L.A. Noire: Test des großartigen Crime-Thrillers von Rockstar Games - Ab heute im Handel

Test Thomas Szedlak

L.A. Noire im Test: Darauf haben nicht nur Fans von Rockstar Games lange gewartet. Unser Review zeigt, was L.A. Noire zu etwas Besonderem macht - und was uns beim Test sauer aufgestoßen ist.

Unseren Test von L.A. Noire beginnen wir mit einem kurzen Innehalten. In der schnelllebigen Spielebranche übersieht man gerne mal, wie lange manche Games - von der ersten Idee bis zum fertigen Spiel - in Entwicklung sind. Im Februar 2004 erwähnte Brendan McNamara, Präsident von Team Bondi, das erste Mal den Namen L.A. Noire. In den folgenden sieben Jahren wechselte das ambitionierte Projekt den Publisher (von Sony zu Rockstar Games), wurde vom PS3-only- zum Multiplattform-Titel, fungierte als Premierentitel für ein neuartiges Gesichtsaufnahmeverfahren (MotionScan) mit 32-Minikameras, verschlang mehr als 300 (!) Schauspieler, die mehr als 20 Stunden Dialoge einsprachen, füllte mit den Aufnahmen eine 200 Terabyte große Datenbank und ließ die Entwickler 180.000 Referenzbilder vom Los Angeles der 1940er Jahre sichten - um den betriebenen Aufwand mal kurz anzureißen ...

Jetzt ist der interaktive Crime-Thriller endlich fertig geworden und wir haben L.A. Noire ausführlich im Test!

Darum geht es in L.A. Noire:

L.A. Noire spielt im Los Angeles des Jahres 1947. Ihr schlüpft in die Rolle von Cole Phelps und müsst als Cop des LAPD 21 Fälle aufklären, unter anderem im Morddezernat, bei der Sitte und bei der Brandermittlung. Ihr ermittelt am Tatort, führt Verhöre, besprecht euch mit eurem Kollegen. Die Ermittlungsarbeit wird regelmäßig von Actionsequenzen wie Schießereien, Schlägereien oder Verfolgungsjagden aufgelockert. Garniert wird das Ganze mit Dialogen, Filmsequenzen und Handlungssträngen, die euch das Leben Ende der 1940er-Jahre näher bringen.

Das hat uns an L.A. Noire gefallen:

Diese Screenshots aus L.A. Noire haben wir mit der PS3-Testversion des Spiels aufgenommen. (2) Quelle: Rockstar Diese Screenshots aus L.A. Noire haben wir mit der PS3-Testversion des Spiels aufgenommen. (2) Grandiose Grafik und Atmosphäre
Wer ein Auge für Details hat, dem geht in L.A. Noire das Herz auf. Mit unheimlich viel Akribie wurde eine glaubwürdige Spielwelt erschaffen, die hinten und vorne nach 1947 aussieht. Schaufenster, Obst- oder Zeitungsstände bestehen nicht einfach aus einer Textur, sondern sind mit vielen Objekten versehen. Klamotten, Fahrzeuge, Straßenbild, alles wirkt originalgetreu. Die stimmige Begleitmusik verstärkt die Atmosphäre zusätzlich.

Tolles Drehbuch
L.A. Noire ist wie eine TV-Serie aufgebaut. Es gibt Hauptcharaktere, die uns durchs gesamte Spiel begeliten, aber auch viele Personen, die nur in einer Folge bzw. bei einem Fall auftauchen. Die Dialoge suchen dabei ihresgleichen. Kollegen stehen Cole Phelps, der im Zweiten Weltkrieg eine Tapferkeitsmedaille bekommen hat, anfangs distanziert bis feindselig gegenüber, doch nach und nach schimmert die wahre Persönlichkeit durch. Rassentrennung, Ehebruch und Moralvorstellungen werden ebenso thematisiert wie Cole Phelps' Privatleben. Ohne zuviel zu verraten: Später tritt dieses sogar während der Fälle in den Vordergrund.

Fantastische Gesichtsanimationen
Ein "Interactive Movie" muss Emotionen rüberbringen, und das schafft L.A. Noire dank der konkurrenzlos guten Gesichtsanimationen hervorragend. Ob Trauer, Skepsis, Angst oder Überheblichkeit, jedes Verhalten kann von den Figuren glaubwürdig vermittelt, jedes Augenzucken, Naserümpfen oder Schlucken dargestellt werden. Das sorgt für ein bisher nie dagewesenes Spielgefühl.

Diese Screenshots aus L.A. Noire haben wir mit der PS3-Testversion des Spiels aufgenommen. (9) Quelle: Rockstar Diese Screenshots aus L.A. Noire haben wir mit der PS3-Testversion des Spiels aufgenommen. (9) Filmreife Präsentation
Cutscenes und Gameplay gehen in L.A. Noire nahtlos ineinander über. Dabei ist die Qualität der Filmpassagen top und würde jederzeit für eine TV-Serie ausreichen. Regisseur, Autoren und Schauspieler machen einen tollen Job! Dabei werden typische Film-Stilmittel eingesetzt wie eine Rahmenhandlung, die eingestreut wird und sich erst später mit der Haupthandlung vermengt. Oder Rückblenden, die zeigen, warum Cole Phelps nicht der Kriegsheld ist, der sein Silver-Star-Orden vorgibt.

Interessante Verhöre
Die erwähnten Gesichtsanimationen werden nicht nur plakativ eingesetzt, sondern dienen bei den Verhören einem wichtigen Zweck. Denn wenn ihr als Cole Phelps entscheiden müsst, ob jemand die Wahrheit sagt, lügt oder euch Informationen vorenthält, dann geht das nur, wenn euch Gesichter genügend zu "lesen" geben. Mit etwas Übung merkt ihr zwar schnell, ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht, doch dann bleibt immer noch die Frage: Habt ihr einen Beweis, um ihn der Lüge zu überführen? Oder könnt ihr "nur" aggressiv nachfragen in der Hoffnung, ihn aus der Reserve zu locken?

Diese Screenshots aus L.A. Noire haben wir mit der PS3-Testversion des Spiels aufgenommen. (5) Quelle: Rockstar Diese Screenshots aus L.A. Noire haben wir mit der PS3-Testversion des Spiels aufgenommen. (5) Gute Steuerung
Egal ob ihr eine Wohnung durchsucht, über die Straßen rast oder euch prügelt - die Steuerung macht euch selten Probleme. Sie ist direkt, eingängig und - was zum Beispiel das Fahrverhalten anbelangt - gut ausbalanciert. Autofahren fühlt sich wie Autofahren an, mehr kann man von einem Action-Adventure nicht erwarten. Allerdings kommt es gelegentlich zu Situationen, in denen ihr euch dreimal um die eigene Achse dreht bis ihr einen herumliegenden Gegenstand anwählen könnt.

Großer Umfang
Mit den 21 Fällen kann man gut und gerne 20 Stunden verbringen. Dazu kommen über 40 Straßenmissionen, die nochmal einige Stunden verschlingen. L.A. Noire bietet also was fürs Geld, zumal der Wiederspielwert nicht zu unterschätzen ist. Macht man im Verhör einen Fehler und kann den Fall deshalb nicht perfekt abschließen, dann ist der Ärger groß und man probiert den Fall später sicher nocheinmal, zumal man bereits gespielte Fälle direkt anwählen kann. Zusätzlicher Anreiz sind Wahrzeichen, Filmrollen, Fahrzeuge und Zeitungen, die man im Spiel entdecken kann. Auf Wunsch auch im "Freien Modus".

Das hat uns an L.A. Noire nicht gefallen:

Diese Screenshots aus L.A. Noire haben wir mit der PS3-Testversion des Spiels aufgenommen. (6) Quelle: Rockstar Diese Screenshots aus L.A. Noire haben wir mit der PS3-Testversion des Spiels aufgenommen. (6) Kaum spielerische Freiheit
L.A. Noire ist ein Open-World-Spiel, das euch wenig in der offenen Spielwelt anstellen lässt. Das stört jetzt nicht extrem, da es zwischen den Fällen keinen "Leerlauf" gibt. Aber geschadet hätte es sicher nicht, wenn man Boutiquen, Restaurants oder Kneipen hätte aufsuchen können. Mehr als das stört aber, dass man auch beim Lösen der Fälle zu wenig spielerische Freiheit hat. Richtige Rätsel sind selten und simpel und nur gelegentlich muss man seinen Kopf einschalten oder sich mal zwischen Verdächtiger A und Verdächtiger B entscheiden. Stellenweise wirkt das Gameplay zu seicht.

Längen im Spielablauf
L.A. Noire ist nicht frei von Passagen, in denen etwas Routine aufkommt und der Spielspaß abflacht, zum Beispiel während einiger Missionen im Morddezernat. Stellenweise haben wir uns gedacht "Wenn jetzt NOCH eine Frauenleiche auftaucht, dann wird es echt langweilig". Zum Glück wird die Suche nach dem Serienkiller dann toll aufgelöst und die Motivationskurve steigt wieder nach oben.

Diese Screenshots aus L.A. Noire haben wir mit der PS3-Testversion des Spiels aufgenommen. (4) Quelle: Rockstar Diese Screenshots aus L.A. Noire haben wir mit der PS3-Testversion des Spiels aufgenommen. (4) Actionpassagen zu kurz und zu leicht
L.A. Noire ist KEIN Actionspiel. Es gibt zwar Schießereien, Prügeleinlagen und Co. diese sind aber recht kurz und wenig anspruchsvoll. Sie dienen der Auflockerung, geübte Spieler werden aber kaum gefordert.Die Straßenmissionen sind zwar etwas gehaltvoller, insgesamt hätten wir uns aber mehr Futter für Hardcore-Gamer gewünscht.

Technische Schwächen
L.A. Noire sieht sehr gut aus, weist aber auch die typischen Technik-Schwächen eines Open-World-Spiels auf. Mehr als das Hereinfaden von Grafikdetails im Bildhintergrund störte uns das Kantenflimmern, das an vielen Objekten zu erkennen ist. Auch gelegentliche Ruckler sind uns bei der getesteten PS3-Version aufgefallen, wobei dann fast immer auch eine besondere Grafikpracht zu sehen war - zum Beispiel Spiegeleffekte auf einem Marmorboden.

Übrigens: Wir haben auch in der neuen Ausgabe 06/11 der Games Aktuell einen umfangreichen Test zum Spiel, in der DVD-Variante bekommt ihr darüber hinaus noch einen 16-seitigen Beileger mit vielen Hintergrundinfos und zahlreichen Tipps zum neuen Rockstar-Epos. Wenn ihr eine weitere Meinung haben wollt, legen wir euch den Test unseres Lesers Qu!ks!lver ans Herz, der sich in seinem Leserartikel richtig ausgetobt hat. Und auch im aktuellen Cynamite-Podcast 164 haben wir ausführlich über den Titel gesprochen. Nachdem wir mit den Pornos durch waren.

Wertung zu L.A. Noire (PS3)

Wertung:

9.0 /10
Pro & Contra
Großartige AtmosphäreSpannende Handlung, superbe DialogeLiebevoll designte SpielweltKonkurrenzlos gute GesichtsanimationenFilmreife CutscenesMotivierendes VerhörsystemGroßer Umfang
In der offenen Spielwelt kann man abseits der Fälle wenig machenZu wenige echte RätselRuckler, Kantenflimmern, Detail-PopupActionpassagen zwar zahlreich, aber jeweils zu kurz
Fazit

L.A. Noire ist ein faszinierender Thriller zum Mitspielen. Durch die sehr erwachsene Handlung und die einzigartige Mischung aus Ermittlungsarbeit und Action hebt sich L.A. Noire wohltuend von der Masse ab.

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