Commandos 2 - HD Remaster im Test: Immer noch ein echter Zeitfresser, aber mit einigen Mängeln
Test
Das im September 2001 veröffentlichte Commandos 2: Men of Courage aus der Feder der Pyro Studios gilt als eines der erfolgreichsten Spiele eines spanischen Entwicklers. Über 18 Jahre später erscheint nun das HD Remaster. Kann die von einem recht unbekannten Studio aus England produzierte Frischzellenkur die hohen Erwartungen erfüllen?
Burma, Mai 1942. Am Boden robbend nähert sich der stämmige Green Beret einer nichtsahnenden japanischen Patrouille. Die Augen des feindlichen Soldaten sind auf den plätschernden Fluss gerichtet, in dem gerade ein Krokodil seine Runden dreht, als ihn plötzlich eine geballte Faust am Kopf trifft und zusammensacken lässt. Der Elitekämpfer fackelt nicht lange, verschnürt sein Opfer an Armen und Beinen, wuchtet es auf seine Schulter, schafft es in eine dunkle Ecke und durchsucht seine Taschen. Lohn der Mühe: eine Zigarettenschachtel, die sogleich als Köder dient, um die nächste Wache von ihrer üblichen Route wegzulocken.Ein gezielter Stich mit dem Kampfmesser, ein kurzes Röcheln, und dieser Besatzer richtet keinen Schaden mehr an!
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Doof nur, dass sich der Green Beret während des Angriffs für einige Sekunden im Sichtkegel einer Wache am anderen Ende des Flusses befand. Der Posten wird stutzig, kommt sofort angerannt und eröffnet das Feuer. Weil er laut Alarm geschlagen hat, spurten außerdem aus allen Himmelsrichtungen zusätzliche Verstärkungstruppen heran. Weitere Gewehre sind plötzlich auf den Eindringling gerichtet und entladen ihre tödlichen Projektile. Mit blutverschmiertem Gesicht geht der Soldat zu Boden, während die Japaner bereits seine Kollegen umzingeln. Verdammt, so war das eigentlich nicht geplant! Zeit, um den Quicksave-Spielstand zu laden - zum zehnten Mal in dieser Mission ...
Dezentes Technik-Upgrade
Und damit herzlich Willkommen zum HD Remaster von Commandos 2. Die gute Nachricht gleich vorweg: Die mit Hilfe der Unity Engine realisierte Neuauflage des Echtzeitstrategie-Klassikers aus dem Jahr 2001 ist noch genauso herausfordernd wie eh und je, sieht diesmal allerdings eine ganze Spur besser aus. Hauptgrund hierfür ist die aufgepeppte Grafik. Zur Erinnerung: Damals waren eine Auflösung von 1280x1024 Bildpunkten, 64x64 Pixel große Texturen und Charaktermodelle mit lediglich 218 Polygonen das höchste der Gefühle. Mit dem HD Remaster jedoch läuft das Spiel nun erstmals auch in Full-HD-Auflösung. Die Texturen sind zudem acht Mal so hoch aufgelöst (512x512 Pixel), während die Charaktermodelle mit je 700 Polygonen pro Figur ebenfalls deutlich knackiger aussehen.
Quelle: PC Games
Kennt man: Ein Druck auf die F11-Taste umrandet alle Gegner im aktuellen Bildausschnitt rot. Leider hebt das Spiel einige Einheiten durch Wände hindurch nicht mit Silhouetten hervor.
Das Ergebnis dieser Bemühungen geht in Ordnung und punktet ferner mit leicht überarbeiteten Animationen. Vollends überzeugen kann das Grafik-Update dennoch nicht, da das Ausgangsmaterial nativ nur in 2K-Auflösung vorliegt. Erfolgt eine Darstellung auf 4K-Bildschirmen, wird hochskaliert. Nicht ganz am Puls der Zeit sind darüber hinaus die Zwischensequenzen. Leider muss man nicht einmal genau hinschauen, damit sehr unschöne Kompressionsartefakte ins Auge fallen. Keine Frage, den Aufwand, der beispielsweise bei Halo 2 aus der The Master Chief Collection betrieben wurde, erwartet hier sicher niemand. Aber etwas mehr Cutscene-Optimierung hätte es dann schon sein können.
Kennern des Originals wird außerdem auffallen, dass der in Manchester beheimatete Entwickler Yippee! Entertainment die Symbolik - wie schon damals in der deutschen Version - entschärfte. Hakenkreuze sind somit ebenso wenig vorhanden wie problematische Propagandaplakate. Dies gilt übrigens weltweit, da Publisher Kalypso das Spiel nur in dieser Fassung anbietet. Aus Herstellersicht eine verständliche Entscheidung, um rechtlichem Ärger in bestimmten Ländern vorzubeugen. Dennoch hätten viele Fans sicherlich nichts dagegen gehabt, wenn man optional eine internationale Fassung zur Verfügung gestellt hätte. Wie das geht, hat Bethesda mit den aktuellen Wolfenstein-Titeln vorgemacht.
Neun Helden, eine Mission
Am grundlegenden, hoch motivierenden Spielprinzip ändert sich durch das Remaster aber glücklicherweise nichts. Noch immer befehligt
ihr einen achtköpfigen Spezialistentrupp (plus Hund!), der im Zweiten Weltkrieg hinter feindlichen Linien gezielte Nadelstiche setzt, um der Wehrmacht - und später auch den japanischen Verbündeten - empfindliche Verluste zuzufügen. Direkt im Anschluss an zwei Trainingsmissionen verschlägt es euch beispielsweise in einen Tiefwasserhafen bei La Pallice an der französischen Atlantikküste. Die Nazis haben ein alliiertes U-Boot in ihren Besitz gebracht - und nun liegt es an euch, das Kriegsgerät samt Crew und der legendären Engima-Chiffriermaschine in Sicherheit zu bringen.
Typisch für die Commandos-Reihe und auch heute noch die größte Stärke des Spiels: Um einen Auftrag erfolgreich abzuschließen, gilt es, die individuellen Talente der Helden geschickt zu kombinieren. Mit dem Taucher Unterwasserminen entschärfen und Steilwände emporklettern, mit dem Pioneer Minenfelder aufstöbern und Sprengsätze scharfmachen, als Spion in feindliche Uniformen schlüpfen und Gegner mit Giftspritzen aus dem Verkehr ziehen - das Kern-Gameplay fesselt Taktiker und Schleich-Enthusiasten wie eh und je und setzt einen starken Fokus auf multiple Lösungswege.
Bevor der Funke überspringt, müsst ihr euch jedoch erst einmal mit der leider noch immer ziemlich überfrachteten Steuerung anfreunden. Zwar wirbt der Entwickler mit einer modernisierten Benutzeroberfläche, in der Praxis ist davon allerdings nur wenig zu sehen. Okay, das rechts unten platzierte Randmenü lässt sich nun mit Hilfe kleiner Schaltflächen ausklappen und ist eine zusätzliche Alternative zum Auswendiglernen der zahlreichen Tastatur-Shortcuts. Viel sinnvoller wäre es jedoch gewesen, den Mauszeiger intelligenter zu gestalten als früher. Stattdessen muss man auch im HD Remaster immer noch mühsam die Shift-Taste gedrückt halten, um beispielsweise Türen zu öffnen, am Boden liegende Gegner zu verschnüren, Kisten zu öffnen usw.
Quelle: PC Games
Bewachen mehrere Gegner einen Sektor, ist in der Regel Teamwork gefragt. In diesem Fall lenkt der Spion die Wache oben links ab. Der Taucher wartet an die Wand gepresst darauf, Wache Numero zwei aus dem Verkehr zu ziehen.
Unnötig unübersichtlich
Komfortables Rein- und Rauszoomen mit dem Mausrad? Klappte in der Testversion ebenfalls nicht und ließ sich nur mit den Tasten "Plus" und "Minus" realisieren. Wollt ihr dagegen die Kartenansicht im 90-Grad-Winkel drehen, kommt ihr um ein Gedrückthalten der Alt-Taste nicht herum. Ziemlich nervig! Genau wie die Tatsache, dass hinter Gebäudestrukturen stehende Heldencharaktere nicht - wie es heutzutage eigentlich Standard sein sollte - von einer Silhouette umrandet werden. In unübersichtlichen Szenen, bei denen mehrere Levelobjekte einander verdecken, verliert man seine Spielfigur daher immer wieder aus den Augen. Commandos-Einsteiger werden hier ziemlich fluchen; vor allem, wenn sie gerade vor feindlichen Wachen flüchten oder in ein hektisches Feuergefecht geraten.
Nicht minder störend: Aktuell bietet Commandos 2: HD Remaster (jetzt kaufen ) nur zwei Zoomstufen und eine viel zu spärliche Minimap. Auf den weitläufigen Karten stets den Überblick zu behalten, fällt entsprechend schwer. Immerhin: Weitere Zoomstufen sollen demnächst via Patch implementiert werden (siehe Kasten). Gleiches gilt für die optionale Controller-Steuerung mittels Gamepad. Auch sie wird zwar auf der offiziellen Webseite beworben, schaffte es aber noch nicht in die Verkaufsfassung.
Quelle: PC Games
Klettermaxe: Der Enterhaken des Marines ist ideal, um höher gelegene Gebäude zu erklimmen. Einmal verankert, können auch andere Charaktere das Seil nutzen.
Und wo wir gerade beim Thema fehlende Features sind. Dass das Feld zur Eingabe von Levelcodes im Hauptmenü fehlt, ist ebenso ärgerlich wie die reduzierte Anzahl an Savegame-Slots. Zum Vergleich: Im Original - auf Steam aktuell für 4,99 Euro erhältlich - standen zehn Slots für Spielstände plus ein Schnellspeicher-Slot zur Verfügung. Im HD Remaster sind es seltsamerweise nur noch vier plus ein Quicksave-Slot. Wer also gerne Spielstände aus vorangegangen Mission behalten möchte, um beispielsweise nicht erledigte Sekundärziele noch abzuarbeiten, stößt hier schnell an seine Grenzen. Oder muss umständlich im Windows-Explorer hantieren, um die Savegames an anderer Stelle zu sichern.
Das Tutorial haben die Macher wiederum leicht überarbeitet. Konkreter formuliert: Während ihr euch durch die zwei Trainingsmissionen kämpft, tauchen immer wieder kleine Hinweisbildschirme auf, die einzelnen Heldenaktionen wie etwa das Erklimmen von Strommasten, den Einsatz des Minendetektors oder das Lugen durch Türschlitze kurz zusammenfassen.
Quelle: PC Games
Das Auftragsbuch protokolliert primäre und sekundäre Missionsziele. Klickt ihr auf einen Eintrag, erscheinen zusätzlich visuelle Hinweise, wo auf der Karte diese Ziele zu finden sind.
Viele Aufträge, so gut wie keine Extras
Neben den beiden Auftaktmissionen in La Pallice umfasst die Kampagne wie gehabt acht weitere Hauptmissionen. Diese entführen euch an den Nordpol, nach Burma, nach Thailand, auf die Vulkaninsel Savo im Südpazifik, nach Vietnam, ins französische Cherbourg, nach Colditz in Deutschland sowie an die stählernen Füße des Eifelturms in Paris. Damals wie heute spannend: Viele der Hauptmissionen basieren auf bekannten Kinofilmen. Für die Thailand-Mission etwa stand David Leans oscarprämiertes Meisterwerk "Die Brücke am Kwai" aus dem Jahr 1957 Pate. Der Colditz-Auftrag ist eine klare Hommage an "Das dreckige Dutzend" (1967) von Robert Aldrich und bei "Saving Private Smith" ließ man sich - der Name deutet es bereits an - von Steven Spielbergs "Der Soldat James Ryan" (Originaltitel: Originaltitel: "Saving Private Ryan") inspirieren.
Die einzelnen Missionen verfügen über zahlreiche Haupt- und Nebenziele und fesseln aufgrund ihrer Komplexität und des hohen Schwierigkeitsgrads meist Stunden vor den Bildschirm - pro Auftrag, versteht sich. Dazu gesellen sich, genau wie damals, insgesamt zehn Bonusmissionen. Um die unterhaltsamen, aber in der Regel deutlich kürzeren Zusatzaufträge freizuschalten, müsst ihr in jedem Hauptlevel sämtliche Fragmente eines zerrissenen Fotos finden.
Quelle: PC Games
Fernzündbare Sprengstoffe sind der mit Abstand komfortabelste Weg, feindliches Equipment in die Luft zu jagen. Der dadurch verursachte Lärm lockt jedoch haufenweise Gegner an.
Abgerundet wird der durchaus üppige Umfang von 22, Remaster-exklusiven, aber leider ziemlich einfallslosen Steam-Errungenschaften. Letztendlich geht es nur darum, die einzelnen Haupt- und Bonusmissionen abzuschließen. Besonderes spektakuläre Kills, das Absolvieren eines bestimmten Missionsziels innerhalb eines gewissen Zeitlimits oder andere kreative Achievement-Ideen ließ sich Yippee! Entertаinment leider nicht einfallen.
Stichwort Ideen: Abgesehen von den ziemlich langweiligen Steam-Erfolgen sucht ihr weitere nennenswerte Content-Extras leider vergeblich. Ein Audioplayer oder zumindest ein Ordner mit MP3-Dateien, um den einzelnen, überaus stimmigen Musikstücken zu lauschen? Eine Extras-Sektion im Hauptmenü mit interessantem Making-of-Material in Form von Render-Artworks, Konzeptgrafiken oder Skizzen? Eine jederzeit abrufbare Enzyklopädie, die mehr über die Charaktere und Schauplätze verrät? Pustekuchen. Diese und andere Ergänzungen hätten das HD Remaster spürbar aufgewertet, ohne dabei die Gameplay-Quintessenz zu verändern.
Und der pfiffige Mehrspieler-Modus des Originals? Leider sprang auch dieser über die Klinge. Aufträge im Team mit Freunden zu lösen und dabei neue Taktiken auszuprobieren, fällt somit komplett weg. In unseren Augen eine weitere Enttäuschung, zumal genau diese Koop-Partien seinerzeit selbst nach dem Durchspielen der Kampagne für einen nicht zu unterschätzenden Wiederspielwert sorgten.
