Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele!

Kolumne Lukas Schmid 35,99 €
Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele!
Quelle: THQ Nordic

Fortsetzungen, Reboots, Remakes, Remaster - die Unterhaltungsbrache an sich, und damit eben auch die Spielewelt, wird von Bekanntem in all seinen Variationen beherrscht, und vor allem von Spielen, die von Anfang an darauf ausgelegt sind, Verkaufsrekorde zu brechen. Redakteur Lukas Schmid wird in seiner Kolumne nostalgisch und erinnert sich an eine Zeit, als noch wesentlich mehr gewagt wurde, und nicht jedes Spiels als sicherer Hit geplant war, sondern auch regelmäßig mittelgroße B-Tier-Abenteuer erschienen. War früher doch alles besser?

Zwei Dinge, so hat es Einstein einst gesagt, sind im Universum wahr:

1. Biomutant ist kein besonders gutes Spiel.
2. Lukas Schmid mag es trotzdem.

Wenn einer der klügsten Köpfe der Menschheitsgeschichte das so sieht und mich auch noch namentlich erwähnt, wie soll ich da widersprechen?

Ja, es stimmt. Auch, wenn ich einige Dinge eine Spur weniger drastisch sehe als mein lieber Kollege Michi in seinem Test zu Biomutant (jetzt kaufen 79,95 € / 35,99 € ), so finde ich schon auch, dass da einiges im Argen liegt. Die Präsentation ist auf unangenehme Weise schräg, die Kämpfe sind belanglos bis nervig, die Rollenspielelemente sind zu wenig spürbar, die Story ist lahm, die Aufgaben ähneln einander zu stark. Die schöne Welt und einige gute Ideen reichen da nicht mehr aus, um dem Abenteuer aus der Mittelmäßigkeit zu holen, in die es wahrscheinlich aufgrund zu großer Ambitionen gewandert ist.

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Aber eben trotzdem: Ich mag es! Und zwar weniger wegen dem, was es ist, sondern wegen dem, was ich darin erkenne. Und das führt mich zu einer Art von Spielen, die ich heutzutage schmerzlich vermisse.


Über den Autor

Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele! (1) Quelle: Lukas Schmid Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele! (1) Lukas Schmid arbeitet seit 2010 in unterschiedlichen Funktionen bei Computec Media und damit bei PC Games, zuerst als Praktikant, anschließend als freier Mitarbeiter, dann als Volontär, Redakteur und inzwischen als Leitender Redakteur für pcgames.de, videogameszone.de, gamesaktuell.de und gamezone.de. Er liebt Action, Adventure, Action-Adventures, Shooter, Jump & Runs, Horror und Rollenspiele, mit Strategietiteln, den meisten Rogue-likes und Militärsimulationen kann man ihn jagen. Jeden Samstag um ca. 09:00 Uhr teilt er euch in seiner Kolumne mit, was ihn gerade wieder nervt oder freut. Hasskommentare und Liebesbriefe gerne in die Kommentare unter der Kolumne, an [email protected] oder auf Twitter an @Schmid_Luki.


Mutant in the Middle

It Takes Two Quelle: Electronic Arts Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele! (3) Und zwar: Mittelklasse-Spiele mit einem beschränkten Budget, oft mit durchaus großen Publisher im Rücken, die nicht zwingend den Anspruch haben, riesige Wellen zu schlagen, und die gleichzeitig mit neuen, unverbrauchten Ideen und Thematiken daherkommen. Davon sieht man derzeit ja doch eher wenig.

Damit meine ich jetzt eben ganz dezidiert nicht Indie-Games. Da sprüht die Kreativität aus allen Poren und neue Marken sind nicht die Ausnahme, sondern dir Regel. Aber zwischen Indie und Blockbuster ist ja doch noch ordentlich Platz.

Bitte nagelt mich jetzt nicht auf Ausnahmen fest, natürlich gibt es die, eben zum Beispiel Biomutant oder das famose It Takes Two. Außerdem natürlich genügend Mittelklasse-Spiele, die aber eben nicht mit der Mühe entstehen, die wohl auch der größter Kritiker Biomutant nicht absprechen wird.

Aber nicht zuletzt dadurch, wie gewaltig der Spielemarkt in den letzten Jahren gewachsen ist, wird sogar so etwas wie Beyond Good & Evil 2 zum Blockbuster-Game hochgejazzt; ein Spiel, dessen Vorgänger aus der PS2-Ära ziemlich genau dem entspricht, was ich mit B-Tier meine. Kein riesiges Budget, ein talentiertes Team, eine neue, wenn schon nicht zwingend kreative (in diesem Fall definitiv schon!), dann für sich stehende IP.

Und dann eben Biomutant, ein Spiel, das bei einem relativ kleinen 20-Personen-Studio entstanden ist. Eigene, neue Marke? Check? Kreative Spielwelt? Check? All das entstanden mit einem eher geringen Budget? Check.

Geheimzutat: Liebe

Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele! (5) Quelle: http://www.ubisoft.com Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele! (5) Das entschuldigt nicht, dass das Spiel wie gesagt, einfach nicht sonderlich gut ist. Aber das sicher nicht aus Schludrigkeit oder fehlendem Talent der Macher heraus. Sie haben einfach mehr abgebissen, als sie kauen konnten. Und trotz der mannigfaltigen Makel merkt man dem Spiel zu jeder Spielminute an, wie viel Liebe da reingeflossen ist. Die Lore, das wirklich gute Figurendesign, die durchdacht aufgebaute Welt, all die vielen Ideen, die nicht zu einem runden Ergebnis zusammenkommen, aber zeigen: Da werkelten Menschen dran, die etwas wirklich Besonderes schaffen wollten.

Und diese spürbare Begeisterung der Erschaffer hat mich weiter getragen, als ich dachte. Ich spiele, ich fluche über dumme Designentscheidungen, aber ich mache trotzdem immer weiter, weil mir, wenn schon nicht das Spiel, dann die Intention dahinter irrsinnig sympathisch ist.

Opa Luki erzählt von Damals

Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele! (6) Quelle: youtube.com Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele! (6) In der PS2-Ära gab es Spiele dieser Machart eben wahnsinnig oft, und Biomutant fühlt sich an, als würde es direkt aus dieser Zeit stammen, mit allem Guten und Schlechten, was dazugehört. Ich bin mir sicher, wäre es damals erschienen, wäre es ziemlich gut angekommen. Neben B-Tier-Titeln wie Legend of Kay, Sphinx and the Cursed Mummy, Kya: Dark Lineage und Tak and the Power of Juju, hätte es sich nicht verstecken müssen. Und auch nicht neben B-Tier-Vertretern aus anderen Genres, etwa Timesplitters, Pariah oder Project Snowblind.

Herrje, sogar bei so etwas wie Onimusha würde ich argumentieren, dass es dereinst ein B-Tier-Spiel war, oder einer Sony-eigenen Marke wie Syphon Filter (das halt aus der PS1-Ära). Damals gab es diese riesenhaften Studios noch nicht in der Art, wie wir sie heute kennen, und diverse Teams erschufen ikonische Serien, einfach aus der Intention heraus, etwas Tolles zu kreieren.

Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele! (4) Quelle: Ubisoft Nicht nur Far Cry und Co.: wir brauchen mehr B-Tier-Spiele! (4) Würde eine der Reihen heute wiederbelebt, kann man sich aber sich sein, dass die Erwartungshaltung wäre, dass sie nicht nur erscheinen und erfolgreich, sondern absolute Blockbuster werden, siehe eben Beyond Good & Evil 2, aber auch Psychonauts 2 oder (ein jüngeres Beispiel) Hellblade 2. Die Titel existieren dann nicht mehr in ihrer kleinen Mittelklasse-Bubble, sondern als Triple-A-Erlebnisse, die mit The Last of Us, GTA und Co. konkurrieren sollen.

Sie sind der Meinung, das wird Spitze

Was ja dem entspricht, was ich gesagt habe: Neue Ideen finden sich selten noch, und dann wird halt ein einstiger B-Tier-Hit dank nostalgischer "Remember this"-Färbung zur nächsten Blockbuster-Sau erhöht und durchs Dorf getrieben.

Eine richtige Mittelklasse-Gamer-Kultur konnte sich also, beginnend mit der PS3-Ära, gar nicht so richtig entwickeln, ein Biomutant, sich auch gar nicht daran orientieren, was eigentlich von ihm verlangt wird. Hier wurde, von Spieler-, aber auch von Entwicklerseite, mit Blockbuster-Erwartung an ein Spiel rangegangen, das eigentlich niemals nach einer solchen Behandlung verlangt hat. Ich spekuliere jetzt nur, aber hätten die Entwickler durch die überhöhte Erwartung der Spielerschaft nicht versucht, aus ihrem Projekt unbeholfen mehr zu machen, als es sein kann, vielleicht hätten wir am Ende ein besseres Endprodukt spendiert bekommen - eines, das den Geist der PS2-Ära erfolgreich ins Jahr 2021 bugsiert hätte.


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