Quantum Break: im Test: Gefährliches Spiel mit der Zeit

Test Andreas Szedlak
Die Zeit steht still: Die Sprungaufgaben wirken bemüht. Der Versuch dadurch das Gameplay aufzuwerten, ist den Machern missglückt. Dafür sehen die Zeitstotter-Szenen toll aus! (PC)
Quelle: Games Aktuell

Innovativ, spannend und von Max Payne-Erfinder Remedy! Der verheißungsvolle Zeitreise-Shooter Quantum Break darf endlich beweisen, was in ihm steckt.

Die Zeit droht für immer stillzustehen. Wiederkehrende und länger werdende Zeitanomalien weisen auf die drohende Apokalypse hin. Jede dieser Anomalien kann die letzte sein. Beängstigend! Zugegeben, Geschichten über Zeitreisen und missglückte Experimente sind nix Besonderes.

Remedys Idee vom Riss der Zeit, von der verzweifelten Suche nach einer Gegenmaßnahme und von einem Rettungsboot, das ein Leben am Ende der Zeit möglich machen soll - diese Idee verlangt selbst einem erfahrenen Film-, Serien- und Spiele-Fan ein Lob ab und man ist bereit, den finnischen Entwicklern so manche Logikschwäche zu verzeihen.

Remedy steht für Innovation

Wo wir gerade beim Verteilen von Lorbeeren sind: Das innovative Konzept mit dem Wechsel aus Spielabschnitten und vier rund 25-minütigen Serien-Episoden hat es uns ebenfalls angetan. Aber nicht, weil es generell toll ist, den Controller zur Seite zu legen und sich berieseln zu lassen - dann könnten wir uns gleich eine TV-Serie anschauen.
Doppelgänger: Was geht denn hier vor sich? Zu Beginn ist Jack Joyce noch vollkommen ahnungslos. Doch das ändert sich rasch. (Xbox One) Quelle: Games Aktuell Doppelgänger: Was geht denn hier vor sich? Zu Beginn ist Jack Joyce noch vollkommen ahnungslos. Doch das ändert sich rasch. (Xbox One)
Nein, dass die Episoden für uns eines der Highlights des Spiels darstellen, liegt nicht zuletzt an der erstklassigen Performance der Schauspielerriege um Aiden Gillen (Game of Thrones) in der Rolle von Bösewicht Paul Serene und von Lance Reddick, der nach Lost und Fringe erneut mit seiner Schauspielkunst überzeugen kann.

Schade nur, dass Microsoft nicht die gewohnten deutschen Synchronsprecher engagiert hat. Deren Alternativen machen ihren Job zwar gut, dennoch sind sie für unsere Ohren nur die Zweitbesetzung. Davon abgesehen möchten wir die hohen Produktionsstandards der Episoden ausdrücklich loben, in denen es nicht an actionreichen Verfolgungsjagden und aufwendigen Sets fehlt.

Doppelkonturen: In Cutscenes drückt Jack zwar seine Verwunderung über die Geschehnisse aus. Doch viel zu schnell geht er danach wieder zur Tagesordnung über. (PC) Quelle: Games Aktuell Doppelkonturen: In Cutscenes drückt Jack zwar seine Verwunderung über die Geschehnisse aus. Doch viel zu schnell geht er danach wieder zur Tagesordnung über. (PC) Kurz gesagt: Die Ingame-Episoden von Quantum Break stehen vielen TV-Serien auf Netflix und Co. in nichts nach. Eine vielschichtige Charakterentwicklung ließ sich in den insgesamt rund 100 Episoden-Minuten zwar nicht überall realisieren und an einigen Klischees kam Remedy auch nicht vorbei. Dennoch saßen wir jederzeit gebannt vor dem Fernseher und waren eher traurig, wenn eine Episode zu Ende ging.

Suboptimales Spiel mit der Zeit

Bei dem vielen Lob muss sich Remedy aber auch Kritik gefallen lassen: Hätten uns die Spielszenen restlos begeistert und mit Eisenketten an den Controller gefesselt, wären die Unterbrechungs-Episoden weit weniger erwünscht gewesen.

Nicht optimal fanden wir unter anderem, dass uns die ganzen Zeitmanipulations-Fähigkeiten von Hauptcharakter Jack Joyce so schnell hintereinander nähergebracht werden: Zeitstopper, Schutzschild, Explosion und so weiter - teilweise sind die Tasten doppelt belegt, sodass wir letztlich über sechs Special Features verfügen.
Am Rücken verwundbar: Von derartigen Bossgegnern hätten wir uns mehr gewünscht. Meistens kriegt man es mit Soldaten zu tun, die gegen unsere Zeitkräfte machtlos sind. (Xbox One) Quelle: Games Aktuell Am Rücken verwundbar: Von derartigen Bossgegnern hätten wir uns mehr gewünscht. Meistens kriegt man es mit Soldaten zu tun, die gegen unsere Zeitkräfte machtlos sind. (Xbox One)
Anfangs haben wir die Buttons mehr zufällig als koordiniert gedrückt. Auch, dass Jack innerhalb weniger Minuten vom Normalo zur alles vernichtenden Ein-MannArmee mutiert, erklärt er lapidar mit den Worten: "Ich hatte schon mal eine Pistole in der Hand." Hier hätten wir uns eine glaubwürdigere Charakterentwicklung gewünscht.

Im Verlauf des Spiels wird aber klar, warum Remedy diese Highspeed-Methode gewählt hat. Es gibt in Quantum Break bei Weitem nicht so viele Schusswechsel wie in durchschnittlichen Action-Titeln und so wollte man den Spieler möglichst viele dieser Gefechte in voller Feature-Montur bestreiten lassen - die Zeitfähigkeiten wirken anfangs auch echt beeindruckend!

Auf der Straße gedreht: Außenaufnahmen und Verfolgungsjagden? Solch einen Aufwand hätten wir nicht erwartet. Wir saßen bei den Episodenszenen gebannt vor dem Fernseher. (PC) Quelle: Games Aktuell Auf der Straße gedreht: Außenaufnahmen und Verfolgungsjagden? Solch einen Aufwand hätten wir nicht erwartet. Wir saßen bei den Episodenszenen gebannt vor dem Fernseher. (PC) Gegner in Zeitblase festhalten, Schild aktivieren und drauflosballern - diese Kombo erweist sich bei nahezu allen Widersachern als effizient. Entsprechend gleichförmig fühlen sich die Gefechte im Verlauf des Spiels an. Die Zeitmanipulations-Effekte dagegen sind derart spektakulär, dass wir uns daran auch nach zehn Stunden nicht sattgesehen haben.

Die Gegnervielfalt lässt hingegen zu wünschen übrig. Das normale Security-Fußvolk von Serenes Forschungsunternehmen Monarch Solutions erweist sich recht schnell als Fallobst. Später kommen Einheiten hinzu, die ebenfalls in der Lage sind, die Zeit zu manipulieren und sich blitzschnell von einem Ort zum anderen zu bewegen.
Casual-Gameplay: Viele Gegner lassen sich per Nahkampfattacke ganz leicht ausschalten. Einfach die Zeit verlangsamen und den eingeblendeten Knopf drücken. (PC) Quelle: Games Aktuell Casual-Gameplay: Viele Gegner lassen sich per Nahkampfattacke ganz leicht ausschalten. Einfach die Zeit verlangsamen und den eingeblendeten Knopf drücken. (PC)
Zusätzlich erhöhen zwei Juggernaut-Arten die Herausforderung. Dennoch empfehlen wir erfahrenen Shooter-Profis, Quantum Break auf Stufe "Schwer" zu spielen. Der finale Bosskampf wiederum fällt unverhältnismäßig hart aus.

Wer liest, kommt mit

Auch wenn man über die (je nach Schwierigkeitsstufe) 10 bis 15 Stunden Spielzeit nicht meckern kann, geht ein großer Teil davon für die vielen E-Mails drauf, die es allerorten zu lesen gibt. Ihr solltet euch den Stoff auch unbedingt zu Gemüte führen, denn dadurch erschließen sich Zusammenhänge besser. Einige der Mails sind enorm lang und lassen einen schon mal mehrere Minuten verharren.

Schön: Remedy hat der ernsten Hauptstory eine Prise Humor spendiert. So ließ sich ein Mitarbeiter von Monarch von dem Zeitmaschinen-Thema inspirieren und hat der Leiterin der Forschungsabteilung ein

Zusatzinfo
Auf der Xbox One werden die vier Serien-Episoden standardmäßig gestreamt – bei uns kam es zu der einen oder anderen Pufferpause. Die Episoden lassen sich optional auch auf die Festplatte speichern. Hierzu sind jedoch rund 75 GB an Platz nötig.

Drehbuch für einen Kinofilm geschickt - es lohnt sich, dieses bizarre Werk zu lesen!

Insgesamt empfanden wir die Humor-Dosis im Spiel als genau richtig. Zu viel Kalauer-Gedresche hätte die Atmosphäreblase möglicherweise zum Platzen gebracht. Neben den Gefechten und Lesestunden erwartet euch manche Kletteraufgabe. Hier zeigt sich überdeutlich die Schlauchmechanik des Spiels. Während Jack an recht niedrigen Kisten verzweifelt, springt er an anderer Stelle deutlich höhere Mauern hoch, weil die Entwickler dies so vorgesehen haben.

Ab und an müsst ihr den eingeblendeten Y-Knopf des Xbox-Controllers betätigen, um die Zeit zurückzuspulen und Brücken oder Klettermöglichkeiten zu erschaffen. Herausfordernd oder befriedigend sind diese Passagen allerdings nicht.

Entscheidungsgewalt

"Lasst ihr die Augenzeugen leben oder tötet ihr sie?" Derartige Entscheidungen aus Sicht von Paul Serene erwarten euch am Ende von vieren der fünf Akte. Gut: Ihr könnt die Auswirkungen beider Varianten anschauen, bevor ihr euch festlegt. Weniger gut: Diese Entscheidungen wirken sich nur auf einen Nebenstrang der Story aus und sind daher eher unnütz.
Klassischer Kill: Das Waffenarsenal ist Standard. Von Pistole über Schrotflinte bis hin zu Maschinenpistole und Sturmgewehr ist alles dabei, was man erwartet - aber nicht mehr. (PC) Quelle: Games Aktuell Klassischer Kill: Das Waffenarsenal ist Standard. Von Pistole über Schrotflinte bis hin zu Maschinenpistole und Sturmgewehr ist alles dabei, was man erwartet - aber nicht mehr. (PC)
Überflüssig ist im Grunde auch das Upgrade-System. Durch das Sammeln von Chronenpartikeln könnt ihr zwar alle Fähigkeiten verbessern, etwa die Dauer des Zeitschilds. Die Effekte der Upgrades sind jedoch derart gering, dass es sich kaum lohnt, nach den Partikeln Ausschau zu halten. Ansonsten beschränken sich die Sammelobjekte auf Infohappen zur Handlung oder zu bestimmten Charakteren.

720p? Geht's noch!?

An der Optik von Quantum Break scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite vollzieht das Spiel anhand der 720p-Auflösung eine Reise in die vergangene Konsolengeneration - die Unschärfe im Vergleich zu aktuellen Titeln fällt sofort unangenehm auf. Andererseits gefallen der cineastische Grießelfilter und die vielen spektakulären Grafikeffekte. Vor allem die Zeitstotter-Passagen sehen grandios aus.

Effektorgie: Häufig erkennt man vor lauter Effekten die Widersacher nicht mehr. Das rote Fadenkreuz hilft allerdings beim Zielen. (Xbox One) Quelle: Games Aktuell Effektorgie: Häufig erkennt man vor lauter Effekten die Widersacher nicht mehr. Das rote Fadenkreuz hilft allerdings beim Zielen. (Xbox One) Einen ähnlich zwiegespaltenen Eindruck vermittelt die Charaktergestaltung. Die Gesichter sehen denen der Vorbilder sehr ähnlich. Dafür wirken Serenes Haare unschön festbetoniert und auch die Animationen der Figuren in Cutscenes wirken altmodisch hölzern.

Geschmeidiger hätte auch die Steuerung sein dürfen. Jack bewegt sich leicht träge, was vor allem in Massengefechten stört aufgrund der häufigen Richtungswechsel. Immerhin bleibt die Framerate auf der Xbox One bei konstanten 30 Bildern pro Sekunde - alles zur missratenen PC-Version lest ihr im Kasten.

Gefühle brauchen Zeit

Jetzt haben wir euch allerlei Fakten geliefert. Doch wie schaut es mit dem Spielgefühl aus, mit den Emotionen, für die Max PayneErfinder Remedy auch bekannt ist? Eine wirklich fesselnde Atmosphäre erzeugt das Spiel erst spät. Die ersten Stunden sind von derart hohem Tempo und rasanten Entwicklungen bestimmt, dass man kaum Zeit hat, das Erlebte zu verarbeiten.
Rollentausch: Am Ende eines Spielaktes schlüpft ihr in die Rolle von Paul Serene und werdet vor die Wahl zwischen zwei Vorgehensweisen gestellt. (Xbox One) Quelle: Games Aktuell Rollentausch: Am Ende eines Spielaktes schlüpft ihr in die Rolle von Paul Serene und werdet vor die Wahl zwischen zwei Vorgehensweisen gestellt. (Xbox One)
Zwar beleuchtet Remedy die Beziehung zwischen Jack und seinem Bruder William genau. Doch schaffen es die Finnen nicht, Jacks Trauer glaubwürdig zu transportieren. Mehr Gefühle weckt da schon Jacks Zuneigung zu einer Frau... Auch in puncto Spannung haben wir uns mehr erhofft.

Die Kernelemente der Hauptstory waren im Vorfeld nun mal schon bekannt und so wussten wir weitestgehend, was uns erwartet. Zwar wendet sich das Blatt einige Male, doch aufmerksame Spieler dürften die meisten Storyentwicklungen nicht überraschen.

Elitesoldat: Diese Gegnerart verfügt selbst über Zeitkräfte. Das bringt mehr Dynamik in die Gefechte. (Xbox One) Quelle: Games Aktuell Elitesoldat: Diese Gegnerart verfügt selbst über Zeitkräfte. Das bringt mehr Dynamik in die Gefechte. (Xbox One) Es wäre nicht gerecht, Quantum Break als Interactive Movie zu bezeichnen. Vergleich mit Titeln wie dem PS4-Action-Adventure Beyond: Two Souls muss sich das Zeitreiseabenteuer dennoch gefallen lassen. Auch hier standen das Storytelling und ein Cast aus bekannten Schauspielern an erster Stelle.

Ganz hat es Remedy nicht geschafft, die Emotionen eines Beyond bei uns hervorzurufen. Doch mit dem grundlegenden Spielkonzept sind die Finnen auf dem richtigen Weg. Wer auf diese Art von storybasierten Spielen abfährt, sollte sich Quantum Break daher nicht entgehen lassen.

Entwickler: Remedy Entertainment | Hersteller: Microsoft | Sprache: Deutsch | Altersfreigabe: Ab 16

Wertung zu Quantum Break (XBO)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Innovatives und motivierendes Konzept aus Spiel und SerieInteressante Zeitreise-StoryEpisoden auf hohem NiveauEffektreiche Zeit-FeaturesBeeindruckende Skriptsequenzen
Gefechte auf Dauer gleichförmigStory weckt erst spät EmotionenLeicht träge SteuerungNur 720p-Auflösung auf Xbox One
Fazit

Ein guter erster Teil, der Lust auf mehr von Remedy und ihrem Spiel-Serien-Mix macht!

  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 06/2026 PCGH Magazin 06/2026 play5 06/2026 N-Zone 06/2026 Linux Magazin 06/2026 LinuxUser 06/2026 Raspberry Pi Geek 07/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk