fernöstlichen Popkultur als Inspirationsquelle. Besonders der Ghibli-Anime Chihiros Reise ins Zauberland dürfte inhaltlich Pate gestanden haben für den Roadtrip mit einem Zug durch eine magische Welt. Aber schafft Eastward es trotz offensichtlicher Vorbilder, eigene Akzente zu setzen? Diese Frage klären wir als erstes, bevor wir in Handlung und Gameplay von Eastward einsteigen.

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Im Schatten der Großen

Die meisten Anleihen, derer sich Eastward großzügig bedient, sind sehr offensichtlich ins Spiel eingebunden. Die Mother-Reihe, hierzulande als Earthbound bekannt, ist eines dieser großen Vorbilder und ihr wird in Eastward, was Stil, Atmosphäre und Musikuntermalung betrifft, ausgiebig gehuldigt. Abseits davon wird Earthbound zudem durch ein Spiel im Spiel referenziert. Earth Born wird es genannt - auch, wenn dieses wiederum eher an ein Rogue-like-Final-Fantasy erinnert - und ihr könnt es an in der Welt verteilten Stationen spielen.
Auf eurer Reise lernt ihr über 100 NPCs kennen. Die meisten davon sind mehr als nur ein kleines bisschen schräg. Die Welt wirkt allgemein sehr lebendig. Quelle: Computec Media GmbH Auf eurer Reise lernt ihr über 100 NPCs kennen. Die meisten davon sind mehr als nur ein kleines bisschen schräg. Die Welt wirkt allgemein sehr lebendig. Eastward (jetzt kaufen 23,66 € ) ist durchzogen von Referenzen, wird beinahe schon von ihnen zusammengehalten. Viele davon sind subtil, viele aber auch sehr platt und offensichtlich. Wenn auf dem Kinoprogramm in einer Stadt zu lesen ist, dass dort Streifen wie Cowboy Bebop, Astro Boy, Akira und dergleichen laufen, dann ist das reiner Fan-Service, der die Welt unglaubwürdiger macht anstatt sie zu bereichern. Sollte euch diese doch sehr offensive Einbindung von Inspirationsquellen stören, ist Eastward nicht der richtige Titel für euch.

Allerdings versprüht Eastward trotz all dieser Tribute ein eigenes Flair und entführt euch in eine Welt, die man in dieser Form noch nicht gesehen hat - obschon sie im Grunde aus einem Remix bekannter Settings aus Film, Spiel und Fernsehen besteht. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches oder eine Verfehlung von Eastward, die meisten Spiele, Bücher und Geschichten allgemein bestehen aus bekannten Themen oder Handlungsstrukturen, die neu arrangiert oder kombiniert wurden. Eastward trägt seine Inspirationsquellen allerdings vergleichsweise prominent und stolz am Revers.

Ein Mann, ein Kind

Jetzt aber mal in die Vollen: Worum geht's in Eastward? Ihr spielt zwei Figuren: John und Sam. Der schweigsame John, geschätzt Mitte 40, arbeitet in den Minen einer unterirdischen Siedlung. Dort findet er eines Tages einen Tank, in dem ein kleines Mädchen mit schneeweißen Haaren schlummert. Er nimmt sie mit und auf, die kleine Sam lebt also fortan bei John und die Welt scheint in Ordnung - bis es zu einem Zwischenfall kommt, bei dem die beiden aus dem Ort verbannt werden. Das vermeintliche Todesurteil entpuppt sich allerdings als erste Etappe einer ganzen Reise, denn anders, als von den Höhlenbewohnern vermutet, kann man an der Erdoberfläche tatsächlich leben. Jedoch unter ständiger Bedrohung des Miasma, einer Art schwarzer Masse, die regelmäßig Siedlungen verwüstet und dafür sorgt, dass die Wildnis von Monstern bevölkert wird.
Durch enge Tunnel wie diesen passt nur die kleine Sam. Ihr könnt die Charaktere getrennt steuern. Gefunden haben wir hier das Äquivalent eines Herzteils. Quelle: Computec Media GmbH Durch enge Tunnel wie diesen passt nur die kleine Sam. Ihr könnt die Charaktere getrennt steuern. Gefunden haben wir hier das Äquivalent eines Herzteils. Das nun ist ein erzählerisches Element, so alt wie die Geschichte der Videospiele selbst, aber es funktioniert und wird im Rahmen der Hintergrundgeschichte erklärt. Entwurzelt suchen John und Sam nun nach einer neuen Heimat, besuchen dabei diverse Städte, lernen jede Menge NPCs kennen und müssen dabei auch noch herausfinden, wo Sam eigentlich herkommt und wieso die junge Dame über magische Fähigkeiten verfügt.

Von Pfannen und Magie

Eastward ist ein typisches Action-Adventure mit Rollenspielelementen. Eure beiden Charaktere leveln zwar nicht auf, Johns Ausrüstung allerdings schon und Sam erlernt im Verlaufe des Abenteuers zusätzliche Fähigkeiten. Kämpfe finden in Echtzeit statt: John schwingt im Nahkampf seine treue Bratpfanne, erhält im Laufe der Zeit drei Feuerwaffen obendrein und legt Bomben. Sams Magie friert Feinde kurz ein, dient der Manipulation der Umgebung, erschafft ein Schild oder heilt die beiden Protagonisten. Auf Knopfdruck wechselt ihr zwischen den beiden Helden, ihr könnt - und sollt! - also einen Angreifer kurz mit Sams Magie festhalten, um ihn dann mit Johns Bratpfanne ordentlich eine überzuziehen. Gelegentlich erscheinen die Hitboxen dabei nicht ganz nachvollziehbar, aber das ist meist nicht kriegsentscheidend.

Sams Magie ist schadet zwar Gegnern nicht, aber sie kann damit die Umgebung auf vielfältige Weise manipulieren. Quelle: Computec Media GmbH Sams Magie ist schadet zwar Gegnern nicht, aber sie kann damit die Umgebung auf vielfältige Weise manipulieren. Ärgerlicher ist da schon, dass der nicht vom Spieler kontrollierte Charakter nicht selbstständig handelt, sondern völlig passiv bleibt, was nicht nur schade, sondern zudem unglaubwürdig ist. Außerdem verursachen auch Treffer beim inaktiven Helden Schaden, so verliert man in hektischen Momenten oder engen Räumen gerne mal mehr Lebensenergie, als einem lieb ist und fair erscheint. Ausgeglichen wird das durch automatische Saves, viele manuelle Speicherstationen, die Möglichkeit, sich oft durch Essen oder Schlafen zu heilen und nicht zuletzt die sehr fairen Rücksetzpunkte, bei denen man die meiste Zeit quasi sofort wieder an der Stelle einsteigt, an der man das Zeitliche gesegnet hat.

Zu bestimmten Zeitpunkten seid ihr auch mal alleine unterwegs oder ihr müsst das Duo bei Rätseln aufteilen. Nur Sam etwa kann durch enge Tunnel kriechen, während nur John schwere Hindernisse bewegen oder Gänge aufsprengen kann. Anders als bei einem Zelda kommen im Verlauf des Abenteuers nicht viele weitere Items hinzu, mit denen man die Umgebung beeinflussen kann, weshalb der Komplexitätsgrad der Rätsel die meiste Zeit über konstant bleibt. Gegen Ende kommen dann höchstens erschwerte Bedingungen wie Zeitlimits oder stärkere Gegner hinzu, mit denen ihr euch in den Dungeons auseinandersetzen müsst. Ausnahmen sind die optionalen Schatzkisten, bei denen man vereinzelt wirklich ein bisschen knobeln muss, um sie zu erreichen.

Die Bratpfanne von John hat den Vorteil, dass sie keine Munition benötigt. Deshalb nutzen wir sie sehr oft. Quelle: Computec Media GmbH Die Bratpfanne von John hat den Vorteil, dass sie keine Munition benötigt. Deshalb nutzen wir sie sehr oft. Insgesamt sind die Kopfnüsse gut gestaltet und sorgen in Abwechslung mit den Kämpfen, dem Erkunden und den Story-Sequenzen für einen angenehmen Spielfluss, der stark an bekannte Retro-Klassiker erinnert. Nur das viele Hin- und Herlaufen beim Erledigen diverser Quests nimmt gelegentlich zu viel Raum in Anspruch, danach geht es aber üblicherweise gleich wieder mit etwas Unterhaltsameren weiter. Wäre angesichts der unterschiedlichen Fähigkeiten von John und Sam in Sachen Rätsel mehr drin gewesen? Auf jeden Fall. Aber man muss auch festhalten: Was vorhanden ist, macht Laune und wurde gut umgesetzt.

Wir müssen reden

Die Hauptstory ist grundsätzlich spannend. Am Ende bleibt sie einige Antworten schuldig, hat ein paar weniger überzeugende Momente und wird an einigen Stellen durch gewisse erzählerische Maßnahmen ausgebremst. Wir wollen an dieser Stelle nicht unnötig spoilern, aber lassen mal das Stichwort Zeitschleife fallen. Insgesamt jedoch weiß die Story zu gefallen, da die Geschichte trotz all der Anleihen aus anderen Medien bei der Stange hält und man das ungleiche Duo John und Sam gerne glücklich sehen möchte.

Euch muss allerdings klar sein, dass in Eastward neben der Action die Unterhaltungen gleichwertig viel Raum einnehmen. Ihr werdet lange und häufig mit den schrägen Einwohnern sprechen, und zwar auf Englisch - es gibt keine deutschen Texte und keine Vertonung. Das ist an sich schon nicht allzu erfreulich, obendrein haben die Autoren die schweren Geschütze aufgefahren. Reines Schulenglisch reicht angesichts der vielen umgangssprachlichen Ausdrücke, Dialekte und hochgestochener Ausdrucksweisen an vielen Stellen nicht aus. Der Vorteil ist: Wenn man jeden unbekannten Begriff nachschlägt, ist der eigene Wortschatz hinterher größer. Der Nachteil: Momente der Unverständnis und das Nachschlagen reißen aus dem Spiel, zudem drücken sich in Eastward auch Kinder teilweise so geschwollen und gestelzt aus, dass es unglaubwürdig wirkt. Es ist lobenswert, dass so viel "unnötige" Dialoge geschrieben und so viele "überflüssige" NPCs gestaltet wurden, aber ohne die entsprechenden Sprachkenntnisse hat man eben wenig bis gar nichts davon.

Beinahe makellos

Ohne Worte verständlich sind hingegen Geräuschkulisse und Hintergrundmusik. An dieser Stelle gibt es nichts zu meckern, der Sound-Effekt beim Öffnen von Truhen ist befriedigend wie in einem Zelda, die Melodien des Soundtracks gehen an den richtigen Stellen ins Ohr, untermalen passend die Stimmung und in den richtigen Momenten herrscht auch einfach mal Stille. Auf dem gleichen hohen Niveau bewegt sich die Optik von Eastward. Der überaus detaillierte Pixelstil ist unglaublich hübsch anzusehen und ein echter Augenschmaus. Beeindruckend ist die schiere Masse an Kulissen, NPCs und Animationen, durch die Vielzahl unterschiedlicher Settings gibt es hier kaum Zweitverwertung und jedes Areal strotzt nur so vor liebevollen Details, die die Welt lebendig werden lassen. Wer auch nur ein bisschen was für Pixelkunst übrig hat, dem geht in Eastward ganz sicher das Herz auf. Ganz besonders sticht in diesem Sammelsurium der Blickfänge die Stadt New Dam City hervor, das absolute Highlight auf der Reise gen Osten.
New Dam City ist eines der optischen Highlights in Eastward. Allerdings wird die Zeit vor Ort durch einige Dienstbotenmissionen unnötig gestreckt. Quelle: Computec Media GmbH New Dam City ist eines der optischen Highlights in Eastward. Allerdings wird die Zeit vor Ort durch einige Dienstbotenmissionen unnötig gestreckt. Für den Roadtrip solltet ihr euch etwa 20 Stunden Zeit nehmen, wenn ihr nur die wichtigsten Sightseeing-Stops einlegen wollt. Wir haben 27 Stunden benötigt, aber auch jede Nebenquest verfolgt und nach allen versteckten Truhen gesucht. Widmet ihr euch Earth Born, dem Spiel im Spiel, kommen da gut und gerne noch ein paar Stunden obendrauf. Eine ordentliche Spielzeit, dafür ist der Wiederspielwert des linearen Abenteuers wiederum gering und dürfte nur diejenigen animieren, die alles erledigen wollen - etwa, weil sie Earth Born abhaken möchten oder weil ein Rezept zum Kochen fehlt. Wie in alten Spielen gilt auch in Eastward: Wer etwas auf dem Weg (etwa eine versteckte Truhe) verpasst hat, guckt in die Röhre; ihr könnt nicht zu Orten zurückkehren, die ihr verlassen habt. Dass man die zahlreichen Dialoge nicht überspringen kann, dämpft das Interesse an einer zweiten Runde gleich nach dem Durchspielen.

Ihr liebt Earthbound und Spiele wie Terranigma? Ihr zockt auch heute noch gerne Retro-Zelda? Dann dürfte Eastward euer Fall sein. Auch, wenn es offensichtliche Inspirationsquellen gibt, ist dieses Indie-Spiel mehr als die Summe seiner unzähligen Versatzstücke und in künstlerischer Hinsicht exquisit. Das größte Problem: Die Englisch-Hürde. Und einen technischen Mangel gibt es auch noch: Auf der Switch ruckelt Eastward gelegentlich ein wenig, stärker bei manchen Bossfights.

Bildergalerie

Meinung

Wertung zu Eastward (PC)

Wertung:

8.0 /10

Wertung zu Eastward (NSW)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Gute Balance zwischen Kämpfen, Rätseln und StorySpannende Spielwelt und tolle AtmosphäreGrandiose, detailverliebte PixeloptikWundervolle MusikuntermalungSchön gestaltete, nie zu schwierige RätselMit Nebenquests und versteckten SammelobjektenSehr faires SpeichersystemEinige schön gestaltete BosseOrdentlicher Umfang von mehr als 20 StundenSchräge und interessante CharaktereIm Grunde spannende Story ...
... die aber an einigen Stellen ausgebremst wirdEinige Fragen bleiben offenInaktive Spielfigur kämpft nicht und nimmt SchadenHervorragende Englischkenntnisse nötigAn manchen Stellen viel HerumlaufereiWenig WiederspielwertAuf der Switch gelegentlich Ruckler
Fazit

Liebenswerte Hommage an SNES-Klassiker mit hinreißender Pixeloptik

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