Chernobylite: Im Early Access durchs verstrahlte Sowjetgebiet
Special 26,99 €
Glaubt man den Kommentaren der Steam-Community, dann ist Chernobylite wohl das nächste Metro oder Stalker. Kein Wunder - verschlägt euch der Titel doch ebenfalls in ein radioaktiv verseuchtes Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Aber kann der Survival-Shooter auch in anderen Bereichen qualitativ mit seinen Vorbildern mithalten? Oder ist das Setting die einzige Gemeinsamkeit? Wir haben uns in die Early-Access-Version gestürzt und geben euch die Antwort.
Eine Horror-Lovestory mit Sci-Fi-Elementen eingebettet in einen Survival-Shooter - so in etwa lässt sich Chernobylite (jetzt kaufen 24,99 € / 26,99 € ), das am 16. Oktober im Early Access auf Steam erschienen ist, wohl noch am ehesten beschreiben. Das klingt zunächst nach einer etwas unkonventionellen Mixtur. Entsprechend waren auch wir ein wenig skeptisch, als wir uns erstmals in den neuen Titel des polnischen Studios The Farm 51 gestürzt haben.
Der Auftakt des Titels weiß dann aber durchaus zu beeindrucken. Die ersten 30 Minuten sind atmosphärisch und knackig inszeniert: Mit Protagonist Igor begebt ihr euch auf eine halsbrecherische Nacht-und-Nebel-Mission, in der ihr zusammen mit zwei Söldnern das stillgelegte Kernkraftwerk Tschernobyl infiltriert und versucht, den dortigen Reaktorraum zu erreichen. Sonderlich einfach ist das natürlich nicht. Immer wieder trefft ihr auf bewaffnete Wachen, an denen es mal vorbeizuschleichen, mal eure Meuchelmörderskills zu beweisen gilt. Zu allem Überfluss wird Igor, der als Physiker einst selbst in Tschernobyl arbeitete, dann auch noch immer wieder von perfiden Visionen heimgesucht, die ihn albtraumhafte Szenen des Vorfalls noch einmal durchleben lassen.
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Liebe in den Zeiten der Strahlenkrankheit
Allen Umständen zum Trotz gelingt es euch dennoch, wie geplant euer Ziel zu erreichen und einen Splitter des namensgebenden Tschernoblylits zu ergattern - eines grün-glühendes Minerals, das einst bei der Nuklearkatastrophe entstand. Danach wird die Handlung allerdings etwas konfus: Wie sich herausstellt, plant Igor mit Hilfe des Kristalls nämlich eine Art interdimensionale Portalkanone zu bauen, um damit nach seiner Verlobten zu suchen, deren mysteriöses Verschwinden vor 30 Jahren er noch immer nicht überwunden hat. Und irgendwie stecken auch noch CIA, KGB und ein mysteriöser schwarzer Mann mit Gasmaske mit in der Sache drin. Ziemlich undurchsichtig das alles ...
Quelle: PC Games
Im Zentrum der Handlung steht - wie der Name bereits nahelegt - das ukrainische Kernkraftwerk Tschernobyl.
Für euch geht es aber erst einmal darum, in euer Versteck zu flüchten und von dort aus die nächsten Schritte zu planen. Das geht mit Hilfe eines Fernglases, mit dem ihr den Blick über die Spielwelt streifen lassen und eines der vier verfügbaren Missionsgebiete anwählen könnt. Dort erwarten euch verschiedenste Aufgaben, die täglich aufs Neue durch Gespräche oder Funksprüche hereintrudeln. Mal gilt es einen Versorgungskonvoi des Militärs zu überfallen, mal geheime Aufzeichnungen aus einem Regierungsbunker zu befreien - stets in der Hoffnung etwas über das Abbleiben eurer geliebten Frau Tatyana herauszufinden.
Tschernobyl: Beängstigend schön
Das Erforschen des Areals rund um Tschernobyl und die angrenzende Uferstadt Pripyat gehört dabei definitiv zu den Highlights des Spiels. Die Entwickler haben sich bei der Gestaltung der Umgebung ordentlich ins Zeug gelegt. Teile des Studios reisten sogar eigens in die unbedenkliche Sperrzone rund um Tschernobyl, um dort Bild-, Video- und Tonaufnahmen zu machen. Auf deren Basis wurde dann die Spielwelt aufgebaut. Ein Aufwand der sich definitiv gelohnt hat: Die Mischung aus vor sich hin rostenden Autowracks und überwucherten Stahlbetonruinen verfehlt seine Wirkung nicht. In Kombination mit der passenden Musik- und Soundkulisse entsteht eine sehr atmosphärische Spielerfahrung. Die Welt von Chernobylite wirkt trostlos, beinahe deprimierend. Man fragt sich ständig, was hier Schreckliches vorgefallen sein könnte, aber auch, was vielleicht noch immer in den Schatten lauert. Die Überreste menschlicher Zivilisation strahlen etwas Bedrohliches aus - ebenso wie die vielen verstrahlten Zonen, die euch in eurer freien Erkundung leider ein wenig einschränken.
Quelle: PC Games
Die Spielwelt von Chernobylite spielt immer wieder mit eurer Psyche. Manchmal taucht aus dem Nichts etwa ein Trugbild eurer Verlobten auf, das im nächsten Moment wieder verschwindet.
Hinzu kommen diverse Horrorelemente wie flüsternde Stimmen, verschwommene Visionen eurer Verlobten oder das Weinen von Kindern. So bauen die Entwickler eine gruselige Stimmung auf, die nur selten durch einen Jumpscares aufgelöst wird und so die Anspannung oben hält. Das ist allerdings auch durchaus von Vorteil. Ihr arbeitet nämlich nicht nur gegen die Zeit (alle 30 Minuten fegt ein tödlicher Sturm über die Karte), sondern auch menschliche Gegner, die in der Zone unterwegs sind. An denen könnt ihr euch wahlweise vorbeischleichen, müsst dann aber auf eure Sichtbarkeitsanzeige achten, oder sie mit Waffengewalt angehen. Weder die Stealth- noch die Shooterpassagen von Chernobylite wissen aber endgültig zu überzeugen.
Ist das noch künstliche Intelligenz?
Quelle: PC Games
Die Ballerabschnitte in Chernobylite konnten uns in der Early-Access-Fassung noch nicht endgültig überzeugen.
Die gerade einmal zwei verfügbaren Waffen lassen sich nicht aus der Hüfte abfeuern und verfügen über so gut wie gar keine Ballistik. Zudem verhalten sich eure Gegner gerne mal ziemlich dumm. Widersacher gehen nicht in Deckung, laufen euch stumpf hinterher oder reagieren auch mal gar nicht, sodass ihr sie einfach ohne Gegenwehr umboxen könnt. Das sieht - ebenso wie das Schießen - leider recht hölzern aus. Insgesamt wirken alle Charaktermodelle nicht immer sonderlich gelungen. Auch andere NPCs, die ihr verstreut in der Welt finden und in Gespräche verwickeln könnt, leiden öfters mal unter Clippingfehlern oder starren euch mit regungslosen Gesichtern an.
Immerhin findet ihr bei erledigten Gegnern stets ein paar brauchbare Gegenstände. Die könnt ihr alternativ auch innerhalb der Spielwelt sammeln - am besten, nachdem ihr mit eurem Umgebungsanalysator die Gegend gescannt habt. Aus den verschiedenen Ressourcen wie Pflanzen, Elektroschrott oder Chemikalien lassen sich an Lagerfeuern Medizin und Essen herstellen. Oder ihr baut damit abends eure Basis aus. Zur Auswahl stehen dabei etwa eine Werkbank, ein Generator aber auch ein Fernseher. Diese Managementaspekte erinnern beinahe ein wenig an This War of Mine, bleiben aber zu oberflächlich und weitestgehend überflüssig. Zwar könnt ihr mit Hilfe einer hydraulischen Presse Patronen herstellen, findet aber bereits innerhalb der Spielwelt genug Munition. In Beeten könnt ihr Essen anbauen, das eure geistige Gesundheit erhöht, die hat aktuell allerdings noch keinerlei Auswirkungen aufs Gameplay. Schade.
Darf's noch etwas RPG sein?
Darüber hinaus ist die Benutzeroberfläche wirklich ziemlich hässlich und unhandlich. Ihr könnt sie nicht mit Maus oder Pfeiltasten bedienen, sondern nur mit WASD. Außerdem ist eure Inventar begrenzt und es gibt - Stand jetzt - keine Lagermöglichkeiten. Im Gegenzug halten die Menüs dafür noch einen Überblick über die Fähigkeiten eures Charakters parat. Ein klein wenig Rollenspiel steckt in Chernobylite nämlich auch noch. Für erledigte Missionen steigt ihr im Level auf und schaltet so Skillpunkte frei. Die könnt ihr bei sogenannten Mentoren investieren, um besser schießen oder schleichen zu können. Große Auswirkungen haben diese Upgrades gefühlt aber nicht.
Quelle: PC Games
Mit Materialien, die ihr in der Spielwelt sammelt oder bei erledigten Gegnern findet, könnt ihr Essen und Medizin herstellen.
So fällt unser Early-Access-Trip in die verstrahlte Zone von Tschernobyl doch eher ernüchternd aus. Zumal auch die technische Umsetzung mit Framedrops, Freezes, Abstürzen, verbuggten Missionsmarkern, Tonaussetzern und deutschen Untertiteln im Stile von Google Translate wirklich zu wünschen übriglässt. Momentan fühlt sich Chernobylite daher eher wie eine gut zehnstündige Bezahl-Beta an, die noch einiges an Feinschliff braucht. Abschreiben wollen wir den Titel deshalb noch nicht. Die aktuelle Fassung zeigt durchaus vielversprechende Ansätze wir die grundsätzliche Prämisse oder die Spielwelt. Im aktuellen Zustand können wir den Horror-Survival-Shooter aber nicht guten Gewissens weiterempfehlen - besonders nicht für einen Preis von knapp 25 Euro.
Meinung
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