Assassin's Creed: Es wird Zeit für einen Serien-Reboot! - Kolumne samt Video-Update
Kolumne 53,99 €
Jetzt also Wikinger: Mit Assassin's Creed Valhalla geht die Meuchelmörder-Serie aus dem Hause Ubisoft in die nächste Runde. Es darf wohl mit viel Bekanntem gerechnet werden: einer großen, offenen Welt, Schiffsschlachten auf hoher See, ausgeprägten Rollenspielelementen und viel Sammelkram und Nebenaufgaben. Aber ist das der richtige Weg für die Reihe? Nein, sagt Lukas Schmid in seiner Kolumne zur Zukunft der Serie - jetzt auch im Video.
Hilfe, die Wikinger kommen! Zum Glück nicht zu uns, denn zumindest ich persönlich mag es gar nicht so gerne, wenn meine Wohnung gebrandschatzt wird. In Corona-Zeiten dürfen die aber eh nicht raus. Nein, ich rede von unseren PCs und Konsolen, die (vermutlich) Ende des Jahres von Assassin's Creed Valhalla heimgesucht werden.
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Da ich diese Zeilen schreibe, wissen wir über das Spiel nur, dass es kommt, dass eine Ankündigung via Photoshop-Zeichnung eine spannende Idee, auf Dauer aber etwas einschläfernd ist und dass wir diesmal eben in die Haut eines nordischen Helmträgers schlüpfen.
Für den Punkt, der mich antreibt, ist ein genauer Einblick in die Inhalte des Spiels aber auch relativ wurst. Ich hole zufällig seit einigen Tagen endlich Assassin's Creed Odyssey nach (alle anderen Hauptteile der Reihe habe ich gespielt), genieße meine Zeit mit dem Spiel sehr und werde es wohl wie üblich auch komplettieren. Ebenso weiß ich, dass ich auch Valhalla spielen, genießen und viel zu viel Zeit damit verbringen werden. Und trotzdem wünsche ich mir, dass das Spiel nicht kommen würde. Nein, mehr noch als in den letzten Jahren bin ich davon überzeugt, dass Assassin's Creed dringend einen Reboot benötigt. Warum, fragt ihr euch, ihr geschockten Freunde des gepflegten Meuchelmords? Haha, lasst mich euch aufklären!
Es war einmal ... das Ableben
Das grundsätzliche Problem, welches ich mit Assassin's Creed habe, ist, dass die Reihe über die Jahre seit dem Erstling aus dem Jahre 2007 hinweg völlig beliebig geworden ist. Zu Beginn war ihre Identität klar: Wir übernehmen die Kontrolle über einen Meuchelmörder und versauen unseren unwilligen Opfern durch ein verfrühtes Dahinscheiden gehörig den Feierabend. Mission erhalten, hingehen, ein bisschen morden, fertig - simpel, aber klar nachvollziehbar. Hinzu kamen Parcours-Gameplay und simple Kämpfe.
Quelle: BILD: PLAYZONE
Assassin's Creed: Es wird Zeit für einen Serien-Reboot! - Kolumne (8)
Der nach Meinung zahlreicher Fans nach wie vor beste Teil der Reihe, Assassin's Creed 2 (wobei ich persönlich Assassin's Creed Brotherhood den Vorzug gebe), blieb diesem Konzept weiterhin relativ treu. Allerdings zeigten sich bereits erste Anzeichen hin zu einer deutlichen Erweiterung des Spielprinzips. Nun gab es deutlich mehr Sammelkram zu entdecken, eine wesentlich komplexer aufgebaute Spielwelt, Nebenmissionen, die nicht immer dem entsprachen, was man unter Assassinen-Alltag verstehen würde und sogar eine simple Städtebau-Mechanik. Mit den beiden Fortsetzungen Brotherhood und Revelations wurde diese Abkehr von den Ursprüngen der Serie immer weitergetragen: Wir verwalteten nun eine Assassinen-Bruderschaft, kauften nach und nach ganz Rom auf und langweilten uns, warum auch immer, in reichlich sinnbefreiten Tower-Defense-Missionen.
Once Upon A Time In America
Dann kam Assassin's Creed 3, meiner Meinung nach bis heute der absolute qualitative Tiefpunkt der Serie, und schickte uns in den USA auf Meucheltouren. Die bis zu diesem Zeitpunkt dank der dicht bebauten Städte Rom und Konstantinopel noch hochgehaltene Parcours-Fahne wurde nun auch abgefackelt. Assassin's Creed war nun ein Open-World-Spiel, in dem wir irgendwie, ab und zu, mal ein bisschen Assassinen-Arbeit erledigten, dazwischen aber vor allem durch offene Gebiete ohne Klettermöglichkeiten rannten, das erste Mal im kleinen Rahmen schon Schiffschlachten bestehen mussten, unsere Heimatgemeinde aufbauten und uns fragten, was genau denn nun eigentlich das Ziel all dieses Mikromanagements sei.
Quelle: Ubisoft
Assassin's Creed: Es wird Zeit für einen Serien-Reboot! - Kolumne (6)
Währenddessen verlor auch die Handlung, die bis zum Finale von Assassin's Creed 2 auf ein klares Ziel hinzulaufen schien - die finale Konfrontation von Gegenwarts-Protagonist Desmond Miles mit den Templern und mit den Göttern der alten Zivilisation - immer mehr ihren Fokus. Das liegt meiner Überzeugung nach daran, dass die Entwickler die Reihe ursprünglich als abgeschlossene Trilogie geplant hatten. Der Aufbau der Erzählung in den ersten beiden Spielen deutet relativ eindeutig darauf hin. Dann aber kam den Ubisoft-Chefs wohl die Epiphanie, dass mehr Spiele mehr Geld bedeuteten. Also wurde die Handlung rund um Held Ezio aus Assassin's Creed 2, bis heute der mit Abstand und aus gutem Grund beliebteste Protagonist der Serie, auf drei Spiele ausgedehnt, ursprünglich aufgeworfene Ideen wurden entweder nicht oder fadenscheinig zu Ende geführt und in Assassin's Creed 3 wurde die Desmond-Geschichte lust- und ziemlich planlos zu einem extrem unbefriedigenden Finale gebracht.
Assassin's Fleet
Quelle: Ubisoft
Assassin's Creed: Es wird Zeit für einen Serien-Reboot! - Kolumne (5)
Dann kam Assassin's Creed 4: Black Flag und damit einher der endgültige Dammbruch. Seefahrten als primäres Spielelement, kaum noch Assassinationen, ein Meer aus Sammelkram und Nebenquests ohne jeden Zusammenhang mit unserem mörderischen Tagesgeschäft - und sogar die Identität von Held Edward als Assassine war nur ein Anhängsel, irgendwann im späten Verlauf der Geschichte drangepappt, damit der Name der Reihe überhaupt noch Sinn ergab. Nicht falsch verstehen, ich mag Black Flag sehr, aber nicht ohne Grund hat wohl jeder schon mal jemanden sagen gehört "Black Flag ist klasse, aber den Assassinen-Aspekt hätt's nicht gebraucht".
So weit waren wir damals also schon: Das Assassinen-Gameplay in Assassin's Creed wirkte irgendwie fehl am Platz. Das war ... ungünstig. Die übergreifende Geschichte war inzwischen zudem völlig egal. Irgendwas mit Templern, irgendwas mit dem diabolischen Unternehmen Abstergo und die volle Ladung Meta, während wir für Ubisoft als namen- und gesichtsloser Protagonist an einem Assassin's-Creed-Spiel arbeiteten(!). Uff.
Landflucht
Quelle: PC Games
Assassin's Creed: Es wird Zeit für einen Serien-Reboot! - Kolumne (4)
Es folgte nach dem Piraten-Spin-off Assassin's Creed Rogue mit Assassin's Creed Unity und Assassin's Creed Snydicate der nicht mal schlechte, aber trotzdem halbherzige Versuch, die Serie wieder ein bisschen auf Spur zu bringen. Seeschlachten waren Geschichte, stattdessen gab es wieder große Städte und Klettereien. Alles in allem wirkten beide Abenteuern aber gewollt und nicht richtig zu Ende gedacht. Das lag wohl auch daran, dass Ubisoft zu diesem Zeitpunkt noch daran festhielt, dass auf Teufel-komm-Raus jeden Herbst ein Spiel der Reihe im Regal stehen musste. Trotzdem gab es weiterhin viel zu viele Spielelemente, die nicht so richtig zusammenpassten; trotzdem waren die Geschichten so interessant wie das Etikett auf einer Shampooflasche. Hinzu kamen drastische technische Probleme, gerade in Unity, die bis heute die Meme-Welt bereichern. In dieser Phase wollte man es allen Assassin's-Creed-Fans recht machen und lieferte dadurch anständige, aber auch ziemlich belanglose Arbeit ab.
Damals war die Kritik an diesem Gebaren auch am lautesten, die Verkaufszahlen von Syndicate waren deutlich unter den Erwartungen und der Umdenkprozess bei Ubisoft setzte ein. Der Reihe wurde eine einjährige Selbstfindungs-Zwangspause verordnet, während die Entwickler herausfinden sollten, was denn nun Assassin's Creed als Serie ausmacht.
Assassinen? Ham mer nich'!
Quelle: Ubisoft
Assassin's Creed: Es wird Zeit für einen Serien-Reboot! - Kolumne (3)
Ich war natürlich während dieses Selbstfindungsprozesses nicht dabei, das Ergebnis zeigt aber, dass "Back to the Roots" definitiv nicht auf der Tagesordnung stand. Jetzt war Assassin's Creed mit Origins auf einmal mehr Rollenspiel denn Action-Adventure, mit Stärkelevels bei Feinden, sodass es vorkam, dass ein Widersacher nach einem Stich mit unserer versteckten Klinge nicht einmal einen Kratzer abbekam und uns mit einem Schlag über den Jordan schickte. Dazu eine absurd riesige Welt, mehr Beschäftigungstherapie-Aufgaben als jemals zuvor - oh, und zum Assassinen wurden wir erst im Abspann des Spiels. Dass die Gegenwarts-Geschichte wieder völlig egal war, müssen wir wohl nicht erwähnen. Seit Origins spielen wir dort eine junge Frau namens Layla und sie könnte mir nicht gleichgültiger sein.
Damit sind wir bei Odyssey angelangt, dem aktuellsten Teil der Reihe. Der machte dasselbe wie Origins, jetzt gab es aber auch Romance-Optionen, Dialog-Entscheidungen, jede Menge Grinding und einen noch größeren Fokus auf Loot als in Origins, wo das auch schon ein wesentlicher Faktor war. Das große Vorbild der Entwickler: The Witcher 3: Wild Hunt. Ja, seit 2007 war viel passiert. Oh, und jetzt gab es auch wieder Seeschlachten. Natürlich gab es jetzt wieder Seeschlachten. Und haben wir schon erwähnt, dass wir diesmal gar keinen Assassinen spielten, weil Odyssey lange vor dem Entstehen des Assassinen-Ordens angesiedelt ist? Nein? Nun, dann ist dies hiermit auch geschehen.
Meucheln wie damals
Quelle: PC Games Hardware
Assassin's Creed: Es wird Zeit für einen Serien-Reboot! - Kolumne (2)
Ich wiederhole: Ich hatte bisher noch mit jedem Assassin's Creed Spaß. An Beliebigkeit ist die Reihe aber wahrlich nicht zu überbieten. Integrale Spielelemente kommen und gehen, die übergreifende Geschichte ist so belanglos, dass man sie auch komplett weglassen könnte und wer einen der neuen Teile spielt und dann eines der ersten paar Abenteuer, würde wohl nicht auf die Idee kommen, dass sich das Eine aus dem Anderen entwickelt hat.
Ich greife nun doch ein wenig vor und behaupte: Valhalla wird keine Kehrtwende darstellen (wenn doch, ändere ich die entsprechenden Parts der Kolumne klammheimlich und laufe unauffällig pfeifend weg). Wir sind ein Wikinger, also wird es Schifffahrten geben, der Rollenspiel-Part der letzten beiden Spiele war beliebt, also ist der bestimmt auch wieder mit an Bord und auch sonst wird der Titel mit den Ursprüngen der Reihe nicht viel mehr zu tun haben als Super Mario Bros. mit dem Super-Mario-Film von 1993.
All das ist okay und ich werde Valhalla spielen und wohl mögen. Die Marke Assassin's Creed leidet aber und reiht sich ein in den Ubisoft-Einheitsbrei, der da heißt Ghost Recon, Far Cry, The Division oder Watch Dogs.
Es wird nicht geschehen, aber ich würde mir wünschen, dass Ubisoft sich nach der Ein-Jahres-Pause vor Origins und nun vor Valhalla vor dem nächsten Assassin's Creed noch einmal Zeit nimmt, gerne auch ein paar Jahre mehr; dass die Entwickler sich Gedanken darüber machen, wie man das Spielgefühl von damals modernisiert wiederaufleben lassen kann, gerne mit innovativen Elementen, aber nicht als riesige Welt zum Abklappern voller leerer Flächen und uninteressanter Filler-Aufgaben; und dass man die hanebüchene, völlig uninteressante Geschichte, die aus gutem Grund auch in der Kino-Umsetzung gescheitert ist, streicht und mit einer fokussierten, neuen Erzählung frisch durchstartet.
Ach ja, und Ezio soll auch wieder zurückkehren. Man wird ja wohl noch träumen dürfen ...
