Die E3 ist zurück und das ist gut so
Kolumne
Zuerst der Ausfall 2020 wegen Corona, nun die halb-triumphale Rückkehr als rein digitales Event: Die E3 hat auch schon mal bessere Zeiten erlebt. Ist damit nun endgültig ihr Ende eingeleitet? Nein, findet Redakteur Lukas Schmid in seiner Kolumne, im Gegenteil. Er denkt, die aktuelle Situation zeigt, dass noch mehr Leben in der Expo steckt, als gedacht.
Ich bau ja ab und an mal so kleine Meta-Erzählungen in meinen Kolumnen auf, die ich seit Beginn des Jahres jeden Samstag auf pcgames.de veröffentliche, ich spinne also zwischen den einzelnen Artikeln gerne mal Fäden.
Diesmal muss ich aber noch ein Stück weiter zurückgehen, zu einem Meinungsartikel, denn ich vor ziemlich genau zwei Jahren geschrieben habe, in der guten, alten Vor-Corona-Zeit: Die E3 hat ein Ablaufdatum.
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Darin argumentiere ich, dass die Messe ihren Zenit überschritten hat, dass immer mehr Aussteller abspringen und sie ihre große Relevanz verlieren würde beziehungsweise bereits verloren hat.
Prinzipiell bin ich nach wie vor dieser Meinung. Aber da war ja was mit Pandemie dazwischen, und mit Blick auf die zu dem Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, kurz vor ihrem Beginn stehende rein digitale E3 2021 blicke ich der Messe-Zukunft nun doch zumindest einen Hauch positiver entgegen.
Über den Autor
Quelle: Lukas Schmid
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Lukas Schmid arbeitet seit 2010 in unterschiedlichen Funktionen bei Computec Media und damit bei PC Games, zuerst als Praktikant, anschließend als freier Mitarbeiter, dann als Volontär, Redakteur und inzwischen als Leitender Redakteur für pcgames.de, videogameszone.de, gamesaktuell.de und gamezone.de. Er liebt Action, Adventure, Action-Adventures, Shooter, Jump & Runs, Horror und Rollenspiele, mit Strategietiteln, den meisten Rogue-likes und Militärsimulationen kann man ihn jagen. Jeden Samstag um ca. 09:00 Uhr teilt er euch in seiner Kolumne mit, was ihn gerade wieder nervt oder freut. Hasskommentare und Liebesbriefe gerne in die Kommentare unter der Kolumne, an [email protected] oder auf Twitter an @Schmid_Luki.
Summer Gähn Fest
Vorneweg als kurzer Einschub: Und das trotz des, abseits von Elden Ring, wirklich erbärmlich langweiligen Summer Game Fest-Auftaktevents, das zwar für sich steht und eigentlich Konkurrenz für die E3 ist, aber natürlich trotzdem fließend in den derzeitigen Messetrubel hineinverschwimmt. Ich habe den ersten Absatz vor dem SGF geschrieben, nun ist's der Tag danach. Man ist das ja gewohnt, dass diese Shows große Werbeveranstaltungen sind - das ist nun mal ihr primärer Zweck, es kommt drauf an, was man draus macht -, aber diese digitale Lebenszeitvergeudung ging weit über jede Schmerzgrenze hinaus. Nun ja.
Nach diesem Quasi-Einstand muss sich die E3 also erst beweisen, denn ein bisschen pikiert bin ich schon. Aber tatsächlich geht es mir bei meinem positiven Ausblick weniger um die tatsächliche Ausgestaltung der digitalen Messe denn um die Tatsache, dass sie tatsächlich noch sehr ernstgenommen wird. Der Hype der vergangenen Jahre ist wieder da, und vor allem sind, minus der bekannten Fernbleiber wie Sony und Electronic Arts, die meisten großen Namen wieder mit an Bord - Indies aus allen Herren Ländern sowieso.
Total digital?
Quelle: https://www.theesa.com/
Die E3 ist zurück und das ist gut so (4)
Dabei gibt es dafür bei den "Großen" nicht wirklich die eine sinnvolle Begründung. Für eine digitale Enthüllung braucht es keine E3, sondern bloß Social-Media-Profile und einen Youtube-Kanal. Klar, während der Show schaut die versammelte Gaming-Gemeinde fokussiert auf den Event, aber ähnlich große Aufmerksamkeit kann man mit gezielten Teases auch so erschaffen, und dann muss man sich das Rampenlicht nicht mit drölfzig anderen Spiele(hersteller)n teilen.
Aber, und das beruhigt mich: Der Mensch ist dann schlussendlich doch mehr als sein digitales Ich. Es reicht eben nicht, sich per Zoom auszutauschen, per Instagram in den Alltag des andere einzutauchen und sich WhatsApp-Nachrichten zu schreiben. Physische Anwesenheit, sich treffen, sehen, bietet schlussendlich doch eine andere Qualität des Miteinander, und das trifft eben auch auf Berichterstattung zu.
Warte, warte nur ein Weilchen
Quelle: Electronic Entertainment Expo
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Korrekter Einwand: Aber all das bietet die E3 2021 ja nicht, sie ist ein rein digitaler Event. Ich denke aber, dass die durchaus große Relevanz, die ihr von Hersteller- und Beobachterseite in diesem Jahr zukommt, schlussendlich ein Ausdruck von Sehnsucht ist; Sehnsucht nach diesem "Normal", das man bis 2019 kannte. Ein Normal, das in diesem Jahr nur simuliert stattfindet, aber eben ein Vorbote darauf, dass 2022 dann tatsächlich alles wieder so ablaufen kann wie früher.
Darum hat eventuell die Gamescom 2020 auch nicht so richtig hingehauen, wir waren mittendrin im Corona-Drama und ein Ende war noch nicht mal ansatzweise in Sicht. Da war die Messe schlussendlich nicht mehr als ein unangenehmer Reminder, dass alles im Argen liegt. Wer weiß, vielleicht klappt's in diesem Jahr schon deutlich besser, mit großen Teilen der Bevölkerung geimpft, wissend, dass man sich in absehbarer Zeit wieder in den Kölner Messehallen wird sehen können.
Diese Sehnsucht kommt eben nicht nur von Fan- und Presseseite: Auch von Herstellern kommen in der letzten Zeit wieder leise Anfragen, wie unsere Sichtweise auf Anspielmöglichkeiten mit physischer Präsenz ist. Dauerisolation tut niemandem gut.
Ja, sie lebt noch
Quelle: Finji
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Doch zurück zum Hauptthema: 2022 kann sich die E3, können sich physische Events, die rein logisch betrachtet nicht unbedingt stattfinden müssen, beweisen. Nein, auch heute sage ich wie in meiner Kolumne 2019, dass das große Relevanz-Revival nicht stattfinden wird. Aber zumindest mir geht es so, dass ich den Wert von Veranstaltungen wie der alten Dame E3 jetzt erst so richtig zu schätzen weiß, und vielen, für die der jährliche Gamescom-Wahnsinn entweder aus Berichterstattungs- oder Besuchersicht zur Routine gehörte, dürfte es ähnlich gehen.
Ganz abgesehen davon, dass es da für viele Studios ja auch nicht nur um Jux und Tollerei und Bewerbung ihrer Spiele geht. Gerade Indie-Entwickler knüpfen in Los Angeles und Köln Kontakte, finden Partner, schaffen die Möglichkeiten, um ihre Projekte zu realisieren. Wären die Messen für immer tot, würde auch das ein Ende finden.
Hand drauf!
Quelle: PC Games
Die E3 ist zurück und das ist gut so (5)
Schlussendlich ist meine Kolumne also, wenn man so will, ein Hochleben lassen des physischen Miteinanders, mit Fokus auf meine Branche, aber auch generell. Ich weiß, es ist während Corona - meiner Meinung nach verstörende - Praxis geworden, Usancen wie dem Händedruck zur Begrüßung, der Umarmung, einfach der zwischenmenschlichen Nähe auch für Post-Pandemie-Zeiten abzuschwören, nach dem Motto "voll gut, dass man das jetzt nicht mehr tut".
Ich will das aber tun, ich will in Menschenmassen stehen und nicht befürchten, dass ich damit meine Großmutter umbringe, will mich ärgern, weil so viel los ist, gestresst zu Terminen hetzen und nicht als einzige Voraussetzung für diese Treffen halbwegs stabiles Internet und einen Discord-Account haben.
Die E3 ist auf dem Weg dorthin natürlich nur ein winziges Puzzlestück, aber für mich als Spieler trotzdem relevant. Klar, vieles daran ist doof, die Veranstalterorganisation ESA ist ein zutiefst fragwürdiger Verein, und es wird dort immer zu viel dümmliche Werbung, zu viel Pomp, zu viel Call of Duty geben. Ihr Existenz durch all die Krisen und ausgerufenen Niedergänge hindurch, jetzt eben mit der Pandemie im besonderen Ausmaß, ist aber auch ein Zeichen, dass es schlussendlich doch immer weitergeht, auch, wenn die Situation verfahren ist. Und das finde ich, mal ohne jeden Zynismus, richtig schön.
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