Unser Hot Take der Woche: Baldur's Gate 3 war ein Desaster für Rollenspiele - trotz seines Erfolgs
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Im neusten Hot Take der Woche erkläre ich, warum Baldur's Gate 3 als Meisterwerk zum Problem für neue Rollenspiele und ihre eigenen Ideen wird.
Fragt man nach dem besten Rollenspiel aller Zeiten, dann wird der Name Baldur's Gate 3 nicht nur genannt, sondern dominiert die Antworten - da sind wir uns sehr sicher. Kaum ein Rollenspiel hat sich in den vergangenen Jahren so gut verkauft und dabei so stark überzeugen können.
Mit 96 Punkten auf Metacritic gehört das Vorzeigespiel von Larian zu den am besten bewerteten Spielen aller Zeiten. Natürlich gibt es auch Ausnahmen - immerhin hat es BG3 auch auf die Liste der Spiele geschafft, die viele als Fehlkauf bezeichnen -, doch die meisten Spieler verfallen ins Schwärmen, wenn sie an Astarion, Gale oder Karlach denken.
Kurz gesagt: Baldur's Gate 3 (jetzt kaufen 63,00 € ) ist ein absolutes Meisterwerk und hat neue Standards gesetzt - vergleichbar mit Herr der Ringe im Fantasy-Kino, Game of Thrones bei Serien oder WoW im MMORPG-Genre. Und auch ich liebe Baldur's Gate 3.
Mittlerweile habe ich weit über 1000 Spielstunden angesammelt, mehrfach bis zum Ende durchgespielt und dabei jede einzelne Minute genossen. Und so sehr mich BG3 begeistert hat, sehe ich heute auch, welche negativen Folgen sein gewaltiger Erfolg für das Genre der Rollenspiele mit sich gebracht hat.
Baldur's Gate 3 wird zum neuen Mindeststandard
Okay, eins vorneweg, falls das noch nicht klar geworden ist: Baldur's Gate 3 ist ein fantastisches Spiel. Für mich sogar eines der besten Spiele aller Zeiten. Aber wie alles, was herausragend gut ist, hat es damit auch krasse Auswirkungen auf seine Umgebung. In dem Fall ist das die Gaming-Branche und das Genre der Rollenspiele.
Als Goldstandard wird absolut jedes neue Rollenspiel sofort mit Baldur's Gate 3 verglichen. Dabei spielt es nicht mal eine Rolle, ob das Gameplay auch nur ansatzweise ähnlich ist. Denn irgendeinen Vergleichspunkt gibt es immer. Hat das neue Spiel so viel Entscheidungsfreiheit wie BG3? Ist der Kampf so komplex und vielschichtig wie BG3? Sind die Figuren so gut ausgearbeitet und geschrieben wie in BG3? Ist die Vertonung so umfangreich wie in BG3? Sind die Voice-Actor und Schauspieler so gut wie in BG3? Ist die Kampagne so lang wie in BG3? Ist der Wiederspielwert so hoch wie in BG3? .... Ich könnte endlos so weitermachen.
Quelle: buffed
Über 1000 Spielstunden in Baldur's Gate 3 ... und alle als Zwerg. Ja, ich bin bei meiner Volkswahl recht eingefahren.
Das Resultat ist klar - kaum ein Spiel kann diesen Vergleich bestehen. Und selbst wenn es einen Punkt gibt, bei dem Baldur's Gate 3 übertrumpft wird, dann werden sofort ein paar andere Punkte herangezogen, wo das nicht der Fall ist. Am Ende steht immer "Das neue Spiel ist nicht so gut wie Baldur's Gate 3" - und das ist ein Riesenproblem.
Hinzu kommt, dass mittlerweile selbst Rollenspiele miteinander verglichen werden, die eigentlich vollkommen unterschiedliche Ziele verfolgen. Ein Kingdom Come, Persona, Avowed oder Clair Obscur: Expedition 33 möchte gar nicht das gleiche Spielerlebnis bieten wie Baldur's Gate 3. Trotzdem wird häufig dieselbe Messlatte angelegt. Hat das Spiel genauso viele Entscheidungen? Reagieren die NPCs ebenso dynamisch? Gibt es ähnlich viele Konsequenzen? Dabei geraten die eigentlichen Stärken dieser Spiele schnell in den Hintergrund, obwohl sie nie versucht haben, ein zweites Baldur's Gate 3 zu sein.
Quelle: Larian Studios
Die Story von Baldur's Gate 3 muss einem nicht gefallen, aber sie ist hervorragend ausgearbeitet.
Denn mit diesem Goldstandard geht automatisch eine veränderte Erwartungshaltung der Spieler einher. Das ist zunächst einmal völlig normal. Niemand würde heute noch akzeptieren, wenn Triple-A-Spiele den Qualitätsstandard von 2005 hätten. Doch bei Baldur's Gate 3 war dieser Anstieg kein kleiner Schritt nach vorne, sondern ein gewaltiger Sprung.
Und wie das bei uns Menschen nun einmal so ist, erwarten wir ab diesem Moment von jedem neuen Rollenspiel mindestens denselben Standard. Alles darunter wirkt plötzlich schlechter, obwohl das objektiv gar nicht der Fall sein muss.
Das sieht man nicht nur bei Baldur's Gate 3. Vor BG3 galten mehrere Dialogoptionen und zwei Questausgänge bereits als entscheidungsreich. Heute erwarten viele Spieler für nahezu jede ungewöhnliche Handlung eigene Reaktionen und Konsequenzen. Der Standard hat sich verändert - und damit auch unsere Wahrnehmung.
Menschen sind einfach so und tun sich schwer damit "unter dem Standard zu sein". Der Standard ist gewissermaßen das neue Minimum. Wenn aber dann plötzlich das Beste vom Besten zum neuen Standard, und damit zum neuen Minimum erhoben wird, dann bekommen wir ein Problem.
Warum andere Studios Baldur's Gate 3 kaum kopieren können
Larian ist für ein unabhängiges Studio recht groß und hat enorme Erfahrung. Niemand kann, wenn er genauer drüber nachdenkt, davon ausgehen, dass andere Studios ihre Spiele auf das gleiche Niveau wie Baldur's Gate 3 bringen. Ihnen fehlt nicht nur die Erfahrung, sondern oftmals auch die Zeit, die Menge an Entwicklern und letztlich vor allem das Budget.
Dazu kommt, dass Baldur's Gate 3 unter Voraussetzungen entstanden ist, die heute fast einzigartig sind. Larian konnte über Jahre hinweg Erfahrungen mit den Divinity-Spielen sammeln, entwickelte Baldur's Gate 3 rund sechs Jahre lang und nutzte zusätzlich eine mehrjährige Early-Access-Phase, in der Millionen Spieler Feedback lieferten. Gleichzeitig stand mit Dungeons & Dragons bereits ein ausgereiftes Regelwerk als Fundament zur Verfügung. All diese Faktoren zusammen lassen sich nicht einfach kopieren. Baldur's Gate 3 ist deshalb kein normales Triple-A-Spiel, sondern ein Ausnahmeprojekt, bei dem nahezu perfekte Voraussetzungen zusammenkamen.
Am Ende des Tages vergleichen wir hier also Äpfel mit Birnen. Beides ist zwar das gleiche Genre, aber die Voraussetzungen sind grundunterschiedlich. Als würden wir Amazon mit dem kleinen Laden um die Ecke vergleichen. Letzteres kann durchaus Charme und einige Vorteile haben - am Ende bietet Ersteres aber objektiv einfach mehr.
Quelle: Larian
Wenn ich euch jetzt verrate, dass ich mehrere Romanzen mit Minthara hinter mir habe, wisst ihr wahrscheinlich, welchen Spielstil ich bevorzuge.
Dabei muss man ergänzen, dass sich nicht nur die Erwartungshaltung der Spieler verändert hat, auch die von Publishern, Investoren und der Führungsetage. Im Haifischbecken der großen Studios und Publisher ist Larian weiterhin eher ein kleiner Fisch. Manche Bosse stellen sich also (vielleicht zurecht) die Frage, warum ihre Spiele nicht so gut sind, obwohl man ähnlich viele Entwickler beschäftigt.
Das kann man als valide Frage ansehen, wenn die Voraussetzungen ähnlich wären. Doch Erfahrung und das Know-how sind nicht messbar. Usain Bolt hat letztlich auch nur zwei Beine ... und ist trotzdem ein kleines bisschen schneller als wir.
Außerdem fühlen sich die Entwickler, und das weiß ich aus erster Hand, mittlerweile dazu gezwungen, verschiedene Features einzubauen, weil "BG3 das so gemacht hat". Die eigentlich runde Idee eines Entwicklerstudios wird also an einigen Stellen abgeändert, weil man heutzutage "Feature X" nicht mehr weglassen kann.
Das eigentliche Problem ist nämlich nicht nur, dass Spieler heute andere Erwartungen haben. Baldur's Gate 3 verändert mittlerweile auch die Spiele selbst. Entwickler bauen Features ein, weil sie glauben, diese heute einfach anbieten zu müssen - nicht unbedingt, weil sie zur ursprünglichen Vision ihres Spiels passen.
Diese Features werden dann aber eher lieblos umgesetzt und sollen nur oberflächlich vorgaukeln, dass man es an Bord hat - der eigentliche Einfluss ist gering. Spieler merken das irgendwann und schon ist ihr Gesamteindruck des Spiels schlechter, als er ohne dieses Feature gewesen wäre. Ob nun die eher oberflächlichen Romanzen in Clair Obscur: Expedition 33 oder die Entscheidungsfreiheit in Bloodlines 2: Manche Systeme wirken, als wären sie vor allem deshalb vorhanden, weil ein modernes Rollenspiel sie nach Baldur's Gate 3 vermeintlich bieten muss - selbst wenn das jeweilige Spiel nie denselben Anspruch verfolgte.
Je stärker neue Rollenspiele versuchen, dieselbe Checkliste abzuarbeiten, desto weniger Platz bleibt für fokussierte und eigenständige Spiele. Ein RPG mit einem herausragenden Kampfsystem, aber wenigen Entscheidungen gilt plötzlich als unvollständig. Ein stark geschriebenes Spiel ohne Romanzen ebenfalls. Dadurch werden Rollenspiele nicht automatisch besser - im schlimmsten Fall werden sie nur ähnlicher.
Wie gewaltig dieser Erwartungsdruck inzwischen ist, zeigt auch Baldur's Gate 4. Aktuell findet sich kein Studio, das die direkte Fortsetzung übernehmen möchte. Die Verantwortlichen wissen, dass sie bei einem solchen Projekt fast nur verlieren können: Selbst ein sehr gutes Rollenspiel dürfte als Enttäuschung gelten, wenn es Baldur's Gate 3 nicht mindestens erreicht oder sogar übertrifft.
Quelle: buffed
Allein mit der Optik von Baldur's Gate 3 können die meisten anderen Spiele kaum mithalten.
Hohe Standards sind aber gut, oder?
Okay. Spieler setzen also dank Baldur's Gate 3 nicht erreichbare Erwartungen an jedes Rollenspiel, was die Entwickler enorm unter Druck setzt. Soweit klar. Doch dafür kann BG3 nichts. Und die Sache hat auch durchaus positive Einflüsse auf die Branche und andere Spiele - die darf man nicht unter den Teppich kehren.
Quelle: Larian Studios
Wyll hat es nur ein einziges Mal in mein Lager geschafft - meistens starb er schon vorher.
Denn so sehr der "hohe Standard" auch die Erwartungshaltung verfälscht, sorgt er doch für ein Umdenken. Baldur's Gate 3 hat bewiesen, dass komplexe Systeme, weitreichende Entscheidungen und eine enorme Reaktivität nicht nur ein kleines Nischenpublikum begeistern können. Ein derart klassisches Rollenspiel kann auch kommerziell im absoluten Mainstream funktionieren. Entwickler orientieren sich daran und wissen nun, wie man es (zumindest in der Theorie) gut in einem Rollenspiel umsetzen kann. Die Zeit der Ausreden ist damit vorbei.
Dabei muss es auch gar nicht darum gehen, dass ein Spiel es schafft, jeden Aspekt von Baldur's Gate 3 "zu kopieren" oder sogar zu verbessern. Spiele können sich durchaus auch auf einzelne Punkte konzentrieren. Liegt der Fokus beispielsweise auf der Geschichte und den Charakteren, darf das Kampfsystem im Zweifel auch simpler ausfallen.
Genau deshalb sind hohe Standards grundsätzlich nichts Schlechtes. Problematisch wird es erst dann, wenn aus einem außergewöhnlichen Vorbild eine allgemeingültige Checkliste wird, die jedes neue Rollenspiel vollständig erfüllen soll.
Mein Fazit: Baldur's Gate 3 ist nicht das Problem - aber es offenbart das Problem
Baldur's Gate 3 ist ein außergewöhnliches Spiel und sollte auch als solches betrachtet werden. Wir - und damit meine ich euch als Spieler, aber auch uns als Medienlandschaft - tun gut daran, nicht alles Neue mit Larians Meisterwerk zu vergleichen ... auch wenn es schwerfällt. Denn nur so schaffen wir es, den negativen Einfluss zu minimieren und uns auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist: Macht das neue Rollenspiel in sich Spaß? Funktionieren seine eigenen Ideen? Erreicht es das, was es sich vorgenommen hat?
Das größte Kompliment, das man Baldur's Gate 3 machen kann, ist gleichzeitig das größte Problem des Genres. Für viele Spieler ist es längst nicht mehr nur eines der besten Rollenspiele aller Zeiten, sondern der neue Mindeststandard geworden. Und genau daran werden auf absehbare Zeit wohl fast alle anderen Rollenspiele scheitern.
