Herr der Ringe: Gollum im Test - Lizenzgurke steht wieder auf dem Speiseplan, Jungs!
Test 44,99 €
Eine passable Idee, fürchterlich umgesetzt: Wir haben Gollum gespielt, damit ihr es nicht müsst.
Dazu trägt auch ein ordentliches Gespür für die charakteristische Mordor-Atmosphäre bei. Barad-dûr ist vermutlich der letzte Ort in Mittelerde, an dem man sich aufhalten möchte, und diese Stimmung bringt das Spiel durchaus rüber. Der Schauplatz ist laut, heiß, einschüchternd und eklig. Zudem sind die Umgebungen mit genügend Deko und Gegenständen vollgebaut und atmosphärisch ausgeleuchtet, sodass sie sich nicht allzu leer anfühlen. Hier und da gibt's auch mal durchaus hübsche Panoramen zu sehen. Wie Gollums Animationen fällt das Umgebungsdesign aber bei genauerer Betrachtung wegen technischer Unzulänglichkeiten völlig auseinander.
Die Technik: Kaugummi und Spucke
Beim Test auf der PS5 hat uns Gollums Spielwelt einige der schäbigsten Texturen präsentiert, die wir je in einem modernen Vollpreisspiel gesehen haben. Man meint immer wieder die Unreal Engine 4 würde einfach noch ein paar Sekunden brauchen, um die teils fast schon einfarbigen Platzhalter durch "richtige" Texturen zu ersetzen; aber nein, da kommt offenbar nix mehr. Grob geschätzt befindet sich ein Drittel aller Pixeltapeten im Spiel bestenfalls auf PS2-Niveau. Dass es sich da nicht lohnt, den Raytracing-Modus anzuschalten, um den ganzen Matsch realistisch beleuchten zu lassen, versteht sich wohl von selbst.
Quelle: PC Games
Die Mimik der Figuren bewegt sich auf einem ähnlich niedrigen Level. Gollum und andere Charaktere haben zwar verschiedene Gesichtsausdrücke, aber nach jedem gesprochenen Satz wechseln ihre Visagen abrupt in die Default-Position zurück, was im besten Fall mal für einen unfreiwilligen Lacher gut ist. Dass die deutschen Sprecher einen respektablen Job machen und vor allem Gollum sein Filmvorbild gut einfängt, täuscht selten über das optische Trauerspiel hinweg, das euch in den Dialogen geboten wird.
Auch interessant: So mies läuft Gollum aktuell auf dem PC: Technik-Check von PC Games Hardware!
Selbstgespräche und Geschleiche
Eine coole, eigene Idee hat Gollum aber in petto: An bestimmten Schlüsselmomenten könnt ihr euch für eine seiner beiden Persönlichkeiten entscheiden, ob ihr also dem gutmütigen Sméagol oder dem hinterlistigen Gollum die Bühne überlassen wollt. Nach der Entscheidung gilt es dann, die jeweils andere Seite zu überzeugen, indem ihr aus einer kleinen Liste an Argumenten die passenden auswählt.
Quelle: PC Games
Gewinnt eure Seite mehr Diskussionen als der gedankliche Gegner, wird eure Entscheidung umgesetzt, wodurch sich die folgende Cutscene und teils spätere Dialogzeilen ändern. Das System an sich ist nicht unspannend, es kommt aber nur selten zum Einsatz und beeinflusst die Gesamtgeschichte zu wenig, um einen erneuten Durchgang lohnenswert zu machen.
Ebenso selten sind die versprochenen Schleichsequenzen, die einer Figur wie Gollum, die es gewohnt ist, im Schatten zu agieren und Andere zu überlisten, natürlich wie auf den Leib geschneidert sind. Nun, das wären sie, wenn sich Daedalic nicht dazu entschieden hätte, die Schleichmechaniken auf dem Niveau einer Gimmick-Mission in einem x-beliebigen anderen Spiel zu belassen. Ihr könnt euch im Schatten verstecken, hier und da mal einen Gegner erwürgen und zur Ablenkung Steine werfen, das war's.
Quelle: PC Games
Die Gegner laufen ihre geskripteten Bahnen ab, sind in der Regel außerordentlich beschränkt und meistens heillos überfordert, wenn ihr unter einen Tisch kriegt oder euch an eine Kante hängt. Fürs Gesamterlebnis spielt das fade Geschleiche aber ohnehin kaum eine Rolle.
Auch beim Rätseldesign überzeugt Gollum nicht, obwohl die Adventure-Experten von Daedalic diesbezüglich eigentlich einiges auf dem Kasten haben. Gefordert werdet ihr ohnehin kaum, außer, wenn ein eigentlich simples Rätsel durch einen Bug unlösbar gemacht wird und ihr den ganzen Abschnitt neustarten müsst. Im Test ist uns das mehrmals passiert, genau wie falsch eingestreute Checkpoints, die uns teilweise direkt über einem Abgrund gespawnt haben und ebenfalls einen Levelneustart erforderten. Charakterprogression gibt's übrigens auch nicht, ihr macht das gesamte Spiel über die gleichen Dinge mit den gleichen Fähigkeiten.
Das Fazit: Nein.
Wir könnten nun noch jede Menge andere Probleme, Bugs und technische Macken aufzählen, die den Test für uns zu einer frustrierenden Geduldsprobe gemacht haben. Wir könnten uns auch darüber beschweren, dass Daedalic Features wie die Vertonung in der Elbensprache Sindarin, den Lore-Kodex im Spiel oder ein Gesten-Paket als Mikrotransaktionen verkauft. In einem Singleplayer-Titel, der zum Start knapp 60 Euro kostet, wohlgemerkt.
Aber bei der allgemeinen Qualität, die hier geboten wird, ist das alles auch nicht mehr wichtig. Einen besonders schwerwiegenden Fehler möchten wir trotzdem noch anbringen: Kurz vor dem Release hat Daedalic einen Patch für die PS5 veröffentlicht, von dem wir annehmen, dass er unseren Spielstand unbrauchbar gemacht hat.
Quelle: PC Games
Mitten im fünften von zehn Kapiteln passieren wir einen Ladescreen, der uns unter dem Level wieder ausspuckt. Weder ein Neustart des Kapitels, noch des Spiels oder der Konsole bringen uns an der Stelle vorbei. Unsere Bewertung bezieht sich auf die Qualität des Spiels abseits dieses Bugs und Daedalic arbeitet zum Zeitpunkt des Tests bereits am nächsten Patch. Viel zu retten gibt es aber ohnehin nicht mehr.
Selbst wenn Daedalic es schafft, das Spiel technisch auf ein akzeptables Niveau zu bringen, bleibt es ein erschreckend substanzloses Action-Adventure mit einer langweiligen Geschichte, das einfach keinen Spaß macht. Auch zu einem dramatisch reduzierten Preis, fertig gepatcht und mit zwei zudrückten Augen sollten sich Mittelerde-Fans gut überlegen, ob die paar netten Ideen den ganzen Frust und die Langeweile wert sind.
