Dreams: "Ich möchte Frauen bestärken, in unserer Industrie zu arbeiten" - Interview mit Media-Molecule-Chefin Siobhan Reddy

Special Maria Beyer-Fistrich
Dreams: "Ich möchte Frauen bestärken, in unserer Industrie zu arbeiten" - Interview mit Media-Molecule-Chefin Siobhan Reddy
Quelle: Sony

Auf der devcom hatten wir die Gelegenheit, mit Media-Molecule-Chefin Siobhan Reddy über Dreams und die Gaming-Branche zu reden. Was uns die sympathische Studiogründerin über ihr neues Spiel und Frauen in der Games-Branche erzählt hat, lest ihr im Interview.

"Sich etwas vorzustellen, bedeutet, eine Welt zu bauen, zu erschaffen." Autor Eugène Ionesco wollte mit dem Satz eigentlich die Ausflüchte in die eigene Fantasie verteidigen, heutzutage liest er sich aber wie die perfekte Beschreibung des Spielprinzips von Dreams (jetzt kaufen ). Mittels Baukasten und der eigenen Vorstellungskraft lassen sich im Nachfolger von Little Big Planet eigene Spielwelten erschaffen. Das Entwicklerstudio Media Molecule hat mit Little Big Planet und Tearaway Unfolded bereits bewiesen, dass sie kreative Spiele können. Und auch Dreams setzt wieder auf den kreativen Antrieb, sich auszudrücken, der jedem Menschen innewohnt. Dreams soll dabei die Grenzen zwischen Spiel, Film und Musik verschwimmen lassen und der nächste logische Schritt für das englische Studio werden. Da in der Fantasie bekanntlich alles möglich ist, sorgt das Spielprinzip dafür, dass Dreams schwer einzuordnen ist. Wir haben uns mit Studiogründerin Siobhan Reddy getroffen, um über die Entwicklung von Dreams, ihre Karriere, Kreativität im Alltag und Frauen in der Gaming-Branche gesprochen.

Interview mit Siobhan Reddy

PC Games: Dreams setzt auf Geduld und Kreativität, das kann ein Risiko sein. Warum habt ihr euch für diesen Weg entschieden? Ihr hättet ja ein Spiel machen können, das einfacher zu verstehen ist.
Siobhan Reddy: Dreams ist der logische Schritt nach Little Big Planet - und Little Big Planet ist Teil unserer DNS. Wir wollen Spielern die Möglichkeit geben, von ihrer Couch aus Spiele auf der Playstation zu erschaffen. Als wir Little Big Planet entwickelten, war die häufigste Frage, ob wir glauben, dass Spieler tatsächlich etwas kreieren werden. Und klar, wir haben natürlich gegrübelt, aber im Endeffekt immer daran geglaubt, dass Menschen eben kreative Wesen sind und sich gerne ausdrücken. Jeder mag Spiele. In Dreams verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel, Film und Musik und wir möchten unseren Spielern somit noch viel mehr Möglichkeiten geben, sich auszutoben.

PC Games: Also wart ihr immer davon überzeugt, dass die Spieler etwas kreieren werden? Siobhan Reddy (rechts) und Maria Beyer-Fistrich sprachen auf der devcom unter anderem über Dreams.   Quelle: Computec Media Group  Siobhan Reddy (rechts) und Maria Beyer-Fistrich sprachen auf der devcom unter anderem über Dreams.  
Siobhan Reddy: Was ich besonders mag, ist es, den Mitarbeitern bei uns im Studio dabei zuzuschauen, wie sie ihre eigenen Kreationen erschaffen - sie sind nicht notwendigerweise Designer, sondern beschäftigen sich eigentlich mit anderen Aufgaben - und sich damit ausdrücken. Wir sind immer mit dem Ansatz herangegangen: Gefällt es uns und benutzen wir es gerne, dann mögen es auch andere Menschen. Aber natürlich checken wir noch ausführlicher, ob Dreams funktioniert, etwa in "Friends & Family"-Tests.

PC Games: Die Creation Tools in Little Big Planet erforderten vor allem Geduld, um funktionierende Levels beziehungsweise Spiele zu basteln, wie habt ihr den Prozess in Dreams vereinfacht?
Siobhan Reddy: Wir treffen jeden Tag Entscheidungen. Sei es unsere Kleidung oder wie wir das Haus dekorieren. Kreativ zu sein, bedeutet nicht, dass man immer ein riesiges Gemälde malt. Es gibt viele Formen der Kreativität. In Dreams möchten wir es den Spielern ebenso einfach machen, den gleichen Ansatz wie bei täglichen Entscheidungen zu wählen - wie etwa mit einer Collage. Durch simples Klicken und Platzieren lässt sich eine Welt erschaffen.

PC Games: Dreams ist nun schon seit langer Zeit in Entwicklung. Wo lag deiner Meinung nach die größte Schwierigkeit in der Entwicklung der Creation Tools?
Siobhan Reddy: Wir sind ein wirklich kleines Team und für uns war es am schwierigsten tatsächlich die Grenzen zwischen Animation, Musik, Modeling und den Spielsystemen im Hintergrund verschwimmen zu lassen. Dreams ist das einzige Spiel, in dem all diese Dinge zusammenkommen. Und wir sind sehr stolz darauf, dass wir es geschafft haben, mit unseren Tools an diesem Punkt anzukommen.

PC Games: Es fällt schwer, Dreams mit einem typischen Genre-Label zu versehen - kann man das überhaupt? Wenn ja, welches Genre wäre deiner Meinung nach am passendsten für Dreams?
Siobhan Reddy: Wenn wir darüber nachdenken, dann sehen wir es als kreatives Spiel - und wir sind nicht die einzigen, die solche Spiele machen. Heutzutage wachsen Spieler mit Titeln wie Minecraft auf. Für die jüngere Generation sind kreative Spiele also etwas völlig Normales.

PC Games: Also ist es möglicherweise ein eigenes neues Genre?
Siobhan Reddy: Es ist ein Genre, mit mehreren Genres in sich (lacht).

PC Games: Auf der E3 hat dein Team verschiedene Spiele vorgestellt, die in Dreams entstanden sind. Welches davon gefällt dir am besten und warum?
Siobhan Reddy: Das ist eine gute und schwere Frage. Ich glaube, ich liebe tatsächlich das Text-Adventure.

PC Games: Das ist aber ganz schön Oldschool.
Siobhan Reddy: Ja, genau (lacht). Am schönsten ist es, wenn einen Leute, die man gut kennt, mit solchen Kreationen überraschen. Aber wie gesagt, das Text-Adventure war mein Liebling der E3 - aber meine Favoriten ändern sich auch ständig.

PC Games: Wie geht's weiter mit Dreams?
Siobhan Reddy: Wir wollen jetzt erstmal die Beta an den Start bringen und dann schauen wir uns an, was die Spieler in Dreams erschaffen und wie sie das Spiel nutzen. Ich bin durchgehend fasziniert davon, was unsere Leute im Studio kreieren. Der nächste Schritt ist also, sich anzuschauen, was Spieler erschaffen, die wir nicht kennen.

PC Games: Wann startet die Beta? Hast Du eine Roadmap für unsere Leser?
Siobhan Reddy: Nein (lacht). Genau kann ich Dir das nicht sagen, aber noch in diesem Jahr.

PC Games: Ich habe noch einige persönliche Fragen für dich, denn Du hast als Frau eine beeindruckende Karriere in der Gaming-Branche hingelegt. Das war sicher nicht immer einfach. Welche Probleme sind dir im Laufe der Jahre begegnet?
Siobhan Reddy: Bei meinen ersten zwei Jobs habe ich für Frauen gearbeitet. Ich war zuerst bei Perfect Entertainment bei meiner inzwischen guten Freundin Lucy, danach war ich bei Criterion Games bei Fiona Sperry - das waren also auch zwei Firmen, die von Frauen geführt wurden. Ich hatte also eine interessante und andere Erfahrung mit dem Einstieg in den Job. Für mich lag die Schwierigkeit immer bei einer anderen Frage. Wie bekommen wir mehr Frauen dazu, einen Job in der Gaming-Branche anzunehmen? Bei Medial Molecule sind wir bei 38 Prozent Mitarbeiterinnen, was schon ganz ordentlich ist. Wir verlieren die jungen Frauen nämlich schon im Teenageralter durch den Einfluss von Eltern oder Freunden. Ich möchte Frauen bestärken, in unserer Industrie zu arbeiten, um so auch Studios zu schaffen, die divers sind. Es soll einen Platz für alle Menschen in unserem Business geben. Denn für mich waren meine ersten Erfahrungen in der Branche gut. Als ich für Lucy und Fiona gearbeitet haben, fühlte ich mich akzeptiert, auch wenn es wenige Mitarbeiterinnen gab. Dennoch brauchen wir mehr Frauen und das ist gar nicht so leicht. Programmieren steht inzwischen auf dem Stundenplan in Großbritannien, das ist ein Anfang. Und ich hoffe, wir sehen in Zukunft mehr Frauen in der Branche.

PC Games: Was hat dich dazu inspiriert, eine Karriere in der Gaming-Branche zu verfolgen?
Siobhan Reddy: Ein Freund hat es mir vorgeschlagen. Auch schon vor meinem Start in die Branche war ich sehr interessiert an Filmen, Musik und Theater. Außerdem hatte ich gerade Resident Evil gespielt und dabei gemerkt, dass in Spielen alles zusammenkommt, was ich liebe - Storytelling, Technologie, Musik, Kunst. Ich gehörte eigentlich zu den Leuten, die über eine Karriere in der Spielebranche nicht nachdachten, bevor es mir nahegelegt wurde. Die Industrie ist perfekt für Menschen, die mehr als eine Leidenschaft verfolgen möchten.

PC Games: Wie würde sich die Branche durch einen höheren Frauenanteil verändern?
Siobhan Reddy: Ich glaube, da gibt es viele Ansätze. Das Offensichtlichste zuerst: Wenn Frauen ins Team kommen, ändert sich sofort die Dynamik der Gruppe. Wenn wir Dinge diskutieren, bringen Frauen eine andere Perspektive mit. Für den kreativen Prozess sind verschiedene Perspektiven unerlässlich. Ein weiterer wichtigerer Faktor ist Empathie. Das ist natürlich auch eine Pauschalisierung, aber wie Frauen sich in Sachen Kommunikation und Empathie in Entstehungsprozesse einbringen, ist anders als bei Männern. Wichtig ist auch, dass wir die Frauen in der Branche behalten. Dazu gehört natürlich auch eine offene Einstellung zur Kinderbetreuung. Und wie wir feststellten, betreffen flexiblere Arbeitszeiten natürlich nicht nur die Frauen, sondern sind sehr positiv für beide Elternteile.

PC Games: Allgemein denkst Du aber, dass wir auf dem richtigen Weg sind?
Siobhan Reddy: Naja, wir arbeiten natürlich weiter daran. Die Gaming-Branche ist zukunftsorientiert und erfindet ständige neue Dinge, niemand will auf der Stelle treten. Aber wir müssen uns die notwendigen kulturellen Veränderungen immer wieder bewusstmachen.

PC Games: Es gibt da natürlich immer noch viele Schwierigkeiten, besonders der ganze Hass im Internet, den man zu spüren bekommt. Frauen werden leicht zur Zielscheibe.
Siobhan Reddy: Wir reden intern oft darüber, wie wir mit solchen Sachen umgehen. Wir können uns glücklich schätzen, dass unsere Community von Media Molecule eine positive ist. Man muss sehr früh dafür sorgen, dass man die Community formt. Aber Du hast recht. Das Internet kann ein furchteinflößender Ort sein.

PC Games: Was ist dein Lieblingsvideospielcharakter?
Siobhan Reddy: Ich glaube, ich muss Jill Valentine sagen. Sie ist einfach fantastisch.

PC Games: War Resident Evil auch dein erstes Spiel überhaupt?
Siobhan Reddy: Nein, nein, aber das erste, bei dem ich mir gedachte habe, dass ich Spiele erschaffen will.

PC Games: Und was war dein erstes Spiel?
Siobhan Reddy: Ich weiß es gar nicht so genau. Möglicherweise Donkey Kong. Ich bin in Australien aufgewachsen. Wir sind dort immer lange Strecken gefahren, um die Verwandtschaft zu besuchen. Wir saßen hinten im Auto und teilten uns ein Game & Watch (Anm. d. Redaktion: LCD-Spielereihe von Nintendo mit vorinstallierten Titeln, die bis Mitte der 90er produziert wurden). Es war immer emotional. Ich habe viele wunderbare Erinnerungen an diese Zeit.

Vielen Dank für das Gespräch.

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