Assassin's Creed: Origins - Kompass schlägt Minimap: Ein Kommentar zum neu entdeckten Spaß am Erkunden
Kolumne 53,99 €
Mit Assassin's Creed Origins hat Ubisoft einen Hit gelandet. Der Verzicht auf die bislang obligatorische Minimap gefällt Redakteur Peter Bathge in seiner Kolumne zum Action-Rollenspiel besonders gut. Der frühere Checklisten-Charakter der Open-World ist damit passé, endlich steht die detaillierte Spielwelt selbst wieder im Vordergrund. Warum der neue Kompass dem Alten Ägypten so guttut, lest ihr im Meinungsartikel.
Videospiele sollen Spaß machen.
Aber manchmal fühlen sie sich wie Arbeit an, besonders die Vertreter der Kategorie Open-World. Das liegt auch daran, wie Far Cry, Mad Max, Mittelerde: Schatten des Krieges oder die Assassin's Creed-Serie ihre Inhalte präsentieren: Mit Symbolen auf der Weltkarte, die zur leichteren Orientierung auch noch direkt im Spiel auf der kleineren Minimap angezeigt werden; ein Instant-Navigator mit eingebauter GPS-Funktion, die manch einem Spieler jeden Spaß am Erkunden nimmt. Auch ich haderte in früheren Open-World-Titeln mit der Minimap, war sie doch stets eine allgegenwärtige Erinnerung an all die liegen gebliebenen Nebenaufgaben und zu erforschenden Örtlichkeiten, die rund um meine Spielfigur herum existierten, und deren bunte Icons erst dann verschwanden, wenn ich an der entsprechenden Location vorbeigeschaut hatte. Open-World-Spiele wie Rise of the Tomb Raider verkamen so für mich zur Checkliste, die liebevoll gestalteten Welten zur reinen Kulisse auf meiner Hatz von einem Icon zum anderen - nur diese Hotspots zählten noch für mich, alles dazwischen war von keinem Interesse für mich.
Quelle: PC Games
Die Spielwelt von AC: Origins ist wunderschön. Sie zu erkunden, macht irre viel Spaß. Auch dank der fehlenden Minimap.
Das hervorragende Assassin's Creed Origins hat mit seinem Verzicht auf eine Minimap endlich den Tabellenkalkulationscharakter vieler Open-World-Titel abgelehnt, das bislang Ubisoft-typische "Abarbeiten" der Karte erzeugt im neuesten Serienableger nicht mehr die übliche, fast schon krankhafte Sogwirkung. Statt der Erleichterung darüber, einen weiteren Punkt auf der langen Liste an zu erledigenden Aufgaben abgehakt zu haben, steht bei Assassin's Creed Origins für mich endlich wieder der eigentliche Spaß am Erkunden im Vordergrund, die Beschäftigung mit der Spielwelt, das Erleben. Und das alles durch den Verzicht auf ein kleines, rundes HUD-Element - und das Hinzufügen eines anderen.
AC Origins-Meinung: Tschüss Minimap, hallo Kompass!
Am oberen Bildschirmrand prangt erstmals in der Serie eine Anzeige, die schon in Skyrim meine Freude am Entdecken schürte: der gute alte Kompass feiert in den letzten Jahren ein Comeback in der Videospiel-Welt. Gut so! Denn in Assassin's Creed Origins zeigt der Interface-Neuzugang, warum er trotz simpler Wirkungsweise so effektiv ist: Von den zahllosen Fragezeichen auf der riesigen Weltkarte werden zu jeder Zeit nur eine Handvoll auf dem Kompass angezeigt - aber egal, in welche Richtung in mich drehe, überall wartet eine interessante Örtlichkeit auf mich. Die Distanzanzeige signalisiert: "Hey, das sind nur ein paar hundert Meter bis zur nächsten Location!" Da kann ich schnell hinjoggen, meine Neugier stillen und anschließend das nächste viel versprechende Fragezeichen ins Visier nehmen - oder auch nicht.
Denn noch nie zuvor fiel es mir in einem Assassin's Creed so leicht, Nebenaktivitäten auch einfach mal links liegen zu lassen. Statt dogmatisch jede Region der Karte abzuarbeiten, folge ich in AC: Origins mal der Hauptstory, dann wieder mache ich eine Nebenquests in der Nähe und wenn ich dabei auf ein feindliches Soldatenlager stoße, dann suche ich dort halt noch nach versteckten Schatztruhen. Aber Assassin's Creed Origins gelingt das Kunststück, dass ich beim Test nie das Gefühl hatte, etwas zu verpassen - sondern im Gegenteil ständig neue Seiten an dieser wunderschönen, wahnsinnig detaillierten Ägyptenvision des Spiels entdeckte.
Quelle: PC Games
Open-World-Spiele (vor allem von Ubisoft) übten in der Vergangenheit stets einen subtilen Druck auf den Spieler aus, alle Nebenaktivitäten auf der Karte zu machen. In Origins herrscht dagegen eine seltsam entspannte Atmosphäre.
Dass ich vorher nie genau weiß, was mich an einem bestimmten Ort erwartet, trägt enorm zur Erkundungsfreude bei. Anders als in früheren Assassin's Creed-Teilen sind beim neuen Spiel nicht mehr alle Icons vorab zu sehen, ich muss die Fragezeichen tatsächlich aufdecken. Wegpunkte setze ich zwar wie gewohnt auf der großen Karte (die gibt es in Origins natürlich immer noch, trotz des Verzichts auf eine Minimap), aber ich kann sie auch aus der Perspektive von Adlerdame Senu markieren - das steigert die Immersion und reißt einen nicht so sehr aus dem Spielgeschehen heraus wie der Umweg über die Map. Aber eigentlich will ich gar keine Wegpunkte setzen, sondern lieber alles auf mich zukommen lassen, die Natur betrachten und meinen Ritt durch virtuelle Welt genießen. Ein ebenso simples wie geniales Feature verstärkt dabei die Urlaubsatmosphäre.
Assassin's Creed Origins: Pferd und Kamel auf Autopilot
Quelle: PC Games
Entdecken statt abhaken: Assassin's Creed Origins lässt mich zum Schatzjäger werden statt zum Checklisten-Abarbeiter.
Zielhilfe, Questmarker, keine Fleischbraten-Animationen in Elex - man hört ja immer wieder, dass sich Spieler über Vereinfachungen und Automatismen in Spielen aufregen, von wegen "Casual-Scheiß" und so. Zuweilen stimme ich in solche oldschooligen "Ach, früher war alles besser"-Stoßseufzer-Chöre gerne ein. Doch bei Assassin's Creed Origins hat mich eine Automatikfunktion begeistert: die für die computergestützte Wegfindung meines Reittiers.
Ja gut, Pferd, Kamel oder Streitwagen wählen nach der Aktivierung des Autopiloten schon mal ungewöhnliche Wege, fahren seltsame Schleifen und nehmen absolut null Rücksicht auf arglose Passanten. Aber wenn man im Austausch für ein paar in den Staub getretene Bauerngesichter mit einem Maximum an Komfort und ohne jede weitere Tasteneingabe durch die prächtige Landschaft von AC Origins reiten kann, will ich mal nicht meckern. Während mein Klepper nämlich ganz von selbst dem Straßenverlauf folgt, kann ich die Hände von Gamepad oder Maus nehmen und mich einfach mal umschauen. Immer wieder entdecke ich dabei am Wegesrand interessante Orte oder werde Zeuge amüsanter Szenen - auch wenn die sich verdächtig oft um unter den Hufen meines Reittiers begrabene NPCs drehen.
Quelle: PC Games
Nur zu empfehlen: Auf dem Hosenboden die Pyramiden herunterrutschen! Einfach, weil es geht, nicht weil ein Icon auf der Karte es verlangt.
Assassin's Creed Origins besiegt die grassierende Open-World-Seuche, hier habe ich mir endlich mal wieder Zeit genommen. Zeit, die Welt wirklich wahrzunehmen, zu erleben, auf mich wirken zu lassen. Zeit für Erkundungsgänge. Zeit zum entspannten Reiten in den Sonnenuntergang. Statt Icons verschwinden zu lassen, bin ich mit Haut und Haaren ins Alte Ägypten eingetaucht - und habe auch jetzt noch, nach weit über 40 Stunden, immer noch viele offene Fragezeichen, bei denen ich nicht vorbeigeschaut habe. Einfach, weil der Druck weg ist. Weil mir Assassin's Creed: Origins (jetzt kaufen / 53,99 € ) keinen Stress macht. Weil - ja, weil die Minimap fehlt.
Jetzt ist eure Meinung gefragt: Wie haltet ihr es mit der Minimap in Spielen? Schaltet ihr sie aus, sofern die Interface-Optionen das erlauben? Oder wollt ihr die kleine Karte am Bildschirmrand nicht mehr missen? Und wie hat euch der Kompass in Assassin's Creed Origins gefallen? Schreibt es mir in den Kommentaren!
