Die Welt von Cyberpunk 2077: Das erwartet euch - Inspiration, Hintergründe und mehr

Special Christian Schmid Maria Beyer-Fistrich
Die Welt von Cyberpunk 2077: Das erwartet euch - Inspiration, Hintergründe und mehr
Quelle: CD Projekt 

Mit Cyberpunk 2077 wird im Dezember einer der großen Titel des Jahres 2020 ­einschlagen - doch worauf basiert das Spiel überhaupt? Wer ist der berühmte Johnny ­Silverhand und wer prägte den Begriff "Cyberpunk"? Wir beleuchten in unserem ­Special die Hintergründe des Spiels

Im Dezember ist es endlich soweit: CD Projekt Red veröffentlicht sein neues Mammutprojekt Cyberpunk 2077. Auf den ersten Blick könnten das Witcher-Universum und Night-City nicht unterschiedlicher sein. Chrom anstelle von Eisen, Knarren statt Schwerter und Kybernetik statt Magie. Doch eines haben die beiden Werke definitiv gemeinsam: In Cyberpunk 2077 wird es, ebenso wie in der Welt von Andrzej Sapkowski, ein extrem umfangreiches Worldbuilding geben. Wir betreten in dem Videospiel eine Welt, die bereits seit Jahrzehnten besteht und erst in der letzten Zeit bei Cyberpunk-Laien vorsichtiges Interesse weckte.

Aufmerksame Beobachter haben zum Beispiel bereits bemerkt, dass die veröffentlichten Trailer einen immensen Aufwand betreiben, um dem Zuschauer Automarken, Mode und das öffentliche Leben von Cyberpunk nahezubringen. Wir unternehmen in diesem Artikel deshalb ein wenig dystopische Archäologie und erklären euch die Ursprünge von Cyberpunk 2077 (jetzt kaufen ): Woher kommt der Begriff, wie baut sich die Welt auf und wo liegen die Ursprünge der neuen Videospiele-Version? Außerdem finden wir noch Zeit für einen kleinen Schlenker in Richtung 2077er-Straßenslang - also null persp meine Choombas, denn dieser Netrun macht euch von Weefles zu Apogees.

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Die Geburtsstunde des Cyberpunk-Genres

Zunächst das Grundlegende: Das Wort "Cyberpunk" beschreibt nicht nur die Welt des neuen Spiels, sondern ein ganzes Sci-Fi-Genre. Generell gilt, dass es sich vermutlich um eine Cyberpunk-Story handelt, wenn funkelnder High-Tech auf dreckige Straßenschluchten trifft; eine dystopische Welt, die von Geld regiert, von Zynismus durchdrungen und von normalen Leuten bevölkert wird. Hier schlagen sich Außenseiter in den Schatten der übermächtigen Konzern-Gesellschaft durch, indem sie ihre Muskeln oder Hacking-Skills in den Dienst des Meistbietenden stellen. Dabei wird das Leben der Menschen zwar immer moderner - aber keinesfalls besser.

Auch wenn es keinen eindeutigen Anfangspunkt gibt, gelten William Gibson und sein Roman "Neuromancer" aus dem Jahr 1984 als Gründer des Cyberpunk-Genres. Nachdem der Roman noch in seinem Erscheinungsjahr alle wichtigen Sci-Fi-Preise erhielt, setzten sich andere Autoren an den Schreibtisch und eiferten Gibson nach. Interessant: Neuromancer führte Begriffe wie zu Beispiel "Cyberspace" ein, die noch heute im allgemeinen Sprachgebrauch fest verankert sind!
Der Alltag in einem Cyberpunk-Setting wird von Hochtechologie beherrscht, die sich nahtlos in das Elend einer unterdrückten, fast betäubt wirkenden Bevölkerung einfügt. (1) Quelle: CD Projekt  Der Alltag in einem Cyberpunk-Setting wird von Hochtechologie beherrscht, die sich nahtlos in das Elend einer unterdrückten, fast betäubt wirkenden Bevölkerung einfügt. (1) Ebenfalls extrem Einflussreich sind Filme wie der Anime Akira (1988) und der Spielfilm Blade Runner (1982). Beide basieren zwar auf Büchern, respektive Manga - es waren jedoch die Filmadaptionen, welche das Genre erst richtig in Fahrt brachten. Wenn wir jedoch einen einzigen Zeitpunkt festmachen müssten, an dem das Wort Cyberpunk seine Geburtsstunde feierte, dann ist es eine Kurzgeschichte mit dem treffenden Namen "Cyberpunk" von Bruce Bethke (1980). Wie immer gilt, dass wir natürlich nur einige der wichtigen Vorreiter des Genres aufführen: Die Bücher "Dreams of Flesh and Sand" von William Thomas Quick (1988), "Hardwired" von Walter Jon Williams (1986) und der Film "Die Klapperschlange" von John Carpenter (1981) sind ebenfalls Cyberpunk-Riesen. Wir sind schon auf eure Lieblings-Inspirationen gespannt!

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Cyberpunk 2020 oder: Wie zur Hölle konnte der Autor das vorhersehen?!

Wenn wir zurückverfolgen, woher Cyberpunk 2077 seinen Hintergrund und Namen wie "Night City" oder seinen typischen Straßenslang erhielt, landen wir bei einem unscheinbaren Tischrollenspiel aus dem Jahr 1988: "Cyberpunk" spielte in der fernen Zukunft des Jahres 2013. Zwei Jahre später erschien mit "Cyberpunk 2020" die bisher beliebteste Version des P&P-Spiels, welche die Historie von Night City ausbaute und einige wichtige Konzepte einführte: Die Begriffe der "Samurai" oder "Solos" wurden geprägt und es wurde etabliert, dass kybernetische Gliedmaßen einen starken Einfluss auf die Psyche ihres Trägers nehmen - mit jedem Stück Fleisch, dass der Straßen-Samurai entfernt, verliert er einen Teil seiner Seele. Durchblättert man das Rollenspielsystem, entdeckt man geradezu gruselige Parallelen zu unserem Jahr 2020: Die Autoren sahen Dinge wie Smartphones, Tablets, internationale Megakonzerne, den Handel mit persönlichen Daten und die rapide Urbanisierung vorher. Andere Konzepte, wie die "Screemsheets" (eine täglich gefaxte Zeitung) oder öffentliche "Internet-Telefone", wirken heutzutage eher amüsant.

Interessant: Mit-Autor Mike Pondsmith gab in einem Interview zu, dass er erst Jahre nach der Veröffentlichung von Cyberpunk Neuromancer las. Die Hauptinspirationen für das Setting waren der Film Blade Runner und der oben erwähnte Roman Hardwired - dessen Autor Walter Jon Williams übrigens ebenfalls an dem Rollenspiel mitarbeitete!
Johnny Silverhand ist eine derartig legendäre Gestalt, dass er einer Mischung aus Robin Hood und Elvis Presley gleicht – zumindest in den Köpfen der Menschen.  Quelle: CD Projekt  Johnny Silverhand ist eine derartig legendäre Gestalt, dass er einer Mischung aus Robin Hood und Elvis Presley gleicht – zumindest in den Köpfen der Menschen. 

Als Ende 2005 die dritte Edition von Cyberpunk erschien, wechselte das Datum auf das Jahr 2030 und die Hintergrundstory schritt fort. Die Fans jedoch verschmähten die Fortsetzung und hielten Cyberpunk 2020 die Treue. Einer der Gründe dafür war, dass das Setting der Neuauflage deutlich in Richtung Pulp-Sci-Fi abdriftete und seine düsteren, bodenständigen Wurzeln verlor. Zudem wurden absolut absurde Designentscheidungen getroffen: Das Artwork der Bücher besteht aus Ken- und Barbiepuppen mit Plastik-Sturmgewehren, die mit einem Grünfilter versehen und vor einem Stadthintergrund drapiert wurden. Ihr glaub uns nicht? Werft einen Blick auf die Bilder und versucht dabei, nicht zu schmunzeln.
Das Spielzeugpuppen-Artwork der dritten Edition des Tischrollenspiels von Cyberpunk, sorgt in der RPG-Community immer noch für gutmütiges Schmunzeln. Quelle: CD Projekt  Das Spielzeugpuppen-Artwork der dritten Edition des Tischrollenspiels von Cyberpunk, sorgt in der RPG-Community immer noch für gutmütiges Schmunzeln. Einen spektakulären Neustart legte das Rollenspiel auf der Gencon 2019 hin, auf welcher das neue Projekt "Cyberpunk Red" vorgestellt wurde. Nun endgültig im Jahr 2077 angekommen und ganz offiziell von CD Projekt Red unterstützt, eroberte das Rollenspiel die RPG-Gemeinde im Sturm und ist seitdem regelmäßig ausverkauft. Und das Beste? Es sind bereits zwei Erweiterungen in Arbeit. Gute Neuigkeiten für Pen-and-Paper-Fans!

Setting und Stimmung: Der dystopische Weltbürger

Wer als bewaffneter und einsatzbereiter Straßensamurai (auch "Bosozuki" genannt") Night City betritt, bewegt sich durch einen Mikrokosmos der gesamten Welt. Anstatt sich jedoch in verschiedene Herkunftsländer und einzelne Stadtviertel zu unterteilen, frisst Night City seine Bewohner und vermischt sie praktisch zu einer eigenen Nation: Auf der Straße vermengen sich verschiedene Kulturen zu einer Chimäre die, wie für das Genre typisch, Worte aus allen Sprachen der Welt entleiht und ihnen eine neue Bedeutung gibt. Erinnert ihr euch an unseren Satz zu Beginn? "Null persp" ist eine Abkürzung für "Kein Grund ins Schwitzen zu geraten", während "Choomba" oder "Chombatta" Neo-Afrikanischer Slang für "Freund" oder "Familienmitglied" ist. Ein "Netrun" bedeutet hacken, ein "Weefle" ist ein inkompetenter Hacker und ein "Apogee" beschriebt einen Runner, der den Gipfel seiner Leistung erreicht hat. Wie auch in Bladerunner entleihen sich viele Worte des Cyberpunk-Straßenslangs aus dem Asiatischen Raum: "Bakutos" sind beispielsweise Glücksspieler, die mit viel Pech vielleicht zu "Bhikkhus" werden - Bettelmönchen, die außerhalb der Gesellschaft existieren.
Mit „Cyberpunk Red“ legt das Tischrollenspiel einen Neustart hin, der ebenso düster ausfällt, wie seine Videospielvorlage – so schließt sich der Kreis. Quelle: CD Projekt  Mit „Cyberpunk Red“ legt das Tischrollenspiel einen Neustart hin, der ebenso düster ausfällt, wie seine Videospielvorlage – so schließt sich der Kreis. Interessant: Als "Chew Two" (CHOOH2) wird der synthetische Alkohol bezeichnet, mit dem die Fahrzeuge in Cyberpunk 2077 fahren. Im Zweifelsfall kann der Weizen, aus dem der Treibstoff gewonnen wird (Triticum vulgaris megasuavis) sogar gegessen werden! Der reine Methantreibstoff des Jahres 2020 wurde inzwischen abgesetzt, ebenso wie jegliche Art fossiler Brennstoffe. Apropos Gesellschaft: Jeder anständige Bürger in Night City besitzt eine "Single Identification Number" oder kurz "SIN". Wer im System ist, erhält alle Vorzüge einer modernen Gesellschaft, muss aber damit zurechtkommen, dass die Konzerne zu jeder Zeit wissen, was er tut, kauft, isst und denkt - die SIN ist Schlüssel und Kette in einem. Die im wahrsten Sinne des Wortes "SIN-losen" Bewohner Night Citys hingegen bewegen sich frei von dem Joch der Konzerne durch die Stadt und schlüpfen durch Lücken im System. Der Nachteil an einer SIN-losen Existenz ist jedoch, dass ihr nicht existiert. Wer Ärger mit der Polizei bekommt, darf sich also bereits auf ausbleibende Verhaftungen und großzügige Gewaltanwendung einstellen.

Die Polizei an sich wurde privatisiert und liegt fest in den Händen der Konzerne. Lest das ruhig noch einmal: Es gibt keine staatliche Polizei in Night City! Allen voran beherrscht die mächtige Arasaka Corporation den privaten Sicherheitsmarkt, was Begegnungen mit Ordnungshütern zu einem einschüchternden Erlebnis macht. Schwarz gepanzerte Gardisten brüllen euch durch Stimmverzerrer-Helme an und benutzen SIN-lose Einwohner als Zielübung für ihre High-Tech-Sturmgewehre. Damit stellt die Polizei praktisch die stärkste und am besten ausgerüstete Gang der Stadt dar - da ist es praktisch, dass sie ebenso korrupt ist, wie ihre kriminellen Mitbewerber.

Die silberne Faust der Rebellion

"Wo ist Johnny?" Diesen Satz habt ihr in dem Bildmaterial zu Cyberpunk 2077 sicher gesehen. Wenn nicht, achtet einmal drauf: Er steht in fast jedem Trailer im Hintergrund an einer Wand oder einem Brückenpfeiler. Doch wer ist Johnny Silverhand und warum ist er so wichtig - abgesehen von der Tatsache, dass er von Keanu Reeves gespielt wird?

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Johnny Silverhand hieß ursprünglich Robert John Under und diente als G.I. im zentralamerikanischen Konflikt im Jahr 2003; ein Angriffskrieg, den die USA gegen die südamerikanischen Staaten führten. John war jedoch von der Brutalität und der Korruption seiner Regierung derartig angewidert, dass er desertierte und nach Night City flüchtete, wo er sich unter neuem Namen eine Existenz aufbaute - durch seine im Krieg erworbene Prothese nahm er den Straßennamen Johnny Silverhand an. Als impulsiver und durch den Krieg schwer traumatisierter Veteran nahm Johnny den Kampf gegen die Megakonzerne auf und verbreitete seine Nachricht auf die einzige Art und Weise, die er kannte: Seine Musik. Die Band "Samurai" (deren Name auch V's Jacke ziert), erreichte weltweite Berühmtheit und insbesondere Johnny wurde langsam, aber sicher zu einem Symbol der Rebellion. Die Band zerbrach im Jahr 2008, was Johnny aber nicht daran hinderte, eine vielversprechende Solokarriere einzuschlagen. Das Leben des Rockstars sollte sich jedoch im Jahr 2013 drastisch ändern.
Johnny Silverhand ist eine derartig legendäre Gestalt, dass er einer Mischung aus Robin Hood und Elvis Presley gleicht – zumindest in den Köpfen der Menschen. Quelle: CD Projekt  Johnny Silverhand ist eine derartig legendäre Gestalt, dass er einer Mischung aus Robin Hood und Elvis Presley gleicht – zumindest in den Köpfen der Menschen. Johnnys Freundin Alt Cunningham wurde von den Gardisten der Arasaka Coporation in einer brutalen Entführung aus Johnnys Armen gerissen. Das Ziel des Konzerns war es, die brillante Net-Runnerin auf den "Soulkiller" anzusetzen; ein Stück Software, dass es dem Konzern erlauben würde, das Bewusstsein von Konzernfeinden zu downloaden und ihren Körper zu töten. Johnnys Befreiungsaktion schlug fehl und Cunninghams Bewusstsein wurde durch den Soulkiller in den Mainframe von Arasaka integriert. Doch Johnny war ein abgehärteter Kriegsveteran. Er würde das retten, was von Alt übrig geblieben war.

Während der vierte Konzernkrieg im Hintergrund wütete, brach Johnny ein weiteres Mal in das Hauptquartier von Arasaka ein. Als er jedoch auf den schwer modifizierten Cyborg Adam Smasher traf, fand Silverhand schließlich einen würdigen Gegner. Adam leerte das Magazin eines Sturmgewehres in Johnnys Brust und wurde nur durch den Angriff eines zweiten Konzernes in seinem Blutrausch unterbrochen: Ein Bomber der Militech-Corporation verwüstete das Arasaka-HQ. Johnnys Körper wurde nie gefunden.
Johnny Silverhand ist eine derartig legendäre Gestalt, dass er einer Mischung aus Robin Hood und Elvis Presley gleicht – zumindest in den Köpfen der Menschen. Quelle: CD Projekt  Johnny Silverhand ist eine derartig legendäre Gestalt, dass er einer Mischung aus Robin Hood und Elvis Presley gleicht – zumindest in den Köpfen der Menschen.

"Wach auf, Samurai. Wir haben eine Stadt zu verbrennen."

Damit kommen wir zu dem Zeitpunkt, an dem ihr mit V die Szene betretet. Wie inzwischen jeder weiß, wird euch Johnny Silverhand als "Digitaler Geist" begleiten, oft seine Meinung kundtun und ab und zu sogar per Hologramm mit euch reden. Bevor ihr jedoch mit lautem Johlen auf den Johnny-Zug aufspringt, bedenkt folgendes: Johnny Silverhand ist ein getriebener Mann. Solange Asaraka vernichtet und seine Freundin befreit wird, ist es ihm völlig egal, wer oder was dabei auf der Strecke bleibt. Oder wie Johnny sagen würde: "Wir haben eine Stadt zu verbrennen." Es bleibt euch überlassen, ob ihr Johnny traut oder nicht.

Egal welchen der drei Lebenswege ihr einschlagt: V lebt in einer Welt, die ihn tot sehen will. Nicht, weil die Welt an sich böse ist, sondern weil sie schon längst nicht mehr anders funktionieren kann. Night City ist eine Bestie aus glänzenden Konzerntürmen, Lohnsklaven und animalischen Gangs. Und nun habt ihr zu allem Überfluss mit dem Geist eines legendären Runners zu tun. Also schnappt euch eure Dorphs, ihr geampten Crystal Jockeys. Haltet euren Biomon eng bei euch, passt auf eure Eddies auf und gebt den Corpos ein eine ordentliche Ladung Trip-Six. Wir sehen uns auf der Straße.

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