Disintegration im Test: Ein Genremix, der nicht ganz aufgeht

Test David Benke
Disintegration im Test: Ein Genremix, der nicht ganz aufgeht
Quelle: Private Division

In ihrem Erstlingswerk Disentegration versuchen sich die Entwickler von V1 Interactive an einer interessanten Mischung: Der Titel, der am 16. Juni für PC, PS4 und Xbox One erschienen ist, soll Elemente aus Ego-Shooter und Echtzeitstrategie miteinander verschmelzen und das Ganze in ein düster-dystopisches Sci-Fi-Setting einbetten. Wie gut das funktioniert hat, klären wir im Test!

Als ich noch ein kleiner Hosenscheißer war, pflegte meine Oma immer zu sagen: "Junge, merk' dir: Wer zwei Dinge auf einmal tut, macht beide nur noch halb so gut." Heute denke ich mir: Das ist ein Motto, das sich vielleicht auch die Videospiel-Industrie einmal zu Herzen nehmen sollte. Schließlich kamen in den vergangenen Monaten einige Titel auf den Markt, die gleich auf mehreren Hochzeiten tanzen wollten, dabei aber keine allzu gute Figur abgaben. Eines der prominentesten Beispiele dafür ist wohl Ubisofts grandios geflopptes Open-World-Experiment Ghost Recon: Breakpoint, das sich beim Versuch, einen Spagat zwischen Story-Shooter und Multiplayer-Rollenspiel zu schaffen, nicht nur einen Riss im Schritt einhandelte. Hier wollten die Macher einfach zu viel auf einmal und überzeugten am Ende so in einem keinem der Spielaspekte.

Ein ähnliches Schicksal ereilt nun auch das am 16. Juni erschienene Disintegration. Die Entwickler von V1 Interactive haben sich mit ihrem Erstlingswerk, das seinen Weg auf sowohl auf den PC als auch PS4 und Xbox One gefunden hat, ebenfalls ambitionierte Ziele gesetzt: Das US-Studio will Spieler einen spannenden Mix aus Ego-Shooter und Echtzeitstrategie bieten und somit sowohl Action-Fanatiker als auch Taktikfüchse ansprechen. Das funktioniert allerdings leider nur mittelprächtig.

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Über den Dingen stehen

Dabei ist die Grundidee von Disintegration gar nicht einmal so verkehrt. Das rund 40-köpfige Team rund um CEO Marcus Lehto, den ehemaligen Creative Art Director der Halo-Trilogie, präsentiert euch ein düsteres Sci-Fi-Setting, in dem die Menschheit angesichts Überbevölkerung und Krankheit vor dem Untergang steht. Um dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, verfrachtet sie jedoch kurzerhand ihre fragilen Hirne in solide Roboterkörper - und schon ist das Problem gelöst. Theoretisch. Wenig überraschend finden nämlich nicht alle Erdbewohner diesen "Integration" genannten Prozess so geil. Es kommt zu unausweichlichen Konflikten zwischen Integrierten und Natürlichen, die schließlich in blutiger Gewalt gipfeln.

Von eurem Gravcycle aus könnt ihr euren Gegnern ordentlich Saures geben. Quelle: PC Games Von eurem Gravcycle aus könnt ihr euren Gegnern ordentlich Saures geben. In der Zukunft werden diese Auseinandersetzungen aber natürlich nicht mehr mit stumpfem Geballer geführt. Stattdessen stehen im Fokus der modernen Kriegsführung die sogenannten Gravcycles - Hoverbikes mit schwerer Bewaffnung. Mit denen könnt ihr von hoch oben Feuer auf eure Gegner hinabregnen lassen, die Umgebung scannen und gleichzeitig auch noch eure Kameraden übers Schlachtfeld kommandieren. Ihr seid quasi ein General, der über den Geschehnissen schwebt, die Geschicke lenkt, im schlimmsten Fall aber auch noch selbst eingreift. Eure Teammitglieder fallen indes in die vier Kategorien Striker, Krieger, Panzer oder Fernaufklärer und haben alle unterschiedliche Fähigkeiten auf Lager. Manche unterstützen euch mit Mörserfeuer, andere betäuben Feinde per Druckgranate oder fangen sie in einem Verlangsamungsfeld, das Bewegungen und Schüsse in Zeitlupe ablaufen lässt. Die Effekte lassen sich auch noch miteinander kombinieren und sorgen so für ordentlich Verwüstung.

Das ist auch dringend nötig, denn im Rahmend der über zehn Kampagnenmissionen laufen euch Heerscharen an Gegnern vor die Flinte. Zwar erwarten euch auch Aufträge, in denen es mal Gefangene zu befreien, Bomben zu entschärfen oder Ressourcen zu sammeln gilt. Meistens manövriert ihr aber euren Trupp in Vogelperspektive durch schlauchige Levels und ballert in typischer FPS-Manier auf alles, was sich bewegt: auf Fußsoldaten, auf fliegende Drohnen, auf Scharfschützen oder auf haushohe vierbeinige Kampfroboter - die nötige Gegnervielfalt ist also da, nur Bossgegner haben wir etwas vermisst. Entsprechend macht Disintegration durchaus Laune, zumindest in den ersten Stunden und mit den richtigen Einstellungen. Denn wer nicht aufgrund des anspruchsvollen Schwierigkeitsgrads verzweifelt, der euch auch mal 120 Minuten in einem einzigen Auftrag versenken lässt, dem geht aufgrund von Monotonie und oberflächlichem Spieldesign schnell der Spielspaß abhanden.
Jede Einheitenklasse verfügt über unterschiedliche Fähigkeiten. Der Krieger wirft beispielsweise eine Druckgranate mit Betäubungseffekt. (1) Quelle: PC Games Jede Einheitenklasse verfügt über unterschiedliche Fähigkeiten. Der Krieger wirft beispielsweise eine Druckgranate mit Betäubungseffekt. (1)

Weder Fisch noch Fleisch

Das Problem: Weil sich V1 Interactive nicht auf ein Genre konzentriert, fallen sowohl der Baller- als auch der Strategie-Aspekt eher unbefriedigend aus. Richtiges Shooter-Feeling will im kompletten Spiel etwa nie wirklich aufkommen, dafür fehlt einfach die nötige Action. Mit eurem Gravcycle seid ihr viel zu weit vom eigentlich Spielgeschehen entfernt. Und weil sich die Kiste, trotz Boost-Funktion, auch noch unglaublich behäbig steuert, fühlen sich alle Auseinandersetzungen ziemlich schwerfällig an. Auf der Konsole ist die Steuerung zudem recht unpräzise, was nochmal dadurch verschlimmert wird, dass es keine Zoom- beziehungsweise Visierfunktion gibt. Auch eure Ausrüstung dürft ihr nicht selbst auswählen. Ihr startet zwar jeden Auftrag mit einem variierenden Loadout - mal mit Maschinengewehr und Heilitems, mal mit Photonenkanone und Raketenwerfer - das wird aber stets vom Entwickler vorgegeben.

Eure Ausrüstung und Teamkameraden wechseln vor jedem Einsatz. Selbst bestimmen dürft ihr allerdings keinen der beiden Aspekte. Quelle: PC Games Eure Ausrüstung und Teamkameraden wechseln vor jedem Einsatz. Selbst bestimmen dürft ihr allerdings keinen der beiden Aspekte. Das ist ein Trend, der sich im Taktikbereich fortsetzt. Das Team, mit dem ihr in Disintegration unterwegs seid, ist nicht individuell zusammenstellbar und eure Auswahl Befehlsoptionen doch recht begrenzt. Schieß- oder Marschbefehl geben und vereinzelt per Knopfdruck zur Interaktion mit der Umwelt auffordern - mehr geht nicht. Es gibt keine Defensivfähigkeiten und keine Deckungsfunktion. Darüber hinaus lässt sich euer Trupp nur als Verbund befehligen. Das schränkt eure Möglichkeiten beim geplanten Vorgehen schon merklich ein. Zumal sich eure Kameraden teils auch noch richtig doof anstellen, blindlings in feindliche Minen rennen und dann von euch wiederbelebt werden müssen.

Tiefgang eines Kinderplanschbeckens

Kurz und knapp: Dem Spiel fehlt es an Tiefe. Das macht sich auch bei der Story bemerkbar, die ihr innerhalb der maximal 12-stündigen Kampagne erzählt bekommt. Die dreht sich um Romer Shoal - einen ehemaligen Promi und Moderator einer Gravcycle-Show, der sich dem Widerstand angeschlossen hat - und spinnt den typischen Handlungsbogen rund um Verlust und Verrat. Aus der interessanten Grundprämisse wird indes viel zu wenig herausgeholt. Risiken und Chancen des Integrationsprozesses werden nur ebenso oberflächlich angekratzt wie die Frage, was uns überhaupt menschlich macht. Stattdessen reißen die Beteiligten lieber Witze darüber, dass man als Roboter keine Hose mehr tragen muss und die frische Brise untenrum schon ziemlich geil ist.

Wer noch etwas Substanz sucht, der kann in der Basis "Old Meg" herumlaufen und mit den dortigen Figuren sprechen. In den kurzen, ausschließlich auf Englisch vertonten Gesprächen bekommt ihr ein paar Infos zu euren Mitstreitern, manchmal aber auch zusätzliche Herausforderungen aufs Auge gedrückt. Dann gilt es im nächsten Level etwa, eine bestimmte Anzahl fliegender Gegner zu erledigen oder den Auftrag innerhalb eines Zeitlimits zu schaffen. Dafür gibt es dann Beute und Upgrade-Chips, die ihr in die Verbesserungen eurer Crew investieren könnt - beispielsweise mehr Widerstandskraft oder mehr Waffenschaden.
Mit Hilfe von Chips lassen sich diverse Aspekte eurer Teamkameraden aufwerten - beispielsweise deren Waffenschaden oder Widerstandskraft. Quelle: PC Games Mit Hilfe von Chips lassen sich diverse Aspekte eurer Teamkameraden aufwerten - beispielsweise deren Waffenschaden oder Widerstandskraft.

Mehr Spieler, mehr Spaß?

Besonders Wagemutige können auch noch in den Multiplayer reinschauen. Hier messt ihr euch in Fünf-gegen-Fünf-Gefechten in diversen Spielvarianten: Zone Control, einer Art King-of-the-Hill-Modus, Collector aka Capture the Flag und Retrieval, das wie Abschuss bestätigt funktioniert. Spielerisch bietet der Mehrspieler-Part das weitestgehend gleiche Bild wie der Einzelspieler - Schießen, Befehle geben, Missionsziele erledigen. Durch die kleinen Karten fühlt sich das alles aber noch mal etwas hektischer an. Einziger Twist ist, dass ihr vor jedem Match aus neun verschiedenen Multiplayer-Crews wählt. Die verfügen über individuelle Einheiten und Gravcycle-Fähigkeiten und begünstigen so verschiedene Spielstile. Mit Hilfe von Ingame-Währung könnt ihr eure Crew auch noch optisch individuell anpassen. Die nötigen Credits kriegt ihr entweder für abgeschlossene Matches und Herausforderungen oder für Echtgeld im Shop.

Im Multiplayer stehen euch neun verschiedene Standard-Crews zur Verfügung. Jede verfügt über eigene Stärken und Schwächen uns begünstigt so einen anderen Spielstil. Quelle: PC Games Im Multiplayer stehen euch neun verschiedene Standard-Crews zur Verfügung. Jede verfügt über eigene Stärken und Schwächen uns begünstigt so einen anderen Spielstil. Apropos Optik: Die Grafik in Disintegration ist eher zweckdienlich. Das Spiel sieht nicht schlecht aus, reißt aber auch niemanden vom Hocker. Schick sind die Zerstörungseffekte. Wenn ihr auf explosive Fässer oder Fahrzeuge schießt, fliegen diese in die Luft und reißen dabei nahegelegene Gegner und Gebäude mit sich. Weniger schön sind die etwas starren Gesichtszüge der wenigen menschlichen Charaktere oder die deutlich nachladenden Texturen der Konsolenversion.

Auch sonst gab es während unseres Tests noch ein paar kleinere unschöne Nebenerscheinungen. Einmal wurde ein Missionstrigger nicht ausgelöst, sodass wir vom letzten Checkpoint von vorne beginnen mussten. Zweimal schmierte uns das Spiel sogar komplett ab, wodurch der gesamte Fortschritt eines Auftrages hinüber war. Ihr könnt eine laufende Mission nämlich nicht speichern und später fortsetzen. Das kann natürlich daran liegen, dass wir noch ohne Day-One-Patch gespielt haben. Ein etwas geschliffeneres Spielerlebnis hätten wir uns bei einem Preis von 50 Euro aber schon gewünscht.

Fazit und Wertung

Meinung

Wertung zu Disintegration (PC)

Wertung:

6.0 /10

Wertung zu Disintegration (PS4)

Wertung:

6.0 /10
Pro & Contra
Spannendes GrundkonzeptInteressantes SettingGutes GegnerdesignVier Einheitenklassen mit individuellen FähigkeitenDiverse Upgrade-MöglichkeitenSchicke UmgebungszerstörungMultiplayer-Modus
Ausrüstung und Team nicht anpassbarLangsames, unpräzises Shooter-GameplayFehlende Tiefe im StrategiebereichLangweilige StoryMonotones MissionsdesignTeils doofe KINachladende TexturenVereinzelte Crashes

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