Baldur's Gate 2: Enhanced Edition im Test - Neue NPCs, neue Bugs + Wertung

Test Peter Bathge
Die neuen Gebiete sehen schöner aus als in Baldur's Gate: Enhanced Edition und fügen sich besser ins Gesamtbild ein.
Quelle: PC Games

Ist die Neuauflage eines großartigen Rollenspiels ebenfalls großartig, auch wenn sich die Eigenleistung der Entwickler in Grenzen hält? Baldur's Gate 2-Liebhaber und PC-Games-Redakteur Peter Bathge geht dieser Frage im ausführlichen Test der Enhanced Edition seines Lieblingsspiels von Overhaul Games nach und kommt zu einer ernüchternden Antwort. Inklusive Testvideo!

Neue Inhalte
BG2: EE enthält sowohl das Hauptspiel Schatten von Amn als auch das Add-on Thron des Bhaals mit einer Gesamtspielzeit von 100 bis 200 Stunden. Darüber hinaus hat Entwickler Overhaul der Enhanced Edition wie beim Vorgänger noch einige exklusive zusätzliche Inhalte spendiert, die den Umfang um etwa 15 weitere Stunden ergänzen. Der unspektakulärste Neuzugang ist ein Nachfolger der "The Black Pits"-Kampagne aus der ersten Enhanced Edition: Erneut absolviert ihr mit einer selbst gebastelten Heldengruppe 20 Arenakämpfe gegen unterschiedliche Zusammenstellungen aus dem Hauptspiel bekannter Feinde. Dabei gibt es keinerlei Verbindung zur Hauptkampagne, alles dreht sich um die Gefechte, die wie gehabt in Echtzeit ablaufen, aber jederzeit pausiert werden können.

Den Story-Aspekt hat Overhaul im Vergleich zu Baldur's Gate: Enhanced Edition sogar noch weiter zurückgefahren. "The Black Pits" vernachlässigt die Rollenspiel-Stärken von BG2 sträflich: Dialoge führt ihr nur mit einer Handvoll abgefahrener Charaktere, wobei euch keinerlei Entscheidungsmöglichkeiten offen stehen. Interessante Interaktionen mit NPC-Partymitgliedern fehlen ebenso wie Rätsel oder spannende Quests. Stattdessen kämpft ihr in einer Tour und kauft zwischen den Runden neue Ausrüstung für eure Truppe.

Deutlich interessanter als dieser überflüssige Arena-Modus sind die Erweiterungen des Hauptspiels. Vier neue Charaktere hat Overhaul ins Spiel eingebaut, drei davon kennen Spieler der ersten Enhanced Edition bereits: der menschliche Mönch Rasaad, der halb-orkische Dunkle Streiter Dorn und die halb-elfische Hasardeurin Neera. Brandneu ist die böse Diebin Hexxat, die ein dunkles Geheimnis umgibt. Die vier NPCs gesellen sich zusammen mit bekannten Helfern wie Yoshimo, Aerie, Jaheira oder Minsc zur zu Beginn erstellten Hauptfigur und bilden eine sechsköpfige Party. Schön: Alte und neue Charaktere agieren miteinander (wenn auch ausschließlich in Textform). Der Paladin Keldorn etwa weigert sich, in Begleitung von Hexxat durch die Vergessenen Reiche im Allgemeinen und die Stadt Athkatla im Besonderen zu marschieren.

Der Dunkle Streiter Dorn ist ein unausstehlicher Bösewicht ohne jede Tiefe. Quelle: PC Games Der Dunkle Streiter Dorn ist ein unausstehlicher Bösewicht ohne jede Tiefe. Alle neuen Charaktere kommen mit einer eigenen Auftragsreihe daher: Im Verlauf der übergreifenden Story absolviert ihr für Rasaad, Dorn & Co. immer wieder kleine Mini-Missionen, die euch in brandneue Gebiete führen. Die Qualität dieser Quests schwankt stark: Während wir gerne mit der sympathisch-chaotischen Neera eine Gruppe Zauberkundiger vor den bösen Magiern von Thay beschützt und Rasaad dabei geholfen haben, eine Glaubenskrise durchzustehen, ließen uns die Aufträge von Dorn und Hexxat kalt. Das liegt vor allem daran, wie das Spiel diese beiden durch und durch bösen Figuren darstellt: Sie sind so erbarmungslos und gefühlskalt, dass sie schlicht unglaubwürdig wirken, besonders im Vergleich zu solch hervorragend ausgearbeiteten Charakteren wie Edwin und Viconia aus dem Hauptspiel. Und Dorn ändert seine Einstellung zu seinem dämonischen Gönner derart rasant, dass dieser Wandel wirkt, als hätte das Spiel zwischendurch ein paar Dialoge mit dem Halb-Ork übersprungen. Nebenbei bringt besonders Hexxat mit ihren absurd hohen Charakterattributen auch noch die Balance durcheinander. Gut: Die Neuzugänge melden sich häufig zu Wort und lassen sich beim richtigen Verhalten in den häufigen Dialogen wie ihre Vorbilder auf eine Romanze mit dem Hauptcharakter ein.

Die Qualität der neuen Dialoge ist ein weiteres Problem der Enhanced Edition. Irgendein Witzbold bei Entwickler Overhaul sah es offenbar als seine Pflicht an, in jedem der Multiple-Choice-Gespräche mit den NPCs möglichst viele Nonsens-Antworten unterzubringen. Das geht so weit, dass wir uns vor einer tödlichen Konfrontation zwischen Dorn und einer Gruppe Paladine erst durch seitenweise Kalauer und kleingeistiges Gezänk klicken müssen. Dieser Brechstangen-Humor torpediert die ansonsten tolle Atmosphäre mehr als einmal. Da gefallen uns die subtilen Gags des Spiels deutlich besser, etwa wenn wir mitten in einem Kampf gegen Anhänger des Gottes Helm merken, dass die beiden Kleriker der Gruppe Simon & Garfunkel heißen.

Eine der neuen Örtlichkeiten ist ein riesiger begehbarer Baum. Quelle: PC Games Eine der neuen Örtlichkeiten ist ein riesiger begehbarer Baum. Frische Probleme
Eines der "Features", mit der Overhaul Games die Enhanced Edition von Baldur's Gate 2 bewirbt, sind die Bugfixes: Die Entwickler haben nach eigenen Angaben hunderte kleiner und großer Probleme des Originals behoben. Bravo! Leider hat das Studio nebenbei auch jede Menge neuer Programmierfehler in den instabilen Code eingebaut. Besonders unerfreulich: Das Ausmaß der Bugs wird erst nach 10 bis 20 Spielstunden deutlich. Anfangs läuft BG2: EE nämlich deutlich runder als der erste Versuch, den viele Spieler gar nicht erst zu laufen bekamen. Doch auch der Nachfolger hat mit Problemen zu kämpfen, die von Abstürzen beim Laden eines Spielstandes oder nach Ende eines Dialogs (selten) über katastrophale Aussetzer der Wegfindung (häufig) bis hin zu einem fiesen Plotstopper-Bug reichen. Letzterer Programmierfehler ließ im Test einen benötigten NPC nicht auftauchen, wodurch die Haupt-Quest feststeckte. Linderung brachte nur ein manueller Kapitel-Wechsel per Cheat-Konsole. Außerdem verschwinden Gegnergruppen, die nicht für einen Auftrag relevant sind, gerne mal nach dem Laden eines Spielstands. Einmal setzte im Test die Benutzung der Quicksave-Funktion sogar die komplette Spielwelt zurück: Alle besiegten Feinde waren wieder an Ort und Stelle, abgeschlossene Aufträge galten als unerfüllt und Charaktere konnten sich nicht an unsere Gruppe erinnern. Das Laden eines älteren Spielstands behob das Problem.

Kämpfe laufen in Echtzeit mit Pausefunktion ab und erfordern eine Menge Taktik und Vorbereitung. Quelle: PC Games Kämpfe laufen in Echtzeit mit Pausefunktion ab und erfordern eine Menge Taktik und Vorbereitung. Gewohnte Qualität
Das Irre an der mauen Enhanced Edition: Zwischen all den durchschnittlichen neuen Inhalten, der veralteten Benutzerführung und den blöden Programmierfehlern steckt immer noch ein großartiges Spiel. Baldur's Gate 2 gehört nicht ohne Grund immer noch in jede Auflistung der bislang besten PC-Rollenspiele: Es ist riesig, glänzt mit einer tollen Geschichte um einen charismatischen Bösewicht und das Erbe eines Gottes, nimmt Spieler mit charmanten Figuren, intelligentem Witz und bis heute unerreichter Party-Interaktion für sich ein und bietet dank vieler Charakterklassen, Entscheidungen und unterschiedlicher Quest-Verläufe einen gewaltigen Wiederspielwert. Aber dafür braucht es nun mal nicht die Enhanced Edition! Denn engagierte Fans haben Baldur's Gate 2 schon längst mit kostenlosen Mods um Widescreen-Auflösungen, zusätzliche Charaktere und neue Quests erweitert – und Gog.com bietet eine auf aktuellen Rechnern lauffähige Version des Spiels für weniger als die Hälfte des Preises der Enhanced Edition an.

Baldur's Gate 2: Enhanced Edition kostet rund 23 Euro und ist als Download auf Steam und Overhaul Games' eigener Plattform Beamdog verfügbar. Die Beamdog-Version lässt sich nach der Installation über den Client auch ohne Extra-Software aus dem Ordner starten und besitzt dann keinen weiteren Kopierschutz.

Link: Test zur Enhanced Edition des ersten Baldur's Gate

Meinung

Wertung zu Baldur's Gate 2: Enhanced Edition (PC)

Wertung:

6.7 /10
Pro & Contra
Gigantischer Umfang: Enthält Schatten von Amn und Thron des BhaalNeue Charaktere mit interessanten Quests (Neera, Rassad)Sehr kurze LadezeitenUnkomplizierter MehrspielermodusUnverändert geniales Originalspiel (Aufträge, Story, Dialoge, Wiederspielwert, Kämpfe - alles top)
Bugs und AbstürzeUnglaubwürdige Entwicklung neuer Gruppenmitglieder (Dorn, Hexxat)Langweilige separate Kampfarena „The Black Pits“Neue Dialoge mit Brechstangen-HumorUnverändert fummeliges Inventar ohne KomfortUndurchsichtiges, schlecht erklärtes RegelwerkMiese WegfindungKeine Optionen für Grafik und TastenkürzelKeine deutsche ÜbersetzungStark veraltete Grafik mit pixeligen Figuren
  1. Seite 1 Baldur's Gate 2: Enhanced Edition im Test - Höhere Auflösungen, null Komfort
  2. Seite 2 Baldur's Gate 2: Enhanced Edition im Test - Neue NPCs, neue Bugs + Wertung
  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 06/2026 PCGH Magazin 06/2026 play5 06/2026 N-Zone 06/2026 Linux Magazin 06/2026 LinuxUser 06/2026 Raspberry Pi Geek 07/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk