Battlefield 5: Die alte Leier von der Authentizität – Kolumne
Kolumne
Haltet die Druckerpressen an, schickt den Stadtschreier aus und betet, dass wieder bessere Zeiten kommen mögen: In Battlefield 5 wird man Frauen spielen können! FRAUEN! Furchtbar! Und widerlich! Also, nicht wirklich, aber in manchen Foren wird angesichts dieses Umstands schon das Ende der westlichen Zivilisation herbeigeschrieben. Wir können aber Entwarnung geben: Alles ist gut. Und der "Battlefield 5"-Reveal-Trailer aus ganz anderen Gründen fragwürdig. Eine Kolumne von Lukas Schmid.
Die Gerüchte sind also wahr: Battlefield 5 (jetzt kaufen ) ist im Zweiten Weltkrieg angesiedelt und damit das zweite Spiel der Reihe nach Battlefield 1 in Folge, welches das in den Jahren davor übliche moderne Setting wieder hinter sich lässt. Das konnte man dem Reveal-Trailer des Spiels entnehmen, der vor kurzem veröffentlicht wurde - unsere Vorschau zum Spiel solltet ihr auch lesen.
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Und auch sonst ließ der Trailer einige Rückschlüsse zu, wobei der relevanteste nach Meinung einer kleinen, aber lauten Gruppe in den Internetforen dieser Welt vor allem einer war: Da sind ja Frauen im Spiel! Auf dem Schlachtfeld! Gleichberechtigt mit den männlichen Soldaten! Von Anfang an und auch in der Singleplayer-Kampagne, während sie in Battlefield 1 erst per DLC hinzugefügt wurden! Wo doch jeder weiß, dass Frauen erst 1946 erfunden wurden!
Quoten-Soldatinnen?
Quelle: EA
Bei Battlefield 1 war ein schwarzer Soldat auf dem Cover zu sehen. Skandal!
Okay, der letzte Satz mag nicht stimmen, aber im Kern ist das die Argumentation der empörten (und machen wir uns nichts vor, primär männlichen) "Skandal!"-Schreier: Soldatinnen hätte es auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges nämlich gar nicht gegeben. Und dass da auch noch ein schwarzer Soldat im Trailer zu sehen ist, schlägt dem Fass erst recht den Boden aus. Dabei hatten sich die armen Bluthochdruck-Geplagten gerade erst vom schwarzen Soldaten auf dem Cover von Battlefield 1 erholt!
Battlefield 5, so die von manchen aufgebrachte, gewagte These, würde durch die Einbindung von Frauen und Schwarzen historische Fakten ignorieren und dadurch Geschichtsfälschung betreiben. Und wieder einmal werden furchtbar doofe Begriffe wie SJW, (Social Justice Warriors), Gutmenschentum, Gender-Wahnsinn und Co. in den Raum geworfen - gedacht als Vorwurf an die Entwickler, die sich einem angeblichen Zeitgeist unterwerfen würden.
Weibliche Kriegsgeschichte
Mal abgesehen davon, dass dieser Pawlowsche Beißreflex an sich schon fragwürdig ist und in den meisten Fällen genutzt wird, um eigenes sexistisches Verhalten oder solches in Medien und Medienprodukten zu legitimieren, ist der spezifische Vorwurf an Battlefield 5 schon einmal Nonsens. Denn so wie es im Ersten Weltkrieg Frauen an der Front gab, existierten sie auch im Zweiten Weltkrieg, und zwar noch in deutlich größerer Zahl. Ja, es ist wahr, der Großteil der kämpfenden Soldaten waren Männer - was vielleicht auch damit zusammenhängen könnte, dass Frauen in vielen Teilen der Welt erst seit den letzten paar Jahrzehnten regulär zum Militärdienst zugelassen werden. Aber in Australien etwa wurde diese Bestimmung schon 1940 aufgehoben, um einen drohenden Truppenmangel auszugleichen. Unter US-Flagge kämpfte neben zahlreichen anderen weiblichen Einheiten der sogenannte 6888th Central Post Directory Battalion in England und Frankreich - alles Frauen, noch dazu ausschließlich schwarze Frauen! Hätten sie das mal lieber gelassen und durch ihre Existenz nicht schon früh die stolze weiße, männliche Geschichte des Zweiten Weltkrieges verfälscht!
Ja, unter den insgesamt 350.000 Frauen im US-Militär fanden sich damals etliche Kämpferinnen und auf Sovjet-Seite sah es nicht anders aus. So gelangten etwa die Kampfpilotin Yekaterina Budanova und die Scharfschützin Lyudmila Pavlichenko zu Ehren, wobei letztere mit 309 Abschüssen nicht nur als der erfolgreichste weibliche Scharfschütze aller Zeiten, sondern generell als einer der besten Sniper überhaupt galt und gilt, egal, welchen Geschlechts. Und ja, sogar unter den Nationalsozialisten gab es weibliche Soldaten, und zwar in großer Zahl. Als sogenannte SS-Helferinnen, Kriegshelferinnen, Luftnachrichtenhelferinnen und mehr kamen sie auf diversen Schlachtfeldern zum Einsatz.
Nachlesen hilft
Quelle: EA DICE
EIne Soldatin und ein schwarzer Soldat in Battlefield 1 - und die versammelten Social Unjustice Warriors bekommen Schnappatmung.
Nein, ich wollte mit dieser Aufzählung eben bestimmt keine Kriegsverherrlichung betreiben - ich fand und finde es befremdlich, Menschen wegen ihres Talents, andere Menschen zu töten, als Helden zu feiern, egal, in welchem Krieg und egal, ob Mann oder Frau oder Transgender. Aber es ist schlichtweg falsch zu behaupten, dass die beiden Weltkriege an der Front eine rein männliche Angelegenheit waren, wie diese Beispiele belegen. Und nein, ich bin definitiv kein Experte für Kriegsgeschichte. Abseits meines Schulwissens und einiger Fakten, die man sich halt merkt, habe ich mir die Informationen in den letzten beiden Absätzen während einer kurzen Recherche für diesen Kommentar angelesen. 30 Minuten Zeit investieren versus Unwahrheiten ins Internet hinausbrüllen und schlussendlich als Depp, mit zwar starker Meinung, die aber auf keinerlei Fakten fußt, dastehen - jeder kann in dieser Diskussion selbst entscheiden, wie er sich gebärden will.
Dumm aus anderen Gründen
Und das Ironische an der ganzen Sache: Man kann den Battlefield-5-Enthüllungs-Trailer durchaus und mit Recht kritisieren. Etwa dafür, dass er einen der schlimmsten Kriege aller Zeiten als kunterbunte Sause darstellt, die er definitiv nicht war - und nein, für diese Erkenntnis habe ich keinerlei Recherche gebraucht und wenn wir schon auf dieser Schiene argumentieren, dann ist DAS definitiv Geschichts-Revision. Das ist ein Trend, der sich in den letzten Jahren entwickelt hat, nachdem vergleichsweise frühe Weltkriegs-Shooter wie Medal of Honor: Frontline oder das erste Call of Duty hier noch einen deutlich anderen Weg gingen.
Dafür, dass die Battlefield-Serie sich dem bisherigen Eindruck von Battlefield 5 nach immer mehr dem Run&Gun-Gameplay eines Call of Duty anzunähern scheint - noch mehr als bisher schon - und dabei droht, ihre eigene Identität zu verlieren.
Auf technischer Ebene dafür, dass hier der Eindruck erweckt wird, Live-Gameplay zu sehen, wenn es sich doch eindeutig um ein fest geskriptetes Video handelt; auch, wenn es mit der Ingame-Engine erstellt wurde.
Oder dafür, dass es sich nach Meinung vieler und auch meiner einfach nicht um einen guten Trailer handelt. Was soll dieser lächerliche Metall-Arm? Warum hab ich das Gefühl, einen mauen Found-Footage-Film zu sehen? Warum ist das alles so hektisch, dass mir vor lauter Reizüberflutung fast übel wird? Und warum wechselt das Setting so schnell, dass man keinerlei Gefühl für die Umgebung im Trailer entwickelt?
Quelle: EA DICE
Den Internet-Schreiern stoßen die Frauen in Battlefield nach Argumenationslogik Nummer 1 vor allem auf, da nach ihrer Meinung dadurch Geschichtsfälschung betrieben würde.
Ihr werdet bemerkt haben, dass ich in dieser Kolumne keine beleidigenden, sexistischen, rassistischen - also schlichtweg menschenverachtenden Tweets, Kommentare und Co. verlinkt habe, die ich im Text erwähne. Aus einem einfachen Grund: Ich will ihnen nicht noch mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, als sie ohnehin schon erhalten. Und ja, mir ist der Widerspruch bewusst, dass ich zu einem Thema, dass ich nicht größer machen will, als es ist, eine Kolumne schreibe. Aber ich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, gegen Missstände in der Branche anzuschreiben - oder gegen Missstände generell.
Warum das alles?
Ja, dadurch gönne ich einer in Wahrheit kleinen Gruppe an intoleranten Individuen mehr Aufmerksamkeit, als sie verdienen. Aber man muss
Quelle: EA DICE
Wir fragen uns nicht, warum die Spielfigur eine Frau ist, sondern was es mit dem dämlichen Metallarm auf sich hat.
wieder und wieder und wieder Widerstand leisten, um zu zeigen, dass die um ein Vielfaches größere, aber zu oft schweigende Mehrheit Sexismus, Rassismus und Co. deutlich ablehnt und dass das scheinheilige "Argument" der historischen Akkuratesse in einem Fall wie jenem von Battlefield 5 schlichtweg keines ist. Stattdessen sollte man sich, fernab von Details wie der Frage, ob ein virtueller Soldat was zwischen den Beinen baumeln hat, lieber fragen, ob die Darstellung von Krieg als kunterbunte Achterbahnfahrt mit Krachbumm und viel Halligalli im Jahre 2018 wirklich sein muss. Denn das, wie oben bereits erwähnt, ist geschichtlich weniger Korrekt, als es jede Frau mit Waffe in der Hand jemals sein könnte.
Jetzt werden die Empörten im Internet als Antwort schreien "Aber es ist ja nur ein Spiel! Es geht nicht darum, den Krieg oder eine Kriegserfahrung akkurat abzubilden, sondern darum, Spaß zu haben!", worauf ich antworte "Richtig." Und auch der Executive Producer des Spiels, Aleksander Grøndal, würde diese Aussage wohl unterschreiben, meint er auf Twitter doch, dass sein Studio den Spielspaß immer über Authentizität stellen würde.
Na, fällt was auf?
