Cyberpunk 2077: Ein Jahr nach Release - wir ziehen ein erneutes Fazit
Special
Happy Birthday, Cyberpunk 2077! Am 10. Dezember 2021 wurde das Rollenspiel von CD Projekt Red offiziell ein Jahr alt. Wir haben uns das Release-Jubiläum zum Anlass genommen, dem Spiel eine zweite Chance zu geben und zu klären: Was hat sich durch die Patches und Fixes der letzten 12 Monate wirklich getan? Und lohnt sich ein erneuter Abstecher nach Night City?
Am 10. Dezember jährte sich der Release von Cyberpunk 2077 zum ersten Mal. Für CD Projekt Red Anlass genug, um sich mit einer freudigen Nachricht an die Öffentlichkeit zu wenden. Auf Twitter bedankte man sich für die anhaltende "Unterstützung und Leidenschaft" der Spieler und ließ der Community ein symbolisches Herzchen zukommen.
Aber gibt es für die Entwickler aktuell wirklich einen Grund zu feiern? Wir schauen uns in diesem Special mal an, wie es ein Jahr später um das Action-Rollenspiel steht, was sich hinter den Kulissen so alles getan hat und was für die Zukunft des Rollenspiels noch geplant ist.
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Am Anfang war die Wut
Fangen wir aber nochmal ganz vorne an: Am 10. Dezember 2020 erschien Cyberpunk 2077 (jetzt kaufen ) nach diversen nervenaufreibenden Verschiebungen und reichlich Vorschusslorbeeren endlich für PC und Konsole. Statt überbordender Euphorie machten sich aber recht schnell Ernüchterung und schließlich handfester Ärger breit. Der Grund: Vom hochglanzpolierten Genre-Meilenstein war das Spiel ein gutes Stück entfernt, trotz fast neun Jahren Entwicklungszeit.
Quelle: PC Games
Cyberpunk 2077 kann richtig schön sein. Gerade auf der alten Konsolengenerationen bekommen Spieler davon aber nicht viel zu sehen.
Klar, auf dem PC gab's ein größtenteils sauberes Rollenspielerlebnis, das auch mit entsprechenden Wertungen belohnt wurde. Auf den Konsolen, besonders den etwas betagteren Versionen von Playstation 4 und Xbox One, für die vorab bewusst keine Testmuster herausgegeben wurden, präsentierte sich der Titel aber in einem desaströsen Zustand: Bugs noch und nöcher, Spielabstürze, Performance- und Grafikprobleme, eine dumme KI, eine leere Spielwelt und Copy-Paste-NPCs. Das sind nur ein paar der vielen, vielen Probleme, mit denen Spieler zum Launch zu kämpfen hatten.
Schlechte Konsolenwertungen, Kaufwarnungen und katastrophale Nutzerreviews waren die logische Konsequenz. Schon bald hatte Cyberpunk den Ruf weg, die größte Enttäuschung, der größte Flop des Spielejahres zu sein. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, entschied sich Sony dann auch noch dazu, das Spiel aufgrund eklatanter technischer Mängel zwischenzeitlich aus den digitalen Ladentheken zu entfernen. Über ein halbes Jahr war Cyberpunk 2077 nicht im Playstation Store verfügbar, was zu entsprechenden Verkaufseinbrüchen führte.
Finanzielle Folgen
Dazu sahen sich Sony, Microsoft, Steam und andere Betreiber von digitalen Spieleplattformen mit massenhaft Refunds konfrontiert. Bereits im April 2021 wurde Cyberpunk um die 30.000 Mal zurückgegeben, was den Hersteller insgesamt etwas mehr als 1,85 Millionen Euro kostete. Und diese Zahl zieht nur die Reklamationen in Betracht, die direkt über die "Help Me Refund"-Aktion von CD Projekt Red liefen. Wie viele Exemplare beispielsweise direkt beim Händler zurückgegeben wurden, ist nicht bekannt. Die Zahl dürfte aber wohl noch um einiges größer ausfallen.
Quelle: PC Games
Der arme Emmerick: Nachladende Texturen und krasse Pop-ins gehören auf der PS4 noch immer zur Tagesordnung.
Doch nicht nur da ließ CD Projekt Red Federn, auch der Aktienkurs stürzte dramatisch in den Keller. Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat das Unternehmen an der Börse über 50 Prozent an Wert verloren. Von knapp 98 Dollar pro Wertpapier am 4. Dezember 2020 ging es runter auf mittlerweile knapp 40 Euro, Stand 15. Dezember 2021. Laut eines Bericht des US-Medienunternehmens Bloomberg sollen die Firmengründer allein in der Woche nach dem Release-Debakel eine Milliarde Dollar verloren haben. Mittlerweile werden es wohl deutlich mehr sein.
Da ist es auch kein Wunder, dass die vierteljährlichen Finanzberichte von CD Projekt Red in diesem Jahr nicht wie erhofft ausfielen. Die Erwartungen wurden alle nach unten korrigiert. Auch in der aktuellsten Ausgabe von Ende November wird mit Verlusten gerechnet: Von den angepeilten 30 Millionen verkauften Cyberpunk-Kopien im ersten Jahr sind wohl nur etwa 17 Millionen tatsächlich über die Ladentheke gegangen. Der Umsatz im dritten Quartal ist somit im Vergleich zum Vorjahr um fast 30 Prozent gesunken. Statt der prognostizierten 8,7 Millionen US-Dollar standen am Ende gerade einmal 3,9 Millionen zu Buche. Diese Einbußen seien hauptsächlich auf die zusätzlichen Ausgaben zurückzuführen, die die Reparatur von Cyberpunk 2077 verschlinge, erklärte Finanzchef Piotr Nielubowicz in einem offiziellen Statement.
Die Probleme hören nicht auf
Doch damit hören die Probleme noch lange nicht auf: CD Projekt wird aktuell von der polnischen Verbraucherschutzbehörde kontrolliert. Die prüft unter anderem, wie mit Kunden umgegangen wird oder wie Support und Rückerstattung laufen. Und dann sah man sich ja auch noch diversen juristischen Problemen gegenüber. Im Mai 2021 wurden mehrere Klagen gegen das Unternehmen zu einem großen Fall zusammengefasst, der vor dem US-Gericht Kalifornien verhandelt wird. Der warf CD Projekt Red vor, man hätte den schlimmen technischen Zustand von Cyberpunk wissentlich verschwiegen und so Investoren um eine Menge Geld gebracht. Die Entwickler konnten sich hier am Ende nur durch eine außergerichtliche Einigung rauswinden, indem den Klägern eine Entschädigung von 1,85 Millionen US-Dollar zahlte.
All diese Ereignisse gingen auch am Entwicklerteam selbst nicht spurlos vorbei. In den vergangenen zwölf Monaten musste CD Projekt Red einen personellen Aderlass verkraften: Im März 2020 verließ Lead Designer Andrzej Zawadzki nach acht Jahren das Unternehmen, um sich anderen Projekten zu widmen. Im Mai räumte Quest Director Mateusz Tomaszkiewicz seinen Posten, gefolgt von Creative Director Adam Badowski. Dazu kommen wohl noch unzählige weitere Abgänge, die nicht den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben. Künftige Projekte müssen also ohne das Knowhow einiger Cyberpunk-Veteranen fertiggestellt werden.
Und davon sind tatsächlich noch einige geplant: Aktuell werkeln 160 Menschen allein an den diversen im Vorfeld groß angekündigten Erweiterungen, den geplanten Multiplayer komplett außen vorgelassen. Die Arbeiten befinden sich aber noch in einer recht frühen Phase, konkrete Details oder gar einen Release-Termin gibt es also noch nicht. Das kann alles auch noch ein wenig auf sich warten lassen. Die gesamte Roadmap des Action-Rollenspiels hat sich nämlich massiv verschoben. 2021 war CD Projekt voll und ganz damit beschäftigt, Cyberpunk halbwegs ordentlich zum Laufen zu bekommen. Der Next-Gen-Port für Playstation 5 und Xbox Series, der große Patch 1.5 oder anderer Post-Launch-Content erscheinen laut Website frühestens im ersten Quartal 2022.
Quelle: CD Projekt Red
So sieht die aktuelle Roadmap von Cyberpunk 2077 aus: Vor 2022 dürft ihr keine neuen Inhalte erwarten.
Wie gut ist Cyberpunk jetzt auf dem PC?
Doch genug Palaver, kommen wir ans Eingemachte: Was hat sich spielerisch in den vergangenen zwölf Monaten in Night City getan? Über das Jahr 2021 hinweg wurden diverse Patches und Hotfixes veröffentlicht. Im August brachte CD Projekt etwa Version 1.31 heraus, die eine Reihe von Überarbeitungen bereithielt: Die Nachladezeit von Waffen wurde verkürzt, Quest-Items müllen nicht mehr euer Inventar zu. Es wurden Fehler an der Benutzeroberfläche behoben und die Straßen von Night City sehen nach einem Regenschauer jetzt auch endlich wieder nass aus.
Neben solchen kleineren Anpassungen und ergänzenden Komfortfunktionen haben die Entwickler auch viel Zeit in die Verbesserung von Stabilität und Performance gesteckt. Außerdem gab es im August den ersten kostenlosen Content-DLC, wenn man ihn denn so nennen möchte. Die Zusatzinhalte, die ihr über das Hauptmenü aufrufen könnt, umfassen ein alternatives Outfit für Johnny Silverhand, zwei schicke Lederjacken für Protagonist V und den Archer Quartz "Bandit", ein exklusives Sportscar.
Zumindest auf dem PC ergibt sich so ein doch recht rundes Rollenspielerlebnis. Denn abgesehen vom technischen Schluckauf hatte Cyberpunk 2077 ja schon zum Launch durchaus seine Stärken: Die Grafik, das Design der Spielwelt, die Cyberpunk-Atmosphäre, aber auch die Geschichte, die Charaktere und die RPG-Mechaniken - all das kommt jetzt eben nochmal deutlich besser zur Geltung. Das zeigt sich auch auf Steam: Zum Jahresende stiegen die Spielerzahlen wieder deutlich, die Spielermeinungen fallen weitaus wohlwollender aus. 81 Prozent der Reviews der letzten 30 Tage sind positiv, zuvor waren es nur 76.
Old Gen bleibt ein Problemkind
Auf der Konsole ergibt sich dagegen ein etwas anderes Bild: Klar, auch hier wurde nochmal Hand angelegt. In den Patch Notes geht CD Projekt sogar explizit auf alle Änderungen ein, die nur PS4 und Xbox One betreffen. In den vergangenen Monaten standen da beispielweise Crash Fixes oder eine optimierte Performance auf dem Plan. Auf der alten Playstation 4 wirkt Cyberpunk aber immer noch ziemlich unrund. Die Framerate geht gerne mal in den Keller, besonders während der automatischen Schnellspeicherung. Auch Freezes kamen uns während unserer erneuten Testphase unter. Pop-Ins und nachladende Texturen gehören unverändert zur Tagesordnung, selbst die passende Beleuchtung wird manchmal erst verzögert dargestellt. Insgesamt ist das Bild im Vergleich zur PC-Fassung deutlich matschiger. Grafikqualität und Detailgrad können nicht ansatzweise mithalten. Das zeigt sich auch an der Innenstadt von Night City: Die wirkt teilweise wie ausgestorben, weil nach wie vor viel weniger Fußgänger und Autofahrer unterwegs sind.
Quelle: PC Games
Night City durch die Augen eines NPCs betrachten: Glitches machen's möglich!
Dazu kommt der Umstand, dass das Spawning und die KI einiger NPCS noch immer zu wünschen übriglassen. Das fällt gerade bei der Polizei auf, die euch nicht per Fahrzeug verfolgt, dafür aber plötzlich wie aus dem nichts in eurem Rücken auftaucht. Die Ladezeiten sind viel zu lang. Und auch das Problem mit Glitches und Spielabstürzen hat CD Projekt nicht komplett beheben können. So richtig weiterempfehlen können wir die Old-Gen-Version von Cyberpunk 2077 auch ein Jahr später noch nicht. Wartet also lieber, bis weitere Patches erschienen sind oder sich die Verfügbarkeit von PS5 und Xbox Series X zumindest etwas verbessert hat. Auf denen bekommt ihr nämlich ein deutlich flüssigeres Spielerlebnis.
Ein Meisterwerk ist Cyberpunk aber auch auf Next-Gen-Konsolen nicht. Denn allen Überarbeitungen zum Trotz, fehlt es weiterhin an dem, was man sich von einem Rollenspiel dieser Größenordnung versprochen hätte: Die Wahl eures Lebenswegs spielt quasi keine Rolle. Aus den im Spiel vorhandenen Fraktionen wird viel zu wenig gemacht. Es wurde einfach jede Menge Potenzial liegenlassen. Das fällt auch ein Jahr später noch auf. Und daran wird wohl selbst eine Flut an DLCs nichts mehr ändern können.
