Dead Cells: Dieses Roguelike mit Metroidvania-Flair nimmt euch in einem rasanten Kreislauf aus Spaß und Grind gefangen

Test Katharina Pache
Dead Cells: Dieses Roguelike mit Metroidvania-Flair nimmt euch in einem rasanten Kreislauf aus Spaß und Grind gefangen
Quelle: PC Games

Der Triumph ist greifbar. Doch eine kleine Unachtsamkeit, und ihr fangt euer Abenteuer wieder von vorne an. Und wieder von vorne. Und es macht Spaß, auch nach der x-ten Runde. Dead Cells ist ein kleines Roguelike-Juwel, das sein Potential zwar (noch!) nicht ganz ausschöpft, aber mit einem Kampfsystem punktet, wie es sich besser kaum anfühlen kann. Genre-Fans, das dürft ihr nicht verpassen.

Dead Cells (jetzt kaufen 24,95 € ) ist schon jetzt ein riesiger Erfolg - auf Steam ertrinkt der Early-­Access-Titel seit letztem Jahr in positiven User-Wertungen, und das, obwohl das Roguelike/Roguelite-Spiel bislang nicht einmal fertiggestellt war! Auf Switch, PC und der PS4 landet nun die finale Fassung der Pixel-Action mit Dark Souls-Flair. Aber Vorsicht: Hier steckt mehr Roguelike als Metroidvania drin, als es etwa die offizielle Beschreibung im Vorfeld als "Roguevania" vermuten lässt. Ein gewisses Leidensvermögen, beziehungsweise Geduld und Grind-Bereitschaft sind von Nöten, wenn ihr euch in Dead Cells hineinfuchsen wollt. Aber: es lohnt sich, trotz kleiner Makel! Das bestätigen auch die durchweg guten bis sehr guten Wertungen, die bislang im Netz zu finden sind.

Ihr seid tot - oder doch nicht?

Die Story von Dead Cells ist vorhanden, im Grunde aber ganz egal. An einigen Stellen in den zufallsgenerierten Levels findet ihr kleine Hinweise zu den Geschehnissen, markiert durch blaue Kerzen. Dort verstecken sich mitunter auch Heilobjekte oder Waffen, es lohnt sich also, genauer hinzugucken. Auch schön: Haltet ihr euch in solchen Story-Arealen auf, pausiert der Timer im Spiel - wieso das praktisch ist, verraten wir später.

Zum Kern der Story ist im Grund nur so viel wichtig: Ihr verkörpert einen Haufen Zellen, der immer und immer wieder versucht, von einer Gefängnisinsel zu fliehen. Zwischen Freiheit und Held stehen jedoch eine Menge Fallen, Gegner und Bosse. Jedes der etwa 20 Gebiete - von denen ihr viele erst erreicht, wenn ihr gewisse Items eingesammelt habt - wird zufällig generiert. Meistens sind die Ergebnisse gelungen, auf die Dauer kommen euch die Versatzstücke aber zwangsläufig bekannt vor und mit handgearbeitetem Level-Design wie in klassischen Metroid­vanias (Super Metroid, oder aktueller das ebenfalls herausragende Hollow Knight) kann Dead Cells nicht ganz mithalten. Plattforming spielt neben der Action eine untergeordnete Rolle.

Dafür punktet das Indie-Spiel bei den Kämpfen. Schläge fühlen sich wuchtig an, die dynamischen Animationen machen das Prügeln, Stechen und Hauen zu einer wahren Freude. Jede Waffe hat ein anderes Handling, mit dem ihr euch vertraut machen müsst. Theoretisch ist mit fast jeder Fertigkeiten- und Bewaffnungskombo der Triumph über die Knastinsel denkbar, taktisches Spielen und Geschick vorausgesetzt, es gibt aber deutliche Balancing-Unterschiede. Taktik-Builds mit aufstellbaren Ballisten zum Beispiel haben beim ersten Boss leichtes Spiel. Ein wenig hängt es natürlich auch von eurem Stil ab, mit welcher Ausrüstung ihr die besten Ergebnisse einfahrt.

Wählt weise!

Findet ihr sogenannte Pergamente der Macht, verbessert ihr einen eurer drei Charakterwerte: Brutalität, Taktik und Überleben. Jeder Gegenstand und jede Fähigkeit haben eine gewisse Farbe, profitieren also von Boni. Investiert ihr die Pergamente in Brutalität, werden eure rot gefärbten Waffen mächtiger, grüne Gegenstände gehören zur Überleben-Gruppe und lila Objekte werden mit jedem Punkt im Taktikwert besser. Mit jedem gesammelten Pergament wächst zudem eure Gesundheitsleiste. Je mehr ihr von einer Farbe besitzt, desto niedriger aber der Health-Bonus. Sprich: Steckt ihr alle Pergamente in einen Wert, seid ihr sehr stark, habt aber auch viel weniger Lebensenergie, als wenn ihr die Werte ausgeglichen steigert. Vorsicht, mit jedem gesammelten Pergament werden auch die Feinde mächtiger, später lohnt es sich gar nicht mehr unbedingt, die Zettel einzustecken.

Die Händler bieten drei Items an. Wenn ihr das Reroll-Upgrade gekauft habt, ändert ihr die Auslage (gegen Gold, versteht sich). Quelle: PC Games Die Händler bieten drei Items an. Wenn ihr das Reroll-Upgrade gekauft habt, ändert ihr die Auslage (gegen Gold, versteht sich). In den insgesamt vier Item-Slots (plus ein Platz für eine Halskette) platziert ihr Waffen und Schilde, in den beiden Sekundärtaschen Unterstützungsobjekte wie Fallen oder Granaten. Es gibt Nahkampfwaffen (Schwerter, Hammer, Lanzen, Peitschen), Armbrüste, Bögen, Zauber (Feuerbälle, Elektrostrahl, Eishauch) und Schilde mit den unterschiedlichsten Eigenschaften und Farben. Die meisten Items haben per Zufall bestimmte Eigenschaften, etwa ein Schwert, das Gegner in Brand steckt oder ein Bogen, der Feinde vergiftet. Wohl dem, dessen restliche Ausrüstung zu diesen Effekten passt. Vergiftet etwa einen Feind mit der Armbrust, schmeißt eine Granate hinterher, die Bonusschaden bei vergifteten Feinden anrichtet und erfreut euch am Ergebnis! Ab und zu findet ihr farblose Waffen, die besonders herausragende Werte aufweisen und die mit immer eurem besten Charakterwert skalieren.

Und wieder von vorne

Blaupausen für neue Items findet ihr in der ganzen Welt. Gegner droppen die begehrten Pläne gelegentlich. Quelle: PC Games Blaupausen für neue Items findet ihr in der ganzen Welt. Gegner droppen die begehrten Pläne gelegentlich. Typisch Rogue­like ist all das jedoch futsch, sobald ihr das Zeitliche segnet. Eure Überlebenschancen erhöht ihr, indem ihr zum einen neue Objekte freischaltet, die ihr dann - vielleicht! - beim nächsten Durchgang findet. Zum Freischalten benötigt ihr zunächst eine Blaupause; diese sind in den Levels versteckt oder Gegner lassen sie fallen. Später geht ihr mit der Jägergranate direkt auf die Suche nach Blaupausen: Schmeißt die Jägergranate auf einen Feind. Wenn dieser einen Entwurf bei sich hat, den ihr noch nicht besitzt, verwandelt er sich in eine stärkere Elite-Version. Und um die Pläne wiederum in Items zu verwandeln, gebt ihr sie beim Sammler ab, ein NPC, den ihr nach Abschluss jedes Areals trefft. Bezahlt wird der gute Mann mit den titelgebenden Dead Cells, die regelmäßig von jeder Gegnerart gedroppt werden.

Das System hat einen kleinen Haken: Einige Waffen sind nicht besonders praktisch - oder passen vielleicht einfach nicht zu eurem Spielstil -, sie verwässern aber den Item-Pool ab ihrer Freischaltung, sodass die Chance, euer Lieblingsspielzeug zu finden, sinkt. Vor dem Freischalten weiß man freilich nicht, ob das Ergebnis taugt, und das Sammeln der Dead Cells kostet viel Zeit. Für die permanente Aufwertung eurer Gesundheitstränke auf die höchste Stufe (dann könnt ihr viermal trinken) müsst ihr etwa über 600 Zellen beschaffen! Einmal freigeschaltet, bleiben alle Gegenstände im Pool erhalten, genau wie die Runen, von denen es vier gibt und die euer Bewegungsrepertoire erweitern.

Stammzellen und Runen

Die erste dieser Runen ermöglicht es euch, Ranken aus dem Boden an vorgegebenen Stellen wachsen zu lassen. Somit steht euch eine Abzweigung und damit alternative Route bereit, statt die Promenade der Verdammten erkundet ihr dann die toxische Kanalisation. Später kommen die Teleportationsrune, eine Rune, mit der ihr bröckeligen Boden zerschmettert und die Spinnenrune hinzu, mit deren Hilfe ihr den Wandsprung erlernt. Der erste Boss droppt eine Rune, mit der ihr die tägliche Challenge freischaltet. Besiegt ihr den Endboss, erhaltet ihr eine Boss-Stammzelle. Aktiviert ihr diese im nächsten Run, steigt der Schwierigkeitsgrad (aber auch die Belohnungen werden besser), ihr "loopt" den Durchgang also, ähnlich wie in Nuclear Throne, Risk of Rain oder auch im New Game+ von Dark Souls. Das funktioniert sogar mehrmals, und jedes Mal wird das Spiel gnadenloser.

Wenn ihr schnell genug seid, winken hinter den Timer-Türen Pergamente der Macht, Gold, und eine Menge Dead Cells. Quelle: PC Games Wenn ihr schnell genug seid, winken hinter den Timer-Türen Pergamente der Macht, Gold, und eine Menge Dead Cells. Die Zeit, die ihr für den Abschluss eines Areals benötigt, ist wichtig, denn Dead Cells belohnt es, wenn ihr flink seid: wenn ihr etwa innerhalb von weniger als zwei Minuten das erste Level beendet, könnt ihr die Timer-Tür im nächsten Bereich öffnen. Dort findet ihr ein Pergament der Macht, Gold, mit dem ihr bei den zufällig verteilten Händlern in den Levels einkaufen könnt, und eine Menge Dead Cells. Eine Tür mit Zeitschaltuhr gibt es in fast jedem Areal. Wenn ihr Feinde besiegt, erhaltet ihr für kurze Zeit einen Bonus auf eure Fortbewegungsgeschwindigkeit, könnt dann also für eine Weile schneller rennen. Je rasanter die Action, desto mehr Spaß macht Dead Cells, Stillstand in diesem herrlich schnellen Action-Feuerwerk fühlt sich stets unbefriedigend an. Dankenswerterweise müsst ihr selten Wege zweimal laufen oder warten, da die Teleportationstore (die ihr auch ohne die Rune benutzen könnt) großzügig über die Level verteilt sind.

Freunde und Helfer

Nach jedem abgeschlossenen Bereich trefft ihr auf NPCs, etwa den Sammler, bei dem ihr neue Waffen kauft, oder der Schmied - den müsst ihr aber erst im Spiel finden -, bei dem ihr eure Ausrüstung aufwertet und deren Bonuseffekte ändert. Passt euch etwa nicht, dass eure Falle getroffene Gegner einfriert, bezahlt ihr einen Obolus und hofft, dass der nächste, zufällig gewählte Effekt eine bessere Synergie mit eurer restlichen Ausrüstung ergibt. Außerdem füllt ihr in diesen kurzen Verschnaufpausen eure Tränke wieder auf und heilt euch. Nach jedem Level ist euch eine kurze Verschnaufpause vergönnt. Hier schaltet ihr Items frei, heilt euch und wählt eure Mutationen. Quelle: PC Games Nach jedem Level ist euch eine kurze Verschnaufpause vergönnt. Hier schaltet ihr Items frei, heilt euch und wählt eure Mutationen.

Ebenfalls wichtig ist Guillain, der euch mit Mutationen ausstattet. Diese permanenten Fähigkeiten versorgen euch etwa mit 30 Prozent mehr Gesundheit, einem Schadensbonus, wenn Feinde in der Nähe bluten oder brennen und Ähnliches. Maximal drei dieser Perks könnt ihr pro Durchgang miteinander kombinieren.

Sammeln, sterben, sammeln

Die Makel von Dead Cells liegen im Detail. So ist das Grinding definitiv ein nicht zu unterschätzender Faktor: Auch, wenn ihr nicht vorhabt, alle Items freizuschalten, so ist doch zumindest die Investition in alle Heiltränke ein Muss, gerade in späteren Levels, bei denen euch schon ein Treffer empfindlichen Schaden zufügt. Zudem gibt es zwar tolle Synergie-Effekte, allerdings steht euer Spielstil für den Run meistens schon nach den ersten beiden Levels fest, wenn ihr euer Set-Up beisammen habt. Waffen, die ihr später findet, richten oft weniger Schaden an als die Zusammenstellung, die ihr bereits bei euch habt oder passen nicht in euer Set. Das Aufwerten der Waffen ist gefährlich, da sich dabei auch deren Effekte ändern, also eure Synergien zerstört werden könnten.

Oft lohnt es sich nicht, zu experimentieren; eine schlechte oder unterdurchschnittliche Waffe verwandelt sich nicht durch den "richtigen" Perk in eine brauchbare Alternative. Allgemein wäre eine größere Perk-Auswahl schön, zumal sich die Investition in einige der Zusatzfertigkeiten gar nicht lohnt. Warum etwa sollte man momentan die Entfremdungs-Mutation wählen? Teilweise merkt man Dead Cells an, dass es trotz Veröffentlichung noch ein Projekt ist, an dem teilweise gearbeitet wird. Das ist einerseits schön, da sich die Entwickler sehr engagiert um das Spiel kümmern und die Aussicht besteht, dass Mechaniken, die noch nicht ganz ausgereift wirken, geändert werden (die Entfremdungsmutation etwa funktionierte im Early-Access noch anders). Andererseits wäre es natürlich begrüßenswert, wenn die Zahnräder der Mutationen und Waffen zum Release ein wenig besser ineinandergreifen würden. Eine höhere Anzahl Bosse wäre ebenfalls erfreulich gewesen. Momentan sind lediglich vier Obermotze im Spiel enthalten, später sollen es noch mehr werden. Bei einem Early Access-Titel ist das in Ordnung, bei der Vollversion liegen die Erwartungen jedoch etwas höher. Ruckler fallen auf der Switch vor allem auf, wenn viel auf dem Bildschirm los ist und wenn man den Bodenangriff ausführt und nach unten saust - da bekommt Dead Cells oft richtig Schluckauf.

Schöner sterben

Ein gesondertes Lob aber verdienen die stimmungsvolle Gestaltung der Abschnitte und die butterweichen Animationen von Spielfigur und Gegnern. Kombiniert mit einer eingängigen, herrlich präzisen Steuerung (auch auf der Konsole frei belegbar) ist das Spielgefühl wirklich einwandfrei. Der erste Boss ist noch eine ziemlich einfache Sache. Spätere Obermotze sind deutlich anspruchsvoller. Quelle: PC Games Der erste Boss ist noch eine ziemlich einfache Sache. Spätere Obermotze sind deutlich anspruchsvoller. Da ist es schon schade, dass man teilweise mit Fernkampf und Taktik-Fokus verlässlicher zum Ziel kommt als mit Brutalitäts-Spezialisierung, wenn nicht die richtige Waffe droppen mag. Die Schilde als Sekundärbewaffnung sind eine gute Idee, das Parieren funktioniert wie in Dark Souls, nur etwas einfacher. Allerdings belohnt auch diese Ausrüstungsoption eine eher passive Spielweise, die dem spaßigen Kampfsystem ein wenig den Schwung nimmt. Die Musikuntermalung ist gelungen und mittelalterlich angehaucht, bleibt aber oft vornehm im Hintergrund.

Kurzum: Dead Cells belohnt taktisches Vorgehen und die großzügige Nutzung von Ausweichrolle und Sekundärfähigkeiten. Wer zu gierig und hektisch spielt, sieht kein Land: Mehr als einen Gegner gleichzeitig im Nahkampf anzugehen - vor allem in den späteren Bereichen -, grenzt an Selbstmord, wenn ihr nicht eine Menge Erfahrung und Nerven wie Stahlseile habt. Kombiniert mit dem Zufalls- und Grind-Faktor könnten ungeduldige Abenteurer deshalb das Interesse verlieren, noch bevor sie gar den ersten Boss erblickt haben! Dranbleiben lohnt sich aber, trotz der kleinen Stolpersteine motiviert Dead Cells stets, nach dem Tod gleich den nächsten Run zu starten.

Bildergalerie

Meinung

Wertung zu Dead Cells (NSW)

Wertung:

8.3 /10
Pro & Contra
Spaßiges KampfsystemTolle AnimationenPräzise SteuerungStimmungsvolle PixeloptikViele Waffen und Items zum FreischaltenMotiviert zum Immer-wieder-SpielenEin paar schöne SynergieeffekteDeutsche TexteGute Build-Vielfalt
Gelegentlich störende RucklerWenig BosseViel GrindingEinige Waffen und Mutationen unbrauchbarLadezeiten nervenEinfluss des Spielers auf Drops und RNG limitiert
Fazit

Eines der spaßigsten, befriedigsten Kampfsysteme im Genre und jede Menge Umfang - allerdings nimmt Grinding einen großen Teil davon ein.

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