Call of Duty: Modern Warfare 3: Wieder keine echten Waffennamen - Warum eigentlich?
Special
CoD-Spieler sind es inzwischen gewohnt: Modern Warfare 3 bietet extrem detaillierte und realistische Waffenmodelle, aber wieder mit erfundenen Namen. Wir tragen zusammen, woran das liegen könnte.
In einem Ego-Shooter wie Call of Duty ist die ausgerüstete Knarre so etwas wie ein zweiter Protagonist, immerhin ist sie es, die die meiste Screentime abbekommt und das Hauptwerkzeug, mit dem im Spiel agiert wird. In seiner 20-jährigen Geschichte waren wir in CoD schon mit etlichen namhaften Schießeisen unterwegs, um die sich vor allem im Multiplayer teils richtige Fanbases gebildet haben.
Die MP7 in Modern Warfare 3 und Black Ops 2, Intervention und ACR in Modern Warfare 2 oder das G36C im originalen Modern Warfare. Ganz zu schweigen von Dauerbrennern wie der Desert Eagle und der AK-47, oder größerem Kriegsgerät wie der Lockheed AC-130, die nicht nur in den Kampagnen sämtliche Ärsche auf Grundeis gehen lässt.
Man kann der Abbildung real existierender Produkte von Rüstungsunternehmen natürlich aus vielen Gründen kritisch gegenüberstehen, kann sie als geschmacklose Werbung verstehen oder sich an den potenziellen Deals dahinter stören. Es lässt sich aber auch nicht von der Hand weisen, dass die Authentizität der Ausrüstung, die Art und Weise, wie sie animiert ist, wie sie sich anhört und anfühlt, in einem Militär-Shooter einen großen Teil des Reizes ausmacht. Ein Reiz, mit dem Call of Duty trotz seines arcadigen Gameplays gerne wirbt.
Vor allem seit dem Modern-Warfare-Reboot von 2019 besticht die Reihe mit verschwenderisch detaillierten Waffenmodellen. Aber seitdem hat sich auch ein Trend eingeschlichen, der in den nachfolgenden Teilen immer stärker wurde: Während offenbar größter Wert darauf gelegt wird, die Waffen genauso aussehen zu lassen wie ihre realen Vorbilder, sind ihre Namen größtenteils frei erfunden.
Das ändert sich auch im aktuellen Modern Warfare 3 nicht: Die Heckler & Koch UMP wird etwa zur "Striker", das ACR vom amerikanischen Konzern Bushmaster wird zur "MCW" und das FAMAS F1 heißt hier "FR 5.56". All diese Waffen gab es in früheren CoDs schon, zwar weit weniger detailliert, aber unter echtem Namen. Was hat diese Trendwende also ausgelöst?
Gefahr von "Missinterpretation": Warum Call of Duty keine realen Waffennamen mehr benutzt
Was genau hinter den Kulissen passiert, wenn ein Entwickler Militärgerät unter echtem Namen in seinem Spiel darstellen will, wissen im Regelfall nur die beteiligten Parteien. Uns gegenüber haben zwei Design Directors von Modern Warfare 2 letztes Jahr diese Argumente angeführt, als wir sie fragten, warum es keine echten Waffennamen mehr gibt:
Joe Cecot, Co-Design-Director: "Wir machen im Prinzip ein Fantasy-Militär-Spiel und greifen daher auch auf fiktiven Namen zurück. So können wir sie über verschiedenen Spiele hinweg benutzen; oder auch über Medien hinweg, wenn wir die Assets unserer Community vorstellen."
Geoff Smith, Multiplayer Design Director: "Unser Spiel ist ja auch nicht 100 Prozent am realen Leben orientiert. Wir wollen nichts missinterpretieren und daher ist es einfacher, eigene Namen und Waffen zu gestalten und die Spielmechaniken drumherum so aufzubauen, wie wir sie brauchen."
Und weiter, auf die Frage, von wem diese Entscheidungen kommen: "Wir sind da nicht die Entscheider, die die Ansagen machen. Wir versuchen den meisten Spaß aus dem Spiel zu holen und mit dem zu arbeiten, was wir haben."
Da könnte man sich nun berechtigterweise fragen, warum man dann eben doch keine eigenen Waffen designt, sondern sich bei den Knarren in Call of Duty rasch die realen Pendants herausfinden lassen. Vor allem die Aussage, man wolle nichts missinterpretieren, lässt aber zumindest Rückschlüsse und eigene Interpretation zu.
Selbst jemandem, der sich nicht mit Waffen auskennt, könnte etwa der Begriff AR-15 etwas sagen, der im Zusammenhang mit Amokläufen und Waffengewalt in den USA immer wieder vorkommt. Damit ist ein Typ von Sturmgewehren im Stil des Colt AR-15 gemeint, der bei vielen der tödlichsten Amokläufe in der Geschichte der USA die Tatwaffe war.
Call of Duty, vor allem die Modern-Warfare-Submarke, ist bekannt für plakative Missionen, die den Spieler in Kampfsituationen mit Zivilisten versetzen. Im Falle des Flughafen-Massakers von Modern Warfare 2 (2009) können die auch erschossen werden, ohne, dass der Spieler dafür bestraft wird - zumindest in den internationalen Versionen.
Quelle: Activision Blizzard
Call of Duty: Modern Warfare 3: Wieder keine echten Waffennamen - Warum eigentlich? (2)
Würde ein Call of Duty in der heute hitzig geführten Debatte über Waffenkontrolle in den USA eine solche Szene abbilden und den Spieler dabei etwa ein AR-15 unter diesem Namen benutzen lassen, wäre die PR von Activision schnell im Kreuzfeuer.
Nicht nur aus der Öffentlichkeit, sondern auch von Rüstungskonzernen, die wahrscheinlich nicht wollen, dass ihre zum Töten von Menschen entwickelten Produkte beim Töten der falschen Menschen dargestellt werden. Von Annahmen, dass Spielehersteller und Rüstungskonzerne verbandelt sein könnten, ganz zu schweigen.
In der Vergangenheit waren sie das nämlich: In einem Interview mit Eurogamer von 2012 spricht etwa Ralph Vaughn von Barrett Rifles über Lizenzdeals mit Call of Duty, um sein Scharfschützengewehr M82 ins Spiel zu bringen. Neben Lizenzgebühren erwähnt Vaughn auch, wie wichtig es für Barrett war, dass das Gewehr von den "Good Guys" benutzt wird und die digitale Variante qualitativ genauso überzeugt wie ihr reales Pendant. Immerhin sind junge Gamer "mögliche zukünftige Waffenbesitzer".
Wenig überraschend gerieten Spielehersteller wegen solcher Deals irgendwann in die Bredouille. 2012 warf etwa die NRA, also die amerikanische Waffenlobby, der Spieleindustrie "Korruption" und das "Sähen" und "Verkaufen" von Gewalt vor.
Aus diesem Mund wirkt die Aussage zwar wie Realsatire, aber es ist eine, die schon von etlichen Politikern und Gruppen getätigt wurde. Im Januar 2013 wurden Electronic Arts und Activision zum damaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden gerufen, um über die Verbindung von Videospielen und realen Gewalttaten zu diskutieren.
Das bewegte Electronic Arts vermutlich dazu, ab 2013 auf Lizenzpartnerschaften mit Rüstungsfirmen zu verzichten. Damals nahm man sich aber das Recht heraus, weiterhin reale Waffen ohne Lizenz abzubilden, und berief sich auf die Kunstfreiheit. Ein Buchautor müsse immerhin auch nicht dafür bezahlen, das Wort "Colt" in seinen Text zu schreiben.
Das Design eines Militärprodukts darf, zumindest in den USA, auch verwendet werden, ohne dass vorher Lizenzverhandlungen geführt werden müssen. An einem Präzedenzfall dazu war CoD-Publisher Activision sogar beteiligt.
Ein Präzedenzfall: Echtes Militärequipment darf lizenzfrei abgebildet werden
2017 wurde Activision vom Militärfahrzeughersteller AM General, LLC verklagt, weil der das Urheberrecht an seinem Fahrzeug Humvee verletzt sah, das ohne Genehmigung etwa in Call of Duty: Modern Warfare 2 (2009) und dazugehörigem Merchandise und Marketing abgebildet wurde. 2020 wurde das Urteil gesprochen, Activision gewann den Prozess.
Zitat des entscheidenden Richters: "Metaphysisch war es Activision möglich, Videospiele herzustellen, ohne dass Humvees darin vorkommen. Aber wenn Realismus ein künstlerisches Ziel ist, dann trägt die Präsenz von Fahrzeugen, die von echten Militärs genutzt werden, in einem Spiel, das moderne Kriegsführung abbildet, zweifellos zu diesem Ziel bei."
Dass dieser Prozess, trotz lange bekannter Verfahren zu ähnlichen Themen, von AM General angestoßen wurde, zeigt aber auch, dass Präzedenzfälle Spielehersteller nicht unbedingt davor schützen, verklagt zu werden.
Und wie entgeht man Prozessen, öffentlichem Druck, unangenehmen Assoziationen und Fragen von Waffenherstellern, warum ihre Produkte bei Call of Duty mit bunten Einhorn-Skins versehen werden, während man nur einem verschwindend geringen Teil seiner Spielerschaft etwas wegnimmt? Indem man die Waffen originalgetreu nachbaut, vereinzelt Details verändert, und sich eigene Namen und Logos ausdenkt. Vermutlich ist das für alle Beteiligten die beste Lösung, außer für die Waffenindustrie. Und die will man mit seinem Spielekauf ohnehin nicht unterstützen.
