Captain Tsubasa: Rise of New Champions im Test: Japanisches Soccerspiel enttäuscht
Test 35,99 €
Nach zehn Jahren kommt ein neues Captain-Tsubasa-Spiel auf den Markt. Getreu der Manga- und Animevorlage könnt ihr mit viel Fußball-Action und Superschüssen rechnen. Aber selbst Fans des Franchises müssen sich darauf gefasst machen, dass Captain Tsubasa: Rise of New Champions des Studios Tamsoft neben seinen Fußballspiel-Konkurrenten alt aussieht.
Zwischen den Jahren 1981 und 1988 erschien eine Manga-Reihe, die dem bis dato in Japan kaum erfolgreichen Fußball einen Aufschwung verlieh: Captain Tsubasa, hierzulande als "Die tollen Fußball-Stars" bekannt. Spätestens, als 1983 die ersten Folgen der Anime-Adaption ausgestrahlt wurden, verfiel Japan ins Fußballfieber. 1998 erreichte die Nationalmannschaft das erste Mal die Qualifikation für die Weltmeisterschaft und als 2002 Japan und Südkorea die Gastgeberländer für die WM waren, erschien sogar ein eigener Weltmeisterschafts-Anime.
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Die japanische Nationalmannschaft der Frauen erlangte 2011 sogar den Weltmeistertitel! Einige Spieler und Spielerinnen gaben an, die Manga- und Animeserie habe ihre Fußballbegeisterung dereinst ausgelöst.
Die Story ist ein einziges Eigentor
2010 erschien das letzte Videospiel rund um das beliebte Franchise,in dem wir den Erlebnissen des Fußballtalents Tsubasa Ohzora folgen. Nach dieser langen Pause haben die Fans also wohl recht hohe Erwartungen an den neuen Titel Captain Tsubasa: Rise of New Champions (jetzt kaufen 145,72 € / 35,99 € ), der nun für PC, PS4 und Nintendo Switch erhältlich ist. Entwicklerstudio Tamsoft und Publisher Bandai Namco wollen hier nicht nur das Fußball-Gameplay, sondern auch die Story in den Fokus setzen. Genauer gesagt die Storys, also im Plural. Es gibt nämlich zwei Episoden mit unterschiedlichen Geschichten. Beide spielen sich so ähnlich wie der Journey-Modus bei FIFA, wir begleiten also einen Spieler auf seinem Weg zum Gewinn eines Turniers; in einer Episode Tsubasa, in der anderen einen selbsterstellten Charakter.
Quelle: PC Games
Episode 1 erzählt einen Teil des Animes nach. Sie handelt von Tsubasa, der mit seinem Team ein drittes Mal die Landesmeisterschaft der Mittelschulen gewinnen will.
Wie auch bei FIFA fühlen sich die Geschichten wie Lückenfüller an. Episode 1 mit Tsubasa stellt uns vor die Aufgabe, mit seinem Team ein drittes Mal in Folge die Landesmeisterschaft der Mittelschulen zu gewinnen. Topfit ist das Riesentalent aber aufgrund von Verletzungen nicht. Neben einer völlig unpassenden Liebesgeschichte zwischen zwei komplett unwichtigen Charakteren war's das auch schon mit dem Tiefgang der Geschichte. Insgesamt sind die Zwischensequenzen langweilig und repetitiv. Noch dazu kommt, dass die Geschichte schon im Anime vorkam. Schade, dass hier den Fans nichts Neues geboten wird. Außerdem ist das Spiel nur auf Japanisch vertont. Wer der Sprache also nicht mächtig ist, wird um die deutschen Untertitel nicht herum kommen.
Episode 2 ist erzählerisch nicht viel besser. Unseren Avatar dürfen wir immerhin in einem überraschend ausführlichen Charakter-Editor zusammenstellen. Einige Frisuren und andere kosmetische Items müssen wir uns aber erst freispielen. Wir haben daraufhin die Wahl zwischen drei Teams, für die wir auf den Rasen gehen können. Diese Entscheidung hat Einfluss auf die Zwischensequenzen, interessanter werden diese dadurch aber auch nicht. Erzählt wird folgendes: Ein internationales Turnier steht bevor und Japan veranstaltet eine Meisterschaft, um zu ermitteln, welche Spieler sich der Nationalmannschaft anschließen dürfen. Doch der Starspieler unseres Teams ist verletzt, will aber niemandem davon erzählen. Kommt euch das bekannt vor? Abgesehen von den unterschiedlichen Figuren und dass es sich um ein anderes Turnier handelt, ist die Geschichte gefühlt dieselbe wie in Episode 1! Dafür haben wir in der zweiten Episode aber neben der Wahl fürs Team die Möglichkeit, durch Entscheidungen die Geschichte zu verändern. Jedenfalls wird einem das so verkauft. In der Praxis sind diese Entscheidungsmöglichkeiten völlig irrelevant und verändern kaum den Ablauf der Ereignisse. Episode 2 hat aber sogar, im Gegensatz zur ersten, ein Feature, was halbwegs Sinn ergibt! Wir können nämlich unseren selbsterstellten Fußballhelden nach und nach verbessern. Stellen wir uns gut auf dem Rasen an, werden die bekannten Figuren der Geschichte, darunter eben auch Tsubasa, auf uns aufmerksam und bringen uns neue Fähigkeiten bei.
Quelle: PC Games
Grafisch ist Captain Tsubasa: Rise of New Champions kein Hingucker. Flache Grastexturen und detailarme Hintergründe sind nicht mehr zeitgemäß.
Die Idee ist cool, gebraucht haben wir die neuen Talente aber nie. Der Schwierigkeitsgrad der Kampagnen, der warum auch immer nicht verändert werden kann, bietet nämlich absolut keine Herausforderung. Einmal das Spielprinzip durchblickt, ist das Game ziemlich leicht zu meistern.
Der Ball klebt am Spieler ... wortwörtlich
Captain Tsubasa: Rise of New Champions macht so einiges anders als seine Fußballspiel-Konkurrenz: Neben "Kleinigkeiten" wie der Tatsache, dass 60 anstatt 90 Minuten gespielt wird, ist wohl der größte Unterschied der Ausdauerbalken. Den gibt es hier nämlich gar nicht. Stattdessen exisitiert eine Willensanzeige, die darlegt, wie viel Willenskraft im Spieler steckt. Ohne diese kann kein Spieler rennen oder tricksen und der Torwart kann kaum einen Schuss halten. Der Willensbalken füllt sich mit der Zeit wieder von selbst. Schneller geht es aber durch erfolgreiche Dribblemanöver. Spieler auszuwechseln ist also völlig unnötig. Beim Torhüter funktioniert die Willensanzeige etwas anders. Sie leert sich, wenn auf sein Tor geschossen wird und füllt sich erst wieder, wenn der Keeper ein Tor zugelassen hat oder nach der Halbzeit. Ein Torwart mit vollem Willen ist so gut wie unüberwindbar. Schnelle Überraschungstore werden dadurch fast unmöglich gemacht, wenn die Werte des Stürmers nicht massiv über jenen des Keepers liegen. Trotzdem ist ein hoher Sieg nicht selten, da es nur drei viel zu leichte Schwierigkeitsgrade gibt. Weitere Probleme sind die wenigen Kameraeinstellungen, die allesamt zu nah am Geschehen sind und der direkte Abpfiff des Schiedsrichters, während wir noch mitten im Angriff sind. Diese Probleme alleine fallen zwar nicht schwer ins Gewicht, ärgerlich sind sie dennoch.
Um ein Tor zu erzielen, ist es wichtig, einen sogenannten Superschuss auszuführen. Dafür müssen wir schon mehrere Sekunden vor dem Abschluss die Taste gedrückt halten, um den Schuss aufzuladen. Dadurch rennt man immer wieder mal beim 16-Meter-Raum im Kreis, bis die Anzeige gefüllt ist. Da dem Ball aber jegliche physikalischen Gesetze egal sind, ist das kein Problem, weil der Ball am Spieler klebt wie zu alten FIFA-2000-Zeiten. Taktische Finesse ist ebensowenig nötig, da man auf Knopfdruck Spieler ausdribbeln kann. Wenn wir im richtigen Moment die Taste drücken, können wir quasi ungestört und im Alleingang zum gegnerischen Tor gelangen. Nur mit Glück und dem passenden Timing ist der Ball mit einem harten Tackle oder einer Blutgrätsche vom Gegenspieler zu trennen. Bestrafungen für ein solches Vorgehen müssen wir nicht fürchten, denn Fouls gibt es nicht. Ganz abgesehen vom mehr als fragwürdigen Gameplay, schaut das Spiel auch noch aus, als wäre es vor zehn Jahren erschienen, mal ausgenommen von den cool inszenierten Superschüssen. Die wiederholen sich aber auch recht schnell.
Zusammen schießt sich's besser
Natürlich ist es auch möglich, zusammen mit bis zu drei Freunden das Runde ins Eckige zu kicken. Per Couch-Koop kann das Spiel dann sogar richtig Spaß machen, auch wenn die bereits genannten Probleme immer noch vorhanden sind. Einen Online-Modus gibt es auch, bei dem man sich über ein Liga-System mit anderen Spielern messen kann. Im Grundaufbau ist dieses System recht simpel: Gewinnen wir, steigen wir eine Liga auf, verlieren wir, steigen wir ab. Die ersten paar Matches werden aber gegen die KI gespielt, bevor wir uns an echte Spieler wagen dürfen. Wer aber nur ein schnelles Spiel sucht, kann eine Lobby erstellen oder beitreten. Lange Wartezeiten sind da keine Seltenheit, obwohl das Spiel erst kürzlich erschienen ist. Auf dem PC geben einige Spieler an, dass durch Spielabstürze und Bugs der Online-Modus bisher kaum spielbar ist, zumindest diese Probleme hatten wir während des Spielens nicht.
Falls wir aber noch zu schlecht sind, um es mit echten Spielern aufzunehmen, können wir im Trainings-Modus etwas üben. Da haben wir die Auswahl zwischen einem freien Training, Ecken-Übungen und Elfmeterschießen. Letzteres muss aber eigentlich nicht trainiert werden, da das Minispiel komplett auf Glück basiert und keinerlei Können verlangt. Freistöße in Matches existieren übrigens nicht, auch, wenn in einer Zwischensequenz der Story einer vorkommt.
Nostalgie trifft ins Kindheitstor
Quelle: PC Games
Die animierten Schusssequenzen wirken wie aus dem Anime entsprungen.
Um aber auch mal ein paar positive Worte zu verlieren: Wer das Franchise rund um Captain Tsubasa mag, wird sich hier wie Zuhause fühlen: bekannte Gesichter, bekannte Story, bekannte Musik. Dazu sind die Animationen wie aus dem Anime entsprungen. Purer Fanservice sind die kleinen Videos, die man im Laufe des Spiels freischaltet. Da kann man sich vergangene Ereignisse des Animes noch einmal zusammengefasst anschauen, falls man nicht mehr alles im Kopf hat. Wer sich auf einen Nostalgie-Trip in seine Kindheit begeben möchte, der ist bei dem Spiel bestimmt gut aufgehoben und ab und an machen die Matches sogar ein kleines bisschen Spaß. Man muss aber schon mit Scheuklappen zocken, um die unzähligen negativen Aspekte des Spiels auszublenden.
Das Spiel ist für PC, Playstation 4 und Nintendo Switch erhältlich Die Konsolenversion kostet 59,99 Euro, auf Steam kann man Captain Tsubasa: Rise of new Champions für 49,99 Euro erwerben.
