Atom RPG Trudograd im Early-Access-Test: Was kann das russische Fallout?
Test
In der eigenständigen Erweiterung zum beliebten Indie-Geheimtipp aus dem Jahr 2017, Atom RPG, verschlägt es uns in die fiktive russische Stadt Trudograd. Als Teil der Geheimorganisation A.T.O.M. liegt es an uns, nun einen Weg zu finden, die Gefahr aus dem ersten Teil abzuwenden. Wir prüfen den Early-Access Titel auf Herz und Nieren und sagen euch, was ihr davon erwarten könnt.
Im Jahr 2018 landeten die Entwickler von Atom Team, nach fast zehnjähriger Entwicklungszeit und einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne, mit ihrem "russischen Fallout"namens Atom RPG einen Überraschungshit, der sich bei Genrefans großer Beliebtheit erfreut. Als Überlende/r der gegenseitigen Zerstörung zwischen der Sowjetunion und den Westmächten musstet ihr euch im stark an Fallout 1 und 2 angelehnten, rundenbasierten Rollenspiel gegen unzählige Gefahren wie etwa mutierte Tiere, Banditen und Terroristen behaupten.
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Die Geheimorganisation A.T.O.M., bemüht um die Wiederherstellung der alten Welt und immer auf der Suche nach Vorkriegs-Technologie, schickt euch in das sowjetische Ödland, um nach einem vermissten Erkundungs-Team zu suchen. Dabei entdeckt ihr auf dem Weg nicht nur viele interessant gestaltete Nebenquests, sondern auch eine Bedrohung, die dazu im Stande ist, den Planeten auszulöschen.
In der Erweiterung verschlägt es die Spieler auf der Suche nach einer geeigneten Waffe zur Rettung der Welt in die Stadt Trudograd. Von der Zerstörung des Krieges größtenteils verschont, findet sich dort eine vielversprechende Menge an Vorkriegs-Technologie, die es für A.T.O.M zur Rettung der Welt zu bergen gibt.
Wir hören auf euch!
Wie auch schon beim Vorgänger setzen die Entwickler auf eine Early-Access-Version. Dass dem klassischen Rollenspiel somit, zumindest bis zum geplanten Release Ende des Jahres, der nötige Feinschliff fehlt, ist zu erwarten. Das Feedback der Spielerinnen und Spieler ist den Entwicklern jedoch sehr wichtig. So sind sie bei der Entwicklung von Atom RPG dafür bekannt geworden, auf die meisten Vorschläge aus der Community eingegangen zu sein. Auch dieses Mal ermutigen sie die Spielerschaft, über Plattformen wie Steam, Reddit oder Twitter aktiv ihre Verbesserungsvorschläge einzubringen.
Was der Titel in seinem jetzigen Status zu bieten hat und welchen Stärken und Schwächen wir ausmachen konnten, fassen wir für euch in unserem Test zusammen.
Nieder mit den Imperialisten
Quelle: PC Games
Keine 30 Sekunden im Spiel und wir werden schon von einem der NPCs belästigt!
Atomare Post-Apokalypsen in Videospielen kennen die meisten von uns wohl aus dem bekanntesten Vertreter des Genres: der Fallout-Reihe. Mit dem Fokus auf actionorientiertes Gameplay aus der Ego-Perspektive wurde die Reihe nach der Übernahme von Bethesda massentauglicher. Wer nun Abwechslung von der amerikanischen Perspektive eines postapokalyptischen Ödlands sucht, könnte mit Atom RPG Trudograd fündig werden. Anders als die Bethesda-Spiele handelt es sich hier jedoch nicht um einen Shooter mit Rollenspielelementen, sondern um ein klassisch rundenbasiertes Rollenspiel mit den originalen Fallouts von den Black Isle Studios als Vorlage.
Einen actionreichen Einstieg in das Geschehen gibt es daher nicht. Vielmehr startet man nur mit den nötigsten Informationen zur Mission - der Spur eines sowjetischen Wissenschaftlers sowie dem Namen einer Fabrik - im Zimmer eines eher bescheidenen Hotels (inklusive Bettläusen). Die erste Hürde: den Türschlüssel finden. Von Beginn an hat man dabei komplette Freiheit. Kümmert man sich umgehend um die Erledigung der zwei Hauptquest-Reihen, oder lässt man sich von den bisher veröffentlichten 25 Sidequests ablenken?
Quelle: PC Games
Die Quests sind, wie hier im Falle eines chinesischen Soldaten, der Probleme mit der Erziehung seines Hundes hat, äußerst gut geschrieben und mit viel Witz versehen.
Die NPCs und deren Dialoge stechen sofort positiv ins Auge. Über kapitalismuskritische Babuschkas, exzentrische Kampfsport-Trainer bis hin zu paranoiden Unternehmern sind mit ihnen eine Vielzahl an schrulligen Charakteren in der Spielwelt vertreten. Die Dialoge, meist zwar simpel gestrickt, sind charmant und witzig geschrieben und sorgen so für ein einzigartiges Flair. Ein chinesischer Kommunist, der am Ungehorsam seines Hundes verzweifelt oder ein Mechaniker, der ein Schneemobil ohne Motor mit Hilfe von Seife und eines Seils reparieren will, sind für einige Lacher gut. Die russische Thematik wird zudem gut über die Texte, die Gegenstände und den Soundtrack vermittelt.
Die Quests, bekanntlich die Quintessenz von Rollenspielen, sind in Atom RPG Trudograd gut gelungen. Die verschiedenen Storylines sind interessant verstrickt und bieten zudem viel Entscheidungsfreiheit. Stellt man sich auf die Seite von kommunistischen Revolutionären oder arbeitet man für die städtische Polizei? Hilft man zum Beispiel einem aufgebrachten Vater, Rache für den vermeintlichen Mord seines Sohnes zu nehmen, oder stellt man sich auf die Seite des Händlers, der für den Tod verantwortlich ist, ihn aber als Unfall bezeichnet? Die Möglichkeiten sind vielfältig und die Auflösungen der Quest wissen zu überraschen. Besonders überzeugt hat uns eine Quest, in der wir einem Journalisten helfen mussten, Augenzeugenberichte für einen Banküberfall zu sammeln. Die Berichte scheinen unstimmig zu sein, zu viel möchten wir aber an dieser Stelle nicht verraten.
Ein Schuss, kein Treffer
Das rundenbasierte Kampfsystem könnte für viele Spieler, die ein actionreiches und schnelles Gameplay gewohnt sind, abschreckend wirken. Angelehnt an Pen&Paper-Rollenspiele und ähnliche Titel wie Fallout 1 und 2 und Baldur's Gate, bringt Atom Team keine wirklichen Neuerungen zur Gameplay-Formel auf den Tisch. In rundenbasierten Kämpfen stellt ihr euch entweder allein oder mit verfügbaren Gefährten den Gefahren der russischen Postapokalypse. Mit den Aktionspunkten, die euch zur Verfügung stehen, könnt ihr euch entweder bewegen (ein Feld entspricht einem Aktionspunkt), oder aber Aktionen ausführen.
Das Motto: je stärker die Waffe, umso mehr Aktionspunkte werden zum Angriff benötigt. Zur Verfügung steht euch dabei ein Arsenal an verschiedenen Hand- und Schusswaffen. Das Nachladen diverser Handfeuerwaffen oder der Einsatz von Gegenständen während es Kampfes kosten euch ebenfalls weitere Aktionspunkte.
Quelle: PC Games
In den meisten Kämpfen steht ihr einer Überzahl an Gegnern gegenüber. Das ist nicht nur unfair, sondern führt schon auf dem normalen Schwierigkeitsgrad zu vielen Frustmomenten.
Das Kampfsystem klingt simpel genug, bringt jedoch momentan noch einige Schwächen mit sich. Allen voran der Schwierigkeitsgrad: Das Spiel ist auf Normal bereits äußert happig. Die Begegnungen sind teilweise unfair gestaltet und somit kaum machbar, selbst wenn man auch nur leicht in der Unterzahl ist. So schien auch eines der ersten Scharmützel gegen drei mutierte Schleimhaufen unmöglich, bis uns ein zufällig in der Nähe befindlicher NPC zur Hilfe eilte. Der Polizist machte, kurz bevor wir endgültig als Mutantenfutter geendet wären, mit seiner AK-47 und seinen Granaten kurzen Prozess mit den Möchtegern-Flubbern.
Die anderen Kämpfe verliefen auch nicht besser: Zwischen Sieg oder Niederlage entscheidet meist nur ein kritischer Treffer oder ein Fehlschuss. Das Verhalten der NPCs und der Gefährten wirft zudem auch Fragen auf. Das Verhaltensmuster der Gefährten lässt sich zum Beispiel nur äußerst umständlich über das Dialogfenster anpassen. Und zum vorher erwähnten Retter in der Not: Bevor der Polizist die Mutanten verputzt hatte, gab es für unsere Spielfigur noch einen saftigen kritischen Treffer mit der AK, der uns fast 80 Prozent der Trefferpunkte nahm.
Beim Kampfsystem gibt es somit einige Punkte, die die Entwickler von Atom Team noch genauer unter die Lupe nehmen sollten. Durch die Early-Access-Version und das Community-Feedback sollte dies aber bis zum Release kein Problem darstellen.
Genossen-Creator
Quelle: PC Games
Der Charaktereditor bietet viele Individualisierungsmöglichkeiten, ohne zu unübersichtlich zu werden. Das Design erinnert stark an die Pip-Boys aus der Fallout-Reihe.
Positiv überrascht waren wir vom ausführlichen Charakteditor. Es besteht die Möglichkeit, entweder mit vier vorgefertigten Figuren, dem importierten Charakter aus dem Vorgänger, oder mit einer Eigenkreation zu spielen. Man kann aus etwa 40 Avataren wählen, die die Spielfigur auch in der Spielwelt darstellen und sie selbst benennen oder mit einem randomisierten Namen versehen.
Beim Erstellen der Spielfigur gilt es verschiedene Faktoren wie Auszeichnungen, Charakteristika, Skills und Fähigkeiten zu berücksichtigen, die einen großen Einfluss auf das Spielgeschehen und die Entscheidungsmöglichkeiten haben. Diese Attribute sollten daher mit Bedacht gewählt werden, da es hier äußerst einfach ist, sich zu "verskillen".
Die Auszeichnungen, wie etwa Sensei, Sexy Beast oder schüchterner Theoretiker beeinflussen meistens die Sicht der NPCs auf eure Spielfigur und geben leichte Boni auf bestimmte Skills. Die Charakteristika sind wiederum notwendig, bestimmte Skill-Checks in den Dialogen zu bewältigen. Die Faktoren im Skills-Bereich modifizieren meist eure Schadenswerte mit den bestimmten Waffentypen oder erhöhen die Erfolgschancen beim Handeln oder Craften. Die Fähigkeiten, über ein Rad gut visualisiert, geben euch verschiedene Boni auf Resistenzen und Schadenswerte, wie etwa eine schnellere HP-Regeneration oder eine erhöhte Volltrefferquote bei Nacht.
Da man die Early-Access-Version auf Level 15 startet, sollte man zu Beginn gut überlegen, wie man die Skillpunkte am besten verteilt. Das allgemeine Skill-System, das man so ähnlich aus anderen Rollenspielen kennt, bietet keine großen Innovationen, viel falsch gemacht haben die Entwickler mit der Standardformel aber auch nicht.
Schönes hässliches Ödland
Grafisch kann der Indie-Titel, allein schon angesichts seines begrenzten Budgets und des kleinen Entwicklerteams, nicht auf dem höchsten Niveau sein. Allzu schlimm ist das aber nicht, denn die Spielwelt weiß trotzdem durch eine gute Atmosphäre zu überzeugen: Das Design der Locations, seien es der Marktplatz, alte Wohnblocks oder schmierige Spelunken, ist äußerst gelungen. So wie sie die Entwickler darstellen, kann man sich die russische Landschaft nach einem nuklearen Armageddon gut vorstellen. Das Treiben der NPCs, die musikalische Untermalung, die Lichteffekte bei Nacht und der gelegentliche Schneefall sorgen zudem für eine dichte Atmosphäre in der Spielwelt.
Quelle: PC Games
Die Schnee- und Lichteffekte sind speziell bei Nacht ein visueller Augenschmaus und sorgen zudem für eine dichte Atmosphäre.
Die Kameraführung funktioniert gut, Bugs oder Glitches konnten wir beim Testen auch nicht feststellen. Das Interface erinnert stark an die Pip-Boys der Fallout-Reihe, aber auch hier lautet die Devise: lieber gut geklaut als schlecht selbst gemacht. Das Inventar ist gut zu handhaben und die jeweiligen Gebietskarten sind vom Layout her übersichtlich gestartet. Nur die Ränder der Gebiete könnten etwas eleganter gestaltet sein. Der graue Nebel ist eine einfache Lösung, nimmt der Spielwelt aber einiges an Immersion.
Neben dem Balancing des Kampfsystems gibt es aktuell noch andere Kleinigkeiten, die zu wünschen übriglassen. So würden ein ausführlicheres Tutorial-System, Map-Marker für Quests und NPCs sowie eine genauere Highlight-Funktion die Qualität des Spiels deutlich verbessern.
Quelle: PC Games
Das eingebaute Minispiel Bombagun ist kurzweilig und macht einen Riesenspaß. Bitte mehr davon, Atom Team!
Als kleine Randnotiz wollen wir noch das integrierte Minigame "Bombagun" erwähnen. Im Hotel direkt zu Beginn kann es gegen einen NPC gespielt werden, der euch zudem ein Deck schenkt und die Regeln erklärt. Das Kartenspiel ist kurzweilig und spaßig und kann durch neue Karten und Gegner in Zukunft ein großer Pluspunkt für das Indie-Rollenspiel werden.
Erhältlich ist die Early-Access Version von Atom RPG Trudograd seit dem 11. Mai für elf Euro im Steam Store. Der vollständige Release soll noch dieses Jahr erfolgen, der Preis wird sich dabei nicht ändern. Wie schon erwähnt enthält das Spiel etwa 25 Nebenquests und zwei Hauptquests. Der Titel, laut Entwicklern zu 30 Prozent fertig, spielt sich bisher in den fünf Anfangsgebieten ab. Im Laufe der Zeit soll die Version aber durch neuen Content ergänzt werden. Eine deutsche Sprachausgabe und auch Untertitel gibt es derzeit noch nicht.
