Demon's Souls: Ein Spiel zum Sterben
Special
Einer der am heißesten erwarteten Release-Titel für die Playstation 5 ist das Remake zum ursprünglich 2009 für die PS3 erschienenen Demon's Souls. Mit dem Action-Rollenspiel schwamm Entwickler From Software in nahezu jeder Hinsicht gegen den Mainstream und landete dennoch einen Überraschungshit. Doch worum geht's in dem Spiel eigentlich? Wir haben uns das Original für euch noch einmal angeschaut und fassen Story und Besonderheiten zusammen.
Demon's Souls erzählt die Geschichte zweier Legenden: Eine handelt von dem Helden, der sich durch eine Welt voller Dämonen kämpft. Und die andere von einem japanischen Spieldesigner namens Hidetaka Miyazaki, der über Nacht zu einer Legende wie seine Landsleute Hideo Kojima oder Shigeru Miyamoto aufstieg. Doch der Reihe nach.
Der Hit aus dem Nichts
Wir schreiben das Jahr 2009, und die halbe Welt feiert Weihnachten. Viele Fachmagazine küren ihr "Bestes Spiel des Jahres". Vor allem Naughty Dogs Uncharted 2: Among Thieves räumt zahlreiche Preise ab. Auch andere groß produzierte Hits wie Assassin's Creed 2 oder Batman: Arkham Asylum werden von den Kritikern in den höchsten Tönen gelobt. Doch die Kollegen von Gamespot, einer der zum damaligen Zeitpunkt beliebtesten Spielewebseiten weltweit, sorgen für reichlich Wirbel: Sie entscheiden sich zur Überraschung vieler für Demon's Souls.
Tipp: Demon's Souls - Fundorte der Keramik-Münzen, Geheimtür öffnen
Schnell häufen sich die negativen Kommentare und Unkenrufe: Warum gewinnt ausgerechnet ein vom japanischen Studio From Software entwickeltes Action-Rollenspiel den begehrten Game-of-the-Year Award? Der Aufschrei liest sich rückblickend wie ein schlechter Scherz, denn inzwischen wird die Wahl von vielen als wegweisend bezeichnet. Aber rein auf dem Papier ist es schon komisch, wie ein Spiel mit so vielen "Unzulänglichkeiten" und einer "schlechten" Grafik seinerzeit für eine derartige Begeisterung sorgen konnte.
Quelle: From Software / Medienagentur plassma
Kein Dark-Fantasy-Rollenspiel ohne Riesenspinne: Wer an Arachnophobie leidet, der sollte sich lieber zweimal überlegen ob er sich eines der Souls-Spiele antut ...
Ein Land ohne Hoffnung
From Software hatte bis zu diesem Zeitpunkt keinen großen Hit vorzuweisen. Und auf den ersten Blick sieht auch Demon's Souls (jetzt kaufen 44,99 € ) nicht gerade nach einem Game Changer aus. Allein die karge, bewusst kryptisch gehaltene Story scheint Kassengift gegen die epischen Erzählungen eines Dragon Age oder Mass Effect zu sein. Die beiden Intros beginnen mit einem knapp geschriebenen Einleitungstext, der an eine zweizeilige Schöpfungsgeschichte erinnert: Am ersten Tag erhielt der Mann eine Seele - und am zweiten Tag wurde die Erde von einem seelenverschlingenden Dämonen vergiftet.
Es folgen verschwommene Bilder einer Schlacht zwischen einem Ritter und untoten Kreaturen, die jäh von einem monströsen Skelett mitsamt Beil unterbrochen werden. Am Ende steht der Ritter unter freiem Himmel, während sich im Hintergrund ein riesiger Drache erhebt und sein lautes Gebrüll gemeinsam mit einem atonal singenden Chor das erste Intro beendet.
Quelle: From Software / Medienagentur plassma
Wenn ihr euren Helden aufleveln wollt, dann müsst ihr die Dämonenkräfte dieser ganz in Schwarz gekleideten Jungfrau in Anspruch nehmen.
Erst im zweiten Intro erfährt man mehr über die Welt, in der Demon's Souls spielt: König Allant der Zwölfte hat die verbotenen Seelenkünste missbraucht, um sein Reich Boletaria aufblühen zu lassen. Doch irgendwann benetzte ein farbloser Nebel das Land und schnitt es vom Rest der Welt ab. Niemand, der den Nebel durchdringen konnte, kehrte zurück ... Mit Ausnahme von Vallarfax Zwillingsfang.
Vallarfax' Berichten zufolge hatte Allant das sogenannte Uralte aus seinem ewigen Schlaf gerissen. Das Biest lebte unter dem Nexus, weshalb nach seiner Erweckung unzählige Dämonen über das Land herfielen. Sie nährten sich von den Seelen der Lebenden und breiteten sich mit dem Nebel immer weiter aus. Die ganze Menschheit war bedroht.
Mutige Krieger wie Sankt Urbain oder Scirvir der Vagabund drangen in das verfluchte Land ein - ebenfalls ohne zurückzukehren. Deshalb liegt es nun einzig und allein an euch, dem Spieler: Ein einsamer Kämpfer ist vielleicht die letzte Hoffnung für Boletaria.
Quelle: From Software / Medienagentur plassma
Dieser Junge sieht auf den ersten Blick nicht besonders mächtig aus. Er ist jedoch der einzig überlebende Gewaltige, der schon einmal das Uralte in seine Schranken verwies.
Der frühe Fall eines stolzen Helden
Ohne wirklich zu wissen, was euch erwartet, kreiert ihr euren Charakter. Dass die Wahl der Klasse in Demon's Souls Augenwischerei ist und man im Laufe des Spiels problemlos einen Kämpfer zum Zauberer machen kann, wisst ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
In den ersten Spielminuten ist auch noch nichts vom unbarmherzigen Schwierigkeitsgrad zu spüren, für den die Souls-Titel berühmt sind. Ganz im Gegenteil: Die Steuerung fühlt sich simpel und logisch an; Angreifen, Blocken und Ausweichen gehen leicht von der Hand. Nur wer sich für einen Krieger entscheidet, dem fällt die Schwerfälligkeit seiner Seitwärtsrolle auf. Kein Wunder: Versucht doch einfach mal selbst, in einer dicken Eisenrüstung einen Purzelbaum zu schlagen!
Die düster gehaltene Optik des Spiels, gepaart mit mittelmäßigen Texturen und instabiler Bildrate, müsste eigentlich für einen mäßigen Ersteindruck sorgen, jedoch strahlt sie ganz im Gegenteil für viele einen ungewöhnlichen Reiz aus. Schließlich soll diese Welt nicht hübsch, sondern dreckig und unangenehm aussehen. Es ist eine Kunst, der From Software seit ihrem Erstlingswerk King's Field (1994) hinterher eiferte und die ihnen mit Demon's Souls erstmals gelingt.
Quelle: From Software / Medienagentur plassma
Niemals übermütig werden! In Demon's Souls sind selbst einfache Gegner in der Lage, euch zu überrumpeln und ernsthaft in Bedrängnis zu bringen.
Dann, nach ungefähr zehn Minuten Spielzeit, folgt der unvermeidliche Schock: Eben noch flitzt ihr durch einen breiten, nahezu leeren Gang, schreitet am Ende einer Treppe durch eine Nebelwand - und werdet auf einmal von einem hünenhaften Dämon namens Vanguard begrüßt. Allein die Axt, die er in seiner rechten Hand hält, ist so groß wie euer Held! Trotzdem rennt ihr mutig auf den Gegner zu und hebt in weiser Voraussicht euren Schild vors Gesicht. Vanguard holt indes weit aus und setzt zum Schlag an, sodass ihr instinktiv zur Seite springen müsst. Ihr kontert mit eurem Schwert - und stellt entsetzt fest, dass sich die lange Lebensenergieleiste des Biestes mit jedem Treffer nur marginal verkleinert.
Vanguard erhebt sich derweil und schwebt dank seiner an den Schultern befestigten Flügeln für ein paar Sekunden über dem Boden, nur um mit voller Wucht aufzuschlagen. Auch dieser Attacke kann man gerade so entgehen, genau wie ein paar weiteren der folgenden Hiebe und Rundumschläge.
Schließlich ist Vanguard so langsam, dass ihr seine Angriffe weit im Voraus erkennt und durchaus für eine halbe Minute ohne Gegentreffer auskommt. Doch eure Freude endet abrupt, als euch der erste Hieb des Dämons trifft: Er raubt euch euren kompletten Lebenssaft - der Held sackt tot zusammen. Beim Blick auf Vanguards Energieleiste folgt die nächste Demütigung: Sie ist trotz aller Anstrengungen nicht einmal um ein Viertel gesunken! Eine knappe Niederlage sieht anders aus ...
Quelle: From Software / Medienagentur plassma
Dieser dicke Geselle erschwert euch das Leben in den Steinfangkatakomben, indem er euch mit starken Feuerbällen bewirft.
Unter Begleitung eines dumpfen Jingles, der an eine düstere Version des alten Playstation-Intros erinnert, flimmert in großen roten Lettern der Schriftzug "YOU DIED" über den Bildschirm. Doch nach dem Tutorial-Boss ist euer Abenteuer längst nicht vorbei, denn ihr landet im Nexus. Eure Seele ist dazu verdammt, für immer in dieser Welt zu verweilen.
Welten zum Entdecken
Der Nexus entpuppt sich gleichzeitig als Ruheort für euren Recken. Hier trifft er nach der Bezwingung des ersten Endgegners, dem bizarren Panzer-Schleimwesen Phalanx, auf den sogenannten Gewaltigen: ein übermächtiges Wesen, das die Gestalt eines kleinen Jungen annimmt. Der Gewaltige erklärt euch, dass das Uralte nicht zum ersten Mal erwacht sei und man es bereits vor Urzeiten versiegelt habe. Leider fielen schon damals große Teile der Welt dem Nebel zum Opfer, sodass man die Keilsteine erschuf und die übriggebliebenen Länder mit Hilfe des Nexus verband.
Weil der Gewaltige alle Keilsteine für euch öffnet, könnt ihr problemlos jedes Gebiet von Demon's Souls betreten. Dazu gehört allen voran der große Burgkomplex von Boletaria mit seinen dicken, grauen Mauern und gleich zwei Drachen, die über das Gebiet wachen. Später besucht man die minenartigen Steinfangkatakomben, den giftgrünen Turm von Latria inklusive vermodernder Kerkerzellen, die Ruinen des Schreins der Stürme mit seinen fliegenden Monsterrochen und furchteinflößenden Skelettkriegern sowie das Tal der Schändung, einem tief ins Erdreich führenden Schacht, worin man kaum die Hand vor Augen sieht.
Quelle: From Software / Medienagentur plassma
So groß der Tower Knight auch ist, so besitzt er im wahrsten Sinne des Wortes eine Achillesferse.
Jeder dieser Orte ist eingeteilt in mehrere Abschnitte, an deren Ende ein Bossgegner wartet. Viele der Obermotze stehen Vanguard in Sachen Gefährlichkeit kaum nach und sind in der Lage, den Helden mit einem Schlag zu zermalmen. Jedoch kann man stets zum Nexus zurückkehren und sich hier für kommende Aufgaben rüsten: Mit Hilfe der gesammelten Seelen, die getötete Dämonen hinterlassen, gewinnt man beispielsweise an Kraft, Gewandtheit sowie Zauberfähigkeit oder kann beim Schmied seine Waffen verstärken lassen.
Das Erfolgsrezept von Demon's Souls
Im Spielverlauf entsteht ein Kreislauf aus Verzweiflung und Heldentum, der sich hervorragend mit der Story deckt und sich sogar auf die Entwicklung des Spiels ausweiten lässt. Es ist jedenfalls kein Geheimnis, dass vor elf Jahren selbst From Software nicht allzu viel von Demon's Souls erwartete. Der Einzige, der mit großem Enthusiasmus an dem Projekt arbeitete, war Regisseur Hidetaka Miyazaki. Er sah die Chance, genau das Spiel zu schaffen, das er sich immer vorgestellt hatte. Man könnte also sagen, dass Boletaria eine Metapher für From Software und Miyazaki der ritterliche Held gewesen ist.
Dabei führt der Japaner streng genommen nur eine wirklich innovative Idee ein: den subtilsten Online-Modus, den die Welt bis dahin gesehen hatte. Hier dürfen die Teilnehmer lediglich unter gesonderten Bedingungen und dann auch nur für einen kurzen Zeitraum miteinander spielen. Ansonsten beschränkt sich die Interaktion auf geisterhafte Erscheinungen anderer Helden und das Hinterlassen von Nachrichten - sei es als ehrlich gemeinte Warnung oder um andere Spieler in die Irre zu führen.
Quelle: From Software / Medienagentur plassma
Kein Gebiet in Demon's Souls wirkt hässlicher und unangenehmer als das Tal der Schändung.
Abseits davon pickt sich Miyazaki einfach die seiner Meinung nach interessantesten Elemente einer angestaubten Designphilosophie heraus, die seit der Jahrtausendwende als ausgestorben gelten. So schafft er eine Art Antidot gegen den Mainstream, dessen Spiele immer einfacher und simpler geworden sind.
Ohne Kompassnadel und Übersichtskarte wirken sowohl die weiten Ebenen als auch die verwinkelten Gänge von Demon's Souls viel bedrohlicher. Hinter jeder Ecke muss man mit einer Gemeinheit rechnen, etwa einem versteckt lauernden Dämon oder einem bodenlosen Abgrund, der mangels Lichts kaum sichtbar ist. Eine breite Brücke lädt zum fröhlichen Schnetzeln von Kreaturen ein und bestraft eure Unbekümmertheit mit dem feurigen Atem eines Drachens, der euch innerhalb von Sekunden zu Asche verbrennt. Dafür könnt ihr es dem Biest zu einem späteren Zeitpunkt heimzahlen und es mit Pfeil und Bogen erlegen - sofern ihr die Geduld aufbringt, 50 bis 100 Mal (!) auf den Drachen zu schießen.
Kurzum: Demon's Souls behandelt euch wie einen Erwachsenen. Weder die Geschichte noch das Spiel an sich beschönigen irgendetwas, sondern konfrontieren euch mit einer ehrlichen, gefährlichen Welt voller Monster und Dämonen. Und genau deswegen will man sie unbedingt bezwingen, weil einen das Gefühl beschleicht: Hier kann ich trotz aller Aussichtslosigkeit etwas bewirken! Wer Demon's Souls durchspielt, der fühlt sich wahrlich wie ein Held.
Quelle: From Software / Medienagentur plassma
Der erste Endboss des Spiels: Vanguard ist absichtlich übermächtig, weil der Held gleich zu Beginn sein Leben verlieren soll.
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Die Rückkehr eines Klassikers
Nun können alle, die Demon's Souls vor elf Jahren verpasst haben, die Faszination selbst erleben. Diese liegt auch in der zaghaft erzählten Geschichte des Spiels begründet: Die Story versucht erst gar nicht, mit großartig geskripteten Sequenzen und ausführlich geschriebenen Dialogen zu glänzen. Zwar begegnet ihr dem einen oder anderen NPC, der mit euch redet. Jedoch sind die Figuren zum einen sehr kryptisch in ihrer Wortwahl, zum anderen dürft ihr ihnen nicht antworten. Das Abenteuer wird schlicht und ergreifend durch euer aktives Spielen erzählt - genau wie es in einem Videospiel eigentlich sein sollte.
Dass sich ausgerechnet US-Entwickler Bluepoint Games um das PS5-Remake kümmert, schließt übrigens gleich mehrere Kreise: Miyazaki stieg laut eigenen Angaben in die Spieleindustrie ein, weil er von Fumitsu Uedas Action-Adventure Ico fasziniert war. Dessen Nachfolgewerk sollte das legendäre Shadow of the Colossus werden - und genau dieses hat Bluepoint bereits vor zwei Jahren mit Bravour auf der PS4 generalüberholt. Man darf also mehr als gespannt sein, was Bluepoint Games aus dem Original macht. Wir freuen uns jedenfalls schon sehr auf die Rückkehr nach Boletaria!
