David Lynch - Der Individualist des amerikanischen Kinos

Special Robin Mahler
David Lynch - Der Individualist des amerikanischen Kinos
Quelle: NFP; Concorde

Nebulöse Gestalten, schummernde Lichter, die Ambivalenz des Menschen, eigenwilliger Humor und Musik gehören zu den wiederkehrenden Elementen im Schaffen von David Lynch. Dessen früheren Jahren widmet sich aktuell die Dokumentation "David Lynch: The Art Life". Außerdem wird am Sonntag, 3. September das Finale von "Twin Peaks: The Return" ausgestrahlt. Zeit für ein Special mit einem Überblick für Einsteiger.

David Keith Lynch wurde 1946 in Missoula, Montana geboren und hat nach eigenen Angaben eine glückliche Kindheit sowie gute Eltern genossen. Dennoch kommt man nicht umher festzustellen, dass dieser Mann mit der markanten Frisur etwas eigenartig wirkt. Äußerlichkeiten täuschen bekanntlich manchmal. Stöbert man jedoch ein wenig durch die zahlreichen verfügbaren Medien, so bestätigt sich der Eindruck. Das ist nicht negativ gemeint, denn kaum ein anderer Regisseur hat der jüngeren Kinogeschichte so prägnant seinen Stempel aufgedrückt wie Lynch. Er zieht sein Ding durch und lässt sich nicht von Externen reinpfuschen. Zuweilen schießt er mit seiner Sturheit aber auch über das Ziel hinaus.

"Unheimlich", "abstrakt", "durchgeknallt" und "witzig" sind einige Adjektive, welche sich gut auf das Schaffen des Amerikaners ummünzen lassen. Cineasten und Liebhaber des abseitigen Kinos schätzen ihn aufgrund der einmaligen Bildsprache, andere dagegen wollen lieber gar nicht erst etwas mit ihm zu tun haben. Kritiker schreiben seinen Filmen fehlende Logik und viel "Schein statt Sein" zu, da sie nicht den üblichen Konventionen folgen und vergleichsweise wenig erklären. Man sollte sich aber dennoch einmal Zeit nehmen und zumindest mehr als einen Film anschauen. Der Lynch-Kosmos ist vielfältig und bietet genügend Diskussionsstoff.

Wie soll man denn nun Fuß im filmischen Schwimmbecken von Lynch fassen, ohne dabei unterzugehen? Die nachfolgenden Zeilen sind als eine Art Rettungsweste angelegt.

Daher sind die Spielfilme in der Reihenfolge so angelegt, wie sie sich für Einsteiger am besten eignen könnten. Dokus, Konzertfilme sowie seine Werbespots für diverse Firmen und die abgebrochenen Projekte müssen leider aus Platzgründen wegfallen. Zudem sollte beachtet werden, dass dieses Special für sich keineswegs den Anspruch einer ultimativen Liste nimmt. Puristen müssen also nicht auf die Barrikaden gehen. Deswegen sind Angaben zur Handlungen zwangsläufig leider ebenfalls in Kauf zu nehmen. Natürlich kann in diesem begrenzten und straffen Rahmen sein Œuvre nicht gebührend gewürdigt werden. Wenn sich aber jemand danach einen seiner Filme anschaut, ist dies ein gutes Zeichen.

Die Persona Lynch: Bilder, Musikalben, Kurzfilme, Meditation

Die Malereien von Lynch basieren oftmals auf seinen persönlichen Erlebnissen. Das Bild wird in der aktuellen Dokumentation 'David Lynch: The Art Life' (2016) gezeigt. Quelle: NFP Die Malereien von Lynch basieren oftmals auf seinen persönlichen Erlebnissen. Das Bild wird in der aktuellen Dokumentation "David Lynch: The Art Life" (2016) gezeigt. In erster Linie sieht sich Lynch als Maler und Künstler. Schon früh begann er zu zeichnen und sog die Einflüsse aus der Umgebung förmlich auf. Die Malerei hat Lynch bis heute nicht vernachlässigt. Das Interesse am bewegten Bild kam erst als Erwachsener. Ihm wurde bewusst, dass man mit dem Medium Film Kunstwerke in bewegter Form erstellen kann. Deshalb hat er sich mit dem 1968 gedrehten Kurzwerk "The Alphabet" auch für das American Film Institute beworben und erhielt danach ein Stipendium. Nach langer Produktionszeit und mehreren Kurzfilmen entstand 1977 der erste Langspielfilm "Eraserhead", der heutzutage Kultstatus besitzt und zu den bekanntesten Vertretern des sogenannten "Mitternachtskinos" zählt.

Als Einflüsse zählt er nebst den Ereignissen aus dem eigenen Leben und Träumen den Maler Francis Bacon, Schriftsteller Franz Kafka sowie die Regisseure Federico Fellini und Billy Wilder. Neben der Malerei, dem Möbelbau und der Filmerei hat Lynch bislang auch zwei Musikalben aufgenommen.

Seit 1973 praktiziert er die sogenannte "Transzendentale Meditation", welche vom indischen Guru Maharishi Mahesh Yogi begründet wurde. 2005 entstand die "David Lynch Foundation". Deren Ziel ist es, den Menschen die Meditation näher zu bringen und dabei Geld zu sammeln. Viele Prominente wie Paul McCartney, Ringo Starr, Katy Perry unterstützen die Einrichtung. Eine etwas kritischere Auseinandersetzung mit der Meditationsform lieferte 2010 die deutsche Dokumentation "David wants to fly".

11 Jahre sind seit seinem letzten Spielfilm "Inland Empire" vergangen. Vom Drehen von Spielfilmen hat er sich zwar nicht offiziell verabschiedet, dennoch widmet er sich zurzeit anderen Dingen. Unter anderem hat er zusammen mit Mark Frost in diesem Jahr eine weitere Staffel zu "Twin Peaks" ins Fernsehen gebracht. Im Zuge des übertriebenen Brimboriums um "Game of Thrones" sehen die Zuschauerzahlen bescheiden aus, dafür durfte er seiner Kreativität freien Lauf lassen. Die Kritiken sind zudem mehrheitlich sehr positiv ausgefallen. Ob es eine weitere Staffel gibt oder sich Lynch wieder einmal einem Projekt für die große Leinwand hingibt, steht momentan noch aus. Lynch selbst weigert sich übrigens kontinuierlich, Auskünfte sowie Audiokommentare über die Inhalte seiner Arbeiten abzugeben. Er möchte, dass sich die Leute selber eine Interpretation zurechtlegen.

Dune - Der Wüstenplanet: Die kurze Phase im Mainstream

Kyle MacLachlan ist seit 'Dune - Der Wüstenplanet' (1984) fester Bestandteil des filmischen Universums. Quelle: Universal Kyle MacLachlan ist seit "Dune - Der Wüstenplanet" (1984) fester Bestandteil des filmischen Universums. In einer weit entfernten Zukunft lebt die Menschheit auf vielen bewohnbaren Planeten. Auf dem Wüstenplaneten Arrakis wächst die bewusstseinserweiternde Droge "Spice", mit der sich die Begrenzungen der Physik überwinden lassen. Die Mächtigen wollen unbedingt dieses Wundermittel in ihren Besitz bekommen. Dabei kommt es zum Kampf zwischen den Unterdrückern und Befreiern des Wüstenplaneten. Mittendrin ist auch Paul, der von den Bewohnern als eine Art Messias angesehen wird.

Die Romansaga "Dune" von Frank Herbert galt für viele Jahre als unverfilmbar. Ursprünglich sollte der mexikanische Filmemacher Alejandro Jodorowsky zusammen mit illustren Künstlern wie H.R. Giger, Dan O'Bannon und Pink Floyd das Projekt angehen. Die Ansprüche waren aber zu groß, das Projekt scheiterte (Einblicke dazu liefert die Dokumentation "Jodorowsky's Dune" von 2013). Letztendlich wurde Lynch als Regisseur verpflichtet.


Dabei stand ihm das größte Budget seiner Karriere zur Verfügung (geschätzte 40 Millionen Dollar, damals eine Menge Geld für eine Produktion). Trotzdem war es für ihn ein künstlerischer Alptraum. Er hatte keinen Anspruch auf die finale Schnittfassung, der Film wurde von dreieinhalb auf zwei Stunden zusammengekürzt. "Dune" floppte an den Kinokassen. Lynch wandte sich vom Mainstream ab und liess fortan seinen Anspruch auf künstlerische Freiheit gelten. Auf den Film ist Lynch bis heute nicht sonderlich gut zu sprechen und die Buchleser wünschen sich weiterhin eine würdige Adaption.

Als Einstiegswerk bietet er sich dennoch an. Die Aufnahmen sind nicht schlecht, es sind eine bekannte Auswahl an Schauspielern (Sting, Patrick Stewart, Brad Dourif, Max von Sydow) daran beteiligt und das Ganze folgt einer linearen Handlung. Zudem arbeitete Lynch das erste Mal mit Kyle MacLachlan zusammen, der in vielen seiner folgenden Projekte mitgespielt hat.

The Straight Story - Eine wahre Geschichte: Wunderschöne Reise durchs Land

Auf dem Weg zum Bruder: Alvin in 'The Straight Story' (1999). Quelle: Senator Auf dem Weg zum Bruder: Alvin in "The Straight Story" (1999). Der 73-jährige Rentner Alvin Straight erhält die Nachricht, dass sein Bruder Lyle im Krankenhaus liegt. Zwar haben sich die beiden verkracht und seit langer Zeit entfremdet, dennoch zögert Alvin nach dem Erhalt der Nachricht keine Sekunde und macht sich mit seinem Traktor von Iowa nach Wisconsin zu fahren. Auf seiner Reise trifft er dabei auf neue Bekanntschaften.

"The Straight Story" basiert auf wahren Begebenheiten. Alvin hat die Route wirklich zurückgelegt. Auf dem ersten Blick ist der Film sehr untypisch für Lynch. Schaut man genauer hin, beinhaltet er viele Markenzeichen.

Da wäre zum Beispiel die grandiose Musik vom Stammkomponisten Angelo Badalamenti. Oder die schrulligen und dennoch liebenswürdigen Charaktere. Hauptdarsteller Richard Farnsworth spielt seine Rolle grandios und wurde für den Oscar nominiert. Es war sein letzter Auftritt vor seinem Tod im Jahre 2000. Aufgrund der Abwesenheit von Gewalt kann der Film von der ganzen Familie angesehen werden.

Der Elefantenmensch: Plädoyer für die Menschlichkeit

Plädoyer für die Menschlichkeit: John als 'Der Elefantenmensch' (1980). Quelle: Silver Cine Plädoyer für die Menschlichkeit: John als "Der Elefantenmensch" (1980). Der Körper von John ist deformiert, was ihm den Ruf als "Elefantenmenschen" einbringt. Die Menschen halten ihn für ein Monster und meiden ihn. Da wird er vom britischen Chirurgen Frederick entdeckt und nach London gebracht. Dort soll er endlich wie ein Mensch leben dürfen.


Der (kurze) Einstand in den Mainstream gelang Lynch mit seinem zweiten Film. Doch dafür brauchte es ein wenig Zeit. Nach "Eraserhead" wurde der Regisseur Mel Brooks (bekannt für Komödien wie "The Producers - Frühling für Hitler) auf Lynch aufmerksam. Lynch hatte das Drehbuch für "Der Elefantenmensch" in Zusammenarbeit mit Christopher De Vore und Eric Bergren bereits geschrieben, jedoch wollte sich kein Studio des Stoffes annehmen. Da wurde Brooks auf Lynch aufmerksam. Brooks fand "Eraserhead" großartig und bot sich als Produzent an.

Das Ergebnis lohnte sich nicht nur finanziell. "Der Elefantenmensch" wurde für acht Oscars nominiert (unter anderem in den Kategorien Regie, Hauptdarsteller und Drehbuch) und spielte ein Vielfaches seines Budgets ein. John Hurt und Anthony Hopkins veredeln mit ihrer Schauspielerei den Film. Daraufhin bekam Lynch von George Lucas die Regie zu "Star Wars Episode VI - Die Rückkehr der Jedi-Ritter" angeboten. Daraus wurde aber aufgrund von "Dune - Der Wüstenplanet" nichts.

Wild at Heart - Die Geschichte von Sailor und Lula: Eine Odyssee im Namen der Liebe

Die Schlangenlederjacke ist der Ausdruck seiner Individualität: Sailor in 'Wild at Heart' (1990). Quelle: Senator Die Schlangenlederjacke ist der Ausdruck seiner Individualität: Sailor in "Wild at Heart" (1990). Sailor und Lula lieben sich. Die Beziehung ist so innig, dass sie quer durch das Land fahren und dabei von diversen Männern verfolgt werden.

Thrash Metal, Elvis Presley, verrückte Killer und Anleihen an den "Zauberer von Oz" umschreiben die Verfilmung des Romans "Wild at Heart" einigermaßen. Entstanden ist dieses Roadmovie zu den Zeiten von "Twin Peaks".

Nach "Blue Velvet" kratzt Lynch erneut an der Schwelle zum Wahnsinn. Zwar ist der Film weit weniger rätselhaft als die meisten seiner Nachfolgewerke, eine Vielzahl an ungewöhnlichen Figuren und Regieeinfällen sind dennoch zu sehen. Alleine schon das komplett überdrehte Spiel der Hauptdarsteller Nicholas Cage und Laura Dern machen den Film sehenswert.

Dazu kommt Willem Dafoe als Bobby Peru, der dem restlichen Wahnsinn nur wenig nachsteht. Das ständige Fluchen kann zwar nach einiger Zeit auf die Nerven gehen, dafür entschädigen Soundtrack, Schauspieler, Musik und das abgedrehte Ende. Für die einen ein Kultfilm - für andere nur Mittelmaß. Wer bis hierhin aufgegeben hat, kann mit den folgenden Werken sicherlich noch weniger anfangen, da diese deutlich komplexer und anspruchsvoller angelegt sind.

Blue Velvet: Die Dekonstruktion der Idylle

Frank bringt sich in Stimmung während 'Blue Velvet' (1986). Quelle: Alamode Frank bringt sich in Stimmung während "Blue Velvet" (1986). Jeffrey findet auf einer Wiese ein verwestes, abgetrenntes Ohr. Nach der Übergabe an die Polizei will er die Sache selbst aufklären. Dabei gerät er in eine Spirale der Gewalt.

"Blue Velvet" gehört zu den beliebtesten Lynch-Filmen und leitet den langsamen Übergang ins Seltsame ein. Zudem bildet der Stil, angelehnt an die 50iger-Jahre, den Grundstein für "Twin Peaks". Zudem ist hier eines der liebsten Lynch-Themen zu finden: Die Dekonstruktion der Vorstadt-Idylle. Das zeigt besonders die Anfangssequenz. Dennis Hopper hat sich zudem mit seiner manischen Darstellung als Frank in die Schurken-Geschichtsbücher gespielt und Lynch in Badalamenti einen kongenialen Komponisten gefunden.

Twin Peaks: Das Mammutwerk

'Twin Peaks' (1990-1991) revolutionierte das Seriengenre, 'der Film' (1992) hingegen stieß damals auf wenig Gegenliebe und 'The Return' (2017) ist das neueste Projekt des Regisseurs. Quelle: CBS, Jugendfilm, Showtime "Twin Peaks" (1990-1991) revolutionierte das Seriengenre, "der Film" (1992) hingegen stieß damals auf wenig Gegenliebe und "The Return" (2017) ist das neueste Projekt des Regisseurs. In "Twin Peaks" geht es um die Frage: Wer hat Laura Palmer ermordet? FBI-Agent Dale Cooper geht der Sache im titelgebenden Städtchen auf den Grund. Dabei trifft er auf eine Vielzahl unterschiedlicher Charaktere. Mehr zur Handlung sollte man nicht wissen. Der Mix aus Parodie auf Seifenopern, Krimi, Komödie und Horror gehört zu den bekanntesten und wichtigsten Serien und hat das viel beschworene goldene Fernsehzeitalter eingeläutet. Unzählige Regisseure haben "Twin Peaks" als Einfluss angegeben. Dank der Musik, toll geschriebenen Charakteren und einer Menge Charme kann man sich das Ganze auch heute noch anschauen. Diese Maxime gilt übrigens auch für die schwächelnde zweite Staffel. Die finale Episode entschädigt für die langgezogene und teilweise lächerliche Handlung. Mark Frost und David Lynch waren allerdings nicht an allen Episoden beteiligt. Das merkt man der Serie in den späteren Folgen an.

"Twin Peaks: Der Film" hingegen widmet sich den letzten Tagen von Laura. Der Film wurde damals überhaupt nicht gut aufgenommen, da er das offene Ende der zweiten Staffel nicht weitergeführt hat. In Cannes hat man Lynch sogar ausgebuht. Zu Unrecht: Auch wenn sich der Film sehr von der Serie entfernt, gehört er zu den Sternstunden von Lynch. Anstelle von Frost hat hier Robert Engels am Drehbuch mitgeschrieben.

Der Stil ist unglaublich gut gelungen, die neu eingeführten Charaktere bleiben durchaus im Gedächtnis und die neue Härte geben dem Ganzen eine alptraumhafte Note. Sheryl Lee ist in der Rolle der Laura Palmer großartig. Hinweis: Der Film nimmt einiges von der Serie vorweg. Um sich den Sehgenuss nicht zu verderben, sollte man ihn erst nach der zweiten Staffel anschauen. Zudem sind viele Fan-Lieblinge entweder kurze Nebenrollen oder wurden ganz herausgeschnitten. Ursprünglich betrug die Laufzeit über vier Stunden, schlussendlich musste erheblich gekürzt werden. Die gelöschten Szenen sind übrigens teilweise auf der Blu-ray und DVD-Veröffentlichung "Twin Peaks: Das ganze Geheimnis" zu sehen. Diese Anschaffung lohnt sich durchaus.

In "Twin Peaks: The Return" geht es um eine Odyssee. Dabei orientiert man sich vom Stil her mehr an den Film als an die Ursprungsserie. Wer also das alte Gefühl der Wärme erwartet, wird enttäuscht. Hier herrscht Langsamkeit und ein sich zart entwickelnder Plot. Lynch und Frost arbeiten nach über 25 Jahren wieder zusammen,um die Geschichte von Cooper und Laura weiterzuführen. Dabei sind viele alte und neue Gesichter dabei.

Um ein Haar wäre es aber gescheitert: Die Verantwortlichen von Showtime wollte den Gehaltsforderungen von Lynch nicht entgegen kommen, dieser kündigte via Twitter seinen Rücktritt an. Nach weiteren Verhandlungen wurde dann volle kreative Freiheit zugesichert und die Anzahl der Folgen von 8 auf 18 erhöht. Frost und Lynch schrieben das Drehbuch, letzterer inszenierte alle Folgen. Die Verbissenheit hat sich also ausgezahlt.

Eraserhead: Die Angst vor Bindungen

Das Debüt schlug ein wie eine Bombe: 'Eraserhead' (1977). Quelle: American Film Institute Das Debüt schlug ein wie eine Bombe: "Eraserhead" (1977). Henry wird ungewollt zum Vater und muss sich in einer trostlosen Umgebung mit seinem ungewollten Schützling auseinandersetzen.

"Eraserhead" wurde komplett in schwarzweiß gedreht. Die Dreharbeiten dauerten mehrere Jahre, Lynch stand mehrmals vor dem Abbruch. Herausgekommen ist ein filmischer Gehirnzwirbler, der dem Begriff "Surrealismus" alle Ehre macht. Es ist bezeichnend, dass Meisterregisseur Stanley Kubrick einmal gesagt hat, dass "Eraserhead" der einzige Film eines Berufskollegen ist, den er selbst machen wollte.

Lynch verarbeitet darin einerseits seine Abneigung zur Stadt Philadelphia, die er mit einer trostlosen Industriekulisse in Szene setzt, andererseits auch die Angst vor Bindungen. Der Protagonist Henry ist scheu, tollpatschig und in einer Welt gefangen, die ihn erdrückt. Da hilft auch das groteske Baby nicht weiter. Die Soundkulisse spielt besteht aus Geräuschen, die sehr an die Substanz gehen können. Die Frisur des Protagonisten sei hiermit als Metapher für den Film herbeigezogen. Hauptdarsteller Jack Nance spielte in weiteren Lynch-Werken mit, verstarb aber 1996 aufgrund mysteriösen Umständen.

Der Film bietet Humor, der so eigenwillig und abgedreht ist, dass man ihn glatt übersehen könnte. Die Szene am Familientisch ist ein Beispiel dafür. Der Film folgt beinahe konsistent einer lineare Handlung, wird aber durch einzelne Szenen durcheinandergewirbelt. Das "Baby" ist eine technische Meisterleistung, deren Umsetzung bis heute nicht verraten wurde. Leider zieht sich der Film bisweilen, was aber nichts an seinem Kultstatus ändert. Wer ein wenig mehr über die Hintergründe wissen will, sollte sich "David Lynch: The Art Life" anschauen.

Mullholland Drive: Träume sind Schäume

Diane ist im 'Mulholland Drive' (2001) angekommen. Quelle: Concorde Diane ist im "Mulholland Drive" (2001) angekommen. Rita überlebt einen Mordanschlag, verliert jedoch ihr Gedächtnis. Gleichzeitig landet die aufstrebende Schauspielerin Diane in Los Angeles und hofft auf den Durchbruch. Unterkunft findet sie bei einer älteren Dame. Dort trifft Diane auf Rita und hilft ihr bei der Suche nach der Identität.

Auch "Mullholland Drive" folgt - von kleinen Unterbrüchen abgesehen - einer klaren Struktur, wird aber gegen Ende undurchsichtiger. Hauptsächlich geht es um eine böse Abrechnung mit der angeblichen Traumfabrik. Für die BBC ist es der "beste Film des 21. Jahrhunderts". Das ist ein wenig übertrieben, dennoch ist der Film sehr gelungen. Naomi Watts spielt die Protagonistin hervorragend, die Geschichte ist spannend, Badalamenti steuert mal wieder eine Wahnsinnsmusikuntermalung bei und die ganze Inszenierung zeigt Lynch auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Eigentlich war das Ganze als Serie angelegt. Der Pilot wurde zwar gedreht, schlussendlich wurde ein Spielfilm daraus gemacht.

Lost Highway: Dick Laurent und der Mystery Man

Ikonisch: Der Mystery Man aus 'Lost Highway' (1997). Quelle: Concorde Ikonisch: Der Mystery Man aus "Lost Highway" (1997). Die Ehe zwischen Jazzmusiker Fred und seiner Frau Renée hat schon bessere Zeiten gesehen. Eines Tages erhalten die beiden eine Videokassette mit Aufnahmen von ihrem Haus. Bald darauf häufen sich die Kassetten mit ähnlichen Aufnahmen. Später wird Fred von der Polizei festgenommen, weil er Renée umgebracht haben soll. Doch am nächsten Tag sitzt ein anderer in Freds Zelle.

"Lost Highway" markiert nicht nur einen der rätselhaftesten Filme in der Vita von Lynch sondern stellte auch den Durchbruch für Rammstein in den Vereinigten Staaten dar. Die Brachialrocker sind mit gleich zwei Liedern auf der Soundtrack-CD vertreten und werden formidabel eingesetzt. Außerdem auf der Tonspur: Badalamenti, Marilyn Manson, David Bowie und Lou Reed. Anders als bei "Mulholland Drive" überstürzen sich hier die Ereignisse bereits ab der Hälfte des Films. Die wahnsinnige Atmosphäre und Detailverliebtheit machen den Film zum Pflichtstoff für Thrillerfans. Robert Loggia und Gary Busey sorgen für eine Portion Humor und der Auftritt vom "Mystery Man" gehört zu den großen Momenten des "Was zum Teufel?"-Kinos. Bill Pullman spielt sich hier als Fred im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib.

Inland Empire: Eine Frau in Schwierigkeiten

Nicht nur Laura Dern ist in 'Inland Empire' (2006) mit den Geschehnissen überfordert. Quelle: Concorde Nicht nur Laura Dern ist in "Inland Empire" (2006) mit den Geschehnissen überfordert. Die Schauspielerin Nikki erhält die Hauptrolle in einem großen Film. Bereits während der Dreharbeiten geschehen merkwürdige Dinge. Dabei werden Fiktion und Realität miteinander vermischt.

Zuviel des Guten: "Inland Empire" besitzt zwar im Grunde so etwas wie eine Handlung. Diese wird jedoch unter einer enormen Anzahl an kryptischen Andeutungen und eigenwilligen Szenen begraben. Dazu kommt unpassendes Kamera-Gewackel, welches ablenkend wirkt. Die drei Stunden Laufzeit sind definitiv zu lang geraten.

Sollte "Inland Empire" tatsächlich der letzte Film des Amerikaners gewesen sein, wäre es in filmischer Hinsicht kein Abtreten auf dem Höhepunkt. Bleibt zu hoffen, dass ihm bei der Meditation eine Erleuchtung zurück auf die Kinoleinwand führt.

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