Arise: A Simple Story im Test: Ein Jump & Run mit emotionaler Tiefe gefällig?
Test 3,36 €
Mit Arise: A Simple Story feiert das noch junge Piccolo Studio seinen ersten Release. Laut Macher war das gefühlvolle Knobel-Jump&Run eine echte Herzenangelegenheit und eine Ode an die Produktions-Leidenschaft aus alten Videospieltagen. Wie das Zeitreisenabenteuer in unserer Redaktion ankam, erfahrt ihr im Test.
Wer hat an der Uhr gedreht? Als eigentliches Phänomen der ersten 2000er Dekade scheint Zeitmanipulation in Videospielen spätestens seit der Ankündigung des LOL-Ablegers Con/Vrgence wieder im Trend zu liegen. Auch im neuen Jump&Run des spanischen Entwicklerteams Piccolo Studio sind die Rätselpassagen nur durch euer Einschreiten ins Zeitliche zu meistern.
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Nicht das Ende, sondern der Anfang
Quelle: PC Games
Ein Leben nach dem Tod? Diese Frage stellt sich direkt in den ersten Spielminuten und bildet den Ausgangspunkt der Handlung.
Ein alter Mann, tot, aufgebahrt auf einem steilen Hügel; um ihn herum eine Gruppe von steinzeitlichen Menschen; einer der trauernden Anwesenden entzündet mit einer Fackel den Leichnam. Bereits die ersten Sekunden von Arise: A Simple Story (jetzt kaufen 37,89 € / 3,36 € ) führen uns zum wohl schwierigsten Teil eines Menschenlebens. Doch ist diese Bestattungsszene nicht, wie man vermuten mag, das Ende einer Geschichte. Nein, in Arise bildet sie den Anfang eines noch bevorstehenden Abenteuers. Arise erzählt, wie der Titel schon verrät, die simple und doch tiefgreifende Geschichte eines alten Mannes, der nach dem Tod die Stationen seines Lebens noch einmal durchläuft. In einzelnen Abschnitten wird der Spieler an die Hand genommen, über die Höhen und Tiefen, über schöne und tragische Momente im Leben des Namenlosen aufgeklärt und Stück für Stück in dessen Gefühlswelt hineingesogen.
Nach seinem Ableben findet sich unser Protagonist in einer verschneiten Berglandschaft wieder. Erweckt durch ein körperlos geflüstertes "Arise!", dem einzigen gesprochenen Wort im Spiel, erhebt sich unsere Figur aus dem Pulverschnee, um die ersten Schritte im Leben danach zu wagen. Nach einigen Metern machen wir Halt an einem eingekreisten Monument. Es ist eine der vielen Erinnerungen des alten Mannes. Als dieser diese längst vergessene Passage Revue passieren lässt, finden wir uns plötzlich in einer anderen Welt wieder, einer Welt von früher. Die Atmosphäre von Arise ist melancholisch und einzigartig, und das macht sich schon in den ersten Minuten des Spiels bemerkbar.
Ein etwas anderes Jump & Run
Quelle: PC Games
Akrobatische Einlagen und andere Kniffelpassagen machen Arise zu einem abwechslungsreichen Abenteuer.
Die Macher des Abenteuers gehen einige ungewöhnliche Wege. Ins Auge sticht zunächst die Wahl des Protagonisten, dieser ist nämlich nicht mehr der Jüngste. Wie sie selbst sagen, wollten sie sich vom gängigen Klischee junger, fitter Jump&Run-Helden distanzieren und mit einem gealterten Helden ein ungewohntes Spielgefühl evozieren. Zwar knacken hin und wieder ein paar Knochen, ansonsten stellt sich der sanfte Bär aber alles andere als ungeschickt an! Ein deutlich ungewöhnliches Talent des alten Mannes ist gleichzeitig das Markenzeichen von Arise: die Zeitbeeinflussung. Nach seinem Ableben entdeckt die Spielfigur ihre Fähigkeit, den Fluss der Geschehnisse zu manipulieren. Wir springen also nicht nur über Stock und Stein und besteigen steile Felswände, sondern steuern per rechtem Analogstick auch die Zeit. Auf diese Weise können wir etwa Wassermassen verdrängen und umgekippte Baumstämme oder abstürzende Felsen abfangen, damit wir Ebenen und Wege sicher passieren können.
Quelle: PC Games
Wo Licht ist, ist auch Schatten: Im späteren Verlauf werden nicht nur die Rätsel fieser, sondern die Erinnerungswelten des Protagonisten düsterer.
Ohne Beschränkungen lässt sich der Zeitverlauf jederzeit vor- und zurückspulen, später sogar einfrieren. Dabei umfassen die übersprungenen Intervalle abhängig vom jeweiligen Level manchmal nur einige Stunden, manchmal mehrere Monate. Mal ändern sich durch unsere Taten nur geringfügig Anordnungen in der Umwelt, mal erkennen wir einen Abschnitt nach einer Zeitmanipulation kaum wieder. Anfangs sind die Rätsel noch sehr selbsterklärend, später zieht der Schwierigkeitsgrad aber ordentlich an. Das Spiel mit der Zeit fühlt sich sehr dynamisch an und lässt an das ähnlich funktionierende Feature aus Prince of Persia: The Sands of Time erinnern. Diese und ähnliche Umgebungsrätsel sind es, mit denen wir einen Gutteil der Spielzeit verbringen. Richtige Gegner gibt es in Arise (bis auf ein paar dunkle Schattengestalten) dafür nicht.
Liebevolles Kunstwerk
Auch fernab der spannenden Spielmechaniken merkt man den Machern die Leidenschaft an, mit der sie an ihrem Herzensprojekt gewerkelt haben. Mitreißend ist der Schwellengang des alten Mannes zudem nicht nur aufgrund der berührenden Story und der Zeitmanipulationen. Die Welt, durch die wir uns bewegen, ist zudem wunderschön und strotzt nur so vor Atmosphäre. Für die perfekte Immersion sorgen unter anderem die sparsam genutzten Anzeigen auf dem Bildschirm, das smarte Worldbuilding und die wirklich beeindruckenden Farb- und Lichteffekte.
Quelle: PC Games
Manchmal vergisst man, dass Arise auch ein Jump & Run ist. Nicht nur einmal haben uns die eindrucksvollen Welten und die hübsche Optik in Staunen versetzt.
Stilistisch passt das Low-Poly-Design gut zur träumerischen Optik der Welten und erinnert stellenweise an den Look des 2018 erschienenen Souls-like Ashen. Absoluter Höhepunkt in Sachen Präsentation ist aber die musikalische Untermalung, die aus der Feder des vielfach ausgezeichneten Sounddesigners David Garcia stammt. Von ihm stammt etwa auch der Soundtrack des 2017er Indie-Hits Rime. Optik und Musik greifen perfekt ineinander und dürften in einigen Momenten selbst beim abgebrühtesten Zockerveteranen Gänsehaut auslösen.
Kleinere Krankheiten
Viel zu nörgeln gibt es an Arise nicht. Vermisst haben wir mehr Gründe dafür, die umliegende Welt zu erkunden. In den einzelnen Levels sind zwar einige Alternativrouten und versteckte Orte vorhanden. Da es aber nur ein eine Art von Sammelobjekt gibt, welches zudem kaum Mehrwert hat, vergeht einem schnell die Lust, vom primären Pfad abzuweichen. So hält sich auch der Wiederspielwert des etwa acht Stunden kurzen Abenteuers in Grenzen. Außerdem laufen trotz der prinzipiell intuitiven Steuerung einige Jump&Run-Einlagen nicht rund. Das liegt einerseits an den nicht ganz flüssigen bis hakeligen Animationen des weißen Riesen, andererseits an den nervigen Kameraperspektiven. Letztere begünstigen zwar wunderschöne Kamerafahrten und cineastische Ausblicke, führen bei einigen Geschicklichkeitspassagen aber zu erheblichen Problemen. So sind Entfernungen zwischen Plattformen oft schlecht einschätzbar und (tödliche) Abgründe werden schnell mal übersehen. Da hilft nur Trial & Error. Frust kommt im Spiel aber trotz dieser kleinen Ungereimtheiten kaum auf.
So bekommt man mit Arise: A Simple Story am Ende definitiv ein wertvolles Indie-Einzelstück, das mit einer emotionalen Geschichte und spannendem Gameplay zu überzeugen weiß.
