AO International Tennis im Test: Tennisfans erleben Doppelfehler
Test
AO International Tennis beinhaltet die Lizenz der namensgebenden Australien Open, samt Rod Laver-Arena und Nebenplätzen. Daher erschien das Spiel auch bereits zu den Australien Open im Frühjahr, kam kürzlich aber auch als deutschsprachige Retailversion für PS4, PC und Xbox One in den Handel. Kann AO International Tennis dem phänomenalen Top Spin 4 im Test Konkurrenz machen, nachdem Tennis World Tour dieser Aufgabe schon nicht gewachsen war?
AO International Tennis (jetzt kaufen ) schlägt nun auch auf. Derzeit fliegen einem die Filzbälle nur so um die Ohren. Die French Open in Paris nahmen nicht nur die Macher von Tennis World Tour zum Anlass, ihr Ballgedresche - in leider unfertigem Zustand - in den Handel zu bringen. Auch das bereits im Januar in einigen Ländern erschienene AO International Tennis bekam kurz vor dem Grand-Slam-Turnier eine deutsche Retailversion spendiert. Der nächste Versuch also, dem unangefochtenen Genre-König Top Spin 4 das Wasser zu reichen. Tennis World Tour ist an dieser Aufgabe kläglich gescheitert. Unser Test zeigt, ob AO International Tennis eine bessere Leistung auf den Platz bringen kann.
Inhaltsverzeichnis
Mit Wucht am Ziel vorbei
Bevor wir auf Dinge wie Karrieremodus und Stadion-Editor eingehen, nehmen wir euch erst mal mit auf den Court: Erste Auffälligkeit ist hier die Zielmarkierung, die nach Gedrückthalten des Schlagknopfes erscheint. Die Markierung lässt sich mit dem linken Stick frei platzieren und bis zur Ausführung des Schlages verschieben. Passt das Timing perfekt, prallt der Filzball exakt an der Stelle des Zielpunktes auf Sand-, Rasen- oder Hartplatz. Schlägt man allerdings zu früh oder zu spät, dann geht der Schlag mehrere Zentimeter daneben und landet bei einem nahe an die Linie gespielten Risikoschlag schnell mal im Aus.
Die Zielmarkierung macht das Spiel allerdings recht einfach, so dass es leicht fällt, den Gegner von einer Ecke in die andere zu scheuchen - wobei eure KI-Widersacher meist dasselbe Ziel verfolgen. Wir empfehlen daher die Zielmarkierung in den Einstellungen auszuschalten und die Bälle nach Gefühl zu platzieren. Das ist herausfordernder und macht zugleich mehr Spaß. Außerdem kommt es dem exzellenten Schlagsystem von Top Spin 4 ein Stückchen näher.
Insgesamt bieten die Ballwechsel jedoch zu wenig Varianz. Schläge gegen die Laufrichtung sind oft nicht mächtig genug, ebenso wie kurze Slice-Bälle. Extremes Winkelspiel ist überdies nur schwer möglich. Nervig auch, dass Kick-Aufschläge selbst von mäßig begabten Akteuren so hoch abspringen, dass unser Spieler gar nicht erst den Versuch eines Returns startet, selbst wenn wir ihn weit hinter der Grundlinie auf das Service warten lassen. Ab und an kam es während unseres Tests auch zu kuriosen Szenen. Zum Beispiel schlug unser Gegner nach einem Lob einen Vorhand-Schmetterball, in Richtung der eigenen Grundlinie, der Ball landete jedoch in unserem Feld - eine physikalische Unmöglichkeit.
Den Weg ans Netz sucht unser Spieler nur zögerlich, weshalb der erste Volley meist vor der T-Linie gespielt werden muss. Insgesamt sind uns die taktischen Möglichkeiten nicht umfassend genug, weshalb die Lernkurve zu schnell abflacht und sich letztlich Langeweile einstellt.
Quelle: PC Games
Einzigartig. Angelique Kerber geht beim Schlag ab und an extrem tief in die Hocke. Schön, dass die Entwickler diesen Signature Move eingebaut haben. Dieser Screenshot stammt übrigens aus der manuellen Wiederholung, die sich nach jedem Ballwechsel über das Optionsmenü aufrufen lässt.
Stümperhaft präsentiert
Eintönig präsentiert sich auch der Karriere-Modus. Man arbeitet sich im wahrsten Sinne des Wortes von einem Platz jenseits der 1.000 bis an die Spitze der Weltrangliste. Wir geben offen zu, dass wir den Versuch Rafael Nadal von Platz 1 zu verdrängen, schon vorher aufgegeben haben, dazu bietet AO International Tennis einfach viel zu wenige Motivationsfaktoren.
Neben den auf Dauer langweiligen Matches stören auch die Präsentation der Karriere sowie die Aufgabenvielfalt, die an Einfallslosigkeit kaum zu überbieten ist: Karge Menüs lassen keinerlei Tennis-Atmosphäre aufkommen. Vollkommen uninspiriert wirken auch die sich ständig ähnelnden Trainings-Sessions. Selbst die Karriere des unfertigen Tennis World Tour wirkte da noch ausgereifter.
Auch auf dem Platz füllt sich die Atmosphäre-Blase kaum. Ballabdrücke oder Rutschspuren im Sand sucht man vergebens. Dazu kommt eine recht detailarme Grafik. Immerhin ähneln die Spielermodelle um Rafael Nadal und Angelique Kerber den Originalen durchaus. Schön auch, dass sich die Entwickler die Mühe gemacht haben, einige Signature Moves einzubauen: So spielt Kerber ihre weltberühmten Schläge aus der tiefen Hocke und Nadal überreißt seine Vorhand, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Apropos Fernsehen: Nach jedem Ballwechsel lässt sich per Knopfdruck das Hawkeye bemühen, um tatsächlich ab und an eine Fehlentscheidung zu entlarven. Grafisch gleicht der Zoom auf den Ballabdruck tatsächlich dem einer TV-Übertragung - diese Authentizität wünschen wir uns künftig von jedem Tennisspiel.
Zufriedenstellender Umfang
Neben der Karriere lassen sich die kompletten Australien Open und weitere vorgefertigte Wettbewerbe bestreiten. Auch Doppel- und Mixed-Partien sowie - bei unserem Test lagfreie - Online-Matches sind im Angebot. Eine Besonderheit ist der Akademie-Bereich, in dem sich nicht nur Spieler und Logos erstellen, sondern auch Tennis-Stadien und, nach dem jüngsten Update, sogar ganze Stadionkomplexe mit Haupt- und Nebenplätzen errichten lassen - mehr dazu im Infokasten.
Quelle: PC Games
Der Stadionkomplex-Editor ist extrem umfangreich. Sogar die Kleidung der Ballkinder lässt sich anpassen.
Wer mag, kann sich in den umfangreichen Editoren stundenlang austoben und dabei durchaus Spaß haben. Allerdings machen die Editorfunktionen aus AO International Tennis bei weitem kein gutes Tennisspiel. Sieben Jahre nach Top Spin 4 ist man weit entfernt von der Klasse des Genre-Königs, was umso unverständlicher ist, da Top Spin 4 für PS3 und Xbox 360 erschien, die Macher also inzwischen bessere technische Möglichkeiten zur Verfügung haben. Letztlich schlägt AO International Tennis zwar knapp den aktuellen Kontrahenten Tennis World Tour. Den akuten Mangel an einer Top-Tennissimulation kann der Titel jedoch nicht beheben - schade!
